Reproduktive Gesundheit und Reproduktive Rechte

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Übersicht UN-Konferenzen zur Thematik
Einordnung und (offizielle) Argumentationsline (1993)

Reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte steht für einen Rechtsansatz, Familienplanung als Menschenrecht zu verankern. Die Rahmung (Frame) der reproduktiven Rechte folgt historisch der ursprünglich feministischen Rahmung „Voluntary Motherhood“. Daraus entstand die Konzeption der reproduktiven Rechte und wurde, um Überbevölkerung in Entwicklungsstaaten (mitunter gewaltvoll) einzudämmen,[1] etwa seit 1966 von der Bevölkerungsabteilung der UN unter dem Überbegriff Menschenrechte mit Familienplanung verknüpft.[2]

Auf der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 wurden reproduktive Rechte, internationale Bevölkerungspolitik unter der Bezeichnung Sexual and reproductive health and rights (kurz: SRHR) mit „Gesundheit“ verknüpft. International agierende Bevölkerungs- und Entwicklungsorganisationen wie International Planned Parenthood Federation (IPPF), WHO, UNFPA, USAID und die Weltbank definieren sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte seitdem als Ziele einer menschenrechtsbasierten Politik.[3]

Reproduktive Gesundheit und Reproduktive Rechte stellen weiterhin Grundparadigma zur Bevölkerungskontrolle dar. Begründet wird etwa, dass zu nachhaltiger Entwicklung Abschwächung des Bevölkerungswachstums notwendig sei.[4][5]

Jedem Menschen werde damit das Recht zugestanden, ein befriedigendes Sexualleben zu führen und (offiziell)[6] über die Anzahl seiner Kinder selbst zu entscheiden. Es wird verlangt, dass jeder Mensch Zugang zu Informationen über Verhütung und zu sicheren, effektiven und bezahlbaren Verhütungsmitteln haben solle. Außerdem soll jede Frau Zugang zu medizinischer Betreuung während Schwangerschaft und Geburt haben.[7] Drittens soll jeder Mensch Gesundheitsleistungen erhalten können, die ihn vor sexuellen Krankheiten schützen beziehungsweise diese behandeln. Im Zentrum sollen die individuellen Rechte auf Selbstbestimmung, körperliche Unversehrtheit und Nichtdiskriminierung stehen. Auch der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung diesem Rechtsansatz zugeordnet.[8]

Weltweit können Menschen in vielen Ländern ihre „reproduktiven Rechte“ nicht in vollem Umfang ausüben. Grund dafür sei unter anderem Armut (Kosten für Aufklärung und Verhütungsmittel).[9]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Abschlussdokument der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo wurde eine umfassende Reform der Bevölkerungspolitik versprochen. Kritikerinnen jenes Abschlussdokuments gehen allerdings von bloß rhetorischen Zugeständnissen aus[10][11] (rhetorical shift)[12]. Hinsichtlich der Inkongruenz von Selbstbestimmungsrechten betroffener Frauen und der Erfüllungsvorgabe neokolonialer Forderungen wird u. A. von „ideologischer Schizophrenie“ gesprochen.[13][14]

„Der Gesundheitsdiskurs ist insofern das zentrale ‚inhaltliche‘ Scharnier zur Reartikulation der bevölkerungspolitischen Makro- und Mikroebene nach Kairo.“ (Schultz 2006)[15].

