Richmodis-Sage

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Richmodisturm

Die Richmodis-Sage ist eine alte Kölner Sage, die auf eine Begebenheit aus dem 14. Jahrhundert zurückgeht. Der Turm des Richmodis-Hauses am Neumarkt in Köln greift die Geschichte auch heute noch architektonisch auf.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Richmodis-Sage geht ursprünglich auf eine aus Flandern stammende Wandersage[1] zurück. Die 1499 gedruckte Koelhoffsche Chronik berichtet auf Blatt 286 unter der Überschrift Anno Domini 1400: „wie ein vrauwe zo Coellen, die gestorven ind begraven was ind weder upgegraven levendich (lebendig) wart“, in der der Name der Frau noch nicht genannt wird. Die Geschichte der Familie Aducht wurde dann 1645 von Aegidius Gelenius in seinem in Köln erschienenen Buch „Von der bewundernswürdigen heiligen und bürgerlichen Größe Kölns“ (De admiranda sacra et civili magnitudine Coloniae) erstmals erwähnt. Später wurde auf einem Kupferstich nach einer Tafel in der Apostelnkirche um 1650, die „wieder auferstandene“ Frau als „Richmuth von der Adoicht“ aus der Patrizierfamilie Lyskirchen bezeichnet. An beiden Stellen ist das Ereignis für das Jahr 1357 angegeben.[1]

Von den Gebrüdern Grimm wurde die Geschichte unter dem Titel „Die Pferde aus dem Bodenloch“ in ihrem Werk Deutsche Sagen (Band 1) 1816 veröffentlicht.[2] Im Jahr 1843 wurde die Sage von Johann Matthias Firmenich-Richartz in volkssprachlicher Form nacherzählt.[1]

Die Richmodis-Sage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Richmodislegende (Zeichnung von Johann Bussemacher; 1604)

Im Jahre 1357 raffte die Pest in Köln so viele Opfer hinweg, dass es nicht möglich war, alle Leichen auf die gewöhnliche Weise zu beerdigen.[3] Allein in Köln sollen 20.000 Personen an der Pest gestorben sein,[4] die man massenweise in große Gruben warf.[5] In dieser Zeit wohnte im Haus „zum Papageyen“ auf dem Neumarkt Nr. 6 der Stadtrat und reiche Patrizier und Kölner Bürgermeister Richolf Mennegin von der Aducht (auch genannt Mengis von Aducht) glücklich mit seiner Ehefrau Richmodis von Lyskirchen. Die von der Pest befallene Gemahlin beerdigte man auf dem nahe gelegenen Friedhof bei St. Aposteln am Neumarkt. Bei der Beerdigung beließ man ihr den kostbaren Schmuck, insbesondere den Trauring. Das fiel dem Totengräber auf, der nachts zurückkehrte und der Leiche den Schmuck stehlen wollte. Richmodis wachte auf und erschreckte den Totengräber so sehr, dass dieser ohne Laterne die Flucht ergriff. Die scheintot Begrabene richtete sich auf und ging mit der Laterne zurück nach Hause. Als Richmodis im Totenhemd an die Tür ihres Hauses klopfte, wollte niemand den vermeintlichen Geist einlassen. Nach längerem Klopfen öffnete schließlich das „Gesinde“ und berichtete Mengis von der Aducht, seine Frau stünde vor der Tür. Ungläubig antworte er: „Das ist unmöglich. Eher würden meine Schimmel oben auf dem Heuboden stehen.“ Schon trampelten sechs Schimmel die Treppe hinauf und schauten hinaus aus dem Dach. Frau Richmodis wurde wieder gesund und brachte noch drei Kinder zur Welt.[5] Dass es um jene Zeit eine Pestepidemie in Köln gegeben hat, ist urkundlich belegt. Am 2. Oktober 1358 schritt der Kölner Erzbischof Wilhelm von Gennep gegen Testamentsfälschungen ein, die im Zusammenhang mit Pesttoten standen.[6] Und zur Erinnerung schauen noch heute zwei Pferdeköpfe aus dem Richmodisturm an der nach ihr benannten Straße in Köln.

Der Spruch „Ahm Nümaat zwei Päädsköpp“ (Am Neumarkt zwei Pferdeköpfe) drückt seither die Ungläubigkeit des Sprechers aus.

