Ritchie Boys

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Als Ritchie Boys bezeichnet man die Absolventen des Military Intelligence Training Center oder Camp Ritchie genannten Ausbildungszentrums der United States Army während des Zweiten Weltkriegs. Die etwa 9000 Teilnehmer waren vorwiegend junge Emigranten aus Deutschland und Österreich, meist Juden, die in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat gefunden hatten.[1][2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Camp Ritchie, Maryland, wurden die Ritchie Boys mit einem speziellen Trainingsprogramm auf ihren Einsatz in Europa vorbereitet. In Zusammenarbeit mit den amerikanischen Streitkräften sollten sie Deutschland besetzen. Als Deutschland den USA den Krieg erklärte, wurden die „Ritchie Boys“ zu einem kriegswichtigen Teil der alliierten Armee. Sie kannten die psychische Befindlichkeit der Deutschen und sprachen ihre Sprache. Ihr Aufgabengebiet bestand darin, den Gegner zu erforschen, zu demoralisieren und somit zur bedingungslosen Kapitulation zu bewegen. Zu diesem Zweck erlernten sie im Camp Ritchie u. a. Methoden der modernen psychologischen Kriegführung.

Die ersten Ritchie Boys trafen ab dem Folgetag des D-Day[3], nach dem Landungstruppen mit den anderen alliierten Truppen in Europa ein. Kurz nach Erreichen des Festlandes verließen sie ihre eigentlichen Einheiten und verfolgten ihre Spezialaufgaben, darunter die, die Alliierten mit wichtigen Informationen über ihren Gegner zu versorgen. Systematisch wurden Kriegsgefangene und Überläufer verhört, meist in Gefangenenlagern direkt hinter der Front. So konnten die Ritchie Boys Informationen über Truppenstärke, Truppenbewegungen und die physische und psychische Situation der Deutschen an die Alliierten weitergeben. Wie Guy Stern in seinen 2022 auf Deutsch veröffentlichten Erinnerungen berichtet, reichte die Truppenführung zahlreiche Anfragen an die Ritchie Boys weiter, etwa nach exakten Koordinaten von reichsdeutschen Fabriken und Produktionsanlagen, die diese möglichst unauffällig bei den Gefangenen zu recherchieren hatten.

Viele bekannte Persönlichkeiten wurden im Camp Ritchie ausgebildet, darunter der schon gegannte Gui Stern, Hans Habe, Stefan Heym, Hanuš Burger, David Robert Seymour, Victor Brombert, Werner Angress und Georg Kreisler.[4] Auch Klaus Mann war für knapp einen Monat im Camp stationiert. Er wurde dort sogar zum Staff Sergeant befördert, durfte dann aber doch nicht mit dem Truppentransport im Mai 1943 zur Landung auf Sizilien (Operation Husky) auslaufen, weil er zu diesem Zeitpunkt noch keine amerikanische Staatsbürgerschaft besaß; erst Anfang 1944 wurde er der 5. US-Armee zugeteilt und in Süditalien eingesetzt. Ritchie Boys waren aber auch weniger bekannte Personen wie Joachim von Elbe, Kurt Klein, Eric F. Ross oder Hans Spear. Insgesamt, so Stern, soll die US-Army rund 1.500, die meisten deutsche und französische Emigranten, für diese Spezialaufgaben ausgebildet haben.

Nach dem Krieg dolmetschten Ritchie Boys während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse, besetzten in der US-Militärregierung wichtige Verbindungsstellen oder halfen beim Aufbau einer demokratischen Presselandschaft in Westdeutschland.[5] Viele der Ritchie Boys machten zudem Karriere in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft.[6]

Obwohl diese Abteilung durch ihre Arbeit einen wichtigen Beitrag für den Erfolg der USA im Zweiten Weltkrieg leistete, blieb sie der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, bis sich der Dokumentarfilmer Christian Bauer 2004 ihrer Geschichte annahm.[5]

Die meisten Dokumente betreffend Camp Ritchie waren im U.S. Nationalarchiv in St. Louis eingelagert. Bei einem Feuer im Jahr 1973 wurden beinahe 80 Prozent der Dokumente zerstört, sodass die Forschung sich seither überwiegend auf mündliche Informationen stützen muss.[7]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Ritchie Boys. Dokumentarfilm, 93 Min., Buch und Regie: Christian Bauer, Produktion: Tangram Christian Bauer Filmproduktion, Ko-Produktion: BR, WDR, MDR u. a., Uraufführung: 23. April 2004, Hot Docs Toronto
  • Hass auf Hitler: Die Ritchie Boys. Kurzfassung, 45 Min., Erstausstrahlung ARD, 9. Mai 2005

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jewish Currents: D-Day and the Ritchie Boys "...9,000 (some sources say 16,000)..." (Memento vom 25. März 2014 im Internet Archive)
  2. Dallas Observer / Dallas Holocaust Museum
  3. Guy Stern in „Wir sind nur noch wenige“, Aufbau 2022
  4. Tanja Krienen zum Buch: Georg Kreisler: Gibt es gar nicht georgkreisler.de (abgerufen am 13. August 2013)
  5. a b Eike Frenzel: Amerikas deutsche Waffe gegen Hitler, Artikel auf Spiegel Online/Eines Tages (abgerufen am 13. August 2013)
  6. Die Ritchie Boys (Memento vom 16. Januar 2016 im Internet Archive), Artikel bei Arte.tv vom 7. Oktober 2009, (abgerufen am 13. August 2013)
  7. Joshua Franklin: Victim Soldiers: German-Jewish Refugees in the American Armed Forces during World War II (Memento vom 30. September 2012 im Internet Archive), Seite 53, Fußnote 34. Von Debórah Dwork