Revisionistische Schule der Islamwissenschaft

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Einfluss auf den Forschungsstand & Reaktionen auf entspr. Werke sowie inhaltlich diametral zu revisionistischen Hypothesen stehende Darstellungen u. a. bei Fuat Sezgin, Gregor Schoeler, Tilman Nagel etc.
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Die Revisionistische Schule der Islamwissenschaft, auch kurz: Revisionismus genannt, ist eine sich seit den 1970er Jahren ausbreitende Bewegung der historisch-kritischen Koran-, Hadith- und Sīra-Forschung, die innerhalb der Islamwissenschaft einen Paradigmenwechsel einleitete.[1][2]

Begriff und Ausgangsstandpunkt des Revisionismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Revisionismus wurde zuerst von den Gegnern der neuen wissenschaftlichen Bewegung geprägt und wird von ihnen z. T. noch heute mit einem abwertenden Unterton gebraucht.[3] Dann wurde er von den Medien aufgegriffen, um die neue Bewegung mit einem prägnanten Schlagwort benennen zu können.[4] Heute gebrauchen auch die Anhänger der neuen Bewegung den Begriff des Revisionismus, um ihre Bewegung zu bezeichnen, allerdings meist in Anführungszeichen geschrieben und mit einem leicht selbstironischen Unterton.[5]

Das Kernanliegen der revisionistischen Schule ist es, mit der praktisch schon seit Ignaz Goldziher vorhandenen Erkenntnis ernstzumachen, dass die traditionellen islamischen Überlieferungen über die Frühzeit des Islam, die erst 150 bis 200 Jahre nach Mohammeds Tod geschrieben wurden, als geschichtliche Quellen höchst fragwürdig sind. Betroffen sind die Lebensgeschichte des Mohammed, die Entstehungsgeschichte des Koran und die geschichtliche Entwicklung unter der ersten islamischen Dynastie der Umayyaden. Die wahren geschichtlichen Abläufe der islamischen Frühzeit müssen mithilfe der historisch-kritischen Methode neu erforscht und rekonstruiert werden.

Die wichtigsten Vertreter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihren Ausgangspunkt nahm die neue Bewegung an der School of Oriental and African Studies SOAS in London durch zwei Veröffentlichungen von John Wansbrough: Quranic Studies (1977) und The Sectarian Milieu (1978). Zu den Schülern von Wansbrough zählten u. a. Andrew Rippin, Norman Calder, G. R. Hawting, Patricia Crone und Michael Cook. Das Buch Hagarism: The Making of the Islamic World (1977) von Patricia Crone und Michael Cook sorgte mit provozierenden Thesen für Aufmerksamkeit in der Wissenschaftsgemeinde, später distanzierten sich die beiden Autoren allerdings von allzu weitreichenden Thesen. Der grundsätzlich neue Forschungsansatz wurde jedoch aufrechterhalten. Auch Martin Hinds studierte an der School of Oriental and African Studies in London. Robert G. Hoyland ist ein Schüler von Patricia Crone.

Einen zweiten lokalen Schwerpunkt hat die neue Bewegung an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken („Saarbrücker Schule“). Ein Schwerpunkt in Saarbrücken ist schon seit den 1970er Jahren die historisch-kritische Erforschung der Entwicklung des Korantextes, namentlich durch Günter Lüling und Gerd-Rüdiger Puin. Ebenfalls in Saarbrücken entwickelte Karl-Heinz Ohlig Anfang der 2000er Jahre zusammen mit Volker Popp, Christoph Luxenberg und Markus Groß eine Theorie zur Frühzeit des Islam, die die Existenz einer historischen Person Mohammed bestreitet.

Weitere Vertreter sind: Hans Jansen aus den Niederlanden, der 2005/7 in einem beachteten Werk detailliert aufzeigte, warum die bekannten Erzählungen um das Leben des Mohammed Legenden seien. Yehuda D. Nevo veröffentlichte 2003 sein Werk Crossroads to Islam: The Origins of the Arab Religion and the Arab State, in dem er die Historizität von Mohammed bestritt. James A. Bellamy ist bekannt für seine Textkritik am Koran und für seine Emendationsvorschläge, d. h. Korrekturvorschläge am überlieferten Korantext. Fred Donner hat 2010 als erster eine fundierte Hypothese von der Frühzeit des Islam vorgelegt, die voreilige Schlussfolgerungen und unüberlegte Spekulationen vermeidet und auf große Resonanz stieß.

