Riesending-Schachthöhle

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Riesending-Schachthöhle

Querschnitt der begangenen Teile, Stand Januar 2014.

Querschnitt der begangenen Teile, Stand Januar 2014.

Lage: Bayern, Deutschland
Höhe: 1843 m
Geographische
Lage:
47° 41′ 53,8″ N, 12° 58′ 59,6″ OKoordinaten: 47° 41′ 53,8″ N, 12° 58′ 59,6″ O
Riesending-Schachthöhle (Bayern)
Riesending-Schachthöhle
Katasternummer: 1339/336
Typ: Schachthöhle
Entdeckung: 1996, Forschungsbeginn 2002
Gesamtlänge: 19,5 km (Stand Juli 2016)
Niveaudifferenz: –1148 m
Besonderheiten: tiefste und längste Höhle Deutschlands
Ein Kletterer in der Höhle

Die Riesending-Schachthöhle im Untersberg in den Berchtesgadener Alpen auf dem Gebiet der bayerischen Gemeinde Bischofswiesen[1] im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich (Salzburg) wurde im Herbst 1996[2] von der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt e.V. entdeckt. Mit einer vermessenen Tiefe von 1148 Metern und über 19,5 Kilometern Länge ist sie derzeit die tiefste und längste bekannte Höhle Deutschlands.[3][4][5] Der Name geht auf den erstaunten Ausruf „Das ist ja ein Riesending!“ bei der Entdeckung der Höhle zurück.[6]

Charakteristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Karsthöhle entstand durch Lösung des Kalkgesteins[7] und ist „mit ihrer Anlage an Störungen und ihrem Stockwerksbau ein Musterbeispiel für die Höhlenentstehung in den Nördlichen Kalkalpen“.[2] Große Sedimentmengen weisen auf eiszeitlich bedingte Höhlenbildungsprozesse hin.[2]

Direkt nach dem Einstieg auf dem Dach des Untersbergmassivs in etwa 1843 Metern Höhe führt eine Folge von Schächten 350 Meter senkrecht nach unten. Hier durchfließt auf einer Höhe von 1400 m, auf dem die Höhle ein erstes Horizontalniveau erreicht, ganzjährig ein Bach eine enge Canyon-Passage, der sich zahlreiche Schachtstufen anschließen. Der Bach, Sammler genannt, wird aus zahlreichen Zubringern, meist aus hohen Schloten, gespeist.[2] Nach einer weiteren Schachtserie von etwa 450 Metern Tiefe erstreckt sich ein verzweigtes Horizontalniveau. Durch mehrere Zuläufe führt der die Höhle durchfließende Bach auf diesem Niveau deutlich mehr Wasser als auf der oberen Ebene. Von hier aus führen mehrere Schacht- und Horizontalserien sowohl in die Länge als auch in die Tiefe der Höhle bis auf die derzeit bekannte Tiefe von 1148 Meter unter dem Einstiegspunkt. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt e.V. vermuten, dass die Höhle deutlich länger und tiefer ist, als zurzeit durch Vermessungen belegt. Diese Vermutungen basieren auf dem starken Höhlenwind in 900 m Tiefe und werden durch Radonmessungen bekräftigt, die auf eigenständige Windbewegungen und Austausch mit der Atmosphäre hinweisen, für die der bisher bekannte Eingang „nur eine untergeordnete Rolle spielt“.[4]

Die Höhle beinhaltet mehrere Wasserfälle und einen 30 Meter langen See, der nur im Schlauchboot überquert werden kann.[7][4] Besonders bei Schneeschmelze (bis Ende Juni) und bei Unwettern ist die gesamte Höhle stark hochwassergefährdet, Teile der Höhle werden dann vollständig überschwemmt.[8] Im Eingangsteil besteht zudem die Gefahr von Eis- und Steinschlag. Die Temperatur beträgt ganzjährig zwischen 1,5 °C und 5 °C, die Luftfeuchtigkeit fast hundert Prozent.[7] In einer Kammer in 720 m Tiefe finden sich Tropfsteine, die „vollständig mit einer dünnen Schicht an Feinstsedimenten (Silt) überzogen“ sind.[2]

Das Höhlensystem entwässert wie der Großteil des Plateaus[9] sehr wahrscheinlich im Norden des Untersbergs über die rund vier Kilometer entfernte Fürstenbrunner Quellhöhle in der Salzburger Gemeinde Grödig, auch wenn die Verbindung bisher nicht unmittelbar nachvollzogen werden konnte.[2] Eine ehemals von einem Höhlenbach durchflossene Höhle zieht sich mit starkem Höhlenwind in Richtung der Quellhöhle.[9] Es wird vermutet, dass diese gemeinsam mit der Kolowrat-Höhle und den Windlöchern ein mindestens 70 km langes, den gesamten Berg durchziehendes Höhlensystem bilden, die Verbindungshöhlen dürften jedoch größtenteils unter Wasser stehen.[9]

Begehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als die Höhle 1996 von Hermann Sommer und Ulrich Meyer entdeckt wurde, blieb sie zunächst unbeachtet, erst ab 2002 wurde sie erforscht.[7] Erstbefahrer[10] und weitere Erschließer mit Beitrag zur Erforschung der Riesending-Schachthöhle im Untersberg waren Lars Bohg, Jürgen Kühlwein, Anja und Thomas Matthalm, Ulrich Meyer, Marcus Preißner und Johann Westhauser, sowie ab 2004 Florian Schwarz und Wolfgang Zillig.[11] 2003 wurde das erste Biwak in 350 m Tiefe errichtet, 2005 in 500 m und 700 m Tiefe weitere, das vierte folgte 2006 in 850 m Tiefe, im Folgejahr Biwak fünf.[2] 2010 wurde ein Cave-Link-Kommunikationssystem installiert, mit dem Wettervorhersagen empfangen werden konnten, um in die hochwassergefährdeten Bereiche vorzudringen.[2] Die Höhlenforscher, die mehrmals im Jahr meist zu viert oder zu fünft in die Höhle gehen, übernachten in Biwaks und sind teils „mehrere Tagesreisen entfernt von der Oberfläche“ auf sich gestellt.[12] Die Erforschung ist wegen tiefer Schächte im Gangverlauf, die nur mit technischem Klettern überwunden werden können, sowie der großen Tagferne und Tiefe schwierig.[4][2]

Bis Mai 2014 hatte nicht einmal ein Dutzend Menschen die Höhle betreten, der einzige bekannte Zugang in der Flurnummer 94 der Gemarkung Bischofswiesener Forst wurde geheim gehalten.[12][13] Es handelt sich um eine „ab dem ersten Meter […] technisch anspruchsvolle Schacht- und Wasserhöhle“, die im Mai 2014 über neun Kilometer an Fixseilen in Schächten und Canyons verfügte.[14] Zwischen dem Forschungsbeginn im Jahr 2002 und Mai 2014 wurden 19,2 Kilometer Ganglänge bis in eine Tiefe von 1148 Metern unter dem Eingang vermessen.[14] In der Höhle wird in Kooperation mit verschiedenen Universitäten zu Höhlenentstehung und Hydrologie geforscht.[14] Es werden Daten zu „Wasserqualität, Abflussdynamik sowie den Eintrag von Stäuben und Sedimenten in den Hochgebirgskarst“ erhoben, was für die Trinkwasserversorgung Salzburgs relevant ist.[15]

Als Folge der Rettungsaktion im Juni 2014 kündigte Bayerns Innenminister Herrmann am 19. Juni 2014 an, dass die Begehung zukünftig nur noch in Ausnahmefällen für Forschungsarbeiten möglich sein soll. Wegen eines drohenden „Risikotourismus“ wurde der Eingang der Höhle gesperrt,[16] und es werden nur noch Einzelgenehmigungen bei „berechtigtem Interesse“ und körperlicher wie fachlicher Eignung erteilt.[1]

Unfall des Höhlenforschers Johann Westhauser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eingang der Höhle, Rettung des Verletzten

