Robert Menasse

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Robert Menasse, 2015

Robert Menasse (* 21. Juni 1954 in Wien) ist ein österreichischer Schriftsteller und Essayist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Robert Menasse studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft und war 1976 Mitbegründer der Wiener Studentenzeitschrift Zentralorgan herumstreunender Germanisten. Er promovierte 1980 mit der Arbeit Der Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb. Am Beispiel Hermann Schürrer. Studie zum eigentümlichen Verhältnis von offiziösem Literaturbetrieb und literarischem "underground" im Österreich der Zweiten Republik zum Dr. phil.

Von 1981 bis 1988 lehrte er zunächst als Lektor für österreichische Literatur, später als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie an der Universität São Paulo in Brasilien. Seit seiner Rückkehr nach Wien arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer aus dem brasilianischen Portugiesisch.

1981 wurde er Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung, zwölf Jahre später wurde er in den P.E.N. Club gewählt. Seit 2011 kuratiert er ein Writer in Residence Programm in der one world foundation in Sri Lanka.[1] Menasse lebt heute hauptsächlich in Wien. Er ist der Halbbruder der Journalistin und Schriftstellerin Eva Menasse und der Sohn von Hans Menasse. Er ist mit Elisabeth Menasse-Wiesbauer verheiratet.[2]

Romane[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Robert Menasses erste Erzählung Nägelbeißen wurde 1973 in der Zeitschrift Neue Wege veröffentlicht. Von 1975 bis 1980 arbeitete er an seinem unvollendeten und unveröffentlichten Roman Kopfwehmut, einem Gesellschaftsroman, der im Wien der 1970er Jahre spielt. Sein erster veröffentlichter Roman Sinnliche Gewißheit erschien 1988 als der erste Teil der in Brasilien begonnenen Trilogie der Entgeisterung. Letztere umfasst auch den 1991 publizierten Roman Selige Zeiten, brüchige Welt, der zugleich Kriminalroman, philosophischer Roman und jüdische Familiensage ist, sowie den Roman Schubumkehr (1995) und die Nachschrift Phänomenologie der Entgeisterung (1995). In Schubumkehr schildert Menasse vor dem Hintergrund der privaten Lebensumstände des Literaturdozenten Roman, der bereits in Selige Zeiten, brüchige Welt eingeführt wurde, den Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und das Zerbrechen der vertrauten Ordnung in einem kleinen niederösterreichischen Dorf. Dieser Roman, der nicht zuletzt auch eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte darstellt, wurde 1999 mit dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet und verschaffte dem Autor allgemeine Bekanntheit. Wie in dem Titel des Romans Schubumkehr und in der Trilogie der Entgeisterung bereits anklingt, kehrt Menasse Hegels Phänomenologie des Geistes um. Im Gegensatz zu Hegel, der eine Entwicklung des menschlichen Bewusstseins zum allumfassenden Geist annimmt, postuliert Menasse eine regressive Entwicklung, deren letzte Stufe die sinnliche Gewissheit ist. In seinem Roman Die Vertreibung aus der Hölle (2001) stellt Menasse die Objektivierbarkeit der Geschichte in Frage, verknüpft mit der persönlichen Geschichte des Autors und dessen jüdischen Wurzeln. 2007 erschien Don Juan de la Mancha, in dem er von mehr oder weniger fiktiven Begebenheiten aus dem (Liebes-)Leben des Zeitungsredakteurs Nathan – zwischen Lustlosigkeit, Trieb, Begierde und der Suche nach einer erfüllten Liebe - erzählt.

Essays und kulturtheoretische Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem politisch-publizistischen Schaffen gilt Menasse als „Aufklärer alten Schlages“, dessen geistige Bezüge insbesondere Kant, Hegel und Marx sind.[3]