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bonnie Mass (1975): The Population Target. The Political Economy of Population Control in Latin America.
  • Farida Akhter (1984): Depopulating Bangladesh. A Brief History of External Intervention into the Reproductive Behavior of a Society.
  • Farida Akhter (1994): Reproduktive Rechte und Bevölkerungspolitik. In: Wenig Kinder – viel Konsum? Stimmen zur Bevölkerungsfrage von Frauen aus dem Süden und dem Norden.
  • Shalini Randeria (1995): Die sozio-ökonomische Einbettung reproduktiver Rechte. Frauen und Bevölkerungspolitik in Indien.
  • Betsy Hartmann (1995): Reproductive Rights and Wrongs. The Global Politics of Population Control.
  • Susanne Schultz (2006): Hegemonie – Gouvernementalität – Biomacht. Reproduktive Risiken und die Transformation internationaler Bevölkerungspolitik.
  • Betsy Hartmann, Anne Hendrixson, Jade Sasser (2016): Population, sustainable development and gender equality. In: Gender Equality and Sustainable Development (Eds. Melissa Leach), S. 56–81.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.), Christa Wichterich: Sexuelle und reproduktive Rechte (PDF), S. 30 ff.
  2. Vgl. UN 1966: Declaration on Population by World Leaders: "But this right [size of family] of parents to free choice will remain illusory unless they are aware of the alternatives open to them."
  3. Franziska Schutzbach: Bevölkerung, Krise, Nation, in: Karin Hostettler, Sophie Vögele (Hrsg.): Diesseits der imperialen Geschlechterordnung, Transcript Verlag 2014, ISBN 978-3-8376-2343-7, S. 80f und Fußnoten 7 und 8.
  4. Vgl. BMZ: „Für die nachhaltige Entwicklung dieser Länder ist es wichtig, das Bevölkerungswachstum abzuschwächen und demografischen Veränderungen Rechnung zu tragen. Die Verwirklichung sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechte ist eine der Voraussetzungen dafür, dass das gelingen kann.“
  5. Das Paradigma einer nachhaltigen Entwicklung, also die Verknüpfung von Umwelt-, Wirtschafts- und Bevölkerungspolitik findet sich bereits im Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Abschlusserklärung zur UN-Konferenz in Rio 1992) (PDF), beispielsweise Grundsatz 8: „Um nachhaltige Entwicklung und eine höhere Lebensqualität für alle Menschen herbeizuführen, sollten die Staaten nicht nachhaltige Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten abbauen und beseitigen und eine geeignete Bevölkerungspolitik fördern.“ Das damals noch neue „umweltpolitische Sustainability-Paradigma“ war insofern auch Thema bei der Weltbevölkerungskonferenz 1994 – vgl. Bianca Többe Gonçalves: Bevölkerung und Entwicklung. Münster 2000, S. 100.
  6. Vgl. Bianca Többe Gonçalves: Bevölkerung und Entwicklung. Münster 2000, S. 108: „Auf institutioneller und regierungsstaatlicher Ebene ist sie [die Hinterfragung des Überbevölkerungsdogmas] nicht (mehr) zu finden. Mit dem reproduktiven Paradigma ist die Bevölkerungslobby zum unhinterfragten ‚winner‘ nach einer langen Legitimationssuche für Bevölkerungspolitik geworden.“
  7. Susanne Schultz (2003): Neoliberale Transformation internationaler Bevölkerungspolitik. Die Politik Post-Kairo aus der Perspektive der Gouvernementalität (PDF), S. 7: „Auf den ersten Blick erscheint die Betonung des Themas Müttersterblichkeit durch die Programme des population establishment als erfolgreiches Einschränken antinatalistischer Ziele, scheint dies doch zu versprechen, dass nicht nur das Recht, sich gegen Kinder zu entscheiden, sondern auch das Recht auf Gesundheitsdienste, um ‚sicher durch Schwangerschaft und Geburt zu gehen‘ (Paragraph 7.2. des Aktionsprogramms) ernst genommen werde. Allerdings ist der Diskurs über Müttersterblichkeit über verschiedene epidemiologische Erhebungen und Kategorien von Risiken an antinatalistische Strategien gekoppelt.“
  8. BMZ (2014): Sexuelle und Reproduktive Gesundheit und Rechte
  9. Lilli Sippel, Tanja Kiziak, Franziska Woellert, Reiner Klingholz: Afrikas demographische Herausforderung (PDF), S. ?.
  10. Heide Mertens: Frauen und internationale Bevölkerungspolitik. Was heißt hier Selbstbestimmung. In: Lokal bewegen, global verhandeln. Internationale Politik und Geschlecht (Hg. Uta Ruppert). Frankfurt und New York 1998, S. 158.
