Rius

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Dieser Artikel behandelt den mexikanischen Intellektuellen, für den Mathematiker siehe José Rius
Rius-Charaktere an einem Museum in Mexiko-Stadt

Eduardo Humberto del Río García (* 20. Juni 1934 in Zamora, Michoacán in Mexiko) bekannt unter seinem Künstlernamen Rius ist ein mexikanischer Humorist, politischer Cartoonist und Autor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Del Ríos Vater verstarb, als der Sohn erst sechs Monate alt war. Die alleinerziehende Mutter zog mit den insgesamt drei Söhnen in der Folge aus der Provinzstadt Zamora zu ihrer Schwester nach Mexiko-Stadt, um dort bessere Möglichkeiten zu finden, die Familie zu ernähren. Wie seine Brüder besuchte del Río nach fünf Jahren in einer kirchlichen Grundschule ein salesianisches Priesterseminar, das er jedoch 1950 nach sieben Jahren verließ.[1] Schon sein drei Jahre älterer Bruder Gustavo hatte Karikaturen und Comics gezeichnet, sich aber für die Fortsetzung der Priesterausbildung entschieden.[2] Nach verschiedenen Gelegenheitsjobs arbeitete Eduardo del Río später als Verwaltungsangestellter in einem Bestattungsinstitut. Dabei lernte er 1954 zufällig den Direktor der Humor-Zeitschrift Ja-já kennen, dem seine Skizzen auffielen und ihn daraufhin zur Mitarbeit einlud.[3] In der Folge veröffentlichte er als Autodidakt Zeichnungen in verschiedenen Magazinen und Zeitungen, vor allem zu aktuellen politischen Themen. Seinen Künstlernamen „Rius“ wählte er als Latinisierung seines Familiennamens.[4]

Del Río war als aktives Mitglied zunächst ab 1964 in der marxistisch-leninistischen Partido Comunista de México (PCM) engagiert,[3] die er 1968 aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings verließ.[5] Bereits vor seinem Parteieintritt war er in die Sowjetunion gereist, wohin er auch noch nach seinem Austritt eingeladen wurde.

Neben seinem politischen Wirken in Mexiko hatte er eine besondere Beziehung zu Kuba: Bereits vor dem Sieg der Kubanischen Revolution im Januar 1959 hatte er von Mexiko aus als politischer Cartoonist Fidel Castros Bewegung des 26. Juli unterstützt, nachdem er mit einigen Exilkubanern Freundschaft geschlossen hatte. Kurz nach der Flucht Fulgencio Batistas reiste er dann 1959 auf Einladung der Revolutionsregierung nach Havanna. Er vertiefte seine Kontakte, arbeitete in der Folge für regierungseigene Medien und Verlage und unterstützte das revolutionäre politische Projekt mit insgesamt drei Büchern.[6] Cuba para principiantes („Kuba für Anfänger“, 1966), seine erste Buchveröffentlichung, entstand im Auftrag der Kommunistischen Partei Mexikos: Gemeinsam mit zwei weiteren mexikanischen Journalisten, die jeweils für den Text und die Fotografien des ursprünglich geplanten Buchs zuständig waren, unternahm del Río drei von den kubanischen Behörden unterstützte Recherchereisen, einschließlich eines zweistündigen Gesprächs mit Che Guevara.[7] Erst als seine Kollegen später ausfielen und das Buchprojekt zu scheitern drohte, entschied sich del Río, die gesammelten Informationen allein und in eigenem Stil umzusetzen. Von Castro distanzierte sich Rius nach dem Fall des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa ausdrücklich und stellte seinem frühen Erklärbuch im Anschluss an eine 1993 durchgeführte Kuba-Reise 1994 mit Lástima de Cuba eine dezidierte Kritik an dem autoritären Staatschef und dem von ihm errichteten diktatorischen System gegenüber.

In den 1980er Jahren war del Río in der sozialistischen Partido Mexicano de los Trabajadores aktiv und ging nach dem Sieg der Sandinisten über die rechtsgerichtete Somoza-Diktatur als freiwilliger Aufbauhelfer nach Nicaragua. Im Anschluss veröffentlichte er Carlos para todos, einen Erklärcomic über den FSLN-Gründer und die Symbolfigur der revolutionären Guerilla, Carlos Fonseca.[8]

In Mexiko unterstützte er 2006 den knapp gescheiterten Präsidentschaftswahlkampf von Andrés Manuel López Obrador (PRD).[3]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu del Ríos prägenden zeichnerischen Vorbildern gehörten der Mexikaner Abel Quezada und der ursprünglich rumänische US-Amerikaner Saul Steinberg.[2] Als einer der populärsten mexikanischen Cartoonisten hat Rius über 100 Bücher veröffentlicht. Er übt Kritik an den Mächtigen in Politik und Gesellschaft, dabei zielt er besonders oft auf rechtsgerichtete mexikanische Politiker, aber auch auf die US-Außenpolitik, mächtige Wirtschaftsunternehmen und die katholische Kirche. Sein Erfolg und seine lange Karriere haben ihn zu einem Bezugspunkt für die neuere Generation von politischen Cartoonisten in Mexiko gemacht.

Außer als politischer Presse-Zeichner war er auch als Buchautor und Herausgeber eigener Comics tätig. Seine 1965 gestartete regierungskritische Comic-Serie Los Supermachos – sie erreichte eine wöchentliche Auflage von 250.000 Exemplaren[9] – beendete er 1967 nach Differenzen mit dem Herausgeber, der mehrfach ohne Rücksprache mit dem Künstler Veränderungen vorgenommen hatte und sogar bereits andere Zeichner mit der Anfertigung eigener Episoden der Serie beauftragt hatte. Da del Río mit rechtlichen Mitteln an der weiteren Nutzung der von ihm etablierten Figuren bei einem anderen Verlag gehindert wurde, entwickelte er stattdessen die sozialkritische Comic-Serie Los Agachados („Die Underdogs“), die er in der Folge von 1968 bis 1981 erfolgreich in eigener Verantwortung veröffentlichte.

