Retinopathia pigmentosa

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Klassifikation nach ICD-10
H35.5 Hereditäre Netzhautdystrophie
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Die Bezeichnung Retinopathia pigmentosa oder Retinitis pigmentosa (RP) beschreibt eine durch Vererbung oder spontane Mutation entstehende Netzhautdegeneration, bei der die Photorezeptoren zerstört werden. Man spricht von Pseudoretinitis pigmentosa (oder Phänokopie), wenn nicht erbliche Erkrankungen Symptome der Retinopathia pigmentosa zeigen, etwa toxisch bedingt (beispielsweise durch Thioridazin, Chloroquin).

Der Name Retinitis pigmentosa wurde von dem Niederländer Frans Donders im Jahr 1855 geprägt.[1] Da es sich hierbei jedoch nicht primär um eine Entzündung (-itis) handelt, wurde die Krankheit in Retinopathia pigmentosa umbenannt. Die ursprüngliche Benennung wird allerdings immer noch synonym und sogar häufiger verwendet als die neue Bezeichnung.

Die entsprechende Erkrankung bei Tieren wird in der Veterinärmedizin als progressive Retinaatrophie (PRA) bezeichnet.

Epidemiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weltweit sind etwa drei Millionen Menschen – in Deutschland etwa 30.000 bis 40.000 – von einer der verschiedenen Formen der Retinopathia pigmentosa (auch genannt Patermann-Syndrom) betroffen. Bedingt durch den schleppenden Verlauf der Erkrankung dürfte die Dunkelziffer noch höher sein. Die Prävalenz liegt somit bei einem Fall pro 3000 bis 7000 Einwohnern.[2]

Die Erkrankung tritt meistens im Jugendalter oder in den mittleren Lebensjahren mit den ersten Merkmalen (Nachtblindheit) ein; die Sehkraft lässt allmählich nach. Der gesamte Prozess zunehmender Sehbehinderung verläuft schleichend und erstreckt sich beim Betroffenen meistens über Jahrzehnte hinweg. Diese Entwicklung ist so auch mit einer starken psychischen Belastung verbunden. Bei ca. der Hälfte aller RP-Patienten entwickelt sich im Erwachsenenalter eine Linsentrübung, der graue Star.[3]

Symptome und Verlauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Augenhintergrund eines Patienten mit Retinopathia pigmentosa (in diesem Fall Refsum-Syndrom)

Es treten in der Regel folgende Symptome auf:

Im Verlauf kommt es typischerweise erst zu Nachtblindheit, Visusabfall und dann zu einer langsamen Einschränkung des Gesichtsfeldes bis hin zu einem sich immer mehr verengenden Tunnelblick. Die Erkrankung führt in einem späteren Stadium in der Regel zur Blindheit. Wegen der Nachtblindheit und des Tunnelblicks können sich die Patienten kaum mehr ohne Einsatz blindenspezifischer Orientierungsstrategien und eines Langstocks alleine sicher fortbewegen. Der zeitliche Verlauf dieser Abfolge variiert dabei, abhängig vom jeweiligen RP-auslösenden Gendefekt.[4]

Das Absterben der Photorezeptoren, zuerst der Stäbchen, vollzieht sich in der Regel von der Peripherie (dem Rand des Gesichtsfeldes) zur Makula (dem Zentrum des Gesichtsfeldes) hin. Donders beschrieb besonders die knochenkörperchenähnlichen Pigmenteinlagerungen und Gefäßverengungen im Auge, welche der Retinopathia pigmentosa den Namen gaben. Diese Veränderungen treten aber in der Regel sekundär zur Degeneration der Photorezeptoren auf.

Genetik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über 45 Gene wurden inzwischen identifiziert, deren Defekt Retinopathia pigmentosa auslösen kann. Dennoch konnten bislang nur etwas über die Hälfte aller verursachenden Erbfaktoren identifiziert werden. Die meisten bislang identifizierten Gene folgen einem monogenetischem Erbgang, d. h. der Defekt von nur einem Gen verursacht bereits die Erkrankung und nicht mehrerer Genen gleichzeitig. Die Erkrankung wird sowohl durch autosomal dominante, autosomal rezessive und auch gonosomale Erbfaktoren (im Wesentlichen das X-Chromosom) ausgelöst.[2][3]

Syndrome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ungefähr 25 % der betroffenen Patienten leiden an einer assoziierten Retinopathia pigmentosa. Bei der assoziierten RP weisen neben dem Auge auch andere Organe des Körpers Krankheitssymptome auf, das heißt, es liegt ein Syndrom vor.[2] Einige solcher mit Retinopathia pigmentosa oftmals zusammen auftretenden Symptome sind Hörstörungen, Lähmungen und Gehstörungen, Herzrhythmusstörungen, Muskelschwäche, geistige Entwicklungsstörungen, u. a.. Auch hier sind Gendefekte die Ursache. Die bekanntesten Syndrome sind:

Es können auch weitere Veränderungen auftreten, dazu zählen:

Wobei Keratokonus und Vaskulopathie eher selten bei einer Retinopathia pigmentosa vor kommt.

