Robert Johannes Classen

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Robert Johannes Classen (* 30. Oktober 1908 in Pulsnitz; † 4. August 1987 in Bischofswerda) war Amateurastronom und Begründer der Sternwarte Pulsnitz. Der Schwerpunkt seiner Arbeit lag bei Meteoriten und Meteoritenkraterforschung. Insgesamt brachte er im Eigenverlag 23 Schriften mit einer Gesamtauflage von etwa 60.000 Exemplaren, diverse Publikationen in Fachzeitschriften und als Mitautor astronomische Bücher heraus.

Lebenslauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jugend und Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johannes Classen in seiner Sternwarte in Pulsnitz
Die Kuppel der Sternwarte Pulsnitz 2009

Classen wurde am 30. Oktober 1908 im Haus Schlossstrasse 104 in Pulsnitz als Sohn von Johann Classen (* 21. Mai 1880; † 5. November 1929) und Emilia Rosa (* 22. Februar 1883; † 28. Juni 1933, geborene Voigt[1]) geboren. Nach dem Besuch der Volksschule in Pulsnitz wurde er Banklehrling und – wie sein Vater – Bankangestellter. Er lernte das Weben, das seit der Gründung des Leinenhaus Voigt 1796 durch seinen Ururgroßvater mütterlicherseits, Johann Gottlieb Voigt, Familientradition war.

Classen betrieb intensives Selbststudium, so dass er 1929 als Student der Philosophie an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin immatrikuliert wurde. Er hörte dort Vorlesungen von Albert Einstein, Max Planck und Hans Ludendorff, was sein Interesse für die Astronomie weckte. Gegen Ende der Weimarer Republik verteilte er gegen den NSD-Studentenbund gerichtete Flugblätter, woraufhin er die Universität verlassen musste. Er kehrte nach Pulsnitz zurück, übernahm das Leinenhaus Voigt und heiratete Herta Baer. 1929 verstarb sein Vater, 1933 die Mutter.

1934 wurde die Fassade des Leinenhauses umgestaltet und das zweistöckige Hauptgebäude der Sternwarte mit der zylinderförmigen Kuppel errichtet. Classen stellte dort einen 50 Zentner schweren Astrographen auf: ein 4,7 Meter langes Linsenfernrohr mit einer Objektivöffnung von 270 mm und eine Brennweite von 3820 mm. Zur Einrichtung gehörten auch Zusatzinstrumente, die alle auf den von ihm vorgesehenen Hauptarbeitsbereich, die Kolorimetrie, abgestimmt waren.

In den Jahren 1936 bis 1939 führte Classen die meisten seiner astronomischen Beobachtungen durch. Das geht aus den zahlreichen Beobachtungsberichten u. a. zur Nova Herculis 1934, zu Eta Aquilae, den Kometen Finsler und Rigollet, sowie zur Untersuchung der Milchstraße mittels Infrarotfotografien hervor.

Das Ehepaar Classen hatte 3 Kinder: Dagmar (* 31. März 1937), Magdalene (* 31. Mai 1939), Ludwig (* 31. Juli 1943).

1941 fand man im Reichsluftfahrtministerium die Artikel von Classen über dessen Methode, im Infrarotbereich zu fotografieren. Dadurch erhielt er die Aufforderung, eine Infrarotapparatur zum Aufsuchen feindlicher Flugzeuge am Nachthimmel zu entwickeln. Dafür lieferte er einige Entwürfe ab.

Im April 1945 schloss er sich als Antifaschist der 2. Polnischen Armee an.

1946 wurde die Ehe von Herta und Johannes Classen geschieden, die Kinder verblieben bei der Mutter.

Leben in der DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurze Zeit später heiratete Classen seine zweite Frau Hanni Gärtner, eine gebürtige Radebergerin, die aber bereits im September 1952 starb. Daraufhin schrieb er an den befreundeten Leiter der Sternwarte Potsdam: „Ich stehe nun völlig allein da und es ist auch völlig ungewiss, was aus meiner Sternwarte werden soll. Vielleicht weißt du einen Rat, denn du stehst ja jetzt mittendrin im astronomischen Leben.“

Der Empfehlung, sich für die Übernahme der Volkssternwarte Leipzig zu bewerben, folgte Classen nicht. Er blieb zeit seines Lebens Kaufmann und Astronom in Pulsnitz. Mit den Einnahmen aus dem Leinenhaus bestritt er seinen Lebensunterhalt und finanzierte seine astronomische Tätigkeit.

