Rittergut

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Rittergut Sellendorf (Brandenburg) um 1860, Sammlung Alexander Duncker

Ein Rittergut (lat. praedium nobilium sive equestrium) war ein Landgut, mit dessen Besitz durch Gesetz oder Gewohnheitsrecht Vorrechte des Grundherrn, insbesondere Steuerbefreiungen und die Landtagsfähigkeit, verbunden waren.

Entstehung und Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rittergut Niedertopfstedt um 1860, Sammlung Alexander Duncker
Rittergut Maldeuten um 1860, Sammlung Alexander Duncker
Rittergut Cronheim, mit Schloss, Wehrkirche, Allodium (Vorwerk) und Zehntscheune

Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation sollten mit der Übertragung eines Rittergutes Vorrechte für den Besitzer geschaffen werden, insbesondere Befreiungen von den sonst auf ländlichen Gütern haftenden Steuern und bäuerlichen Lasten. Damit sollte ursprünglich ein Ausgleich für die im Mittelalter dem grundbesitzenden Ritterstand obliegende Verpflichtung zu Ritterdiensten geboten werden. Die Ritter waren als Vasallen und Ministeriale für den Lehnsherren zum Kriegsdienst zu Pferde und später auch zu Geldleistungen (Ritterpferdgeldern) verpflichtet.

Außerdem waren mit den Rittergütern noch weitere Vorrechte verbunden. Insbesondere war in den Ständeordnungen des Mittelalters und in einigen Gegenden bis in die frühe Neuzeit mit den Gütern das Landstandsrecht, die Patrimonialjurisdiktion, die lokale Polizeigewalt und oft auch das Patronatsrecht verbunden. Diese Vorrechte, deren Besitz ursprünglich als Personalrechte durch die Zugehörigkeit zum Adelsstand gegeben waren, wurden mit der Zeit in Form eines Realrechts als Zubehör der Rittergüter selbst angesehen (nobilitas realis).

Seit dem 14. Jahrhundert wurden die alten Lehensheere durch Söldnertruppen ersetzt, was zum Ende des Ritterdienstes führte. Danach wandten sich die Rittergutsbesitzer häufig der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung ihrer Güter zu. Mit dem Wegfall des Ritterdienstes wurden in den meisten Staaten auch die mit dem Rittergut verbundenen Vorrechte wesentlich beschränkt oder gänzlich beseitigt. Später wurden daher auch die ritterschaftlichen Güter steuerpflichtig.

Zur Verteidigung ihrer politischen Rechte organisierten sich die Besitzer von Rittergütern im Spätmittelalter in manchen Regionen in Verbänden, den sogenannten Ritterschaften. Diese übten politische Mitbestimmungsrechte in den Landtagen aus. Dort bildeten die Rittergutsbesitzer die Ritterschaft innerhalb der Landstände. In Preußen und auch in anderen Staaten wurden wegen ihrer Bedeutung für die ständischen und landschaftlichen Wahlen Verzeichnisse der Rittergüter geführt, die sogenannten Rittergutsmatrikel, als Verzeichnis der jeweiligen Güter sowie ihrer aktuellen Gutsbesitzer. Nur den immatrikulierten Gutsbesitzern stand die Landstandschaft zu. Darüber hinaus war der Rittergutsbesitzer nicht nur Landbesitzer und Arbeitgeber, sondern - bis zur Bauernbefreiung - Inhaber einer Grundherrschaft mit Hintersassen oder Leibeigenen; auch hatte er zumeist die Niedere Gerichtsbarkeit inne, in selteneren Fällen auch die Hohe Gerichtsbarkeit. Er übte damit zugleich obrigkeitliche und rechtsprechende Funktionen aus.

Während ursprünglich nur ein Adliger Rittergutsbesitzer sein durfte, konnten später auch Bürgerliche Rittergüter erwerben. Bereits im 17. Jahrhundert gab es bürgerliche Rittergutsbesitzer, seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stieg die Zahl stark an. Mit dem Erwerb eines Rittergutes gingen auch die mit dem Gut verbundenen Realrechte auf den nun bürgerlichen neuen Eigentümer über.

In den moderneren Verfassungen, so in der preußischen Verfassung von 1850, wurde dieses Recht einer besonderen Vertretung der Rittergutsbesitzer in den Landtagen oft vollständig aufgehoben. In Preußen kam den Rittergütern danach aber noch eine Bedeutung für die Kreis- und Provinzialversammlungen zu. Rittergüter in Preußen bildeten meist eigene kommunalrechtliche Gutsbezirke, die neben der meist gleichnamigen Landgemeinde bis etwa 1929 bestanden. In Mecklenburg, das nie zu Preußen gehörte, bestand die allgemeine Landstandschaft der Rittergutsbesitzer noch bis 1918, in Niedersachsen existiert sie bis heute (siehe unten Gegenwart).

