Robert Pfaller

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Robert Pfaller

Robert Pfaller (* 1962 in Wien) ist ein österreichischer Professor für Philosophie.

Pfaller lehrte zunächst als Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz sowie an der Technischen Universität Wien. Von 2009 bis zum Oktober 2014 war er Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst Wien. Anschließend ging er zurück an die inzwischen umbenannte Kunstuniversität Linz.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Internationale Beachtung fand Pfaller durch seine Studien über Interpassivität (2000). Interpassivität bezeichnet die Praxis, eigene Handlungen und Empfindungen an äußere Objekte, also Menschen oder Dinge zu delegieren. Die Theorie der Interpassivität bezieht sich hauptsächlich auf den Bereich der Lustempfindungen, weshalb Interpassivität auch als „delegiertes Genießen“ bezeichnet werden kann. Ein geläufiges Beispiel hierfür aus dem Alltag ist das von Slavoj Žižek analysierte Konservengelächter („canned laughter“) in Sitcoms, das an unserer Stelle lacht und uns so die „Mühe“ des eigenen Lachens erspart. Wir fühlen uns so befreit, als wäre das Lachen unser eigenes gewesen.[1]

In seinem Werk Die Illusionen der anderen entwickelt Pfaller, gestützt unter anderem auf die psychoanalytischen Überlegungen von Octave Mannoni und die Kulturtheorie des Spiels von Johan Huizinga („homo ludens“) die These, dass es Einbildungen gebe, die nicht einer konkreten Person zuzuordnen seien. Pfaller spricht in diesem Zusammenhang von „Illusionen ohne Eigentümer“.

Ausgehend von Mannonis Unterscheidung von „croyance“ und „foi“ unterscheidet Pfaller zwei Typen von Einbildungen: Einbildungen mit Eigentümern („das ist meine Meinung und dazu stehe ich“) und Einbildungen ohne Eigentümer. Letztere sind Einbildungen „trotz besseren Wissens“, die für das Individuum nicht rational begründbar sind und in alltäglichen Mythen und Aberglauben zum Ausdruck kommen, etwa in Formulierungen wie: „Ich weiß, es ist dumm, aber ich muss trotzdem unbedingt wissen, was in meinem Horoskop steht.“[2] Im Gegenteil, dieses „bessere Wissen“ hebt den Aberglauben nicht nur nicht auf, es verfestigt ihn sogar.[3]

Mit diesen Einbildungen ohne Eigentümer finde eine Täuschung eines fiktiven „naiven Beobachters“ statt – eine unterstellte Beobachtungsinstanz innerhalb des Selbst, die sich nur am äußeren Schein orientiert und gerade dadurch getäuscht werden kann.

Die heutige neoliberale Kultur sieht Pfaller – auf Seiten der Massen – von Lustvermeidung und Askese geprägt.[3] Diesen bereits auf Max Weber und dessen Werk Die protestantische Ethik zurückgehenden Gedanken greift Pfaller vor allem in der psychologisch gewendeten Prägung und Umarbeitung von Gilles Deleuze und Félix Guattari auf. In ihrem Buch Anti-Ödipus schreiben sie: „So bleibt die grundlegende Frage der politischen Philosophie immer noch jene, die Spinoza zu stellen wusste (und die Reich wieder entdeckt hat): Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? Was veranlasst einen zu schreien: ‚Noch mehr Steuern! noch weniger Brot!‘“[4] Und, so ließe sich ergänzen, warum schreien sie nicht mit den Worten Wladimir Majakowskis: „Her mit dem schönen Leben“?

