Reichskanzlei Dienststelle Berchtesgaden

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Kleine Reichskanzlei
Außenansicht von Nordosten

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Daten
Ort Bischofswiesen, Urbanweg 26, 28
Baujahr 1936–1937
Höhe 620 m
Grundfläche 1255 m²
Koordinaten 47° 37′ 52,4″ N, 12° 58′ 29,5″ OKoordinaten: 47° 37′ 52,4″ N, 12° 58′ 29,5″ O

Die Reichskanzlei Dienststelle Berchtesgaden (auch Kleine Reichskanzlei) im Bischofswiesener Ortsteil Stanggaß wurde zwischen 1937 und 1945 während der Anwesenheit Adolf Hitlers am nahen Obersalzberg als zweiter Regierungssitz des nationalsozialistischen Deutschen Reiches genutzt.

Die Gebäude der Reichskanzlei sowie die Bunkeranlagen und die nordöstlich gelegene Fahrzeughalle stehen unter Denkmalschutz und sind unter der Nummer D-1-72-117-90 in die Bayerische Denkmalliste für Bischofswiesen eingetragen. Alle Gebäude befinden sich heute in Privatbesitz und werden als Wohngebäude genutzt.

Planung und Bau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Planung der Gebäude wurde der Architekt Alois Degano beauftragt, Baubeginn war Mitte September 1936. Der hohe Grundwasserspiegel erschwerte die Errichtung der Fundamente, weshalb eine schwebende Gründung auf 620 Betonpfählen eingebracht wurde. Degano hatte sich für ein Hauptgebäude mit Nebentrakt entschieden, zusätzlich wurde nordöstlich ein Garagenbau mit Personalwohnungen errichtet. Das Richtfest fand am 18. Januar 1937 statt,[1] die Fertigstellung der oberirdischen Gebäude erfolgte im Juli 1937.[2] Zwischen 1943 und 1945 wurde die 500 m lange Luftschutzstollenanlage errichtet.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gebäude befinden sich am Urbanweg im Bischofswiesener Ortsteil Stanggaß auf einer Höhe von etwa 620 m. Die Reichskanzlei trägt die Hausnummern 26 und 28, die Fahrzeughalle wurde zu Wohnzwecken umgebaut und trägt die Hausnummern 25a bis c. Die Bunkeranlagen, die direkt mit den Gebäuden der Reichskanzlei verbunden sind, haben einen Zugang südwestlich der Anlage direkt an der Bahnstrecke Freilassing–Berchtesgaden.

Baubeschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Reichskanzlei handelt es sich um eine Baugruppe mit zwei versetzt angeordneten zweigeschossigen Flachsatteldachbauten mit parallel verlaufendem Giebel. Die Gebäude sind mit Giebellauben, Standerkern, profilierten Pfettenköpfen und Rundbogeneingängen in Anlehnung an regionale Bauformen gestaltet. Als Verbindung dient ein niedriger Querbau mit Satteldach.

Das zugehörige Kraftwagengebäude ist ein zweigeschossiger Massivbau mit Flachsatteldach.

Der ehem. Luftschutzstollen führt vom Hauptbau ca. 500 m nach Südwesten und wurde zwischen 1943 und 1945 errichtet.

Dienstbetrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Parallel zu den Aufenthalten im Berghof auf dem Obersalzberg nutzte Adolf Hitler die Arbeitsräume der Kleinen Reichskanzlei zum Verfassen von insgesamt etwa 125 Gesetzen und Verordnungen.[3][4] Zudem wurden in diesem Gebäude auch politische Gäste empfangen. In später hinzugekauften Gebäuden wurde bei Bedarf das Oberkommando der Wehrmacht untergebracht.

