Renate Matthaei

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Renate Matthaei (* 6. November 1928 in Köln-Lindenthal)[1] ist eine deutsche Literaturwissenschaftlerin, Verlagslektorin, Herausgeberin und Autorin.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Renate Matthaei besuchte von 1935 bis 1939 die Volksschule und sodann bis zur 1944 kriegsbedingt erfolgten Unterbrechung ihrer Schullaufbahn die Städtische Oberschule für Mädchen in Köln. Nachdem sie 1946 den Schulbesuch in Bielefeld wiederaufnehmen konnte, legte sie dort 1949 an der Cecilienschule die Reifeprüfung ab. Anschließend studierte sie – mit einem einsemestrigen Abstecher an die Universität Freiburg im Breisgau – die Fächer Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Universität zu Köln. Zu ihren akademischen Lehrern gehörten die Literaturwissenschaftler Richard Alewyn und Wilhelm Emrich. 1960 wurde sie mit einer Arbeit über das „Mythische“ in Werken des Romantikers Clemens Brentano promoviert.[1]

Lektoratsarbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1960 bis 1993 wirkte Renate Matthaei als Lektorin für deutschsprachige Literatur im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch.[2] Anfang der 1960er Jahre entdeckte sie den Autor Rolf Dieter Brinkmann und hat ihn in der Folge – teilweise in Zusammenarbeit mit ihrem Lektoratskollegen Dieter Wellershoff – betreut.[3] Brinkmanns Gedicht Tritt im Band Die Piloten von 1968 liest sich als Einladung an Renate Matthaei zu einer Diskussion über ästhetische Fragen und beginnt mit den apostrophierenden Versen: „Tritt // ein, Matthaei / und setz dich / hin, wir müs- // sen […] reden“.[4] Später hat sie auch Heinrich Böll lektoriert.[5] Mit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs sind viele Zeugnisse ihrer Arbeit für den Verlag Kiepenheuer & Witsch abhandengekommen.[6]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn Renate Matthaei Ende der 1960er und in den 1970er Jahren mit literaturkritischen Einsätzen hervortritt, so geschieht dies nicht nur in publizistischen Medien wie der FAZ oder dem Merkur.[7] Vielmehr legt sie 1970 mit Grenzverschiebung einen großen Überblick über neue experimentelle und engagierte Tendenzen der deutschen Gegenwartsliteratur jenseits der Gruppe 47 vor:[8] von H. C. Artmann und Konrad Bayer bis zu Oswald Wiener, Ror Wolf und Wolf Wondratschek.[9] Als Seitenstück hierzu initiiert sie, angeregt durch Rolf Dieter Brinkmann, einen Band mit experimentellen Essays: Trivialmythen:

„Der Plan war, mit diesem Buch die Rückkoppelung zwischen dem ‚fiktionalisierten‘ Environment und der Literatur zu erleichtern. Denn die triviale Künstlichkeit unseres Milieus, täglich als ‚Natur‘ (‚Leben aus erster Hand‘) proklamiert, fordert eine zweite Künstlichkeit heraus, die die erste verdoppelt und distanziert.“ (Vorwort zu Trivialmythen)[10]

Dieses Buch bringt, ebenfalls 1970, der März Verlag auf den Markt. Zu den Beiträgern gehören – neben Brinkmann selbst, der einen „Fotoessay“[11] beisteuert – Elfriede Jelinek, Friederike Mayröcker, Uwe Nettelbeck und Ror Wolf.

