Renée Sintenis

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Springendes Fohlen (1940) im Lameygarten Mannheim

Renée Sintenis (* 20. März 1888 in Glatz, Landkreis Glatz; † 22. April 1965 in Berlin; gebürtige Renate Alice Sintenis) war eine mit vielen Auszeichnungen geehrte Bildhauerin und Grafikerin, die jahrzehntelang in Berlin lebte. Sie schuf vor allem kleinformatige Tierplastiken, weibliche Aktfiguren, Porträts (Zeichnungen und Skulpturen) und Sportstatuetten.

Leben[Bearbeiten]

Daphne-Figur von Renée Sintenis in den Bürgergärten (Lübeck)
Gedenktafel am Haus Innsbrucker Straße 23, in Berlin-Schöneberg
Grasendes Fohlen, 1929, Bronze
Großes Vollblutfohlen, Briefmarke von 1988

Als erstes von drei Kindern des Ehepaares Elisabeth Margarethe Sintenis, geb. Friedländer, und Franz Bernhard Sintenis, einem Juristen, wuchs Renate Alice bis 1905 in Neuruppin auf. Die tägliche Nähe zur Natur sollte ihr späteres künstlerisches Schaffen beeinflussen.

Ihr Familienname ist hugenottischer Herkunft (Sintenis[1] leitet sich von Saint-Denis ab). Sie verbrachte ihre Jugend in Neuruppin, wohin die Familie 1888 gezogen war. Nach einem kurzen Aufenthalt in Stuttgart zog die Familie 1905 nach Berlin, wo der Vater am Kammergericht angestellt wurde.

Schon in der Schulzeit bekam Renate Sintenis Zeichenunterricht, dem sich 1907 Studien in Dekorativer Plastik an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin bei Wilhelm Haverkamp und Leo von König anschloss. Im fünften Semester brach sie die Studien ab, um auf Anweisung ihres Vaters als dessen Sekretärin zu arbeiten. Dieser ungewollten Tätigkeit entzog sie sich durch den Bruch mit ihrer Familie, was ihr für lange Zeit heftige Probleme Depressionen bereitete.

Als Renée Sintenis (wie sie sich selbst fortan nannte) 1910 Georg Kolbe kennenlernte, wurde sie sein Modell. Eine nicht erhaltene lebensgroße Frauenstatue entstand.

Durch diese Tätigkeit angeregt, begann sie, selbst weibliche Akte, ausdruckstarke Köpfe wie von André Gide und Joachim Ringelnatz, Sportler wie z. B. vom finnischen Läufer Paavo Nurmi und Selbstporträts zeichnerisch, bildhauerisch (in Terracotta) und als Radierung zu schaffen.

Nach 1915 entstanden die prägnanten Tierfiguren, die zu ihrem künstlerischen Lebensthema wurden. Da sie die Monumentalität in der Bildhauerkunst ablehnte, kreierte sie vornehmlich kleinformatige Skulpturen. Diese kleinen Kunstwerke wie Pferde, Rehe, Eseln und Hunde erfreuten sich beim Publikum großer Beliebtheit, da sie in jede Handtasche passten, sich als Geschenk eigneten und in kleinen Räumen Platz fanden.

Aus den Atelierbesuchen zu Kolbe entwickelte sich eine jahrelange Freundschaft, die von ihm künstlerisch begleitet wurde. An der 1913 stattfindenden Berliner Herbstausstellung, der ersten großen Ausstellung der Freien Secession, nahm Renée Sintenis (wie auch in den folgenden Jahren) mit kleinformatigen Gipsplastiken teil. Ab 1913 ließ sie ihre Werke in der Bildgießerei Hermann Noack gießen, von der sie über Jahrzehnte hin künstlerisch begleitet wurde.

Durch die unmittelbare Nachbarschaft der Berliner Secession zum Romanischen Café und dem Atelier der Gesellschaftsfotografin Frieda Riess bekam Renée Sintenis Zugang zu stadtbekannten Persönlichkeiten. Zu ihrem Freundeskreis gehörten die Schriftsteller Rainer Maria Rilke und Joachim Ringelnatz. Mit beiden Freunden fuhr die Künstlerin oft in ihrem offenem Wagen durch die Stadt, was zu ihrer Berühmtheit beitrug. Ringelnatz schrieb eine Reihe von liebevollen und augenzwinkernden Gedichten. Für ihn gestaltete sie die Grabplatte aus Muschelkalk; das Grabmal liegt auf dem Berliner Waldfriedhof an der Heerstraße.