Die Richmodis-Sage um 1650[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wandgemälde um 1650 (früher in der nördlichen Pfarrhalle von St. Aposteln)

„Als man zalt M.CCCLVII Jahr,
Allhier zu Cöllen ein groß Sterben war,
Vmb vier Vhren zu Nachmittag,
Ein wunderding daß dageschach,
Ein Erbar fraw Richmuth genant
In den funffzehn Geschlechtern hoch bekant
Von der Adoicht, dieses ihr herkunfft war
In der Papegeyen ihr wonung hatt offenbar.

Diese stirbt wie Sie vermeinet haben,
Vnd als man Sie nun solt begraben,
Durch lieb des Ehestandts Ohn verdrieß
Ihr Mann ihr den trewring am finger ließ
Damit man Sie zu dem grab hintrug.
Der Todtengräber deß nam achtung gnug
Deß abendts spaat mit seinem knecht
Ihr Schantzen waar sie namen recht.

Die Lade sie gruben auß der Erden,
Vnd hofften Ihnen solt der Ring so werden,
Damit der knecht den deckel auffbricht
Als bald sich da die fraw auffricht
Vor Schreken die beide da lauffen gehn,
Vnd laßen der fraw die lucern da stehen:
Mit welcher sie heim geht, vnd die Schell thut
Damit sie den Man vnd daß gesind thut wecken.

Der Man sie bey der stim, vnd dem Ring erkandt
Gieng bald hin, ließ sie hinein zu handt,
Mit fewer vnd kost thät er sie erquicken
Zu frischer gesundtheit ward Sie sich schicken.
Drey Junger Söhn hernach Sie trug
Des Sie Gott nicht kunt dancken gnug.
Welche drey sich in Geistliche Orden begaben
Vnd thäten Gott vnseren Herren allzeit loben.“

Wandgemälde um 1650 (früher in der nördlichen Pfarrhalle von St. Aposteln).[7]

Verwandte Sagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch aus anderen Regionen sind Sagen mit einer ähnlichen Geschichte bekannt. So etwa Die Sage vom weißen Ross aus Magdeburg,[8] Pferde schauen zum Speicher hinaus aus Freiburg im Breisgau[9] sowie Das Fastentuch im Freiburger Münster[10] oder Die Pferde zu Dünkirchen.[11]

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jean Marie Farina arrangierte 1875 für den Kölner Männer-Gesang-Verein eine „Schauderhafte Oper“: „Richmodis von Aducht und der Sängerkrieg auf dem Neumarkt“. Mit dieser Oper gastierte das Divertissementchen 1875 erstmals im Kölner Stadttheater. Eine weitere Oper zur Sage schrieb Hermann Unger: Richmodis von Aducht (op. 50; Legenden-Volksoper in einem Vorspiel und drei Aufzügen).

Der Kölner Musiker und Begründer der Musikgruppe BAP, Wolfgang Niedecken, veröffentlichte im Januar 2004 einen Song zur Richmodis-Sage mit dem Titel Zwei Päädsköpp ahm Nümaat.[12]

Der Name der Kölschmarke Richmodis Kölsch geht auf die alte Volkssage zurück.[13]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Adam Wrede: Neuer Kölnischer Sprachschatz, Band K-R, S. 357.
  2. 341. Die Pferde aus dem Bodenloch auf literaturnetz.org, abgerufen am 18. August 2017.
  3. Ph. M. Klein, Der Wanderer durch Köln, 1863, S. 177.
  4. Bernhard Maximilian Lersch, Geschichte der Volksseuchen, 1896, S. 156.
  5. a b Erich Bockenmühl/Gustav Olms, Niederrheinisches Sagenbuch, 1930, S. 151 f.
  6. Peter Fuchs (Hrsg.), Chronik zur Geschichte der Stadt Köln, Band 1, 1991, S. 295.
  7. Die Richmodis-Sage - Die Verse des Wandgemäldes auf erzbistum-koeln.de, abgerufen am 24. Dezember 2012.
  8. Die Sage vom weißen Roß, abgerufen am 24. Dezember 2012.
  9. Pferde schauen zum Speicher hinaus, abgerufen am 24. Dezember 2012.
  10. Fastentuch im Freiburger Münster, abgerufen am 30. Dezember 2012
  11. Die Pferde zu Dünkirchen, abgerufen am 24. Dezember 2012.
  12. Niedecken Songs... "Zwei Päädsköpp ahm Nümaat" aufbap-fan.de, abgerufen am 25. Dezember 2012.
  13. Richmodis Kölsch auf Kölschführer.de, abgerufen am 18. August 2017.