Seit 2000 hat Renate Matthaei insbesondere zu Fragen der Kölner Folklore und Kulturgeschichte gearbeitet, etwa über den kölschen Jeck und zuletzt über Sulpiz Boisserées Projekt der Vollendung des Kölner Doms.[2]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Luigi Pirandello. Friedrich, Velber bei Hannover 1967 (englische Übersetzung: Ungar, New York 1973, ISBN 0-8044-2592-2).
  • Die verhinderte Humanisierung der Sexualität. In: LIT. Das Literatur-Magazin im Verlag Kiepenheuer & Witsch 1 (Herbst 1968), S. 21–23.
  • Grenzverschiebung. Neue Tendenzen in der deutschen Literatur der 60er Jahre. Hrsg. von Renate Matthaei. Kiepenheuer & Witsch, Köln / Berlin 1970.[9]
  • Trivialmythen. Hrsg. von Renate Matthaei. März, Frankfurt am Main 1970.
  • Die subversive Madonna. Ein Schlüssel zum Werk Heinrich Bölls. Hrsg. von Renate Matthaei. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1975, ISBN 3-462-01046-8.
  • Matronen, heilige Jungfrauen und wilde Weiber. Zur Geschichte der Kölner Weiberfastnacht. Landpresse, Weilerswist 2001, ISBN 3-935221-05-3.
  • Der kölsche Jeck. Zur Karnevals- und Lachkultur in Köln. Mit einem Vorwort von Hartmut Priess. Dabbelju, Köln 2009, ISBN 978-3-939666-11-0.
  • Sulpiz Boisserée und die Vollendung des Kölner Doms. Eine Biographie. Books on Demand, Norderstedt 2016, ISBN 978-3-7392-3517-2.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jan-Frederik Bandel: Trivialmythen „1968“. Leslie A. Fiedler und die deutsche Popliteratur. in: Konstellationen 3 (2002), S. 26–30.
  • Ralf Bentz u. a.: Protest! Literatur um 1968. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 1998 (= Marbacher Kataloge, 51), ISBN 3-929146-69-X, S. 376 f.
  • Reinhold Neven Du Mont: Mit Büchern und Autoren. Mein Leben als Verleger. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, ISBN 978-3-462-04879-7, S. 79 f. (und öfter).
  • Klaus Rümmele: Zeichensprache. Text und Bild bei Rolf Dieter Brinkmann und Pop-Autoren der Gegenwart. KIT Scientific Publishing, Karlsruhe 2012, ISBN 978-3-86644-762-2, S. 84–92.
  • Georg Stanitzek: Essay – BRD. Vorwerk 8, Berlin 2011, ISBN 978-3-940384-33-1, S. 172–216.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Lebenslauf. In: Renate Matthaei: Das Mythische in Clemens Brentanos „Die Gründung Prags“ und den „Romanzen vom Rosenkranz“. Diss. masch. Köln 1960, S. 201.
  2. a b Helge Malchow: Aus dem Notizbuch des Verlegers #22 (Renate Matthaei) (abgefragt am 27. September 2016).
  3. Roberto Di Bella: Vier Fragen zu Rolf Dieter Brinkmann – Renate Matthaei. In: Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums. Das Portal zur Rolf-Dieter-Brinkmann-Studie (abgefragt am 26. September 2016).
  4. Rolf Dieter Brinkmann: Tritt. In: Die Piloten. Neue Gedichte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1968, S. 32/33, hier S. 32; hierzu en passant: Rolf Dieter Brinkmann. Seine Gedichte in Einzelinterpretationen. Hrsg. von Jan Röhnert, Gunter Geduldig. De Gruyter, Berlin / Boston 2012. Bd. 1, S. 173.
  5. Dieter Wellershoff: Heinrich Böll: Die Verteidigung der Kindheit. In: Kölner Stadt-Anzeiger, 23. Juli 2010 (abgefragt am 27. September 2016).
  6. Frank Möller: Das Buch Witsch. Das schwindelerregende Leben des Verlegers Joseph Caspar Witsch. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014, S. 620.
  7. Vgl. u. a. Renate Matthaei: Kunst im Zeitalter der Multiplizierbarkeit. Situation und Theorie der Intermedia. In: Merkur 26,9 (September 1972), S. 884–899.
  8. Siehe die mit Peter Demetz’ gleichzeitig erschienener Gegenwartsliteratur-Darstellung vergleichende Diagnose von Marianne Kesting: Peter Demetz als Madame de Staël. „Die süße Anarchie“ – Der Versuch einer kritischen Einführung in die deutsche Literatur seit 1945. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Januar 1971 (PDF; 9 kB) (abgefragt am 1. Oktober 2016).
  9. a b Grenzverschiebung. Neue Tendenzen in der deutschen Literatur. Hrsg. von Renate Matthaei. 2. Aufl. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1972, S. 7–10: Inhaltsverzeichnis (PDF; 166 kB) (abgefragt am 2. Oktober 2016).
  10. Renate Matthaei: Vorwort. In: Trivialmythen. März, Frankfurt am Main 1970, S. 7–10, hier S. 7.
  11. Rolf Dieter Brinkmann: Briefe an Hartmut 1974–1975. Mit einer fiktiven Antwort von Hartmut Schnell. Rowohlt, o. O. 1999, S. 43 (Brief vom 7. Juni 1974); vgl. die Wiedergabe in: Jörg Schröder, Barbara Kalender: Wie ich lebe und warum (Schröder & Kalender, 5. März 2009) (abgefragt am 1. Oktober 2016).