Seine erste Buchveröffentlichung, der Cartoon Cuba para principiantes („Kuba für Anfänger“) von 1966 war das erste einer Reihe von humorvoll-didaktischen Erklärbüchern großer Verbreitung, zu der auch Lenin para principiantes, Mao para principiantes und vor allem Marx para principiantes (1972) gehörte, das unter anderem in Deutschland seit 1974 als Karl Marx Riesen-Comic und Marx für Anfänger in mehreren Auflagen veröffentlicht wurde. Seine neuartige Verbindung aus Parteinahme und Humor im Genre des wissensvermittelnden Sachcomic sorgte für internationale Aufmerksamkeit und zahlreiche Nachahmungen.[10][11]

Ab April 1977 erstellte er auf Einladung des Publizisten Paco Ignacio Taibo I allwöchentlich eine Beilage für die Tageszeitung El Universal, die sich speziell an Kinder richtete und diese mit großer Themenvielfalt zum Erforschen und Kommunizieren anregen sollte. Nach acht Monaten wurde er entlassen, nachdem er eine Ausgabe dem 60. Jubiläum der Sowjetunion gewidmet hatte.[2]

In seinem typischen Cartoonstil verfasste er auch zwei Autobiografien: Zuerst 1995 Memorial: Rius para principiantes („Notizbuch: Rius für Anfänger“), das er 2014 unter dem Titel Mis confusiones: Memorias desmemorizadas („Meine Verwirrungen: vergessene Erinnerungen“) aktualisierte.[12] Der mexikanische Regisseur Alfonso Arau machte 1973 einen Film basierend auf Figuren aus Los Supermachos unter dem Titel Calzonzin inspector.[13]

1996 gründete er mit vier Partnern das seitdem vierzehntägig erscheinende Satiremagazin El Chamuco y los hijos del averno. In der Weihnachtsausgabe 2011 verkündete er dort, sich nach insgesamt 57 Arbeitsjahren zur Ruhe zu setzen.[14] Zweimal wurde er mit dem mexikanischen Nationalpreis für Journalismus ausgezeichnet: 1987 als bester Cartoonist und 2010 für sein journalistisches Lebenswerk.

Bücher (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • ¿Cuándo se empezó a xoder Méjico?, Grijalbo, Mexiko 2015
  • Mis confusiones: Memorias desmemorizadas, Grijalbo, Mexiko 2014
  • Lástima de Cuba: El grandioso fracaso de los hermanos Castro, Grijalbo, Mexiko 1993
  • Das illustrierte Kommunistische Manifest, Weltkreis, Dortmund 1984
  • Kapital-Verbrechen, Weltkreis, Dortmund 1984,
  • Hallo Nicaragua, Weltkreis, Dortmund 1983,
  • A-B-Che, Elefanten-Press, Berlin (West) 1982
  • Mao für Anfänger, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1980,
  • Marx für Anfänger, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1979
  • Karl Marx, Riesen-Comic, Diwan, Berlin (West) 1974

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rius: Rius para principiantes. Grijalbo, Mexiko 1995, S. 10–17 (spanisch)
  2. a b c Agustín Sánchez González: Eduardo Humberto del Río García y monos que lo acompañan, in: Confabulario vom 3. Dezember 2016, abgerufen am 8. Januar 2017 (spanisch)
  3. a b c Rosario Reyes: Rius, el cultivador del humor, in: El Financiero vom 25. Juni 2014, abgerufen am 6. Januar 2017 (spanisch)
  4. Álvaro Cepeda Neri: Las “Memorias desmemoriadas de Rius”, alias Eduardo del Río García, in: Contralínea vom 3. August 2014, abgerufen am 6. Januar 2017 (spanisch)
  5. Rius, un humorista sin partido que sigue siendo marxista, un marxista vegetariano que descree de soluciones para el mundo, se retira del periodismo in: Proceso vom 6. September 1997, abgerufen am 6. Januar 2017 (spanisch)
  6. Lástima de Cuba, auf der Homepage des Künstlers, abgerufen am 6. Januar 2017 (spanisch)
  7. Rodrigo Moya: Dos horas con el Che hace cuarenta años. in: La Jornada vom 8. Oktober 2004, abgerufen am 6. Januar 2017 (spanisch)
  8. Raúl H. Mora: Rius en Nicaragua, in: Proceso vom 8. August 1987, abgerufen am 9. Januar 2017 (spanisch)
  9. Mis super machos, auf der Homepage des Künstlers, abgerufen am 6. Januar 2017 (spanisch)
  10. Carsten Prien: Der große Bluff: Eine neue Reihe von Infocomics will mit wenig Text viel erklären, in: Süddeutsche Zeitung vom 20. Juni 2011, S. 12
  11. Eva Horvatic: Wissen im Sachcomic (im TibiaPress Verlag), in: MedienImpulse 4/2013, abgerufen am 6. Januar 2017
  12. Así es Rius, auf der Homepage des Künstlers, abgerufen am 6. Januar 2017 (spanisch)
  13. http://www.imdb.de/title/tt0069836/
  14. Aviso de mediana urgencia, in: El Chamuco vom 24. Dezember 2011, abgerufen am 6. Januar 2017 (spanisch)