Diagnose und Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits in früher Kindheit kann eine Retinopathia pigmentosa über ein Elektroretinogramm diagnostiziert werden. Weitere Diagnosemöglichkeiten bieten Sehtests zur Nachtblindheit beim Augenarzt. Bei Syndromen geben die weiteren Symptome Hinweise auf die genaue Erkrankung (wie Hörstörungen oder Blutwerte). Die Ermittlung des genauen Gendefekts ermöglicht erst eine DNA-Analyse. Noch in der Entwicklung befinden sich DNA-Chip und Protein-Chip, welche eine schnellere Diagnose ermöglichen sollen. Dies kann auch zur genetischen Familienberatung beitragen.

Es gibt derzeit keine Behandlung, die das Fortschreiten von Retinopathia pigmentosa verhindern oder die Krankheit heilen kann. Allerdings existieren Studien, wonach die Einnahme von Vitamin A oder Anti-Vascular Endothelial Growth Factor den Verlauf verlangsamen soll.[6] Eine weitere Studie zeigt, dass der Krankheitsverlauf durch hyperbare Sauerstofftherapie verlangsamt werden kann.[7] Eine Ausnahme bilden Sonderformen wie das Refsum-Syndrom, ein Stoffwechseldefekt, bei dem eine phytansäurearme Spezialdiät oder, falls diese nicht ausreicht, regelmäßige Lipidapherese die Retinopathia pigmentosa zum Stillstand bringen kann.[8][9]

Noch in der Erforschung befinden sich gentherapeutische Ansätze, bei denen defekte Gene in der Retina ersetzt werden könnten, oder Stammzelltherapien, bei denen die degenerierte Retina repariert werden soll.[6][10][11] In der Entwicklung sind auch sogenannte Retina-Implantate, bei denen Mikrosystemtechnik als Prothese die Funktionen der defekten Retina ersetzen soll.[12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Referenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. F. C. Donders: Beiträge zur pathologischen Anatomie des Auges. In: Arch für Ophthalmol. 1855-1, S. 106–118.
  2. a b c S. P. Daiger u. a.: Perspective on genes and mutations causing retinitis pigmentosa. In: Arch Ophthalmol. 2007 Feb;125(2), S. 151–158. PMID 17296890
  3. a b D. T. Hartong u. a.: Retinitis pigmentosa. In: Lancet. 2006 Nov 18; 368(9549), S. 1795–1809. PMID 17113430
  4. M. A. Sandberg u. a.: Disease Course in Patients with Autosomal Recessive Retinitis Pigmentosa due to the USH2A Gene. In: Invest Ophthalmol Vis Sci. 2008 Jul 18, S. 5532–5539. PMID 18641288.
  5. Netdoktor: Retinitis pigmentosa
  6. a b P. Goodwin: Hereditary retinal disease. In: Curr Opin Ophthalmol. Mai 2008, 19 (3), S. 255–262. PMID 18408503
  7. HBO Therapie bei Retinitis pigmentosa
  8. Rüether K, Baldwin E, Casteels M, Feher MD, Horn M, Kuranoff S, Leroy BP, Wanders RJ, Wierzbicki AS.: Adult Refsum disease: a form of tapetoretinal dystrophy accessible to therapy. In: Surv Ophthalmol. 2010, 55 (6), S. 531–538. PMID 20850855.
  9. Baldwin EJ, Gibberd FB, Harley C, Sidey MC, Feher MD, Wierzbicki AS.: The effectiveness of long-term dietary therapy in the treatment of adult Refsum disease. In: J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2010, 81 (9), S. 954–957. PMID 20547622.
  10. I. Mooney, J. LaMotte: A review of the potential to restore vision with stem cells. In: Clin Exp Optom. 2008 Jan; 91 (1), S. 78–84. PMID 18045253
  11. William A. Beltran, Artur V. Cideciyan u. a.: Successful arrest of photoreceptor and vision loss expands the therapeutic window of retinal gene therapy to later stages of disease. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 112, 2015, S. E5844–E5853, doi:10.1073/pnas.1509914112.
  12. N. Alteheld u. a.: Towards the bionic eye--the retina implant: surgical, ophthalmological and histopathological perspectives. In: Acta Neurochirurgica Suppl. 2007; 97 (Pt 2), S. 487–493. PMID 17691339.
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