Ab 1937 verrichteten der Chef der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers, der Ressortleiter der „Abteilung A“ Willy Meerwald und weitere Beamte in den Sommermonaten ihre Dienstgeschäfte in der Dienststelle Berchtesgaden.[5] Im Schriftverkehr sowie im öffentlichen Sprachgebrauch wurde nicht von der Reichskanzlei Berchtesgaden, sondern von der Dienststelle der Reichskanzlei in Berchtesgaden gesprochen. Damit sollte der Eindruck vermieden werden, dass die Reichskanzlei vollständig nach Berchtesgaden verlegt wurde.[6]

Nachkriegsverwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 1945 wurde die Reichskanzlei Dienststelle Berchtesgaden von der US-Army besetzt. US-General Omar Bradley ließ sich in einem der Fahrzeuge aus Hitlers Fuhrpark auf das Gelände chauffieren, um vor Ort einen Ehrenappell von US-Soldaten abzunehmen und Auszeichnungen zu verleihen.[7] Zwischen 1945 bis 1995 wurden die Gebäude von der US-Armee genutzt. Ab 1996 konnte die Bundesrepublik über die Liegenschaft verfügen und verkaufte diese an eine Gruppe privater Investoren.[8]

2004 geriet die einstige Kleine Reichskanzlei wegen der zeitweiligen Nutzung einer darin befindlichen Mietwohnung durch den Familientherapeuten Bert Hellinger erneut in den Blickpunkt der Medienöffentlichkeit,[9] woraufhin er von führenden systemischen Therapeuten[10] wie Arist von Schlippe wegen seiner im Sinne von Familienaufstellungen bezogenen Einlassungen zu Adolf Hitler und dem „jüdischen Volk“ heftig kritisiert wurde.[11] Später betonte Arist von Schlippe jedoch, dass er Hellinger weder als „Nazi“ noch als „Faschisten“, „sein Denken“ nicht „als Wegbereiter ‚brauner‘ Weltanschauung“ verstehe.[12]

Das Interieur der Kleinen Reichskanzlei ist in großen Teilen noch im Original vorhanden. Der Besitzer legt Wert darauf, diesen Zustand so zu erhalten.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gunther Exner: Hitlers zweite Reichskanzlei. Eine architektur-historische Dokumentation der „Reichskanzlei, Dienststelle Berchtesgaden“. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1999. ISBN 978-3-8046-8846-9.
  • Hitlers Reichskanzlei in Berchtesgaden Zeitreisen Verlag, Bochum 2005. ISBN 978-3-941538-24-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Abend- und Nachtausgabe. Deutsches Nachrichtenbüro GmbH 4. Jahrgang 1937 vom 18. Januar 1937: Der Führer beim Richtfest in Berchtesgaden
  2. Zentralblatt der Bauverwaltung, 20. April 1938, 58. Jahrgang, Heft 10, S. 407.
  3. obersalzberg.de Dokumentation Obersalzberg zu Hitlers Verordnungen
  4. obersalzberg.de Dokumentation Obersalzberg zu Vermerk Himmlers über seine Besprechung mit Hitler am 19. Juni 1943 auf dem Obersalzberg über „Bandenkampf und Sicherheitslage“
  5. Völkischer Beobachter, 19. Januar 1937 zum Richtfest (R 43 II/1036, Bl. 103). Ansichten des Gebäudes in: Die Bauten der Bewegung, Buchreihe des Zentralblatts der Bauverwaltung, hrsg. vom Preußischen Finanzministerium, Berlin 1942
  6. Schreiben von Lammers an Goebbels vom 29. November 1937 (R 43 II/1036, Bl. 111 ff.). Unterlagen über die Organisation der Verbindung zwischen Berlin und Berchtesgaden in: R 43 II/586, Bl. 11 ff.
  7. „Führer-Relief in Eisen“. In: Der Spiegel. Nr. 33, 1996 (online).
  8. Jörg Schallenberg: Das Psycho-Hauptquartier in der TAZ vom 29. Juni 2004, online unter taz.de, abgerufen am 12. Mai 2017.
  9. Jörg Schallenberg: Das Psycho-Hauptquartier in der TAZ vom 29. Juni 2004, online unter taz.de
  10. Siegfried Rosner, Andreas Winheller: Mediation und Verhandlungsführung. München und Mering 2012, S. 389, Fußnote 1027
  11. Arist von Schlippe: Offener Brief von Arist von Schlippe an Bert Hellinger. (PDF; 79 kB), S. 1 (undatiert).
  12. Arist von Schlippe: ... und deshalb bist du ein Elch. Ein offener Brief und seine Folgen (PDF; 168 kB) Kurzversion, 2004, S. 1.
  13. Böse Bauten III. Dokumentation in: ZDFmediathek. Deutschland 2016. Ab Minute 14:32. Abgerufen am 27. Januar 2017; abrufbar bis 31. Oktober 2017.