Riesenkolibri

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Riesenkolibri
Riesenkolibri (Patagona gigas)

Riesenkolibri (Patagona gigas)

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Seglervögel (Apodiformes)
Familie: Kolibris (Trochilidae)
Gattung: Patagona
Art: Riesenkolibri
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Patagona
G. R. Gray, 1840
Wissenschaftlicher Name der Art
Patagona gigas
(Vieillot, 1824)

Der Riesenkolibri (Patagona gigas), auch Riesengnom genannt, ist eine Art der Kolibris.

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit einer Gesamtlänge von 22 Zentimetern, einer Flügellänge von 14 Zentimetern und einem Gewicht von bis zu 24 Gramm ist der Riesenkolibri die größte Kolibriart. Die Oberseite und der Schwanz sind grünlich-braun gefärbt, der Bürzel ist weißlich, die unteren Schwanzdecken weiß und die Flügel braun. Durch seine Größe schlägt er viel langsamer mit den Flügeln (10 bis 15 Mal pro Sekunde) als andere Kolibriarten und erinnert damit eher an eine Fledermaus.

Taxonomie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Riesenkolibri gehört zur Familie der Trochilidae (Kolibris) und ist eine von etwa 331 beschriebenen Arten in dieser Familie, die zweitgrößte Gruppe der Vögel der Neuen Welt. Die Familie der Trochilidae ist in etwa 104 Gattungen unterteilt. Man geht davon aus, dass die Art Patagona gigas vergleichsweise alt ist und größtenteils ein gescheitertes evolutionäres Experiment zur Vergrößerung von Kolibris darstellt, da sie sich nicht verzweigt und vermehrt hat.[1]

Traditionelle morphologische taxonomische Untersuchungen zeigen, dass sich P. gigas wesentlich von den anderen Kolibri-Taxa unterscheidet. Eine phylogenetische Untersuchung aus dem Jahr 2008 ergab, dass sich P. gigas mit 97,5 % Wahrscheinlichkeit so weit von den nächstgelegenen phylogenetischen Kladen entfernt hat, dass er als zu einer Klade, die nur eine Spezies beinhaltet, namens Patagonini gehörend betrachtet werden kann.[2] Dies steht im Einklang mit der taxonomischen Klassifizierung von P. gigas in einer eigenen Gattung durch die Internationale Ornithologische Union.[3]

Unterarten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut IOC World Bird List werden zwei Unterarten anerkannt.[4]

  • P. g. peruviana Boucard, 1893[5] kommt im Südwesten Kolumbiens bis in den Norden Chiles und den Nordwesten Argentiniens vor.
  • P. g. gigas (Vieillot, 1824)[6][7] Nominatform ist im zentralen Chile und dem westlichen zentralen Teilen Argentiniens präsent.

Es wird angenommen, dass diese Unterarten durch eine teilweise geografische Trennung der Populationen durch vulkanische Aktivitäten in den Anden vor dem Miozän entstanden sind. Es gibt jedoch nach wie vor Bereiche, in denen sich die Arten überschneiden, so dass es keine vollständige Artbildung gibt. Das von McGuire et al. (2009) vorgeschlagene phylogenetische System für Kolibris trägt der möglichen Erhebung dieser Unterarten in den Rang einer Art Rechnung.[2]

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Verbreitungsgebiet in den Anden reicht vom nördlichen Ecuador bis ins mittlere Chile und bis nach Argentinien. Der Riesenkolibri lebt in trockenem Buschland mit Kakteenbestand, aber auch in besiedelten Gegenden, in einer Seehöhe von 1.000–4.000 Metern. In manchen Gegenden zieht er bei schlechter Witterung in tiefere Höhenlagen.

Verhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Riesenkolibri ist ein aggressiver Vogel, der seine Futterplätze gegen andere Arten verteidigt. Nektar saugt er nicht im Kolibri-typischen Schwirrflug, sondern meist im Sitzen. Daneben zählen auch Kleininsekten zu seiner Nahrung.

Fortpflanzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das kleine Nest aus Moos, Flechten und Spinnweben wird in einem Busch, einem Baum oder gelegentlich auf einem Kaktus gebaut und erscheint für einen Vogel dieser Größe eher zu klein. Das Gelege besteht aus zwei Eiern.