Der wirtschaftliche Betrieb des meist weit ausgedehnten Grundbesitzes eines solchen Gutes erforderte bestimmte Gebäude. Diese bestanden aus einem Herrenhaus, oft auch einem Verwaltergebäude, aus Stallungen verschiedener Art und Größe, Scheunen, Molkereigebäuden, manchmal einer Brennerei oder Brauerei, sowie den nötigen Wohnungen für die Arbeiter. Bei der Anlage der Güter herrschte der Grundsatz, dass Aufbau und Unterhaltung aus den Erträgen des Gutes zu beschaffen waren und die Ertragsgrenzen demnach nicht überschritten werden durften.

Vorbedingungen und Vorrechte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit den Rittergütern waren Verpflichtungen und Privilegien verbundenen. An das Gut waren staatsrechtliche Befugnisse in Form von Realrechten gebunden – Rechte, die nur dem jeweiligen Rittergutsbesitzer zustanden. Die staatsrechtlichen Befugnisse waren also unmittelbar mit dem Betrieb verbunden und gingen bei Übertragung auf den neuen Eigentümer über. Dieser musste sich dann in der jeweiligen Ritterschaft gegen Zahlung einer Aufnahmegebühr immatrikulieren lassen.

Ein Rittergut musste eine Mindestgröße besitzen, um dem in der Regel adligen Eigentümer eine unabhängige und damit standesgemäße Existenz zu ermöglichen; die mögliche zusätzliche Ausübung eines bürgerlichen Berufs war hierbei irrelevant. In Preußen betrug dieses Mindestmaß am Ende des 18. Jahrhunderts zwischen 40 und 80 Morgen (10 bis 20 Hektar), jeweils abhängig von der Bodenqualität und den Rechtsvorschriften der einzelnen Landesprovinzen. Weitere Voraussetzung ist ein sogenanntes castrum nobile, also die Existenz eines Herrenhauses. In Brandenburg zählte um das Jahr 1900 ein Rittergut ab einem Grundsteuerreinertrag von 1500 Mark jährlich zum Großgrundbesitz; abhängig von der Bodenqualität war dazu ein Grundeigentum von 100 bis 200 Hektar Voraussetzung. Die Regelung wurde jedoch nicht starr gehandhabt.[1]

Zu einem Rittergut gehörte vor allem die Befreiung von bäuerlichen und öffentlichen Lasten (Steuern, Einquartierung, Fronen etc.), zu denen der Ritterdienst ehemals als Äquivalent gegolten hatte, ferner Landstandschaft, Patrimonialgerichtsbarkeit, Jagdgerechtigkeit, Fischerei, Braugerechtigkeit, und andere Bannrechte.

Vergleichbare Gutsformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Gutsformen waren das Allod, das in Schleswig-Holstein verbreitete Adlige Gut und das Kanzleigut. Im Bayerischen Reichskreis gab es die Hofmarken und Landsassengüter. Die Hofgüter der Landesherren wurden als Domänen oder Kammergüter bezeichnet, in Preußen als Schatullgüter.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis heute existieren die Ritterschaften noch in Schleswig-Holstein (wo die Rittergüter die Bezeichnung Adliges Gut führen, unabhängig von der Zuordnung ihres jeweiligen Besitzers zum historischen Adels- oder Bürgerstand) und in Niedersachsen.

In Schleswig-Holstein blieben die Gutsbesitzer bis zur Auflösung der Gutsbezirke 1928 „Obrigkeit der untersten Verwaltungsebene“, also praktisch Bürgermeister, legitimiert aus dem Grundeigentum für den Gutsbezirk. Danach wurde die Schleswig-Holsteinische Ritterschaft ein Verbund von Familien, welche die Adligen Güter als private landwirtschaftliche Betriebe führen. Gemeinsam mit der Ritterschaft des vormaligen Herzogtums Lauenburg ist sie Träger eines privaten Vereins, der Ritterschaftlichen Gesellschaft Schleswig-Holstein/Lauenburg e.V.[2]

Das Gebäude der Ritterschaft und der Landschaft des vormaligen Fürstentums Lüneburg in Celle
Sitz der Calenberg-Grubenhagenschen Landschaft in Hannover

