Robert Stoller

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Robert Jesse Stoller (* 15. Dezember 1925 in Crestwood, New York; † 6. September 1991 in Los Angeles) war ein US-amerikanischer Psychiater und Psychoanalytiker. Er lehrte als Professor der Psychiatrie an der University of California, Los Angeles. Stoller ist bekannt für seine Theorien, die die Entwicklung der Geschlechtsidentität und die Dynamik der sexuellen Erregung betreffen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stoller war das dritte Kind eines Industriemanager.[1] Die Familie zog nach New York City, wo Stoller die High School besuchte und 1941 ein Medizinstudium an der Columbia University begann. Stoller leistete im Zweiten Weltkrieg Wehrdienst und wurde 1948 an der University of California in San Francisco promoviert. 1951 verpflichtete er sich für die Luftwaffe im Korea-Krieg, die ihm eine psychiatrische Ausbildung gewährte und ihn als Psychiater auf einem Luftwaffenstützpunkt einsetzte. Nach der Entlassung zog Stoller 1954 nach Los Angeles. Dort gehörte er ab 1955 zum Lehrkörper der University of California.[1] Stoller kam am 6. September 1991 bei einem Autounfall in seinem Wohnort Pacific Palisades ums Leben. Stoller war mit der Ärztin Sybil White verheiratet, sie hatten vier Kinder.[1]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sex und Gender[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In „Sex und Gender“ (1968) artikulierte Stoller seine Ablehnung von Freuds Glauben an die biologische Bisexualität. Damit geriet er in Gegensatz zur "reinen Lehre" Sigmund Freuds und zur mächtigen Psychoanalytischen Gesellschaft, die mit Argusaugen darüber wacht. Er wandte sich auch gegen die operative Geschlechtsumwandlung mit der Begründung, sie sei in Wirklichkeit keine Umwandlung des Geschlechts, sondern eine für die Klienten mit vielen oft lebenslangen Problemen verbundene äußerliche Angleichung des Körpers an die gefühlte Geschlechtsidentität. Gewissenlose Ärzte würden damit viel Geld verdienen.[2]

Gestützt auf seine ausgedehnten Forschungen an Transsexuellen und neue Erkenntnisse in der Sexualwissenschaft legte er seine Überzeugung von einer „primären Femininität“ dar, d. h. eine anfängliche Orientierung des Zellgewebes und später der psychologischen Identität auf eine (bei Jungen zunächst vorläufige) feminine Entwicklung. Diese frühe, konfliktfreie Phase trägt zu einer weiblichen Kernidentität sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen bei, bis bei den Jungen eine männliche Kraft präsent wird, die den Jungen dazu drängt, die symbiotische Beziehung mit der Mutter zu überwinden.

Stoller identifizierte drei Komponenten bei der Herausbildung der psychischen Geschlechtsidentität, die ein angeborenes und unwandelbares Empfinden von Männlichkeit oder Weiblichkeit ist:

  • biologische und hormonelle Einflüsse
  • die sexuelle Zuweisung von der Geburt an (durch die Hebamme, die Eltern und das Standesamt)
  • psychosoziale Umwelteinflüsse mit ähnlichem prägendem Effekt.

Stoller behauptet, dass die Bedrohung der Gender-Identität einer Bedrohung der Selbstidentität entspreche und das Individuum zu deren Verteidigung zwingt, mit Reaktionen, innerpsychischen Mechanismen und unbewussten Strategien, die als Perversionen bekannt sind.

1968 trug Stoller wesentlich dazu bei, das Konzept des „Sex und Gender“ zu prägen, das zwischen (biologisch vorgegebenem) Geschlecht und Geschlechterrolle unterscheidet. Dabei orientierte er sich an den Lehren von Sigmund Freud, der ebenfalls mit der Psychoanalyse die Entstehung einer Geschlechtsidentität zu erklären versuchte.

„Geschlechtsidentität (gender identity) beginnt mit dem Wissen und dem Bewusstsein, ob bewusst oder unbewusst, dass man einem Geschlecht (sex) angehört und nicht dem anderen. Geschlechtsrolle (gender role) ist das äußerliche Verhalten, welches man in der Gesellschaft zeigt, die Rolle, die man spielt, insbesondere mit anderen Menschen.“

Robert Stoller, 1968

Obwohl Stoller die späteren Erkenntnisse der Endokrinologie (siehe Klaus Dörner) und der Hirnforschung zur embryonalen Entwicklung der Geschlechtsidentität nicht kennen konnte, nahm seine Theorie bereits vieles davon vorweg, musste sich bei der Erklärung der Ursachen für die sexuellen Identitätsstörungen aber auf die nach der Geburt auftretenden Konflikte beschränken.

