Ritonavir

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Strukturformel
Strukturformel von Ritonavir
Allgemeines
Freiname Ritonavir
Summenformel C37H48N6O5S2
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 155213-67-5
EG-Nummer 605-001-5
ECHA-InfoCard 100.125.710
PubChem 392622
ChemSpider 347980
DrugBank DB00503
Wikidata Q422618
Arzneistoffangaben
ATC-Code

J05AE03

Wirkstoffklasse

Proteaseinhibitor

Wirkmechanismus

Hemmung der HIV-Protease

Eigenschaften
Molare Masse 720,96 g·mol−1
Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
07 – Achtung 08 – Gesundheitsgefährdend

Achtung

H- und P-Sätze H: 302​‐​319​‐​351​‐​361
P: ?
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Ritonavir (RTV) ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der HIV-Proteaseinhibitoren und wird zur Therapie von HIV-Infektionen und AIDS eingesetzt. Im Zuge einer sogenannten hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART = highly active antiretroviral therapy) wird es mit anderen Wirkstoffen (nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NRTI) und nichtnukleosidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren (NNRTI)) kombiniert, um deren Wirkstärke zu erhöhen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ritonavir wurde von Abbott Laboratories entwickelt und im März 1996 von der amerikanischen FDA zugelassen. Es gehörte damit zu den ersten antiretroviralen Arzneistoffen dieser Klasse. Unter dem Handelsnamen Kaletra wurde die Kombination der beiden Proteaseinhibitoren Lopinavir und Ritonavir zugelassen. Ritonavir ist auch Bestandteil der Kombinationstherapie Viekirax® von AbbVie zur Behandlung von Hepatitis C.

Eine Kombination von Lopinavir und Ritonavir wird in klinischen Studien gegen COVID-19 erprobt.[2]

Wirkungsmechanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ritonavir ist ein starker Hemmer des körpereigenen Leberenzyms Cytochrom P450 CYP3A4, das maßgeblich an der Umwandlung von Proteaseinhibitoren zu unwirksamen Metaboliten beteiligt ist. Damit ist es möglich, Proteaseinhibitoren geringer zu dosieren („Ritonavir-Boosterung“).[3] Auch die antivirale COVID-19 Therapie mit PF-07321332 erfolgt in fixer Kombination mit Ritonavir (Paxlovid®), um eine geringere PF-07321332-Dosierung zu ermöglichen.

Die deutliche Hemmung von CYP3A4 kann bei der Therapie mit weiteren Medikamenten ein Problem darstellen, da CYP3A4 auch für den Abbau zahlreicher anderer Wirkstoffe verantwortlich ist. Hierdurch kann es zu Wechselwirkungen im Sinne einer Überdosierung oder eines Wirkverlustes in Abhängigkeit des jeweiligen Wirkstoffes kommen.[4]

Nebenwirkungen und Kontraindikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übelkeit, Diarrhöe; infolge der Hemmung des Leberstoffwechsels kommt es zu zahlreichen Interaktionen mit anderen Arzneistoffen (Steroidhormone, Antihistaminika, Calciumantagonisten, trizyklische Antidepressiva, Neuroleptika, Antimykotika, Opioide). Außerdem ist ein Anstieg von Transaminasen zu beobachten. Andere Interaktionen haben noch weitaus gefährlichere Konsequenzen. So wurden mehrere Todesfälle nach gleichzeitiger Einnahme von Ritonavir und Amphetaminen bzw. MDMA/Ecstasy oder dem gern als Freizeitdroge verwendeten Narkotikum 4-Hydroxybutansäure („Liquid Ecstasy“) publiziert (Henry 1998, Harrington 1999, Hales 2000). Insbesondere Ritonavir inhibiert den Metabolismus von Amphetaminen (Speed) oder MDMA (Ecstasy), Ketaminen oder LSD (Übersicht in: Antoniou 2002).

Handelsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monopräparate: Norvir (D, A, CH)

Kombinationspräparate: Kombination mit Lopinavir: Kaletra (D, A, CH)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vorlage:CL Inventory/nicht harmonisiertFür diesen Stoff liegt noch keine harmonisierte Einstufung vor. Wiedergegeben ist eine von einer Selbsteinstufung durch Inverkehrbringer abgeleitete Kennzeichnung von 1,3-thiazol-5-ylmethyl N-[(2S,3S,5S)-3-hydroxy-5-[(2S)-3-methyl-2-{[methyl({[2-(propan-2-yl)-1,3-thiazol-4-yl]methyl})carbamoyl]amino}butanamido]-1,6-diphenylhexan-2-yl]carbamate im Classification and Labelling Inventory der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA), abgerufen am 13. November 2021.
  2. Anja Martini, Christian Drosten: Coronavirus-Update. (PDF) Folge 22. In: ndr.de. Norddeutscher Rundfunk, 26. März 2020, S. 4 f., abgerufen am 27. März 2020.
  3. B. M. Shah, J. J. Schafer, J. Priano, K. E. Squires: Cobicistat: a new boost for the treatment of human immunodeficiency virus infection. In: Pharmacotherapy. Band 33, Nummer 10, Oktober 2013, S. 1107–1116, doi:10.1002/phar.1237, PMID 23471741.
  4. Avoxa-Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH: Cytochrome P450: Enzymfamilie mit zentraler Bedeutung. Abgerufen am 11. November 2021.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]