Tom Holland studierte Geschichte und ist zu einem bekannten Autor populärwissenschaftlicher Sachbücher zur antiken Geschichte geworden. Mit seinem Werk In the Shadow of the Sword (2012; deutsch: Im Schatten des Schwertes 2012), bzw. in dem darauf basierenden Dokumentarfilm Islam: The Untold Story hat Tom Holland maßgeblich zur Popularisierung der neuen Hypothesen beigetragen. Tom Holland stellt darin eine mögliche Synthese der verschiedenen Ansätze der Revisionisten vor und hat damit ebenso wie Fred Donner eine fundierte Hypothese von der Frühzeit des Islam vorgelegt, die maßlose Übertreibungen vermeidet. – Dan Gibson ist eigentlich kein Vertreter des Revisionismus, da er als biblisch motivierter Privatforscher religiöse Texte tendenziell wörtlich zu nehmen pflegt. Allerdings hat er mit seinem Werk Quranic Geography (2011) die Frage nach dem wahren Ort der Entstehung des Islam neu aufgegriffen und Argumente dafür vorgelegt, dass der Islam nicht in Mekka, sondern in Petra in Jordanien entstanden sei. – Sven Kalisch ist ein deutscher islamischer Theologe, der es ablehnte, islamische Theologie ohne Berücksichtigung der neuen Erkenntnisse der historisch-kritischen Forschung zu betreiben. Daraufhin wurde ihm von deutschen Islamverbänden die Anerkennung als Hochschullehrer für angehende islamische Religionslehrer entzogen. Kalisch trat später aus dem Islam aus. Er lehrt heute Geistesgeschichte im Vorderen Orient in nachantiker Zeit in Münster.

Die These von der Unglaubwürdigkeit der islamischen Überlieferung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Argumente gegen die Glaubwürdigkeit der traditionellen islamischen Überlieferungen über die Anfänge des Islam wurden z. B. von Hans Jansen in dessen Hauptwerk Der Historische Mohammed zusammenfassend dargelegt. Jansen bespricht darin die Darstellungen der Prophetenbiographie des Ibn Ishāq bzw. Ibn Hischām, einem für den traditionellen Islam maßgeblichen Text, Abschnitt für Abschnitt. Jansen zeigt innere Widersprüche auf, Widersprüche zu anderen geschichtlichen Quellen, Ausschmückungen und Aufbauschungen durch spätere Autoren, politisch bzw. theologisch motivierte Verzerrungen der Darstellung, symbolische Bedeutungen von angeblich historischen Namen, literarische Gestaltungen der Darstellung z. B. nach biblischen Vorbildern, aber auch chronologische und kalendarische Unglaubwürdigkeiten.

Einige Beispiele:[6]