In Niedersachsen sind die Ritterschaften keine privaten Vereine, sondern Körperschaften des öffentlichen Rechts und durch Artikel 72 der Niedersächsischen Verfassung in ihrem Bestand geschützt. Regional organisiert sind sie nach den früheren Fürstentümern. Mitglieder sind nach wie vor die Besitzer der in den Rittergutsmatrikeln immatrikulierten Rittergüter, sofern diese sowohl über eine Mindestgröße an landwirtschaftlicher Betriebsfläche (ob selbstbewirtschaftet oder verpachtet) sowie über ein Castrum (also ein Herrenhaus) verfügen; anderenfalls erlischt oder ruht die Mitgliedschaft. Sie ist ebenfalls unabhängig von der Zugehörigkeit des jeweiligen Rittergutsbesitzers zum historischen Adels- oder Bürgerstand. Die Ritterschaften besitzen teilweise noch ihre alten Ständehäuser, wo sie ihre Versammlungen abhalten.

Auch die ständischen Rechte blieben in Rudimenten bis heute erhalten, etwa durch die Mitgliedschaft der Ritterschaften in einer Landschaft (Landstände), und zwar den Landschaften und Landschaftsverbänden in Niedersachsen, so der Ritterschaft des Herzogtums Bremen als Mitglied der Landschaft der Herzogtümer Bremen und Verden, der Lüneburger Ritterschaft als Mitglied der Landschaft des vormaligen Fürstentums Lüneburg, der Osnabrücker Ritterschaft als Mitglied der Landschaft des vormaligen Fürstentums Osnabrück, der Schaumburger Ritterschaft als Mitglied der Schaumburger Landschaft, der Hoya-Diepholzschen Ritterschaft als Mitglied der Hoya-Diepholzschen Landschaft, der Ritterschaft des ehemaligen Hochstifts Hildesheim als Mitglied der Landschaft des vormaligen Fürstentums Hildesheim, der Ritterschaft des vormaligen Fürstentums Calenberg-Grubenhagen-Göttingen als Mitglied der Calenberg-Grubenhagenschen Landschaft; Letztere ist auch Mitglied im Landschaftsverband Südniedersachsen und Landschaftsverband Hameln-Pyrmont. Die Ritterschaften von Hildesheim und Calenberg sind darüber hinaus bis heute Träger des Calenberger Kreditvereins, einer öffentlich-rechtlichen Hypotheken- und Pfandbriefbank und die Bremische Ritterschaft ist Trägerin des Ritterschaftlichen Kreditinstituts Stade. Auch die Ritterschaft des alten Herzogtums Braunschweig führte bis 1991 eine eigene Bank.

Im Gegensatz zu den niedersächsischen Körperschaften sind die traditionsreiche Althessische Ritterschaft sowie die Rheinische Ritterschaft heute privatrechtlich organisierte Adelsvereine, denen im ersten Fall die immatrikulierten landsässigen Familien in ihrer Gesamtheit und im zweiten Fall die dem historischen Adel zuzurechnenden Besitzer der Rittergüter in der früheren preußischen Rheinprovinz angehören. Die Baltischen Ritterschaften sind ebenfalls Traditionsvereinigungen ehemals landgesessener Familien aus dem Baltikum.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manfred Wilde: Die Ritter- und Freigüter in Nordsachsen. Ihre verfassungsrechtliche Stellung, ihre Siedlungsgeschichte und ihre Inhaber (= Aus dem Deutschen Adelsarchiv. Bd. 12). C. A. Starke, Limburg/Lahn 1997, ISBN 3-7980-0687-3 (Zugleich: Chemnitz, Technische Universität, Dissertation, 1996).
  • Axel Flügel: Bürgerliche Rittergüter. Sozialer Wandel und politische Reform in Kursachsen (1680–1844) (= Bürgertum. Bd. 16). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2000, ISBN 3-525-35681-1 (Digitalisat).
  • René Schiller: Vom Rittergut zum Grossgrundbesitz. Ökonomische und soziale Transformationsprozesse der ländlichen Eliten in Brandenburg im 19. Jahrhundert (= Elitenwandel in der Moderne. Bd. 3). Akademie-Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-05-003449-1 (Digitalisat).
  • Sabine Bock: Gutsanlagen und Herrenhäuser. Betrachtungen zu den historischen Kulturlandschaften Mecklenburg und Vorpommern. Hrsg. von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern. Thomas Helms Verlag Schwerin 1996, 2. erweiterte und überarbeitete Auflage 2001, 3. überarbeitete Auflage 2007.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rittergüter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. René Schiller: Vom Rittergut zum Grossgrundbesitz. Berlin 2003, S. 183f.
  2. Website der Schleswig-Holsteinischen Ritterschaft