Reina (Galiläa)

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Reina, Gebäude der Kommunalverwaltung.

Reina (arabisch الرينة, hebräisch ריינה, andere Schreibweisen: Al-Raineh, Er-Reinah, Reine, Renie, Rene, Reneh, Réni) ist eine arabische Ortschaft in Galiläa, auf halbem Wege zwischen Kana und Nazareth. Der Ort hat 18 577 Einwohner (Stand 31. Dezember 2016).[1] In der Vergangenheit galt Reina als eines der christlich-arabischen Dörfer im Umland von Nazareth. Gegenwärtig (Stand 2004) sind etwa 20 % der Bevölkerung Christen, 80 % sind Muslime.[2]

Öffentliche Gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kommunalverwaltung (Regional Council)
  • Jmahrih-Schule
  • Schule des Lateinischen Patriarchats[3], sie hat aktuell 862 Schüler, 689 davon sind Christen.[2]
  • Kindergarten des Lateinischen Patriarchats

Kirchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Griechisch-Orthodoxe Kirche
  • كنيسة العائلة المقدسة الأسقفية Anglikanische Kirche zur Heiligen Familie[4]
  • Kirche der Brethren Assembly
  • Römisch-Katholische Kirche Hl. Joseph der Arbeiter[5]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ulrich Jasper Seetzen bemerkte 1806 auf seinem Ritt von Kana (Kuffr Kénneh) nach Nazareth auch ein Dorf, das er Réni nennt, „wo eine Quelle ist. Die Bauern bestehen zur Hälfte aus Mohammedanern, zur andern Hälfte aus griechischen Christen.“[6]

Das Erdbeben, das in Galiläa am 1. Januar 1837 schwere Schäden anrichtete, machte das Dorf Reina zu einem Trümmerhaufen.[7][8] Etwa 200 Menschen starben allein in diesem Dorf.[9]

Edward Robinson fand in Reina 1852 eine Kirche vor, nämlich die griechisch-orthodoxe; zu den Muslimen schreibt er: „In jedem Dorfe ist ein Haus, das als Moschee gebraucht wird.“[10] Titus Tobler nennt ein Jahrzehnt später eine Filialkirche der von Johannes Zeller in Nazareth eingerichteten evangelischen Mission; den Gottesdienst feierte man in arabischer Sprache nach der anglikanischen Liturgie. Nachdem in Reina 1863 ein deutscher Katechet den Gottesdienst feierte, übernahmen arabische Christen, darunter ein gewisser Kawat, später diese Aufgabe.[11] Die Kirchenmitglieder waren von der griechisch-orthodoxen Kirche zum Protestantismus konvertiert, was für Spannungen sorgte.

Im Jahr 1878 wurde die römisch-katholische Parochie St. Joseph gegründet, zusammen mit einer Schule für Jungen, der 1922 eine Schule für Mädchen folgte.[2]

1887 lebten in Reina insgesamt 1150 Menschen, Christen und Muslime.[12] Nach dem Zensus von 1922 war Reina ein Dorf mit 423 christlichen und 324 muslimischen Einwohnern.[13]

1927 wurde Galiläa wieder von einem Erdbeben betroffen, und Reina war der am meisten zerstörte Ort.[2] 1945 lebten hier 790 Muslime und 500 Christen.[14] In den 1950er Jahren entstand als Folge des letzten Erdbebens ein neuer Ortsteil, in den besonders die christliche Bevölkerung zog. Die römisch-katholische Kirche trug dem Rechnung, indem sie Land in Neu-Reina kaufte und hier eine Kirche baute, die den Namen Hl. Joseph der Arbeiter erhielt.[2]

Für die Gründung der Stadt Nazareth Illit konfiszierten die israelischen Behörden 1957 Land unter anderem von den Dörfern Reina und Ein Mahil.[15][16]