  • Obwohl es zur Zeit des Mohammed noch Schaltmonate gab, die zahlreich in den Mondkalender eingeschaltet werden mussten und die erst später (angeblich von Mohammed) abgeschafft wurden, ereignet sich kein einziges der zahllosen von Ibn Ishaq berichteten und genauestens datierten Geschehnisse in einem solchen Schaltmonat.
  • Die genaueste Datierung zahlloser Ereignisse durch einen Autor, der erst 150 Jahre danach schrieb, sei per se unglaubwürdig.
  • Die Darstellung einer besonders engen Bindung von Mohammed an seine Ehefrau Aischa sei politisch bzw. theologisch motiviert: Aischa war die Tochter des Kalifen Abu Bakr, der gegen den Willen von Ali zum Nachfolger des Mohammed wurde. Um diese Nachfolge gegen die Schiiten abzusichern, die Ali favorisierten, werde die Verbindung der Tochter des Abu Bakr mit Mohammed besonders betont: Aischa war angeblich die Lieblingsfrau des Propheten, und der Prophet vollzog die Ehe mit Aischa angeblich ungewöhnlich früh.
  • Die Darstellung des Massakers an dem jüdischen Stamm der Banu Quraiza ist politisch bzw. theologisch motiviert: Wie der „Vertrag von Medina“ zeigt, waren die Juden anfangs ein Teil der Umma und wurden auch als „Gläubige“ angesprochen; vgl. auch die Forschungen von Fred Donner. Als der Islam sich später, nach dem Tod des Mohammed, vom Judentum loslöste, entstanden antisemitische Lesarten der Vergangenheit. Der dreifache Verrat an Mohammed durch drei jüdische Stämme wirkt als literarische Gestaltung nach biblischem Vorbild, z. B. dem dreifachen Verrat des Petrus an Jesus, historisch fragwürdig. Es gibt andere Überlieferungen von demselben Ereignis, denen zufolge nur die Führer des Stammes bestraft wurden, nicht aber jedes einzelne Mitglied des Stammes. Die Namen der drei angeblich verräterischen jüdischen Stämme tauchen auch nicht im „Vertrag von Medina“ auf. Schließlich wäre ein solches Massaker nicht unbemerkt geblieben, auch nicht in der Zeit Mohammeds, und speziell nicht, wenn man bedenkt, dass die Opfer Juden waren: Juden lebten für gewöhnlich in internationalen Handelsnetzwerken, und Juden sind bekannt dafür, ihre Geschichte niederzuschreiben. Das Massaker hat höchstwahrscheinlich niemals stattgefunden.
  • Die Darstellungen des Ibn Ishaq sind allgemein bekannt dafür, die Leistungen des Propheten plakativ zu überzeichnen. Bei Ibn Ishaq tötet Mohammed stets mehr Feinde als in anderen Überlieferungen. Auch die Darstellung der sexuellen Potenz des Propheten, der angeblich alle seine Frauen in einer Nacht befriedigen konnte, ist auf fragwürdige Weise übertrieben. In dieselbe Kategorie fällt die Darstellung von Mohammed als Analphabeten. Die Offenbarung des Korantextes wird umso wundersamer und die Leistung des Propheten umso erstaunlicher, wenn Mohammed ein Analphabet war.
  • Die Erzählung von der Botschaft Mohammeds an den Kaiser von Byzanz, dass dieser sich bekehren solle, rechtfertigt die arabische Expansion im Nachhinein als religiöse, islamische Expansion.

Jansen weist darauf hin, dass die historisch fragwürdigen islamischen Überlieferungen von großer Bedeutung für die Interpretation des Korans sind. Denn der Koran lässt den Anlass einer Offenbarung meist offen. Der historische Kontext wird im Koran höchstens angedeutet. Viele islamische Überlieferungen entstanden lange nach Mohammeds Ableben aus bloßen Vermutungen, für was für eine Situation ein Koranvers geoffenbart worden war. Durch die historisch fragwürdigen islamischen Überlieferungen wird die Interpretation des Koran seitdem eingeengt.

Auch Patricia Crone hat in ihrem Werk Meccan Trade and the Rise of Islam eine grundsätzliche Kritik an der Glaubwürdigkeit der islamischen Überlieferung formuliert und belegt. Diese Kritik wird in der Literatur viel zitiert, bespricht jedoch nur einige wenige Aspekte aus dem Leben Mohammeds, die stellvertretend das Wesen des gesamten Überlieferungsmaterials aufzeigen sollen. Im Zusammenhang mit Begegnungen des jungen Mohammed mit Juden, die ihn als Propheten erkennen, und anderen Erzählungen, schreibt Patricia Crone:

„Diese Geschichten unterscheiden sich nicht von jenen über Mohammeds Begegnungen mit Juden und anderen. Da sie keine Wunder erzählen, verletzen sie die Naturgesetze nicht und könnten in diesem Sinne wahr sein. Tatsächlich sind sie es jedoch offensichtlich nicht. […] Wir können nicht einmal sagen, ob es überhaupt ein ursprüngliches Ereignis gab: Im Fall von Mohammeds Begegnungen mit Juden und anderen gab es keines. Entweder erlangte ein fiktionales Thema durch das Wirken der Geschichtenerzähler Realität, oder aber ein historisches Ereignis ertrank geradezu unter ihrem Einfluss.“[7]

