Reservatum ecclesiasticum

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Das Reservatum ecclesiasticum (lat. der „geistliche Vorbehalt“) war eine Klausel im Augsburger Religionsfrieden von 1555. Die Klausel hatte zum Inhalt, dass ein katholischer geistlicher Territorialherr, also zum Beispiel ein Fürstbischof, Fürsterzbischof oder Fürstabt, beim Konfessionswechsel auch gleichzeitig seine weltliche Herrschaft abgeben musste und ein neuer (katholischer) Territorialherr einzusetzen war. In den weltlichen Territorien des Reiches galt im Gegensatz dazu nach den Bestimmungen des Augsburger Religionsfrieden das Prinzip des cuius regio, eius religio (der Landesherr bestimmt die Konfession seiner Untertanen).

Das heilige Römische Reich am Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648. Die unter geistlicher Herrschaft stehenden Gebiete sind violett gefärbt.

Durch das Reservatum ecclesiasticum war von vornherein festgelegt, dass ein nicht unerheblicher Teil der Territorien des Heiligen Römischen Reichs (siehe nebenstehende Karte) für immer katholisch bleiben sollten. Entsprechend war die Klausel bei Protestanten heftig umstritten, die sich dadurch benachteiligt fühlten. Um den Klagen der evangelischen Reichsstände entgegenzukommen gab König Ferdinand I. im Rahmen der Verhandlungen zum Augsburger Religionsfrieden 1555 die sogenannte Declaratio Ferdinandea ab, nach der es den landsässigen protestantischen Rittern und Städten in geistlichen Territorien erlaubt sein sollte auch die lutherische Konfession zu praktizieren. Der Landbevölkerung wurde dieses Recht aber nicht eingeräumt. Die Gültigkeit der Declaratio Ferdinandea war aber zwischen Katholiken und Protestanten umstritten.

Durch die Klausel wurde eine katholische Mehrheit unter den sieben Kurfürsten nahezu sichergestellt, da sich die böhmische Krone seit 1526 in habsburgischer Hand befand und die drei geistlichen Kurfürsten von Mainz, Trier und Köln nicht konvertieren konnten, ohne ihr Amt zu verlieren.

Regelverstöße[Bearbeiten]

Insbesondere in Norddeutschland wurde das Reservatum ecclesiasticum oft nicht eingehalten. Seit 1566 stand zum Beispiel das Erzbistum Magdeburg unter der Aufsicht protestantischer Administratoren und das Territorium wurde evangelisch. Das Domkapitel des Erzbistums Bremen war seit ca. 1560 mehrheitlich evangelisch und wurde ebenfalls von protestantischen Administratoren verwaltet. Beide Erzbistümer wurden im Westfälischen Frieden in weltliche Territorien umgewandelt.

Zu Auseinandersetzungen mit europaweiten Verwicklungen kam es 1583-88 im Truchsessischen Krieg als der Kölner Erzbischof Gebhard I., Truchsess von Waldburg zum evangelischen Glauben konvertierte und das Kurfürstentum in ein weltliches Herzogtum umwandeln wollte. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen, wobei Gebhard durch den protestantischen pfälzischen Kurfürsten und die Niederlande unterstützt wurde. Auf Seiten seiner Gegner kämpften spanische und bayrische Truppen, die ihn schließlich vertrieben und Ernst von Bayern als neuen Fürsterzbischof inthronisierten – Kurköln blieb katholisch.

Auch im Dreißigjährigen Krieg, der als Religionskrieg begann, spielte die Reservatsklausel eine wichtige Rolle. Auf dem Höhepunkt der Machtentfaltung der katholischen Seite versuchte Kaiser Ferdinand II. mit dem Restitutionsedikt von 1629 die Rückgabe der von Protestanten verwalteten ehemaligen geistlichen Territorien und damit deren Rekatholisierung zu erzwingen. Die Weigerung Magdeburgs führte zur völligen Zerstörung der Stadt. Außerdem trat König Gustav II. Adolf von Schweden auf Seiten der Protestanten in den Krieg ein.

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz Schilling, Heribert Smolinsky (Hrsg.): Der Augsburger Religionsfrieden 1555. Wissenschaftliches Symposium aus Anlass des 450. Jahrestages des Friedensschlusses, Augsburg 21. bis 25. September 2005, Münster: Aschendorff, 2007. ISBN 978-3-402-11575-6.
  • Heinrich de Wall: Art. Geistlicher Vorbehalt, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, 2., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, hrsg. von Albrecht Cordes, Heiner Lück, Dieter Werkmüller und Christa Bertelsmeier-Kierst als philologischer Beraterin. Redaktion: Falk Hess und Andreas Karg, Berlin: Erich Schmidt Verlag, 2009, 9. Lieferung, Sp. 8-10. ISBN 978-3-503-07911-7