Essays wie Die sozialpartnerschaftliche Ästhetik (1990) oder Das Land ohne Eigenschaften (1992), die Menasse als Essayisten berühmt machten, aber auch Kritik wegen „Nestbeschmutzung“ laut werden ließen, folgten im Laufe der Zeit die Essaybände Hysterien und andere historische Irrtümer (1996) sowie Dummheit ist machbar (1999), Erklär mir Österreich (2000) und Das war Österreich (2005). Der Autor setzt sich in seinen Texten auf kritisch-ironische Art und Weise u.a. mit der österreichischen Vergangenheit auseinander, bezieht zur gegenwärtigen kulturpolitischen Situation in seinem Heimatland Stellung und macht immer wieder auf den latenten Antisemitismus im deutschsprachigen Raum aufmerksam. In seinem Beitrag Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung im Rahmen der Frankfurter Poetik-Vorlesungen vom Mai 2005 bezeichnete Menasse den Terror des 11. September als „unsere Rettung im dialektischen Sinne“ und die Terroristen als „Ideal einer individuellen Entfaltung“.[4]

Seit 2006 widmet sich Menasse in seinen Essays vermehrt EU- und globalisierungskritischen Themen. An diesen europa- bzw. weltweiten Zusammenhängen kritisiert Menasse vor allem die demokratiepolitischen Defizite, welche als vorgeblich strukturbedingt in den Sachzwang genommen werden und die Aussicht auf mögliche Alternativen verstellen. Dabei steht er der Europäischen Union nicht grundsätzlich kritisch gegenüber, sondern begründet in seinen Kritiken die demokratiepolitischen Defizite vor allem mit dem Einfluss und der Macht der einzelnen Nationalstaaten, wogegen er rein europäische Institutionen, wie etwa die Kommission, positiv bewertet. In Der Europäische Landbote (2012) bildet er die nichtkleingeistigen übernationalen Organe und Bürokratien der EU in Brüssel ab und entwickelt dabei den „Habsburgischen Mythos“ des Claudio Magris weiter zum „Europäischen Mythos“. Dies führt auch zu einer anderen und positiven Rückschau auf die Habsburger Monarchie.[5] Menasse spricht sich in diesem Zusammenhang für das Konzept eines Europas der Regionen[6] aus.

Würdigung und Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diskussionen um die Essays von Menasse haben sich immer wieder in den Feuilletons deutschsprachiger Zeitungen fortgeschrieben. Andreas Dorschel stellt fest, eine „vergleichbar erhellende politische Ökonomie der österreichischen Nationalität“ sei „derzeit nirgends zu erhalten“.[7] In Menasses „Demontage politischer Phrasen“ wirke die „große österreichische Tradition der Sprachkritik weiter; ganz unösterreichisch ist’s zugleich, eine Lüge eine Lüge zu nennen. Durchweg hat Menasse den Mut, sich die Erfolgreichen, auf der sicheren Bahn zur Ikonisierung in der österreichischen Kultur Befindlichen als Gegner zu wählen.“[8] Kritik am essayistischen Werk Menasses, seiner Methodik und seinen Thesen zu Österreich findet sich in der Essaysammlung Kollateralschäden. Essays zur blau-schwarzen Wende in Österreich von Michael Amon. Weitere Beiträge und Kritiken zu Menasses essayistischem Schaffen enthält u.a. 99Die Zeitschrift des NeuenForumsLiteratur.

