Reproduzierbarkeit

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Reproduzierbarkeit (eingeschränkt auch Nachvollziehbarkeit) bedeutet allgemein die Möglichkeit, etwas wiederholen bzw. noch einmal machen zu können (z. B. einen Vorgang, ein Experiment), oder denselben Weg noch einmal gehen zu können. Reproduzierbar heißt auch die Möglichkeit, etwas wiederholt herstellen zu können. In wechselnden Zusammenhängen kann das Wort Verständlichkeit, Objektivität oder Verfügbarkeit bedeuten, was oft zu Verwechslungen führt.

Je nach Fachgebiet hat der Ausdruck aber noch eine tiefere oder präzisere Bedeutung.

Wirtschaft[Bearbeiten]

In der Wirtschaft bezeichnet der Begriff Reproduzierbarkeit bzw. Wiederholbarkeit das Potenzial eines Geschäftsmodells, auf verschiedenen Absatzmärkten wiederholt zu werden. Durch diesen Faktor wird bestimmt, wie marktfähig und global konkurrenzfähig ein Produkt oder Unternehmen ist. Eng damit verbunden ist der Aspekt der Skalierbarkeit, also wie einfach es ist, ein Geschäftsmodell zu erweitern und zu vergrößern.

Naturwissenschaft[Bearbeiten]

In den Naturwissenschaften bezeichnet Reproduzierbarkeit die Wiederholbarkeit von empirisch-wissenschaftlichen Forschungsergebnissen; man spricht auch von Replizierbarkeit. Sie ist eine Grundanforderung an wissenschaftliche Experimente, Messungen und Analysen: Unter gleichen Versuchsbedingungen müssen (im Rahmen des einzukalkulierenden Messfehlers) gleiche Ergebnisse erzielt werden, was als Replikation eines Versuchs bezeichnet wird. Um die Reproduzierbarkeit nachweisen zu können, gehört eine ausreichende Protokollierung von experimentellem Aufbau und Versuchsdurchführung zur guten naturwissenschaftlichen Praxis. Ein experimentelles Ergebnis gilt erst als verlässlich, wenn es von einem unabhängigen Forscher/Forschergruppe nachvollzogen worden ist.

Bodenkunde, Geologie[Bearbeiten]

In bodenbezogenen Fachgebieten ist die Reproduzierbarkeit v.a. für Gesteins- und Bodenproben wichtig. Wegen oft starker örtlicher Varianz der Bodenparameter muss bei der Wahl von Messpunkten besonders darauf geachtet werden, ob die zu nehmende Probe oder Bohrung auch für die Umgebung repräsentativ ist. Datensammlungen und Geoinformationssysteme sollten auf diese Bedingung hin gründlich analysiert werden, um falsche Schlüsse für Bau- und andere Projekte zu vermeiden. Auch die zeitliche Variabilität wegen Jahreszeit, Niederschlag oder Grundwasser ist zu beachten.

Chemie[Bearbeiten]

In der chemischen Analytik (bzw. analytischen Chemie) wird bei quantitativen Analysen von der Eurachem statt des Ausdrucks Präzision eine andere Nomenklatur empfohlen. So gibt es verschiedene Ausprägungen der Reproduzierbarkeit, die durch die Termini Vergleichspräzision, Laborpräzision und Wiederholpräzision beschrieben werden. Für alle drei ist genau festgelegt, unter welchen Bedingungen ein Experiment wiederholt werden muss, um die jeweilige Veränderung der Ergebnisse zu messen.

