Rendezvous-System

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Rettungswagen und Notarzteinsatzfahrzeug

Das Rendezvous-System ist eine Einsatztaktik, bei der zwei Einheiten zum selben Einsatzort alarmiert werden, um dort gemeinsam Hilfe zu leisten.

Rettungsdienst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rettungsdienst bezeichnet Rendezvous-System die getrennte Anreise des Rettungswagens (RTW) und des Notarztes, mit einem Notarztzubringer, zum selben Notfallort. An der Einsatzstelle treffen die beiden Rettungsdienst-Einheiten zusammen (Rendezvous), und die Besatzungen werden gemeinsam tätig.

Dieses Verfahren wurde im Jahr 1964 vom Notarzt Eberhard Gögler, einem Chirurgen des Universitätsklinikums Heidelberg, erdacht und erstmals umgesetzt.[1] Es ist inzwischen weit verbreitet.

Notarztzubringer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Notarzteinsatzfahrzeug, Rettungswagen und Rettungshubschrauber

Im Gegensatz zum Kompaktsystem mit einem Notarztwagen (NAW) wird der Notarzt hier in einem separaten Fahrzeug zur Einsatzstelle gebracht.

Ein Notarztzubringer ist ein Kraft- oder Luftfahrzeug, mit dem der Notarzt zur Einsatzstelle gelangt.

Dazu dient in der Regel

seltener

Ein Notarzt kann auch mit jedem anderen Rettungsmittel oder Einsatzfahrzeugen anderer Einsatzdienste (Polizei, Feuerwehr) zum Einsatzort gebracht werden.

Pro und Contra[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vorteile
  • Das Notarzteinsatzfahrzeug ist in der Regel wendiger und schneller als ein Rettungswagen. Zudem erreicht es manche Einsatzorte wegen seiner geringeren Abmessungen besser.
  • Bis ein geeignetes Rettungsmittel eintrifft, kann der Notarzt mit dem Rettungsassistenten (resp. Notfallsanitäter) bereits die Primärversorgung übernehmen.
  • Bei einem Notfall ohne Notarztindikation kann der Rettungswagen alleine ausrücken, so dass der Notarzt weiterhin für das gesamte Einsatzgebiet zur Verfügung steht.
  • Stellt sich am Einsatzort heraus, dass der Patient ohne ärztliche Begleitung mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus transportiert werden kann, steht der Notarzt durch das Notarzteinsatzfahrzeug sofort für weitere Einsätze zur Verfügung.
  • Der Notarzt ist früher abkömmlich, er kann den Rettungswagen verlassen und mit dem Notarzteinsatzfahrzeug zur nächsten Einsatzstelle fahren (Folgeeinsatz).
  • Dadurch kann der Notarzt ein großes Einsatzgebiet versorgen; insbesondere im ländlichen Raum umfasst das Einsatzgebiet eines Notarzteinsatzfahrzeugs meist die Einsatzgebiete mehrerer Rettungswagen, die auf unterschiedlichen Rettungswachen stationiert sind.
Nachteile
  • Stellt sich erst am Einsatzort das Erfordernis eines Notarztes heraus, muss dieser zeitintensiv nachalarmiert werden.
  • Die Vorhaltung eines weiteren Fahrzeuges mit Personal und Ausrüstung ist notwendig.

Sonderfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rendezvouspunkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Je nach Lage wird ein Rendezvouspunkt vereinbart, wenn das Rettungsteam den Patienten zum Transport vorbereitet hat und sich die Ankunft des Notarztes verzögert. Dieser eindeutige Treffpunkt liegt in der Regel auf dem Weg zur Zielklinik, bei klar definierter Fahrtstrecke und baulich nicht voneinander getrennten Fahrbahnen kann dieses Zusammentreffen auch durch einfaches Entgegenkommen geschehen.