Innerhalb der griechisch-orthodoxen Gemeinde von Reina gibt es erhebliche Spannungen wegen der Landverkäufe durch das Patriarchat. Als Theophilos III von Jerusalem am 8. Oktober 2017 in der orthodoxen Kirche von Reina die Göttliche Liturgie feiern wollte, wurde er vor der Kirche von Hunderten protestierenden Gemeindegliedern empfangen; nur einige Dutzend folgten ihm in den Kirchenraum, um am Gottesdienst teilzunehmen.[17]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Palästinareisende auf der Suche nach Altertümern gab es nach dem Erdbeben in Reina nicht mehr viel zu entdecken: „Man sieht einen steinernen Sarkophag, dergleichen später häufig zu Wassertrögen dienten...“[18] Es gab eine alte Wasserleitung, die aber beim Erbeben ganz zerstört wurde.[19]

Archäologische Fundplätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bekannt wurde Reina im Sommer 2017 durch die archäologischen Grabungen, die unter Leitung von Yonatan Adler (Ariel University) dort stattfanden. Die israelische Altertümerverwaltung untersuchte das Gelände, auf dem ein kommunales Sportzentrum gebaut werden soll.

Yonatan Adler hatte an der national-religiösen Jeschiwa Merkaz HaRav studiert und war 2001 zum Rabbiner ordiniert worden. Anschließend studierte er an der Bar Ilan Universität Archäologie; nach seinem Dissertationsthema (2011) The Archaeology of Purity: Archaeological Evidence for the Observance of Ritual Purity in Ereẓ-Israel from the Hasmonean Period until the End of the Talmudic Era (164 BCE–400 CE) ist er ein ausgewiesener Experte für die archäologischen Spuren, die die Befolgung der Reinheitsgebote hinterlässt.[20]

Adlers Team legte in Reina eine antike Steinschneiderwerkstatt frei. Kalksteingefäße sind eine Produktgruppe, die charakteristisch ist für Priesterfamilien im Umkreis des Jerusalemer Tempels, aber auch für Bevölkerungskreise (Pharisäer), die den Lebensstil der Priester in Bezug auf kultische Reinheit nachahmten. Da Kalkstein im Gegensatz zu Keramik nach dem Religionsgesetz keine kultische Unreinheit annimmt, waren Kalksteingefäße trotz ihres höheren Preises so begehrt, dass sich eine entsprechende Industrie herausbilden konnte.

Die Tora legt fest, dass Keramik, die in Kontakt mit einem toten, unreinen Tier kommt (z. B. Insekt, Maus), auf keine Weise gereinigt werden kann, sondern zerbrochen werden muss (3. Buch Mose 11,32–33). Aber die Tora erwähnt Steingefäße mit keinem Wort, und daraus schlossen die Rabbinen, dass Stein nicht kontaminiert werden konnte: „das unreine Tier hätte darauf Fandango tanzen können, und das Gefäß wäre koscher geblieben.“[21] Das machte die schweren, schlecht zu reinigenden Kalksteingefäße in einem auf kultische Reinheit bedachten Haushalt zu einer praktischen Sache.

In Reina fanden die Archäologen eine künstliche Höhle, die sowohl als Steinbruch zur Gewinnung von Kalkstein diente, als auch als Werkstätte für die Gefäße. Die Höhlenwände zeigen noch die Bearbeitungsspuren vom Abbau des Kalksteins. Auf dem Boden fanden sich Tausende von Steinkernen, die bei der Herstellung der Gefäße als Abfall übrig blieben, sowie die Produkte in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung.

Ganz neu sind diese Erkenntnisse der 2017er Grabung allerdings nicht.