Die International Union of Pure and Applied Chemistry definiert reproducibility: “The closeness of agreement between independent results obtained with the same method on identical test material but under different conditions (different operators, different apparatus, different laboratories and/or after different intervals of time). The measure of reproducibility is the standard deviation qualified with the term 'reproducibility' as reproducibility standard deviation. In some contexts reproducibility may be defined as the value below which the absolute difference between two single test results on identical material obtained under the above conditions, may be expected to lie with a specified probability. Note that a complete statement of reproducibility requires specification of the experimental conditions which differ.” [1]

Kunst- und Kulturwissenschaft[Bearbeiten]

In den Kunst- und Kulturwissenschaften bezeichnet Reproduzierbarkeit die Möglichkeit, ein Kunstobjekt (oder allgemeiner ein Produkt) manuell oder technisch zu kopieren, aufzuzeichnen, abzubilden oder zu vervielfältigen, bzw. es von vornherein als Serie herzustellen (s. Serienfertigung). In dieser Bedeutung wurde der Ausdruck insbesondere von Walter Benjamin in seinem Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1935/36) thematisiert. Der Ausdruck „Reproduzierbarkeit“ ist eng verbunden mit den Begriffspaaren Original und Kopie, Original und Fälschung sowie Unikat und Serienprodukt.

Reproduzierbarkeit ist nicht bloß ein technisches Problem, sondern auch ein Problem der Legitimität (Urheberrecht). Darf die Nachahmung überhaupt geschehen, und darf sie dem Original ebenbürtig sein? Allgemein gesagt: Wenn Schrift die Stimme eines Autors festhalten soll, dann ist jedes Lesen dieser Schrift nur ein Ersatz für diese Stimme. Wenn aber die Stimme des Autors als Modell für beliebige Leser betrachtet wird, dann ist jedes Lesen ein Original. Dies gilt seit dem 18. Jahrhundert für Musik und Theater, wo jede Reproduktion ein Original ist, während die Reproduktion eines Unikats der Bildenden Kunst bis heute bloß einen Ersatz oder eine Fälschung darstellt. Bei signierten Kunstdrucken dagegen wird eine Zahl von Reproduktionen handschriftlich autorisiert.

Technik[Bearbeiten]

In der Technik ist die Reproduzierbarkeit eine wesentliche Hilfe für die Beseitigung von Programmierfehlern, z. B. bei Software, oder Konstruktionsfehlern, z. B. bei Elektrogeräten. Man versucht dabei die Abläufe, die zu einem Fehler geführt haben, so exakt wie möglich nachzuzeichnen, sodass im Versuch dieser Fehler wieder entsteht und damit das Problem eingegrenzt werden kann.

Maschinenbau[Bearbeiten]

Im Maschinenbau bedeutet Reproduzierbarkeit das Wiederherstellen eines Werkstücks innerhalb seiner Toleranzen und seiner spezifischen Eigenschaft.

Psychologie[Bearbeiten]

In der Psychologie entwickelte sich aufgrund kritischer Diskussionen ein zunehmendes fachliches Interesse an Replikationsstudien, das im Jahr 2012 in ein systematisches Reproducibility Project mit internationaler Beteiligung einmündete siehe Reproduzierbarkeit (Psychologie).

Öffentliches Interesse[Bearbeiten]

Die Wiederholbarkeit von Untersuchungsergebnissen ist eine grundsätzliche Anforderung an wissenschaftliche Arbeit. Außerdem besteht ein öffentliches Interesse, dass Forschungsergebnisse gesichert, nicht-reproduzierbare Forschungsergebnisse erkannt und absichtliche Fälschungen von Ergebnissen aufgedeckt werden. In den Medien haben erwiesene Fälschungen, wie sie aus verschiedenen Disziplinen bekannt wurden, Aufsehen erregt. Das Science and Technology Policy Office in Washington nahm anlässlich einer breiten Initiative Strategy for American Innovation im Jahr 2014 auch das Thema Reproduzierbarkeit auf:“Given recent evidence of the irreproducibility of a surprising number of published scientific findings, how can the Federal Government leverage its role as a significant funder of scientific research to most effectively address the problem?"[2]

Anhang[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eintrag zu reproducibility. In: IUPAC Compendium of Chemical Terminology (the “Gold Book”). doi:10.1351/goldbook.R05305 Version: 2.3.3.
  2. https://www.federalregister.gov/articles/2014/07/29/2014-17761/strategy-for-american-innovation.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jim Giles: The trouble with replication. In: Nature. Vol. 442, Issue 7101, 2006, S. 344–347.