  11. Susanne Schultz (2003): Neoliberale Transformation internationaler Bevölkerungspolitik. Die Politik Post-Kairo aus der Perspektive der Gouvernementalität (PDF), S. 6: „Über den Risikodiskurs [reproduktive Risiken] wird es möglich, dasjenige Konzept umzuformulieren und zu entschärfen, das einmal auf verschiedene Ebenen den Protest von Frauengesundheitsbewegungen gegen die bisherigen Praktiken von Familienplanungsprogrammen ausgedrückt hatte.“
  12. Committee on Women, Population, and the Environment (2006): Opposition to “Day of Six Billion” (Memento des Originals vom 18. September 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.cwpe.org, The Statement.
  13. Die Begrifflichkeit „ideological schizophrenia“ in diesem Kontext wurde ursprünglich durch das Committee on Women, Population, and the Environment 1999 verwendet, im deutschsprachigen Raum „ideologische Schizophrenie“ insbesondere von Susanne Schultz. Vgl. Das Schweigen nach Kairo. Institutionalisierte Bevölkerungspolitik (PDF), S. 23.
  14. „In der politischen Auseinandersetzung ist die entscheidende Frage, ob die ‚Bio-Politik der Bevölkerung‘, wie Foucault es genannt hat (Foucault 1977), die eigentliche Machttechnik der Neuzeit und damit die Grundlage für die totalitären Erscheinungen ist. Ober, ob vielmehr die ‚Rationalisierung der Fortpflanzung‘ die individuelle Antwort auf die sozialen und ökonomischen Umwälzungen darstellt (Dienel 1995). Ist also die zunehmende Verbreitung von Verhütungsmitteln in alle Länder der Erde ein zwar von internationalen Organisationen unterstützter Prozeß, der aber im wesentlichen auf ein verändertes Fortpflanzungsverhalten reagiert? Oder wird Frauen im Süden wie auch Minderheiten im Norden mit massiver Propaganda und mehr oder weniger subtilem Zwang die Kontrolle ihrer Fortpflanzung aufoktroyiert? In etwa dieser Widerspruch spaltete auch die internationalen Frauengruppen, die sich auf der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 mit Bevölkerungspolitik auseinandersetzten. Die einen, überwiegend in internationalen Organisationen arbeitenden Frauen haben mit ihrem Manifest ‚Women´s Voices‘ (vgl. Auszug) für die Einmischung in die internationale Bevölkerungspolitik plädiert und wollen eine Bevölkerungspolitik unterstützen, die Frauen das Recht auf reproduktive Gesundheit und Selbstbestimmung garantiert (vgl. Heim/Schaz 1996: 173). Frauen sollten die Chance ergreifen, sich einzumischen (vgl. ebd.: 176). Sie glauben daran, daß Frauen sich selbst für Verhütungsmittel entscheiden würden und deshalb vor allem die Bedingungen für Familienplanung in Hinblick auf Gesundheitsversorgung verbessert werden müßten.
    ‚Ich glaube, daß das Konzept der reproduktiven Rechte die Basis von Bevölkerungspolitik werden kann und sollte (...) Ich glaube fest daran, daß es kein Bevölkerungsproblem geben würde, wenn Frauen wirklich eine Wahl hätten‘ (Marge Berger, zit. nach Heim/Schaz 1996: 192).
    Die Gegenposition ist in der Erklärung des Feministischen Netzwerkes gegen Gen- und Reproduktionstechnologien (FINRRAGE) von Comilla, Banladesh, zusammengefaßt:
    „Bevölkerungspolitik hat zum Ziel, über die Körper, die Fruchtbarkeit und das Leben von Frauen zu bestimmen, denn bisher sind es immer noch die Frauen, die Kinder bekommen. Bevölkerungspolitik ist rassistisch und eugenisch und bedeutet Selektion: Sie spricht den einen das Recht auf Überleben zu, während sie es gleichzeitig allen anderen abspricht: indigenen Menschen, behinderten Menschen und Schwarzen. Sie hat das Ziel, die Armen abzuschaffen, nicht die Armut. Bevölkerungspolitik vertritt die Interessen der privilegierten Schichten, die im Norden wie im Süden ihren verschwenderischen Lebensstil verteidigen. Es kann keine feministische Bevölkerungspolitik geben, denn das würde allen Positionen von Frauenbefreiung widersprechen und ihre Grundsätze verletzen' (nach Schlebusch 1994: 175).“
    (Heide Mertens: Frauen und internationale Bevölkerungspolitik. Was heißt hier Selbstbestimmung. In: Lokal bewegen, global verhandeln. Internationale Politik und Geschlecht (Hg. Uta Ruppert). Frankfurt und New York 1998, S. 157 f.)
  15. Susanne Schultz: Hegemonie – Gouvernementalität – Biomacht. Reproduktive Risiken und die Transformation internationaler Bevölkerungspolitik. Münster 2006, S. 214.