Thesen über die Anfänge des Islam[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgangspunkt für den revisionistischen Ansatz ist, dass die traditionellen islamischen Überlieferungen über die Frühzeit des Islam, die erst 150 bis 200 Jahre nach Mohammeds Tod entstanden, als geschichtliche Quellen höchst fragwürdig seien. Die wahren geschichtlichen Abläufe in der Frühzeit des Islam sollen mithilfe der historisch-kritischen Methode neu erforscht und rekonstruiert werden. Die Thesen der Revisionisten in groben Zügen:

  • Der heute vorliegende Korantext weist zahlreiche Abweichungen zu den frühesten erhaltenen Manuskripten auf. Ein Kernbestandteil des Koran mag auf eine Verkündigung durch Mohammed zurückgehen, aber einige Teile des Koran wurden definitiv erst später hinzugefügt bzw. redaktionell überarbeitet. Außerdem sind im Laufe der Zeit viele kleine Textvarianten entstanden, wie das bei alten Texten üblich ist, die immer wieder und wieder abgeschrieben wurden.[8]
  • Die Existenz und Bedeutung der Person des Propheten Mohammed als historischer Person steht und fällt vor allem mit der Frage, ob und wie viele Anteile des Koran man seiner Zeit zuordnet, oder ob man annimmt, dass der Koran ganz oder in großen Teilen erst nach der Zeit des Mohammed entstand. Die Meinungen der Forscher gehen hier auseinander.[9] Fred Donner z. B. plädiert für ein frühes Datum des Koran.[10]
  • Der Korantext ist nicht in „reinem“ Arabisch überliefert, sondern die syro-aramäische Sprache scheint einen gewissen Einfluss auf die Sprache, in welcher der Koran abgefasst worden ist, gehabt zu haben, der allerdings später vergessen wurde. Das könnte eine mögliche Erklärung dafür sein, warum etwa ein Fünftel des Korantextes nur schwer verständlich ist.[11]
  • Der Islam entstand nicht unter polytheistischen Heiden in der Wüste, sondern muss in einem Milieu entstanden sein, das mit jüdischen und christlichen Texten vertraut war. Die „Ungläubigen“ waren keine heidnischen Polytheisten, sondern Monotheisten, denen man ein Abweichen vom Monotheismus unterstellte.[12]
  • Die geographischen Angaben in Koran und späteren Überlieferungen passen nicht zu Mekka. Sie weisen auf einen Ort in Nordwest-Arabien, z. B. auf Petra in Jordanien.[13]
  • Insbesondere die Bindung zu den Juden war in der Frühphase des Islam stark. Juden galten als „Gläubige“ und zählten zur Umma. Antisemitische Texte wie z. B. das Massaker an dem jüdischen Stamm der Banu Quraiza entstanden erst lange nach Mohammed, als sich der Islam vom Judentum separierte.[14]
  • Am Anfang waren weltliche und religiöse Macht in der Hand des Kalifen vereint. Es gab noch keine Religionsgelehrten. Diese entstanden erst später und usurpierten die geistliche Macht von den Kalifen.[15]
  • Die islamische Expansion war zu Anfang vielleicht noch gar keine islamische, religiös motivierte Expansion, sondern eine säkulare imperial motivierte, arabische Expansion. Diese Expansion lief auch noch nicht auf die Unterdrückung der nichtmuslimischen Bevölkerung hinaus.[16]
  • Nach Mohammed gab es noch mindestens zwei Phasen, die für die Ausformung des Islam in seiner späteren Gestalt von größter Bedeutung waren:
    • Unter dem Umayyaden-Kalif Abd al-Malik wurde der Felsendom in Jerusalem errichtet. Dort erscheint zum ersten Mal das Wort „Islam“. Bis zu diesem Zeitpunkt nannten sich die Muslime einfach „Gläubige“ und im islamischen Reich wurden Münzen mit christlichen Symbolen verwendet. Abd al-Malik spielt auch für die Redaktion des Korantextes eine wichtige Rolle.[17]
    • Die Abbasiden-Zeit. Praktisch alle islamischen Überlieferungen über die Anfänge des Islam stammen erst aus der Zeit der Abbasiden. Die Abbasiden als Sieger in der Auseinandersetzung mit den Umayyaden hatten großes Interesse daran, ihre Herrschaft zu legitimieren. Diese Motivation ist sichtlich in die überlieferten Texte mit eingeflossen.[18]