Perversion: die erotische Form von Hass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem bekanntesten Beitrag „Perversion. Die erotische Form von Hass“ (Orig. 1975, deutsche Übersetzung 1979), das als ein Standardwerk zu dem immer noch zu wenig beforschten Thema der tiefenpsychologischen Ursachen neurotischen Hasses gilt, baut Stoller seine Theorie von der inneren Dynamik der sexuellen Perversion weiter aus. Stoller vertritt die Ansicht, dass Perversionen als Form später Rache ein Ausdruck unbewusster Aggression gegen eine Person seien, die in irgendeiner Form die Kernidentität des Kindes bedrohte.

„Ich bin […] zu der Auffassung gelangt, daß Perversion aus dem Versuch entsteht, Bedrohungen der eigenen Geschlechtsidentität, das heißt, des Bewußtwerdens von Männlichkeit und Weiblichkeit, zu bewältigen […].“

Robert J. Stoller: 1998[3]

Sexual Excitement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In „Sexual Excitement“ (Sexuelle Erregung) 1979 findet Stoller dieselbe perverse Dynamik in jeder sexuellen Erregung in einem Kontinuum von offener Aggression bis hin zu subtilen Phantasien am Werk. Indem er die unbewussten Phantasien und nicht das Verhalten ins Auge fasst, zeigt Stoller einen gangbaren Weg auf, die mentale Dynamik der Sexualität zu analysieren. Stoller bezeichnet die verschiedensten Formen sexueller Erregung moralisch wertneutral als „Erotik“, während er gleichzeitig den Krankheitscharakter (an sich) jeder Sonderform von Sexualität negiert. Die Homosexualität betrachtet Stoller als einen zwar geschlossenen Komplex gesellschaftlich meist nicht akzeptierter und daher derzeit konfliktbeladener Verhaltensweisen mit ähnlichen innerpsychischen und psychosozialen Ursachen, aber eher als eine Palette von Lebensstilen, so verschieden wie Heterosexualität.

Stollers Theorien im Fadenkreuz kommerzieller Interessen und gesellschaftlicher Machtinteressen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stollers geriet mit seinen Theorien in Gegensatz zu heißumstrittenen Dogmen nicht nur der "reinen Lehre" der Psychoanalyse, sondern auch der Genderbewegung und der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen. Auch der inzwischen hochprofitablen Pornoindustrie (insbesondere aber der SM-Szene) konnten Teile der stollerschen Aussagen nicht gefallen. Ferner konnten die Kirchen und große Teile des Islam kein Interesse an der psychoanalytischen Thematisierung der sadomasochistischen Perversion und des Fetischismus haben, die dort viele Bereiche der religiösen Darstellungen und Praxis dominiert. Auch der neureligiöse Satanismus gerät durch Stollers Theorie der Perversion in eine sehr unkomfortable Lage.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sex and Gender: On the Development of Masculinity and Femininity. Science House, New York City 1968.
  • Splitting: A Case of Female Masculinity. Quadrangle, New York 1973.
  • Perversion. The erotic form of hatred. Pantheon, New York 1975.
    • deutsch: Perversion. Die erotische Form von Hass. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1979.
      • Neuauflage unter gleichem Titel: Psychosozial-Verlag, 2001.
  • Sexual Excitement. Dynamics of Erotic Life. Pantheon, New York 1979.
  • Observing the Erotic Imagination. Yale University Press, New Haven 1985.
  • mit Gilbert Herdt: Intimate communications : erotics and the study of culture. Columbia Univ. Press, New York 1990.
  • Porn. Myths for the Twentieth Century. Yale University Press, New Haven 1991 (beruht auf Interviews mit Akteuren der Pornoindustrie).
  • mit Ira S. Levine: Coming Attractions: The Making of an X-Rated Video. Yale University Press, New Haven 1993.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Volkmar Sigusch, Günter Grau (Hrsg.): Personenlexikon der Sexualforschung, 2009, S. 680–684
  2. Siehe zu dieser Thematik: K. J. Zucker: Children with gender identity disorder: Is there a best practice? In: Neuropsychiatrie de l'Enfance et de l'Adolescence. Volume 56, Issue 6, September 2008, S. 358–364 sowie Phyllis Burke: Gender Shock. Anchor Books, New York 1996, ISBN 0-385-47718-X.
  3. Robert J. Stoller: Perversion. Die erotische Form von Haß. Psychosozial Verlag, Gießen 1998, ISBN 3-932133-51-X, S. 14.