Im Jahr 1917 heiratete sie den Dichter, Schriftkünstler, Buchgestalter und Maler Emil Rudolf Weiß, den sie Jahre zuvor als ihren Lehrer und dann als väterlichen Freund kennengelernt hatte. Er unterstützte sie und machte sie mit zahlreichen Künstlern bekannt. Ihre Zusammenarbeit beschränkte sich auf wenige gemeinsame Projekte, von denen die Edition 22 Lieder der Gedichte Sapphos, zu der Sintenis die Radierungen schuf und Weiß die Schriftentwürfe anfertigte, besondere Bekanntheit erlangte.

Bevor sie 1920 mit ihren Werken von dem Galeristen Alfred Flechtheim in Düsseldorf ausgestellt, wurde, vertrat sie der Galerist Wolfgang Gurlitt in seiner Galerie Fritz Gurlitt. Seit 1913 stellte sie ihre Skulpturen regelmäßig aus und war ihrem Kollegen der Freien Secession, der wichtigsten Berliner Künstlervereinigung, hoch geschätzt, u. a. von Max Beckmann, Max Liebermann und Karl Schmidt-Rottluff. Die Eröffnung einer Galerie in Berlin machte sie 1922 zur wichtigsten Protagonistin des bekannten Flechtheimer Kunstkreises jener Jahre, die ebenso wie die kunstinteressierte Öffentlichkeit ihre Sportlerfiguren, die Bildnisse von Freunden und Feundinnen sowie die kleinformatigen Selbstporträts vernarrt waren.

In der Zeit der Weimarer Republik wurde Renée Sintenis mit Ausstellungen in der Berliner Nationalgalerie Berlin, in Paris, der Tate Gallery London, im Museum of Modern Art New York, Glasgow und Rotterdam zu einer international anerkannten Künstlerin, deren Schöpfungen von kleinformatigen Bronzen, jungen Tieren, Darstellungen von Sportlern (Boxer, Fußballer, Läufer) und Porträtbüsten ihres Freundeskreises sich weltweit in öffentlichen und privaten Sammlungen wiederfanden.

Sintenis errang 1928 den dritten Preis der Sektion Plastik des Kunstwettbewerbs für die Olympischen Spiele in Amsterdam. 1930 begegnete sie dem Bildhauer Aristide Maillol in Berlin. 1931 wurde sie als erste Bildhauerin (und zweite Frau nach Käthe Kollwitz) gemeinsam mit 13 anderen modernen Künstlerinnen und Künstlern in die Berliner Akademie der Künste, Sektion Bildende Kunst, aufgenommen.

Aufgrund ihrer Körpergröße, ihrer schlanken Gestalt, ihrer androgynen Ausstrahlung, dem selbstbewußten, modischen Auftreten und ihrer Schönheit wurde sie häufig befragt, sich abbilden zu lassen, sodass sie auf vielen Bildnissen bekannter Maler und Fotografen zu sehen ist, wie z. B. von Georg Kolbe, Fritz Eschen und Frieda Riess. Sie formulierte auf hervorragende Art und Weise den Typus der ‚Neuen Frau‘, auch wenn sie sich eher zurückhaltend darstellte.

Während der Diktatur der Nationalsozialisten lebten Renée Sintenis und ihr Mann Emil Rudolf Weiß (1875–1942), der Grafiker, Maler und Illustrator war, mit erheblichen Einschränkungen und zurückgezogen. Sie stellte weiterhin aus, obwohl eines ihrer Selbstbildnisse in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München 1934 gezeigt wurde. Da sie kein Ausstellungsverbot erhielt, wurde sie von dem Kunsthändler Alex Vömel, dem Nachfolger von Flechtheim, in Düsseldorf vertreten. Im Gegensatz zu ihrer Zeit in den 1920er Jahren ging es ihr finanziell nicht gut, was durch das Bronzegussverbot von 1941 verstärkt wurde.

Emil Rudolf Weiß wurde am 1. April 1933 wegen einer wutentbrannten Äußerung gegen das NS-Regime und des Gesetzes zur Wiedereinführung des Berufsbeamtentums aus seinem Hochschulamt entlassen. Sintenis selbst wurde 1934 aufgrund ihrer jüdischen Herkunft – ihre Großmutter mütterlicherseits war vor ihrer Konvertierung Jüdin – aus der Akademie der Künste ausgeschlossen; dennoch konnte sie in der Reichskulturkammer bleiben, auch wenn Werke von ihr von den Nationalsozialisten aus öffentlichen Sammlungen entfernt wurden. Dass sie von dem NSDAP-Propagandisten Hans Hinkel protegiert worden sei, wie später behauptet wurde,[2] ist nicht nachgewiesen und höchst unwahrscheinlich.[3]

„Jede Macht korrumpiert. Der geistige Mensch muss deshalb immer in der Opposition leben.[4]

Am 7. November 1942 starb Emil Rudolf Weiß überraschend in Meersburg am Bodensee. Sein Tod stürzte Renée Sintenis in eine tiefe Krise. In der Folge übernahm sie sein Atelier im Künstlerhaus in der Kurfürstenstraße. Dort arbeitete auch Max Pechstein, dessen Familie die Künstlerin zeitweise aufnahm, als ihr Atelierhaus 1945 durch Brandstiftung und mehrere Bombenangriffe zerstört wurde. Renée Sintenis verlor dabei fast ihren kompletten Besitz; sämtliche Papiere und große Teile ihres Werkes gingen verloren. Während der größte Teil der Gussmodelle erhalten blieb, wurden auch die Gipsfassungen der meisten Portraitköpfe zerstört. In einer Selbstbildnismaske aus dem Jahr 1944 werden die Härten der Kriegsjahre in ihren Zügen sichtbar.