Kritik an der historisch-kritischen Betrachtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die konsequent historisch-kritische Betrachtung der Anfänge des Islam stieß anfangs auf heftigen Widerstand in der Islamwissenschaft, weil damals provokante Thesen von weitreichender Bedeutung ohne hinreichende Belege veröffentlicht wurden. Hier ist insbesondere das Werk Hagarism (1977) von Crone und Cook zu nennen. Von solchen radikalen Thesen und unvorsichtigen Veröffentlichungen haben sich wichtige Vertreter des Revisionismus wie Patricia Crone oder Michael Cook schon seit langem distanziert.[19]

Kritik wird u. a. von Forschern wie Tilman Nagel geübt, der das Spekulative alternativer Ansätze aufs Korn nimmt und manchem revisionistischen Forscher handwerkliche Fehler unterstellt. Allerdings akzeptiert Tilman Nagel den Grundimpuls der Revisionisten, dass mehr Wert auf die konsequente Anwendung der historisch-kritischen Methode gelegt werden muss.[20] Eine Tendenz zur Akzeptanz des revisionistischen Ansatzes erkennt man u. a. auch daran, dass die Gegner ihre Kritik inzwischen oft nicht mehr an die Adresse des „Revisionismus“ richten, sondern nur noch gegen „extremen Revisionismus“ oder „Ultra-Revisionismus“ polemisieren.[21]

Gregor Schoeler geht ausführlicher auf die Revisionistische Schule ein und stellt die frühen Kontroversen dar, die ihre anfangs provokanten Thesen ausgelöst hatten. Schoeler hält den revisionistischen Ansatz für zu radikal, begrüßt aber den Denkanstoß: „dies alles und noch manches Beachtenswerte mehr uns zum ersten Mal – oder erneut – zu bedenken gegeben zu haben, ist zweifellos ein Verdienst der neuen Generation der 'Skeptiker'.“[22]

Andauernder Widerstand gegen das neue Paradigma kommt von Forschern, die die Anwendung der historisch-kritischen Methode auf die Texte des Islam grundsätzlich ablehnen. Sie argumentieren, dass diese Methode für christliche Texte entwickelt worden und deshalb kein Grund zu sehen sei, warum diese Methode nun auch auf islamische Texte angewandt werden sollte. Befürworter des Revisionismus bezweifeln, ob das noch ein wissenschaftlicher Standpunkt ist.[23]

Eine mögliche Motivation für ein Widerstreben gegen den Revisionismus könnte auch die Furcht vor Reaktionen von gläubigen Muslimen sein. Ein Beispiel ist die schon länger bekannte Erkenntnis, dass Mohammed vermutlich in Nordwest-Arabien lebte und nicht in Mekka. Doch das Thema blieb unerforscht, bis es von dem bei Islamwissenschaftlern ungeliebten Privatforscher Dan Gibson aufgegriffen wurde.

Spannungsverhältnis zum Islam[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Grad der Irritation, den die Forschungsergebnisse für den Islam bedeuten, lässt sich die historisch-kritische Schule grob in zwei Lager einteilen:

  • Insofern die Forschungsergebnisse die Historizität der Person des Mohammed bestehen lassen und auch die Entstehung des Koran hauptsächlich für die Zeit des Mohammed annehmen, bleibt der Wesenskern der islamischen Religion unangetastet. Das trifft u. a. für folgende Vertreter des Revisionismus zu: Patricia Crone, Michael Cook, Fred Donner, Tom Holland, Günter Lüling.
  • Insofern Mohammed nicht als historische Person gesehen wird bzw. die Entstehung des Koran hauptsächlich nicht in die Zeit Mohammeds datiert wird, wird der Wesenskern des Islam infrage gestellt. Das trifft u. a. für folgende Vertreter des Revisionismus zu: John Wansbrough, Hans Jansen, Karl-Heinz Ohlig, Yehuda D. Nevo.