Pfaller sieht so in der Gegenwart den Verlust der Fähigkeit der Subjekte, ihre Interessen adäquat wahrzunehmen – an Stelle der Objekte selbst werde, ganz anders als in der klassischen protestantischen Ethik, der Verzicht begehrt: „Wir haben keinen Porsche, und das ist auch gut so.“ [5]

Pfaller ist Mitbegründer der österreichischen Initiative Mein Veto,[6] welche sich gegen die zunehmende Beschneidung bürgerlicher Freiheiten und Bevormundung durch den Staat richtet. Als Beispiele für derartige Eingriffe werden auf der Homepage der Initiative das „Mentholzigarettenverbot“ sowie „Alkoholverbote an öffentlichen Plätzen“ genannt. Unterstützt wurde die Initiative auch vom Tabakkonzern British American Tobacco sowie dem Verband der Brauereien Österreichs.[7] Ebenso ist Pfaller Mitbegründer der Initiative adultsforadults, die sich ebenfalls der Freiheit des Rauchens widmet. Unterstützt wird die Initiative u.a. vom Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse und von der Neuen Wiener Gruppe/Lacan-Schule.[8]


Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für sein Buch Die Illusionen der anderen wurde Robert Pfaller 2007 der Preis The Missing Link. PSZ-Preis für Psychoanalyse und... verliehen. Dieser Preis wurde vom Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) aus Anlass seines 30-jährigen Bestehens gestiftet und 2007 zum ersten Mal verliehen.

Der American Board and Academy of Psychoanalysis (ABAPsa) verlieh Pfaller den Award for Best Books Published in 2014 für die englische Version seiner Studie Die Illusionen der anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur (On the Pleasure Principle in Culture: Illusions Without Owners).[9]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Althusser. Das Schweigen im Text. Epistemologie, Psychoanalyse und Nominalismus in Louis Althussers Theorie der Lektüre. Fink, München 1997, ISBN 3-7705-3115-9.
  • Negation and its Reliabilities. An empty subject for ideology? In: Slavoj Žižek (Hrsg.): Cogito and the Unconscious. Duke University Press, Durham 1998, S. 225–246.
  • Interpassivität. Studien über delegiertes Genießen (als Hrsg.) Springer, Berlin 2000, ISBN 3-211-83303-X.
  • Die Illusionen der anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-518-12279-7.
  • Schluss mit der Komödie! Zur schleichenden Vorherrschaft des Tragischen in unserer Kultur (als Hrsg.) Sonderzahl, Wien 2005, ISBN 3-85449-226-X.
  • Das schmutzige Heilige und die reine Vernunft. Symptome der Gegenwartskultur. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-596-17729-5.
  • Ästhetik der Interpassivität. Philo Fine Arts, Hamburg 2009, ISBN 978-3-86572-650-6.
  • Hätten Sie mal Feuer? (als Hrsg.) Beate Hofstadler, Löcker
  • Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie, S. Fischer, Frankfurt am Main 2011; Taschenbuch ebd. 2012, ISBN 978-3-596-18903-8.
  • Zweite Welten. Und andere Lebenselixiere, S. Fischer, Frankfurt am Main 2012, ISBN 978-3-10-059034-3.
  • Die letzten Tage der Klischees. Übertragungen in Psychoanalyse, Kunst und Gesellschaft (als Hrsg. mit Eva Laquièze-Waniek) Turia + Kant, Wien/Berlin 2013, ISBN 978-3-85132-726-7.
  • Kurze Sätze über gutes Leben, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-596-18917-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Slavoj Žižek: Liebe Dein Symptom wie Dich selbst. Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Berlin: Merve 1991, S. 50.
  2. Robert Pfaller: Das Unglaubliche. Warum es Kulte außerhalb oder innerhalb der Religionen gibt. (Memento vom 29. September 2007 im Internet Archive) In: .copy. (PDF-Datei; 39kB)
  3. a b Magische Aufklärung. In: Der kleine Bund, 1. Dezember 2007. (PDF-Datei; 61 kB)
  4. Gilles Deleuze / Félix Guattari: Anti-Ödipus. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, S. 39.
  5. Geliebte Askese und Babykultur. (Memento vom 16. Oktober 2004 im Internet Archive) Ein Interview mit Robert Pfaller, 31. Juli 2000.
  6. https://www.youtube.com/watch?v=dhM7jB1TelI
  7. Robert Pfaller und Franz Wuketits präsentieren die Initiative „Mein Veto! - Bürger gegen Bevormundung“ APA/OTS, 28. Mai 2013
  8. Adults for Adults: Supporters, abgerufen am 12. November 2015
  9. Kunstuniversität Linz: Glückwunsch zur Auszeichnung, abgerufen am 12. November 2015