Im Juni 2014 wurde der Höhlenforscher Johann Westhauser in rund 950 Metern Tiefe etwa 6,5 km vom Einstiegsschacht entfernt bei einem Steinschlag schwer am Kopf verletzt und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma.[17][18][19] Einer seiner Begleiter blieb nach der Verletzung in der Höhle bei ihm, während der andere Begleiter aufbrach, um Hilfe zu holen. Die Rettung gestaltete sich wegen der komplizierten Höhlenstruktur äußerst schwierig, benötigte fünf Tage Vorbereitungszeit und dauerte unter der Mitwirkung hunderter Helfer aus fünf Nationen weitere sechs Tage.[20][21] Über die Rettungsaktion, die als „Kapitel alpiner Rettungsgeschichte“[16] bezeichnet wurde, wurde international berichtet.[22][23][24][25]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Thomas Matthalm, Ulrich Meyer: Die Riesending-Schachthöhle im Untersberg. In: Verband Österreichischer Höhlenforscher, Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. (Hrsg.): Die Höhle – Zeitschrift für Karst- und Höhlenkunde. Band 60, 2009, S. 33–43 (18 MB PDF).
  • Lars Abromeit: „An diesen geschundenen Strick soll ich mein Leben hängen?“ In: GEO. Nr. 1, 2010, S. 100–114 (Artikel und Fotogalerie auf GEO.de).
  • Ulrich Meyer, Thomas Matthalm: Die Riesending-Schachthöhle im Untersberg. In: Mitteilungen des Verbands der Deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. Band 57, Nr. 2, 23. Mai 2011, ISSN 0505-2211, S. 36–44 (2,55 MB PDF [abgerufen am 25. Oktober 2012]).
  • Ulrich Meyer: Auf der Suche nach dem Barbarossa-System im Untersberg. In: Akten des 13. Nationalen Kongresses für Höhlenforschung, 2012 – Actes du 13e Congrès national de Spéléologie. Muotathal 2012, S. 68–74 (462 KB PDF [abgerufen am 25. Oktober 2012]).
  • Ulrich Meyer: Das Riesending im Untersberg. Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt e.V. (Hrsg.), Bad Cannstatt 2015.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Riesending-Schachthöhle – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Kilian Pfeiffer: "Riesending" wird geschlossen. Berchtesgadener Anzeiger, 20. Juni 2014.
  2. a b c d e f g h i Ulrich Meyer, Thomas Matthalm: Die Riesending-Schachthöhle im Untersberg. In: Mitteilungen des Verbands der Deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. Band 57, Nr. 2, 23. Mai 2011, ISSN 0505-2211, S. 36–44 (2,55 MB PDF [abgerufen am 25. Oktober 2012]).
  3. Thilo Müller, Andreas Wolf: Liste der längsten und tiefsten Höhlen Deutschlands. Arbeitsgemeinschaft Höhle & Karst Grabenstetten e. V., Juli 2016; abgerufen am 30. August 2016.
  4. a b c d Riesending-Schachthöhle Untersberg. Arbeitsgemeinschaft für Höhlenforschung Bad Cannstatt e.V., Januar 2013; abgerufen am 4. Mai 2013.
  5. Bob Gulden: Worlds deepest caves. In: GEO2 Committee on long and deep caves. National Speleological Society, 10. März 2014; abgerufen am 20. März 2014 (englisch).
  6. Martina Scherf: In der tiefsten Höhle Deutschlands. sueddeutsche.de, 10. Juni 2014
  7. a b c d Stephanie Geiger: Bayerns tiefster Punkt. Die Welt, 21. September 2008.
  8. Riesending-Schachthöhle: Arzt kommt vorerst nicht weiter. Stuttgarter Zeitung, 11. Juni 2014.
  9. a b c Ulrich Meyer: Auf der Suche nach dem Barbarossa-System im Untersberg. In: Akten des 13. Nationalen Kongresses für Höhlenforschung, 2012 – Actes du 13e Congrès national de Spéléologie. Muotathal 2012, S. 68–74 (462 KB PDF [abgerufen am 16. Juni 2014]).
  10. Franz Lindenmayr: Landschaft und Höhlen auf der bayrischen Seite des Untersbergs, abgerufen am 13:40, 16. Jun. 2014 (CEST)
  11. Thomas Matthalm, Ulrich Meyer: Die Riesending-Schachthöhle im Untersberg. In: Verband Österreichischer Höhlenforscher, Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher e.V. (Hrsg.): Die Höhle – Zeitschrift für Karst und Höhlenkunde. Band 60, 2009, S. 33–43 (18 MB PDF).
  12. a b Deutschland von unten. Terra X, Erstausstrahlung: 17. Mai 2014
  13. Tagesordnung zur Sitzung des Gemeinderates der Gemeinde Bischofswiesen am Dienstag, den 24.06.2014 um 18.30 Uhr, Gemeinde Bischofswiesen. abgerufen am 19. Juni 2014 (PDF)
  14. a b c Dem »Riesending« auf den Grund gegangen. Berchtesgadener Anzeiger, 14. Mai 2014
  15. Andreas Frey: Höhlenforscher: Extremisten der Erkenntnis. In: FAZ.NET, 17. Juni 2014.
  16. a b Stephanie Geiger: Nach Forscher-Unglück: Bayerns Innenminister will Riesending-Höhle schließen. In: FAZ.NET, 18. Juni 2014.
  17. Verunglückter Forscher Johann Westhauser: Rettungsaktion nach Höhlendrama zieht sich hin. In: FAZ.NET, 11. Juni 2014
  18. Internationaler Höhlenrettungseinsatz, Bergwacht Bayern, 25. Juni 2014.
  19. Riesending-Höhle: Höhlen-Drama: Chirurg will notfalls in 1000 Metern Tiefe operieren. In: Augsburger Allgemeine, 11. Juni 2014
  20. Chronologie der Rettungsaktion, Deutsches Rotes Kreuz.
  21. Bilanz der Riesending-Retter: „Es war eine Mammutaufgabe“. Spiegel Online, 19. Juni 2014.
  22. Germania, speleologo intrappolato a mille metri sotto terra. Corriere della Sera, 12. Juni 2014.
  23. Une opération d'envergure pour secourir un spéléologue allemand. Le Figaro, 10. Juni 2014.
  24. German cave rescue of Johann Westhauser under way. BBC, 16. Juni 2014.
  25. German cave rescue of Johann Westhauser can begin, doctors say. CBC news, 12. Juni 2014.