Preise, Auszeichnungen und Stipendien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Preisgeld, das Menasse für den Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik erhielt, stiftete er im Jahre 2000 den Jean-Améry-Preis für Essayistik neu.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sinnliche Gewißheit. Roman. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1988.
  • Die sozialpartnerschaftliche Ästhetik. Essays zum österreichischen Geist. Sonderzahl, Wien 1990.
  • Selige Zeiten, brüchige Welt. Roman. Residenz, Salzburg / Wien 1991.
  • Das Land ohne Eigenschaften. Essay zur österreichischen Identität. Sonderzahl, Wien 1992.
  • Phänomenologie der Entgeisterung. Geschichte vom verschwindenden Wissen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995.
  • Schubumkehr. Roman. Residenz, Salzburg / Wien 1995.
  • Hysterien und andere historische Irrtümer. Nachwort von Rüdiger Wischenbart. Sonderzahl, Wien 1996.
  • Überbau und Underground. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.
  • Mit Elisabeth und Eva Menasse: Die letzte Märchenprinzessin. Illustriert von Gerhard Haderer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.
  • Mit Elisabeth und Eva Menasse: Der mächtigste Mann. Illustriert von Kenneth Klein. Deuticke, Wien / München 1998.
  • Dummheit ist machbar. Begleitende Essays zum Stillstand der Republik. Sonderzahl, Wien 1999.
  • Erklär mir Österreich. Essays zur österreichischen Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000.
  • Die Vertreibung aus der Hölle. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-41267-1.
  • Das war Österreich. Gesammelte Essays zum Land ohne Eigenschaften. Hrsg. v. Eva Schörkhuber. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.
  • Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung - Frankfurter Poetikvorlesungen. Edition Suhrkamp 2464, Frankfurt am Main 2006.
  • Das Paradies der Ungeliebten. Politisches Theaterstück. Uraufführung 7. Oktober 2006 im Staatstheater Darmstadt
  • Don Juan de la Mancha oder die Erziehung der Lust. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007.
  • Das Ende des Hungerwinters. Lesung, Hoffmann und Campe, Hamburg 2008, ISBN 978-3-455-30595-1
  • Gesprächsband: Hans-Dieter Schütt: Die Erde ist der fernste Stern. Gespräche mit Robert Menasse. Karl Dietz, Berlin 2008.
  • Doktor Hoechst - Ein Faustspiel. Eine Tragödie Theaterstück. Uraufführung 25. April 2009 im Staatstheater Darmstadt. Inszenierung: Hermann Schein
  • Ich kann jeder sagen: Erzählungen vom Ende der Nachkriegsordnung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009.
  • Permanente Revolution der Begriffe, Vorträge zum Begriff der Abklärung, Essays, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-12592-2
  • Der Europäische Landbote, Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss, Zsolnay, Wien 2012, ISBN 978-3-552-05616-9.
    • als Taschenbuch: Der Europäische Landbote: die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss, Herder, Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 2015, ISBN 978-3-451-06819-5 (= Herder-Spektrum, Band 6819).
    • übersetzt: Evropský systém: občanský hněv a evropský mír aneb proč musí darovaná demokracie ustoupit demokracii vybojované, tschechisch von Petr Dvořáček, Novela Bohemica, Praha 2014, ISBN 978-80-87683-29-3.
  • Heimat ist die schönste Utopie. Reden (wir) über Europa, Edition Suhrkamp, Berlin 2014, ISBN 978-3-518-12689-9.
  • Weil Europa sich ändern muss, im Gespräch mit Gesine Schwan, Robert Menasse, Hauke Brunkhorst, Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-01391-2.
  • Was ist Literatur. Ein Miniatur-Bildungsroman, Bernstein-Verlag, Siegburg 2015, ISBN 978-3-945426-09-8.
  • Warum? Das Vermächtnis des Jean Améry, Cathérine Hug im Gespräch mit Robert Menasse über Jean Améry, seine Wirkung und Aktualität, Bernstein-Verlag, Siegburg 2016, ISBN 978-3-945426-21-0.

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Robert Menasse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Karin Cerny: Sri Lanka: Hintereingang ins Paradies, profil, 21. August 2014
  2. Robert Menasse: Ein intellekturelles Profil. In: Matthias Beilein: 86 und die Folgen, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2008, S. 127
  3. Robert Menasse:Der Romancier und Essayist befragt von Frank A. Meyer
  4. Robert Menasse. Österreichische Nationalbibliothek, abgerufen am 30. November 2011.
  5. Vgl. Robert Menasse in „Das Gestern war noch nie so jung.“ In: Die Presse vom 9. Mai 2014, Spectrum S. 1
  6. Interview mit Robert Menasse in der Die Zeit
  7. Andreas Dorschel: Entweder und Oder. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 176 (2. August 2005), S. 14
  8. Andreas Dorschel: Entweder und Oder. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 176 (2. August 2005), S. 14
  9. Kulturministerin Claudia Schmied gibt PreisträgerInnen des Österreichischen Kunstpreises 2012 bekannt vom 27. Dezember 2012 abgerufen am 28. Dezember 2012
  10. Friedrich-Ebert-Stiftung zu ihrem Literaturpreis
  11. Der Standard 5.März 2014
  12. 2015 - Kulturpreisträgerinnen & Kulturpreisträger des Landes Niederösterreich. Abgerufen am 7. November 2015.
  13. orf.at - Kulturpreise des Landes verliehen. Artikel vom 7. November 2015, abgerufen am 7. November 2015.
  14. orf.at - Robert Menasse erhält Prix du Livre Europeen. Artikel vom 18. November 2015, abgerufen am 18. November 2015.