Nach dem Krieg bezog Renée Sintenis 1945 mit ihrer Lebenspartnerin Magdalena Goldmann eine Wohnung in der Innsbrucker Straße, in der beide bis zu ihrem Tod lebten. 1948 erhielt Renée Sintenis den Kunstpreis der Stadt Berlin und wurde durch Carl Hofer an die Berliner Hochschule für Bildende Künste berufen, wo sie 1955 zur ordentlichen Professorin ernannt wurde. Im selben Jahr wurde sie in die neugegründete Akademie der Künste Berlin (West) berufen, woraufhin sie ihre Lehrtätigkeit aufgab.

Ehrengrab, Hüttenweg 47, in Berlin-Dahlem

Hohe Auszeichnungen wurden ihr überreicht, wie der Große Bundesverdienstorden (1953). Für den Orden Pour le Mérite wurde sie 1952 vorgeschlagen.

In den 1950er Jahren wurde sie wieder sehr erfolgreich. Sie blieb ihren künstlerischen Schwerpunkten und Motiven treu; wie sie es nannte „Tiere machen“, zu denen eine Reihe Jünglingsstatuetten modellierend hinzu kommt. Im Jahr 1957 wurde Sintenis’ Statue des Berliner Bären als lebensgroße Bronzeplastik auf dem Mittelstreifen der heutigen Bundesautobahn 115 zwischen Dreilinden und dem Autobahnkreuz Zehlendorf aufgestellt. Ein weiteres Exemplar weihte der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, am 23. September 1960 auf der Berliner Allee in Düsseldorf ein. Am 6. Juni 1962 wurde ein Bronzedenkmal des Berliner Bären im Mittelstreifen der Bundesautobahn 9 auf Höhe der heutigen Anschlussstelle München-Fröttmaning-Süd enthüllt. Eine Kleinplastik dieses Werkes wird alljährlich als Silberner Bär bzw. Goldener Bär an die Preisträger der Internationalen Filmfestspiele (Berlinale) verliehen.

Zu ihrem 70. Geburtstag in 1958 widmete ihr das Haus am Waldsee, Berlin, eine Retrospektive.

Renée Sintenis starb am 22. April 1965. Ihre Grabstätte befindet sich auf dem Waldfriedhof in Berlin-Dahlem, Abt. 24B-12. Die Grabstätte zählt zu den Ehrengräbern des Landes Berlin.

Ehrungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Ausstellungen[Bearbeiten]

  • 2013/2014: Werkschau zum 125. Geburtstag[5] im Georg-Kolbe-Museum
  • 2014: Renée Sintenis. Bildhauerin, Kulturspeicher Würzburg, 12. April bis 22. Juni 2014

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ursel Berger: Sintenis, Renée. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 24, Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 471 f. (Digitalisat).
  • Silke Kettelhake: Renée Sintenis: Berlin, Boheme und Ringelnatz. Osburg Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-940731-51-7.
  • Felicitas Rink: Renée Sintenis. In: Britta Jürgs (Hrsg.): Wie eine Nilbraut, die man in die Wellen wirft. Portraits expressionistischer Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. AvivA Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932338-04-9; S.181–194
  • Barbara Stark: Reneé Sintenis als Buchillustratorin. In: Philobiblon, Jahrgang 42, Heft 4. Hauswedell Verlag, Stuttgart 12/1998, ISBN 973-9354-37-8; Seite 201–213.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Renée Sintenis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Aussprache deutsch ['zɪntɘnɪs], nicht französisch (Der Große Duden, Aussprachewörterbuch, Mannheim 1962).
  2. Silke Kettelhake: Renée Sintenis. Berlin, Bohème und Ringelnatz, Berlin 2010, S. 293 f.
  3. Ursel Berger: Renée Sintenis … einmal Göttin, einmal Tierfreundin. In: Museumsjournal, April 2008, S. 22–24
  4. Carmela Thiele: Stark und sanft wie ein Likör. In: Kalenderblatt (Rundfunksendung auf DLF). 22. April 2015, abgerufen am 22. April 2015.
  5. Werkschau zum 125. Geburtstag