Roland Deines nennt 1993 in seiner Studie über Kalksteingefäße folgende Werkstätten: Ḥizme (Höhle nordöstlich von Jerusalem), Abu Dis (Höhle südlich von Jerusalem) und ein „Werkstattgelände auf einer Hügelkuppe nahe dem Dorf Reina […] Bei der Herstellung wurden Drehbänke benutzt.“[22] Im Jahr 2001 war bei Reina eine Produktionsstätte für Kalksteingefäße in einer Höhle am Fuß des Har Yona entdeckt worden. Bei einer Grabung des Jahres 2010 wurden im Flussbett des Nachal Zippor unter den Kieseln weitere Steinkerne entdeckt, offenbar Abfall einer Steinschneiderwerkstatt. Demnach war Reina der zentrale Produktionsort dieser Warengruppe für galiläische Kunden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ruth Schuster: 2,000-year Old Stoneware Factory in Israel Shows Galilee Jews Were as Zealous as Judeans, in: Haaretz, 14. August 2017 (online)
  • Daniel K. Eisenbud: Archaeologists find 2,000-Year-Old Rare Stone Vessel Used in Jewish Rituals, in: The Jerusalem Post, 10. August 2017 (online)
  • Roland Deines: Jüdische Steingefäße und pharisäische Frömmigkeit. Ein archäologisch-historischer Beitrag zum Verständnis von Johannes 2,6 und der jüdischen Reinheitshalacha zur Zeit Jesu (WUNT, 2. Reihe, 52), Mohr Siebeck, 1993, ISBN 9783161460227 (teilweise online)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. List of localities. (Nicht mehr online verfügbar.) Archiviert vom Original am 17. Mai 2018; abgerufen am 5. Februar 2018. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.cbs.gov.il
  2. a b c d e Reineh Church Enlargement, Israel. S. 2, abgerufen am 6. Februar 2018.
  3. Rehabilitation and upgrading of computer labs in LPJ Reneh schools. Abgerufen am 6. Februar 2018.
  4. The Episcopal Diocese of Jerusalem: Holy Family Church, Reineh. Abgerufen am 6. Januar 2018.
  5. Reineh Church Enlargement. Abgerufen am 6. Februar 2018.
  6. Fr. Kruse (Hrsg.): Ulrich Jasper Seetzen's Reisen durch Syrien, Palästina, Phönicien, die Transjordan-Länder, Arabia Petraea und Unter-Aegypten. Band 2. Berlin 1854, S. 150.
  7. Edward Robinson: Palästina und die südlich angrenzenden Länder. Tagebuch einer Reise im Jahre 1838. Band 3, Nr. 1. Halle 1841, S. 449.
  8. Gotthilf Heinrich von Schubert: Reise in das Morgenland in den Jahren 1836 und 1837. Band 3. Erlangen 1839, S. 221–222: „Nach drei Viertelstunden, seit dem Aufbruche aus Nazareth kamen wir an dem, von dem letzten Erdbeben ganz zerstörten Raineh vorbei...“
  9. Nicholas N. Ambraseys: The earthquake of 1 January 1837 in Southern Lebanon and Northern Israel. S. 934, abgerufen am 6. Februar 2018.
  10. Edward Robinson: Neuere biblische Forschungen in Palästina und in den angränzenden Ländern. Berlin 1857, S. 821.
  11. Titus Tobler: Nazareth in Palästina: nebst Anhang der vierten Wanderung. Berlin 1868, S. 251.
  12. Population List of the Liwa of Akka. In: Palestine Exploration Fund. S. 182, abgerufen am 6. Februar 2018.
  13. J. B. Barron: Report and General Abstracts of the Census of 1922. Jerusalem 1922.
  14. Village Statistics, April 1945. Abgerufen am 5. Februar 2018.
  15. Una McGahern: Palestinian Christians in Israel: State Attitudes towards Non-Muslims in a Jewish State. Routledge, 2012.
  16. Riah Abu El-Assal: Étranger de l'intérieur: la vie d'un Arabe israélien, palestinien, chrétien. Labor et Fides, Genève 2003, S. 56.
  17. Jack Khoury: Protests Against Greek Orthodox Patriarch Intensify Over Church Land Sales. 8. Oktober 2017, abgerufen am 6. Februar 2018.
  18. Titus Tobler: Nazareth in Palästina. S. 51.
  19. Johann Nepomuk Sepp: Jerusalem und das Heilige Land: Pilgerbuch nach Paläestina, Syrien und Aegypten. Band 2, 1863, S. 111.
  20. Yonatan Adler, Curriculum Vitae. Abgerufen am 6. Februar 2018.
  21. Ruth Schuster: 2,000-year Old Stoneware Factory.
  22. Roland Deines: Jüdische Steingefäße. S. 48.

Koordinaten: 32° 43′ 20″ N, 35° 18′ 55″ O