Retourkutsche

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Retourkutsche (von frz. retour „Rückkehr“, „Wiederkehr“) ist eine redensartliche Bezeichnung für einen Vorwurf, der auf den, der ihn erhoben hat, oder auf die von ihm damit verteidigte Position zurückgewendet wird. Das damit bezeichnete Argumentationsverhalten, fachsprachlich eine Retorsion oder ein Tu-quoque-Argument, wird durch den Ausdruck Retourkutsche in der Tendenz abwertend als einfalls- und hilflos, zur Verteidigung oder zum Gegenangriff ungeeignet zurückgewiesen („Retourkutsche zählt nicht“, „gilt nicht“, „fährt nicht“).[1]

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort ist eine Entlehnung aus dem Französischen carrosse de retour, einem Begriff des Post- und Transportwesens. Damit bezeichnete man im Französischen seit dem 17. Jahrhundert[2] eine Mietkutsche, bei deren Anmietung der Reisende sich verpflichtet hatte, für ihre Rückkehr an den Ort der Anmietung zu sorgen,[3] so dass er sie auf eigene Kosten leer zurückfahren lassen musste, sofern er nicht am Zielort einen anderen Reisenden fand, der sie zu einem entsprechend günstigen Preis für die Rückfahrt übernahm.[4]

Deutsche Wortgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine solche Leerkutsche für die kostengünstige Rückfahrt nannte man auch im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert nach französischem Vorbild eine Retourkutsche,[5] oder auch eine Rückkutsche.[6]

Im Sprachgebrauch der Berliner wurde das Wort zu einem Spitznamen für die Quadriga des Brandenburger Tors,[7] zur Erinnerung an ihre triumphale Rückkehr nach Berlin, nachdem sie zunächst von Napoleon, im Volksmund deshalb auch „Pferdedieb von Berlin“ genannt,[8] 1806 als Beutegut nach Paris entführt, 1814 dann aber nach dem Einmarsch Blüchers in Paris dort wiederentdeckt und unter patriotischen Feiern nach Berlin zurücktransportiert worden war.[9]

In übertragener Verwendung, aber in einem anderen als dem heute üblichen Sinn, wurde das Wort vereinzelt schon im 19. Jahrhundert zur Umschreibung der Unumkehrbarkeit geschichtlichen Fortschritts gebraucht („In der Weltgeschichte giebt es keine Retourkutschen“, Friedrich Christoph Förster).[10] Wann die heute übliche redensartliche Verwendungsweise entstand, die aus einem billigen Reisemittel ein an den Gegner zurückgegebenes Argument macht, und die im Französischen – wo man hierfür einfach von einem retour oder retort spricht – keine Entsprechung hat, ist nicht näher bekannt. In fachwissenschaftlichem Zusammenhang begegnet sie als in Anführungszeichen gesetzter Kolloquialismus schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrfach bei Sigmund Freud, und zwar zur Charakterisierung eines infantilen Abwehrverhaltens, eines „Mechanismus der infantilen ‚Retourkutsche‘ (...), der einen empfangenen Vorwurf unverändert auf den Absender zurückwendet“.[11]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Retourkutsche – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Duden Redewendungen. Wörterbuch der deutschen Idiomatik, 3. überarb. und aktualisierte Auflage, Dudenverlag, Mannheim [u. a.] 2008 (= Duden, Band 11), S. 624.
  2. Antoine Furetière, Dictionaire universel, Den Haag o.J. [1690], Band III, Art. retour: „On trouve sur cette route des chevaux & des carrosses de retour, qui s'en vont à vuide“ („Man findet auf dieser Route Pferde und Karossen, die leer zurückfahren“)
  3. Paul Robert, Le Petit Robert, erweiterte, verbesserte und aktualisierte Ausgabe von Alain Rey und Josette Rey-Debove, Paris: Dictionnaires Le Robert, 1990, S. 1699 Art. retour, § I.2
  4. Francisco Cormon, Sobrino aumentdado; o nuevo Diccionario de las lenguas española, francesa y latina, Band II, de Tournes, Antwerpen 1776, S. 479 Art. retorno
  5. „Es wird den 9. oder 10. dieses Monaths eine saubere und commode Retour Kutsche zu 4. Personen, nach<er> Genff oder Basel gesucht“ (Ordentliche wochentliche Franckfurter Frag- und Anzeigungs-Nachrichten, Nr. 29, 7. April 1750, Rubrik „Personen so allerley suchen“)
  6. Johann Jakob Schatz, Der entlarvte Graf, Oder ausserordentliche Geschichte der Fräulein Theodora von ***, Cölln [d. h. Berlin]: Peter Marteau, 1763, S. 18.
  7. Ingeborg Weber-Kellermann, Der Berliner. Versuch einer Großstadtvolkskunde und Stammescharakteristik, in: Hessische Blätter für Volkskunde 56 (1965), S. 9–30, S. 21
  8. Zeitgenössische Karikatur beim Raub der Quadriga: Der Pferdedieb von Berlin, www.preussen-chronik.de
  9. Frank Bauer, Napoleon in Berlin: Preussens Hauptstadt unter französischer Besatzung 1806–1808, Berlin Story Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-929829-36-3, S. 114 ff.
  10. Friedrich Christoph Förster, Ausführliches Handbuch der Geschichte, Geographie und Statistik des Preußischen Reichs, Band 3, Berlin: Ernst Heinrich Georg Christians, 1822, S. vii
  11. Sigmund Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides), in: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen 3 (1912), S. S9-68, S. 47; vgl. ders., Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben, ebenda 1 (1909), S. 1–109, S. 90: „die Phantasie, daß die Mutter das gleiche tue, die gewöhnliche ‚Retourkutsche‘ beschuldigter Kinder“