Migration[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

P. gigas wandert im Sommer in die gemäßigten Gebiete Südamerikas und erreicht dabei bis zu 44° S. Im Winter (März–August) wandert er nach Norden in tropischere Klimazonen, wobei er in der Regel nicht höher als 28° S vordringt.[8]

Etymologie und Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Louis Pierre Vieillot beschrieb die Art unter dem Namen Trochilus gigas. Das Typusexemplar war im Besitz von Jean-Baptiste Becoeur (1718–1777) und sollte angeblich aus Brasilien stammen.[6] Erst 1840 schlug sie George Robert Gray der neuen Gattung Patagona zu.[9] Bei der Namensgebung orientierte Gray sich an René Primevère Lesson, der den Kolibri L'Oiseau-Mouche Patagon nannte.[10] Lesson ordnete die Art der wilden Pampa im Gebiet der Puelche im Süden Altchiles zu. Dies entspricht dem heutigen Patagonien.[11] Das Artepitheton »gigas« ist das lateinische Wort für »riesig, gewaltig«.[12] Das Typusexemplar für die Unterart wurde von Henry Whitely in Peru gesammelt, so dass sich der Name vom Ursprungsland des Balges ableitet.[5]

Kulturelle Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nazca-Linien: Kolibri

Für einige der Ureinwohner der Anden hat der Riesenkolibri einen hohen Stellenwert. Die Bewohner der Insel Chiloé glauben, dass eine Frau, die einen Kolibri fängt, dadurch große Fruchtbarkeit erlangt. Diese Art inspirierte auch die Bewohner der Nazca-Kultur zur Schaffung des Nazca-Kolibri-Geoglyphs.[8]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Riesenkolibri ist ein Motiv auf der Rückseite des 10er-Scheins der bolivianischen Währung Boliviano.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Martin de la Pena, Maurice Rumboll: Birds of Southern South America and Antarctica. Princeton Illustrated Chaecklists, ISBN 0-691-09035-1.
  • Colin Harrison, Alan Greensmith: Vögel. Dorling Kindersly Limited, London 1993,2000, ISBN 3-8310-0785-3.
  • James A. Jobling: Helm Dictionary of Scientific Bird Names. Christopher Helm, London 2010, ISBN 978-1-4081-2501-4.
  • Louis Pierre Vieillot, Paul Louis Oudart: La Galerie des Oiseaux. Band 1. Carpentier-Méricourt, Paris 1824 (biodiversitylibrary.org – a).
  • Louis Pierre Vieillot, Paul Louis Oudart: La Galerie des Oiseaux. Band 1: (Tafeln). Carpentier-Méricourt, Paris 1824 (biodiversitylibrary.org – b).
  • Adolphe Boucard: Genera of humming birds: being also a complete monograph of these birds. Pardy & Son, Bournemouth 1893, S. 55–107 (biodiversitylibrary.org).
  • George Robert Gray: A list of the genera of birds: with their synonyma an indication of the typical species of each genus / compiled from various source. R. and J.E. Taylor, London 1840 (biodiversitylibrary.org).
  • René Primevère Lesson: Histoire naturelle des oiseaux-mouches, ouvrage orné de planches desinées et gravée par les meilleurs artistes et dédié A S. A. R. Mademoiselle 81 Tafeln (Jean-Gabriel Prêtre, Antoine Germaine Bévalet, Marie Clémence Lesson nach Louis Pierre Vieillot, Antoine Charles Vauthier nach William Swainson, Pancrace Bessa, Elisa Zoé Dumont de Sainte Croix). Arthus-Bertrand, Paris 1829 (gdz.sub.uni-goettingen.de).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Riesenkolibri (Patagona gigas) – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jimmy A. McGuire, Christopher C. Witt, Douglas L. Altshuler, J. V. Remsen: Phylogenetic Systematics and Biogeography of Hummingbirds: Bayesian and Maximum Likelihood Analyses of Partitioned Data and Selection of an Appropriate Partitioning Strategy. In: Systematic Biology. Band 56, Nr. 5, 1. Oktober 2007, ISSN 1076-836X, S. 837–856, doi:10.1080/10635150701656360 (oup.com [abgerufen am 1. November 2021]).
  2. a b Jimmy A. McGuire, Christopher C. Witt, J. V. Remsen, R. Dudley, Douglas L. Altshuler: A higher-level taxonomy for hummingbirds. In: Journal of Ornithology. Band 150, Nr. 1, Januar 2009, ISSN 2193-7192, S. 155–165, doi:10.1007/s10336-008-0330-x (springer.com [abgerufen am 1. November 2021]).
  3. Hummingbirds – IOC World Bird List. Abgerufen am 1. November 2021 (amerikanisches Englisch).
  4. IOC World Bird List Hummingbirds
  5. a b Adolphe Boucard, S. 61.
  6. a b Louis Pierre Vieillot (1824a), S. 296.
  7. Louis Pierre Vieillot (1824b), Tafel 180.
  8. a b Multi-ethnic bird guide of the sub-Antarctic forests of South America. In: Choice Reviews Online. Band 48, Nr. 05, 1. Januar 2011, ISSN 0009-4978, S. 48–2678–48–2678, doi:10.5860/choice.48-2678 (doi.org/10.5860/choice.48-2678 [abgerufen am 1. November 2021]).
  9. George Robert Gray, S. 14
  10. René Primevère Lesson, S. 43, Tafel 3.
  11. René Primevère Lesson, S. 44.
  12. James A. Jobling, S. 173.