Richtschwert

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Richtschwert
Epée de justice IMG 3471.jpg
Angaben
Waffenart: Schwert
Bezeichnungen: Henkersschwert
Verwendung: zivile/gerichtliche Waffe
Entstehungszeit: Ende 13. Jahrhundert
Einsatzzeit: bis aktuell
Ursprungsregion/
Urheber:
Europa, städtische Gemeinden
Verbreitung: Europa
Gesamtlänge: ca. 110 cm, variierend
Klingenlänge: ca. 80–90 cm, variierend
Klingenbreite: ca. 5 cm, variierend
Griffstück: Holz, Horn, Metall
Besonderheiten: gerundete Spitze (Ort), häufig mit Löchern durchbrochen, Klinge oft mit sinnbildlichen Gravuren (Rad, Galgen etc.), religiösen Sprüchen, keine oder kurze Parierstangen
Listen zum Thema
Enthauptung von Karl Ludwig Sand auf dem Richtstuhl durch den Mannheimer Scharfrichter Frank-Wilhelm Widtmann am 20. Mai 1820

Als Richtschwert (auch: Scharfrichterschwert) wird ein zweihändig geführtes Schwert bezeichnet, das im Mittelalter und bis in die Neuzeit zur Enthauptung von Verurteilten verwendet wurde.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Richtschwert durfte nur für Exekutionen, nie jedoch in einem „ehrlichen“ Kampf benutzt werden. Dem spezifischen Zweck wurde unter anderem bei der Formgebung der Klinge Rechnung getragen; ein typisches Merkmal von Richtschwertern waren nämlich die meist sehr breiten, flachen und klobigen Klingen mit abgerundeter Spitze. Damit wäre ein Richtschwert zum Durchstoßen von Rüstungen und kriegerischen Fechten nicht geeignet gewesen. Bei manchen erhaltenen Richtschwertern ist das Ende der Klinge zusätzlich mit drei runden Löchern perforiert, die ein nachträgliches Anspitzen verhindern sollten. Im Gegensatz zum Bidenhänderschwert war die Klinge indes nur so lang wie bei einem einfachen Schwert (ca. 80 bis 90 cm).

Der Schwerpunkt von Richtschwertern lag viel weiter vorn als bei Kampfschwertern, was aus physikalischen Gründen ein größeres Drehmoment und damit eine höhere Schlagkraft ermöglichte.

Eine Besonderheit der Richtschwerter waren Bild- und Spruchgravuren (Sinnspruch) auf deren Klingen. Häufig benutzte Zeichen waren Rad, Galgen, der Tod Christi, die Muttergottes, die heilige Katharina oder Justitia.

Hinrichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Hinrichtung mit dem Richtschwert galt im Gegensatz zum Erhängen als ehrenwert und schadete insofern auch der Familie des Delinquenten nicht.

Zur Hinrichtung kniete der Todeskandidat entweder oder saß aufrecht auf einem speziellen Richtstuhl[1] mit Armlehnen, niedriger Rückenlehne und oft angebrachten Gurten zur Fixierung. (Der Begriff „Richtstuhl“ ist insofern doppeldeutig, als er gelegentlich auch synonym zum „Richterstuhl“ verwendet wird[2]). Der Scharfrichter trennte ihm dann mit einem waagerechten Schwerthieb von hinten den Kopf vom Rumpf, wobei es als Beweis seines Könnens galt, wenn er dies „glatt“ mit einem einzigen Streich schaffte.

Wer Scharfrichter werden wollte, musste zunächst beweisen, dass er Tiere gezielt enthaupten konnte. Anschließend ging er in die Lehre. Um die Hinrichtungen mit dem Schwert rankten sich viele Geschichten. So wird von Franz Schmidt alias „Meister Frantz“ berichtet, dass er im Jahr 1501 am Weinmarkt in Nürnberg zwei knienden Delinquenten mit einer einzigen Drehbewegung die Köpfe abschlug. 1789 schaffte der „Nachrichter Polster“ in Borna sogar drei mit einem Streich. Polster, so die Legende, wusch das Blut von seinem Schwert an seiner Schürze ab und richtete folgende Worte an die sprachlose Menge:

Hinrichtung von Franz Fröschel in kniender Haltung durch Franz Schmidt

„ich wünsche, daß ein jeder also lebe / Damit er nicht an diesem kalten Eisen klebe.“

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts soll der Dresdner Scharfrichter Melchior Wahl dem Exekutierten den Kopf wieder aufgesetzt und den Leichnam über 30 Äcker geschleppt haben. Kurfürst Johann Georg gab ihm dafür den Adelstitel „Melichor Wahl von Dreißigacker“. Wer 100 Köpfe abgeschlagen habe, so eine weitere Legende aus dem 17. Jahrhundert, bekam die Doktorwürde.[3]

Verwendung in der Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Richtschwerter wurden und werden auch in der Neuzeit als Richtwerkzeug genutzt, zum Teil bis in die heutige Zeit. Bei einer der letzten Hinrichtungen mit dem Richtschwert in Europa wurde 1868 in der Schweiz Héli Freymond enthauptet. Im außereuropäischen Raum wurde der Mörder des deutschen Diplomaten Clemens von Ketteler in China im Jahre 1900 mit dem Schwert hingerichtet. Bis in die heutige Zeit werden Hinrichtungen mit dem Schwert in Saudi-Arabien durchgeführt.[4]

Besondere Richtschwerter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sinnspruch auf dem Schwert des Frankfurter Scharfrichters (1484–1537) im Heimatmuseum Bergen-Enkheim. Wan Ich Das Schwert thue Auffheben - So Wünsche Ich Dem Sünder Das Ewige Leben
Inschrift auf dem Schwert des Lübecker Scharfrichters Martin Witte. Ich schone niemand
Richtschwert mit Inschrift SOLI DEO GLORIA des Scharfrichters Georg Gebhart

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wendelin Boeheim: Handbuch der Waffenkunde. Das Waffenwesen in seiner historischen Entwickelung vom Beginn des Mittelalters bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. E. A. Seemann, Leipzig 1890, S. 265–267.
  • Geo. J. Bruck: Das deutsche Richtschwert. (1907) (= Castan’s Panopticum. Heft 12 = D4, ZDB-ID 2754077-7). Bearbeitet und kommentiert von Karl-Robert Schütze. Karl-Robert Schütze, Berlin 2011.
  • Dieter Schnabel: Die letzte öffentliche Hinrichtung im Fürstlichen Amt Gotha. „Ritterholz“ Aspach: 18.2.1839. Schnabel, Gotha 2001.
  • Dieter Schnabel: Das mysteriöse Richtschwert im Schloss- und Heimatmuseum Gotha. Schnabel, Gotha 2002.
  • Dieter Schnabel: Ritter Wilhelm von Grumbach. Eine mainfränkisch-sächsisch-thüringische Tragödie. Schnabel, Gotha 2000.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Richtschwerter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Richtschwert – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Richtstuhl und Richtschwert im Museum Lamspringe. Gemeinde Lamspringe, abgerufen am 8. Januar 2019.
  2. Zeno: Wörterbucheintrag zu »Richtstuhl, der«. Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch ... Abgerufen am 14. Juni 2022.
  3. Johannes Kleinpaul: Meister Hämmerlein. In: Pilsner Tagblatt. Jahrgang 29, Nr. 312, vom 12. November 1928, S. 2.
  4. Bericht von DW.de, (deutsch, eingesehen am 13. November 2012) (Memento vom 25. Juni 2013 im Internet Archive)
  5. Karlsruher Richtschwert auf der Website von Karlsruhe/Stadtmuseum, (deutsch, abgerufen am 13. November 2012) (Memento vom 9. November 2013 im Internet Archive)
  6. Helmut Belthle: Legende und Tatsachen: Das Karlsruher Richtschwert. In: Blick in die Geschichte. Nr. 64, vom 24. September 2004, S. 2.
  7. Georg Friedrich Belthle (Memento vom 23. Juni 2011 im Internet Archive)
  8. Dresdner Richtschwert bei Neumarkt-Dresden, (deutsch, eingesehen am 13. November 2012) (Memento vom 19. Juli 2011 im Internet Archive)