Risikofreier Zinssatz

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Ein risikofreier Zinssatz (oder risikoloser Zinssatz; englisch risk-free interest rate) ist in der Finanztheorie ein Referenzzinssatz, der auf einem Finanzmarkt für eine Geldanlage oder Investition von einem Schuldner gezahlt wird, bei dem nach allgemeiner Ansicht kein Finanzrisiko besteht, so dass Kreditzinsen und Rückzahlung pünktlich und vollständig geleistet werden können. Es ist mithin kein Ausfallrisiko vorhanden.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Referenzzinssatz bedeutet, dass der risikofreie Zinssatz als Vergleichsgrundlage (Benchmark) für einen hiervon abweichenden Zinssatz oder die Performance herangezogen wird.[1] Risikolos ist eine Geldanlage oder Investition, wenn sie weder Ausfall-, Zinsänderungs- noch Währungskursrisiken aufweist.[2] Der risikofreie Zinssatz ist mithin definitionsgemäß die Rendite einer Geldanlage oder Investition, die weder einem Emittentenrisiko noch Rendite- oder Währungsschwankungen unterliegt.[3]

Während der Begriff „risikoloser Zinssatz“ ein feststehender Begriff in der Finanzmarkttheorie und Bestandteil vieler gängiger Kapitalmarktmodelle[4] ist, gibt es keine feststehenden Vorschriften, wie er zu bestimmen ist, und er wird als solcher auch nicht offiziell ermittelt.

Auswahl des Referenzzinssatzes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Vielzahl der Zinssätze (mehrere Geldmarktzinsen, Kapitalmarktzinsen, Kreditzinsen) macht eine Entscheidung, welcher hiervon als risikoloser Zinssatz fungieren soll, schwer. Der Emittent muss dabei die Anforderung erfüllen, dass es kein Emittentenrisiko gibt. Als Wertpapiere mit einem risikofreien Zinssatz gelten mit einem Triple A gerateten Staatsanleihen wie beispielsweise Bundeswertpapiere. Wegen der höheren Marktliquidität werden Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren bevorzugt.[5] Für Anlagen bis einem Jahr Laufzeit verwendet man entweder die Renditen kürzer laufender Bundeswertpapiere oder börsentäglich öffentlich festgestellte Interbankenzinssätze, z. B. den EURIBOR. Die englischsprachige Fachliteratur nennt allgemein die 3-Monats-Treasury Bills der US-Regierung, da diese durch die kurze Laufzeit kaum durch Inflation oder Zinsänderungen verändert wird.[6]

Berechnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sharpe-Quotient als betriebswirtschaftliche Kennzahl setzt für ein zinstragendes Finanzprodukt, Finanzinstrument oder Wertpapierportfolio die Überrendite gegenüber dem risikofreien Zinssatz ins Verhältnis zur Volatilität des Portfolios :[7]

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Die Differenz zwischen diesem risikolosen Zinssatz und dem zu vergleichenden Zinssatz wird Credit Spread (Risikoprämie) genannt.[8] Je mehr die Bonität eines Emittenten (Emittentenrisiko) von diesem Zinssatz negativ abweicht, umso höher ist der Credit Spread.

Wirtschaftliche Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Schaffung von Anlageklassen (Rating) wird mit dem risikofreien Zinssatz eine Ausgangsbasis geschaffen.[9] Alle mit dem gleichen Rating versehenen Finanzprodukte gehören zu einer einheitlichen Anlageklasse.

Der risikofreie Zinssatz wird angewendet unter anderem bei Alphafaktor, Black-Scholes-Modell, Capital Asset Pricing Model, Marktrisikoprämie, Portfolio Selection oder Sharpe-Quotient. Die Überrendite (englisch excess return) ist der Spread der Rendite eines Wertpapierportfolios und dem risikofreien Zinssatz.[10][11] Sie wird verwendet, um die Performance mit Hilfe des Sharpe-Quotienten beurteilen zu können.

Bei der Investition ergibt sich die investitionsspezifische Eigenkapitalverzinsung aus dem risikolosen Zinssatz, der Marktrisikoprämie und dem Betafaktor der Investition.[12]

Der risikofreie Zinssatz enthält keine Risikoprämie, die auf effizienten Finanzmärkten als Aufschlag zusätzlich neben dem risikofreien Zinssatz bezahlt werden muss.[13] Deshalb liegen die verschiedenen Formen der Marktzinsen über dem risikofreien Zinssatz.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christoph Schumacher/Hubertus Bäumer/Tobias Pfeffer/Verena Rock, Praxishandbuch Immobilienfondsmanagement und -investment, 2019, S. 29
  2. Heike Langguth, Kapitalmarktorientiertes Wertmanagement, 2008, S. 67
  3. Matthias Fackler/Ulrich Schacht, Praxishandbuch Unternehmensbewertung, 2005, S. 110
  4. Peter Steiner, Wertpapieranalyse, 4. Auflage, Physica, Heidelberg, 2001, S. 155 f.
  5. Tom Copeland/Tim Koller/Jack Murrin (Hrsg.), Unternehmenswert: Methoden und Strategien für eine wertorientierte Unternehmensführung, 2002, S. 266; ISBN 978-3-593-36895-5
  6. John Downes/Jordan Elliot Goodman, Dictionary of Finance and Investment Terms, 4th ed; Barron's Educational Series, Hauppauge/Nwe York, 1995, ISBN 0-8120-9035-7
  7. Ludwig Gramlich/Roland Eller/Wolfgang Grill (Hrsg.), Gabler Bank Lexikon, Band 1, 1995, S. 1534
  8. Matthias Fackler/Ulrich Schacht, Praxishandbuch Unternehmensbewertung, 2005, S. 121
  9. Ulrich Becker, Lexikon Terminhandel, 1994, S. 533
  10. Ludwig Gramlich/Roland Eller/Wolfgang Grill (Hrsg.), Gabler Bank Lexikon, Band 1, 1995, S. 1534
  11. Bernd R. Fischer, Performanceanalyse in der Praxis, 3. Auflage, Oldenbourg, München, 2009, S. 440 (Fußnote)
  12. Torsten Henzelmann, Capital Asset Pricing Model, in: :Wolfgang Lück (Hrsg.), Lexikon der Betriebswirtschaft, 2004, S. 116 f.
  13. Marcus R.W. Martin/Stefan Reitz/Carsten Wehn, Kreditderivate und Kreditrisikomodelle, 2006, S. 3