Neben einer Diskussion um die Historizität der Person des Mohammed und der ihm zugeschriebenen koranischen Offenbarung muss sich der Islam u. a. folgenden Diskussionen stellen:

  • Überlieferungen, die den Islam über viele Jahrhunderte hinweg – jedoch nicht von Anfang an – geprägt haben, sind nicht wahr.
  • Der Korantext ist nicht unversehrt überliefert worden.
  • Gottes Wort ist auch im Koran in vielfacher Hinsicht in Menschenwort eingekleidet.
  • Mohammed lebte nicht in Mekka.
  • Das Verhältnis von Mohammed zu Juden und Christen war anders als gedacht.

Missbrauch des Revisionismus durch Islamgegner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inzwischen haben eine ganze Reihe von Islamfeinden die Forschungsergebnisse des Revisionismus entdeckt und missbrauchen sie für ihre Zwecke.[24] Sie begeistern sich vor allem für die Meinungen jener Forscher, die die Historizität von Mohammed anzweifeln und die Entstehung des Koran auf eine spätere Zeit ansetzen. Sie benutzen diese Erkenntnisse, um den Islam als Religion zu delegitimieren und zu diskreditieren und die Muslime zum Verlassen des Islam aufzufordern. Die Forschungen von Revisionisten, die zu Ergebnissen kommen, die den Wesenskern des Islam unangetastet lassen, werden von Islamfeinden geflissentlich ignoriert.