Rückfahrt mit Sonderrechten – Nachführen des Notarzteinsatzfahrzeugs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stellt der Notarzt am Einsatzort fest, dass ein Transport ins Krankenhaus unter Nutzung der Sonderrechte erforderlich ist, so ist es teilweise üblich, das Notarzteinsatzfahrzeug ebenfalls mit Sonderrechten unmittelbar folgen zu lassen. Dadurch soll jederzeit eine optimale Versorgung des Patienten ermöglicht werden. Darüber hinaus soll vermieden werden, dass der Notarzt im Falle eines Folgeeinsatzes nach erfolgter Patientenübergabe im Krankenhaus auf das Notarzteinsatzfahrzeug warten muss. Rechtlich befindet sich ein solches Vorgehen allerdings in einer Grauzone, da diesbezüglich noch kein Urteil einer deutschen Gerichtsinstanz vorliegt. In drei Bundesländern sind dazu lediglich Erlasse der Behörden ergangen. So gilt „für sämtliche Einsatzfahrzeuge der Rettungsdienste und der Feuerwehren in Nordrhein-Westfalen die Erlassregelung, dass auf Rückfahrten von Einsätzen das blaue Blinklicht und das Einsatzhorn nicht verwendet werden dürfen und Ausnahmen nur in den Fällen zulässig sind, wenn durch längere Abwesenheit des Einsatzfahrzeuges die Sicherheit im Einsatzgebiet ernsthaft in Frage gestellt ist.“[2] In Brandenburg gilt inhaltlich der wie folgt lautende Erlass aus Bayern: „… Das Wegerecht darf auch bei Rückfahrten vom Einsatz in Anspruch genommen werden, falls das zur Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft im Einzelfall unbedingt erforderlich ist.“[3] Die Entscheidung im Einzelfall obliegt in allen drei Ländern der jeweiligen Leitstelle und sollte nur bei Katastrophen oder ähnlichen Großschadensereignissen zugunsten des Einsatzes mit Sonderrechten getroffen werden.[4] Die Entscheidung über eine Rückfahrt des Notarztwagens mit Sonderrechten wird von den Erlassen nicht berührt. Sie obliegt alleine dem Notarzt.

Für alle Sonderrechtsfahrten in Deutschland sind letztendlich die §§ 35 (Sonderrechte) und 38 (Blaues Blinklicht und gelbes Blinklicht) der Straßenverkehrsordnung (StVO) maßgebend. Deren Auslegung ist bezüglich der hier beschriebenen Praxis sowohl unter Juristen als auch in der Fachliteratur umstritten.

Befürworter argumentieren mit der Besonderheit des Rendezvous-Systems, bei dem es gerade um den flexiblen Einsatz des Notarztes gehe. Notarzt und Notarztwagen (der Rettungswagen nach Zustieg des Notarztes) bildeten folglich eine Einheit, die nicht getrennt werden dürfe. Dies sei ausdrücklich dann der Fall, wenn „im NEF [Abk. für Notarzteinsatzfahrzeug, Anm. d. Verf.] aus räumlichen Gründen medizinische Hilfsmittel und Notfallmedikamente mitgeführt werden, die im RTW [Abk. für „Rettungswagen“, Anm. d. Verf.] nicht vorhanden sind und eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür spricht, dass der Notarzt während der Transportfahrt auf diese Hilfsmittel und Notfallmedikamente zurückgreifen muss.“[5] Ferner käme es gerade im städtischen Bereich, bedingt durch das höhere Verkehrsaufkommen und die höhere Anzahl von Ampelanlagen, zu einem zu großen (zeitlichen) Abstand zwischen Notarzt und Notarzteinsatzfahrzeug. Ein Einsatz wird für alle Beteiligten erst dann als beendet angesehen, wenn die Patientenübergabe im Krankenhaus erfolgt ist.

Gegner einer solchen Einsatzpraxis sehen eine Einheit zwischen Notarztwagen und Notarzteinsatzfahrzeug nicht als gegeben an. Der Einsatz des Notarzteinsatzfahrzeugs sei mit dem Erreichen des Einsatzortes abgeschlossen. Dessen Nachführen hinter einem mit Sonderrechten fahrenden Notarztwagen verstoße somit gegen die StVO. Zudem sei eine Fahrt unter Sonderrechten immer mit erhöhtem Risiko verbunden, das sich hier als nicht verhältnismäßig darstelle. Zeitverluste bei einem Folgeeinsatz, resultierend aus dem entstandenen Abstand von Notarzt und Notarzteinsatzfahrzeug, seien meist nur geringfügig, da der Notarztwagen zwar Sonderrechte in Anspruch nehmen könne, gleichzeitig aber im Sinne des Patienten auch schonend fahren müsse. Außerdem erfolge die Fahrt des Notarzteinsatzfahrzeugs ab der Folgealarmierung mit Sonderrechten, sodass der Notarzt rasch erreicht und aufgenommen werden könne.