Classen verbreitete sein astronomisches Wissen auch auf populärwissenschaftlichen Wegen. Im Jahr 1948 tagten in seiner Sternwarte in Pulsnitz Schuldirektoren und Astronomen, um über die Einführung eines Astronomieunterrichtes an den Schulen zu beraten.

In den folgenden Jahren arbeitete Classen für die Urania und führte jedes Jahr hunderte Schüler, Brigadeausflügler und Jugendweihegruppen durch seine Sternwarte. Er hielt Vorträge und lud zu nächtlichen Beobachtungen an kleineren Fernrohren ein. Er bemühte sich, die Sternwarte als private Außenstelle einer wissenschaftlichen Einrichtung anzugliedern oder über eine solche Institution wissenschaftliche bzw. pädagogische Mitarbeiter einstellen zu lassen, was die Verhältnisse in der DDR aber nicht erlaubten. Stattdessen wurde er immer wieder aufgefordert, seine in Privateigentum stehenden Sammlungen und Forschungsinstrumente aufzugeben und sie verstaatlichen zu lassen, was ihn sehr bedrückte.

Classen baute, beginnend 1926 mit einem Stück des Meteoritenfalls von Mocs, eine Meteoritensammlung auf. Auf dem Gebiet der Meteoritenforschung arbeitete er mit anderen Wissenschaftlern zusammen, etwa mit Experten des Forschungsinstituts Manfred von Ardenne in Dresden oder dem Isotopen-chemischen Labor der Bergakademie Freiberg.

1955 lernte Classen, selbst ein begeisterter Theatergänger, anlässlich einer Theatervorstellung Gertraude Gollmann (* 11. April 1932) kennen. Es entwickelte sich eine Beziehung, aus der die gemeinsame Tochter Uta (* 26. Dezember 1963) hervorging. Ab 1966 wohnten Classen und Gollmann gemeinsam im Leinenhaus Voigt in Pulsnitz.

Zwischen 1965 und 1987 brachte Classen im Eigenverlag insgesamt 23 Schriften mit einer Gesamtauflage von etwa 60.000 Exemplaren heraus. Nebenher publizierte er Fachbeiträge in verschiedenen Zeitschriften wie Astronomie und Raumfahrt, Astronomische Rundschau, Sky and Teleskope, Urania und anderen.

In den siebziger Jahren beschäftigte er sich intensiv mit dem Mond. Meteorite und Meteoritenkraterforschung waren Classens Spezialthemen. Er brachte Kataloge und Karten zu 230 Meteoritenkratern auf der Erde heraus und informierte über 78 irrtümlich als solche eingestufte Objekte in diversen Fachpublikationen.

In seinen letzten Lebensjahren arbeitete Classen verstärkt an theoretischen und philosophischen Themen. Er starb am 4. August 1987 in Bischofswerda nach kurzer Krankheit.

Nachlass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

R. J. Classen hinterließ in der Sternwarte Pulsnitz eine ansehnliche Meteoritensammlung. Unter anderem:

  • Meteoritenmaterial vom Fall von Ensisheim im Elsaß
  • ein Großmeteorit, gefundenen 1908 auf der Farm Kamelhaar in Südwestafrika (219,18 kg)
  • ein Großmeteorit, selbstständiges Stück von dem bekannten Eisenschauer von Sichote-Alin in der UdSSR (12. Februar 1947), 118,90 kg

1988 wurde die Classensche Meteoritensammlung vom Ministerium für Kultur der DDR zum „Kulturgut des Volkes“ erklärt.

Nachruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jürgen Helfricht (Diplom-Journalist aus Radebeul) schrieb zwei Jahre nach dem Tode Classens in der Veröffentlichung der Sternwarte Pulsnitz Nr. 24 (1989):

„Johannes Classen … hinterließ als Privatgelehrter neben einer Sternwarte mit Bibliothek und einer der größten Meteoritensammlungen auch eine unüberschaubare Zahl astronomischer Veröffentlichungen in Form von Publikationen im Eigenverlag, sowie von Artikeln in Fachzeitschriften und Tageszeitungen ….
Eine wesentliche Bereicherung erlebte die Sternwartenbibliothek nach dem Tode des Astronomen Hans Ludendorff, aus dessen Nachlaß Classen 1942 Einblattdrucke, Galilei- und Copernicus-Originale ersteigerte. Zusammen mit den Originalausgaben, die ihm bereits 1940 aus der privaten Sammlung zugegangen waren, konnte er eine Sammlung bibliophiler Seltenheiten und Unikate begründen ….
… nach Beginn der Nachtbombardierungen der Alliierten im Jahre 1941 fanden die Spezialisten im Reichsluftfahrtministerium die Artikel von Classen über dessen Methode, im Infrarotbereich zu fotografieren. … bekam Johannes Classen den Entwicklungsauftrag. Und auch dieses Mal lieferte er immer wieder nur theoretische Entwürfe ab, obwohl ihm eine Dresdner optische Werkstatt zur Verfügung stand.“

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Veröffentlichungen der Sternwarte Pulsnitz ISSN 0586-495X
    • Die Verwendung realer Effekte in der speziellen Relativitätstheorie, 1965
    • Die Entstehung der Tektite, 1967
    • Die Meteoritenforschung in der UdSSR, 1968
    • Mondvulkanismus und Perlstein als Ursache der Tektiteschauer, 1969
    • Über Eisenmeteorite und ihre Ausbeutung durch den Urmenschen, 1969
    • Die teleskopische Beobachtung der Kometen, 1970
    • Gase auf der Mondoberfläche?, 1970
    • Veränderungen auf dem Mond, 1971
    • Die internationalen Sternwarten vor 100 Jahren, 1972
    • Das Innere des Mondes, 1974
    • Katalog von 230 Meteoritenkratern und 78 irrtümlichen Objekten, 1977
    • Der umstrittene Meteoritenkrater Wipfelsfurt im Donautal, 1978
    • Meteoritenkrater und Streuellipsen auf Erde, Mond und Planeten, 1978
    • Der Meteoritenkrater von Morasko in der VR Polen, 1978,1980,1985
    • 1. und 5. internationales Mondkolloqium, 1970–1974, 1980
    • Neues über die Apollo-Objekte, 1981
    • Formähnlichkeiten bei astronomischen Objekten, 1981
    • Neuartige Effekte bei großen Geschwindigkeiten, 1982
    • Katalog der 72 größten astronomischen Teleskope, 1984
    • Das Mondflugprojekt des John Wilkins von 1638, 1985
    • Fortschritte der Mondforschung 1974–1986, 1987
    • Catalogue of the 72 very large astronomical telescopes, 1987
    • Die Irrtümer über Sternwarte und Grab des Copernikus, 1989
  • Zeitschriften, in denen Beiträge von R. J. Classen erschienen:
    • Astronomie und Raumfahrt (DDR) Zahlreiche Beiträge seit Gründung der Zeitschrift
    • Astronomische Rundschau (BRD) in den Jahren 1961, 1962, 1964
    • Meteoritika (UdSSR) 1969
    • Naturwissenschaftliche Rundschau (BRD) in 1962, 1964, 1968, 1973, 1976
    • Orion (Schweiz) in 1971, 1974, 1977, 1978
    • Sky & Telescope (USA) in 1969, 1970, 1972, 1975, 1981
    • Urania (VR Polen) 1973, 1980
    • Zeitschrift für geologische Wissenschaften (DDR) 1985

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jürgen Helfricht: Johannes Classen und die Sternwarte Pulsnitz. In: Veröff. der Sternwarte Pulsnitz. Nr. 24, 1989, S. 16–28.
  • Jürgen Helfricht: Johannes Classen und seine Meteoritensammlung. In: Astronomiegeschichte Dresdens. Hellerau-Verlag, Dresden 2001, ISBN 3-910184-76-6, S. 109–111.
  • K.-G. Steinert: Johannes Classen 30.10.1908–4.8.1987. In: Die Sterne, 64. Band (1988), Heft 1, S. 37–39.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Uta Davids: Dem Pulsnitzer Kaufmann und Astronomen Johannes Classen zum 100. Geburtstag. In: Zwischen Röder und Spree 6. Museum der Westlausitz, Kamenz 2010. Seiten 96–98.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]