Die Islamfeinde ignorieren, dass der Islam sehr wohl über geistige Ressourcen verfügt, um mit der neuen Situation umzugehen: Die Diskussion über die Echtheit von Überlieferungen ist dem Islam nicht grundsätzlich fremd, vgl. die sogenannte „Hadith-Wissenschaft“. In der rationalistischen Strömung der Mutaziliten wurden Zweifel an den Überlieferungen schon früh in der islamischen Geschichte geäußert. Islamfeinde übersehen auch, dass durch die Hinterfragung der Überlieferungen ein Großteil jener Texte als historischer Beleg fortfällt, die Mohammed als einen Menschenfeind erscheinen lassen. Sie übersehen auch, dass eine humanistische Interpretation des Koran möglich ist, wenn man den Koran aus dem Kontext der falschen Überlieferungen herauslöst. Islamfeinde wollen auch nicht sehen, dass die neuen Forschungsergebnisse zeigen, dass der Islam ein Produkt der Spätantike ist, was eine größere Verwandtschaft des Islam zur westlichen Kultur bedeutet, als man bisher für möglich hielt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kurt Bangert: Muhammad: Eine historisch-kritische Studie zur Entstehung des Islams und seines Propheten in der Google-Buchsuche, Verlag Springer 2016; S. 265.
  2. Vgl. z. B. François de Blois, Islam in its Arabian Context, S. 615 in der Google-Buchsuche, in: The Qur'an in Context, hrsg. von Angelika Neuwirth u. a., 2010
  3. Vgl. z. B. François de Blois, Islam in its Arabian Context, S. 615 in der Google-Buchsuche, in: The Qur'an in Context, hrsg. von Angelika Neuwirth u. a., 2010. Judith Herrin, Patricia Crone: memoir of a superb Islamic Scholar, openDemocracy 12 July 2015
  4. Vgl. z. B. Toby Lester: What is the Koran?, in: The Atlantic, issue January 1999
  5. Vgl. z. B. Patricia Crone: Among the Believers, Tablet Magazine 10. August 2010
  6. Vgl. Jansen, De Historische Mohammed, 2 Bände, 2005/7
  7. Patricia Crone: Meccan Trade and the Rise of Islam, 1987, p. 222; Englisch: „These stories are no different from those on Muhammad's encounter with Jews and others. Being non-miraculous, they do not violate any laws of nature, of course, and in that sense they could be true. In fact, they are clearly not. […] We cannot even tell whether there was an original event: in the case of Muhammad's encounter with the Jews and others there was not. Either a fictitious theme has acquired reality thanks to the activities of storytellers or else a historical event has been swamped by these activities“.
  8. Vgl. z. B. John Wansbrough: Quranic Studies: Sources and Methods of Scriptural Interpretation (1977) S. 43 ff.; Gerd-Rüdiger Puin: Observations on Early Qur'an Manuscripts in San’a’, in: Stefan Wild (Hrsg.): The Qur’an as Text. Brill, Leiden 1996 S. 107–111
  9. Vgl. z. B. Yehuda D. Nevo: Crossroads to Islam: The Origins of the Arab Religion and the Arab State (2003); Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Der frühe Islam. Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen (2007)
  10. Fred Donner: Narratives of Islamic Origins: The Beginnings of Islamic Historical Writing (1998), S. 60
  11. Vgl. z. B. Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Der frühe Islam. Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen (2007) S. 377 ff.; Christoph Luxenberg: The Syro-Aramaic Reading of the Koran – A Contribution to the Decoding of the Koran (2007).
  12. Vgl. z. B. G. R. Hawting: The Idea of Idolatry and the Rise of Islam: From Polemic to History (1999); Fred Donner: Muhammad and the Believers. At the Origins of Islam (2010) S. 59
  13. Vgl. z. B. Patricia Crone / Michael Cook: Hagarism (1977) S. 22–24; Patricia Crone: Meccan Trade and the Rise of Islam (1987); und der Privatforscher Dan Gibson: Quranic Geography (2011)
  14. Vgl. z. B. Fred Donner: Muhammad and the Believers. At the Origins of Islam (2010) S. 68 ff.; cf. also Hans Jansen: Mohammed (2005/7) S. 311–317 (deutsche Ausgabe 2008)
  15. Vgl. z. B. Patricia Crone / Martin Hinds: God's Caliph: Religious Authority in the First Centuries of Islam (1986)
  16. Vgl. z. B. Robert G. Hoyland: In God's Path. The Arab Conquests and the Creation of an Islamic Empire (2015)
  17. Vgl. z. B. Patricia Crone / Michael Cook: Hagarism (1977) S. 29; Yehuda D. Nevo: Crossroads to Islam: The Origins of the Arab Religion and the Arab State (2003) S. 410–413; Karl-Heinz Ohlig (Hrsg.): Der frühe Islam. Eine historisch-kritische Rekonstruktion anhand zeitgenössischer Quellen (2007) S. 336 ff.
  18. Vgl. z. B. Patricia Crone: Slaves on Horses. The Evolution of the Islamic Polity (1980) S. 7, 12, 15; auch Hans Jansen: Mohammed (2005/7)
  19. Vgl. z. B. Toby Lester: What is the Koran?, in: The Atlantic, issue January 1999
  20. Vgl. z. B. Tilman Nagel: Befreit den Propheten aus seiner religiösen Umklammerung! in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. September 2009
  21. Vgl. z. B. Marion Holmes Katz: Body of Text: The Emergence of the Sunni Law of Ritual Purity in der Google-Buchsuche (2012), S. 27
  22. Gregor Schoeler, Charakter und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds, de Gruyter 1996. S. 18 f., 23 f. 142 f.; Zitat S. 24
  23. Vgl. z. B. François de Blois, Islam in its Arabian Context, S. 615 in der Google-Buchsuche, in: The Qur'an in Context, hrsg. von Angelika Neuwirth u. a., 2010
  24. Vgl. z. B. Ibn Warraq: Quest for the Historical Muhammed (2000); Norbert G. Pressburg: Good Bye Mohammed (2009); Robert Spencer: Did Muhammad Exist?: An Inquiry Into Islam's Obscure Origins (2012); Jay Smith, ein fundamentalchristlicher Missionar aus London, glaubt den Islam durch die neuen historisch-kritischen Erkenntnisse in seinem Wesenskern delegitimieren zu können. Gleichzeitig glaubt er, dass die biblischen Erzählungen durch historisch-kritische Forschungen vollauf bestätigt würden.