Rückfahrt mit Sonderrechten – Voranfahren des Notarzteinsatzfahrzeugs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein weiterer Sonderfall ist die Praxis, das spurtstärkere Notarzteinsatzfahrzeug bei einer Rückfahrt ins Krankenhaus nicht mit Sonderrechten folgen zu lassen, sondern es voranfahren zu lassen. Dabei soll es den Rettungswagen bei der Durchsetzung des Wegerechts unterstützen. So soll ein möglichst schonender, reibungsloser und gleichzeitig schneller Transport des Patienten gewährleistet werden. Genauer soll das Notarzteinsatzfahrzeug dazu beitragen, die weitergehende Gesundheitsbelastung durch ein sogenanntes Transporttrauma zu verringern (insbesondere bei Herzinfarkten, Polytraumata oder Wirbelsäulenverletzungen). Der Einsatz diene somit der Abwendung schwerer gesundheitlicher Schäden, sei also durch die StVO legitimiert. Des Weiteren seien die Verkehrsteilnehmer durch das voranfahrende Notarzteinsatzfahrzeug früher gewarnt und können sich so auf die ungewohnte Verkehrssituation besser einstellen. Darüber hinaus ist es zum Teil gängige Praxis, das Notarzteinsatzfahrzeug als „Kreuzungsfreiräumer“ zu nutzen. Dazu eilt es voraus, hält mittig auf der Kreuzung an und soll so den Bereich für den Rettungswagen freihalten.

Auch das Voranfahren des Notarzteinsatzfahrzeugs mit Sonderrechten gilt als umstritten und in Teilen sogar als gefährlich. Zwar wird mit der höheren Sicherheit für den Rettungswagen, den Patienten (medizinisch und verkehrstechnisch) und die übrigen Verkehrsteilnehmer argumentiert. Dennoch befindet sich die Nutzung von Sonderrechten beim Notarzteinsatzfahrzeug auch hier aus den gleichen Gründen wie oben in einer rechtlichen Grauzone. Zudem könnte es beim „Freihalten“ von Kreuzungen bei den betroffenen Verkehrsteilnehmern aufgrund der unklaren Situation eines mit eingeschaltetem Blaulicht auf der ansonsten freien Kreuzung stehenden Notarzteinsatzfahrzeugs zu Irritationen und folglich zu Fehlverhalten kommen. Das Notarzteinsatzfahrzeug zieht hier alle Aufmerksamkeit auf sich. Der herannahende Rettungswagen könnte so leichter übersehen, sein Einsatzhorn falsch zugeordnet werden. Dazu kommt eine erhöhte Anzahl von Überholmanövern, wenn das wieder aufschließende Notarzteinsatzfahrzeug den Rettungswagen passieren möchte.

Feuerwehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Feuerwehr bedeutet Rendezvous-System das gleichzeitige Alarmieren von mindestens zwei, getrennten Feuerwehreinheiten zu Einsätzen. Damit sind schnellstmöglich mehrere komplette Mannschaften mit Geräten am Einsatzort. Unter Umständen sind die Fahrzeuge eines Lösch-, Rüst- oder Gefahrstoffzuges nicht an einem Standort stationiert, sondern stoßen erst im Einsatzfalle im Rendezvous-System zueinander.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 50 Jahre Rettungswagen – Das „Rendezvous-System“ erobert die Welt (ÄrzteZeitung, abgerufen am 14. Oktober 2015)
  2. Müller, Dieter 2006: Sonderrechte und Wegerecht für Rückfahrten vom Einsatzort. In: Bundesleitung der Deutschen Polizeigewerkschaft im DBB (DPolG) (Hrsg.) 2006: Polizeispiegel Nr. 9, 40. Jahrgang, September 2006. Berlin: Seite 19 und 22 mit dem Hinweis auf die Regelung gemäß Nr. 2.3 des Runderlasses des Ministeriums für Verkehr, Energie und Landesplanung – III B 2 – 21-31/2010 –, des Innenministeriums – 73 – 52.07.01 – und des Ministeriums für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie – III 8-0713.2.6.2/1 – vom 5. März 2004 (MBl. NRW. S. 383). (Memento vom 1. August 2014 im Internet Archive) (PDF; 1,7 MB)
  3. @1@2Vorlage:Toter Link/www.dpolg.de(Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: Müller, Dieter 2006: Sonderrechte und Wegerecht für Rückfahrten vom Einsatzort. In: Bundesleitung der Deutschen Polizeigewerkschaft im DBB (DPolG) (Hrsg.) 2006: Polizeispiegel Nr. 9, 40. Jahrgang, September 2006. Berlin: Seite 19) (PDF; 1,7 MB)
  4. @1@2Vorlage:Toter Link/www.dpolg.de(Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven: vgl. Müller, Dieter 2006: Sonderrechte und Wegerecht für Rückfahrten vom Einsatzort. In: Bundesleitung der Deutschen Polizeigewerkschaft im DBB (DPolG) (Hrsg.) 2006: Polizeispiegel Nr. 9, 40. Jahrgang, September 2006. Berlin: Seite 22) (PDF; 1,7 MB)
  5. Gemeinsamer Runderlass der Minister für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr, Minister des Innern, Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Frauen Nr. 12/1993 – Straßenverkehrsrecht, Rettungswesen, Katastrophen und Zivilschutz – vom 15. Juni 1993.