Roger Melis

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Roger Melis (* 20. Oktober 1940 in Berlin; † 11. September 2009 ebenda) war ein deutscher Porträt-, Reportage- und Modefotograf.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Roger Melis war der Sohn des Bildhauers Fritz Melis. Melis wuchs im Haushalt des Dichters Peter Huchel im Berliner Westen und ab 1952 in Wilhelmshorst bei Potsdam auf. Von 1957 bis 1960 absolvierte er eine Lehre als Fotograf und fuhr anschließend ein halbes Jahr als Moses zur See. Ab 1962 arbeitete er als wissenschaftlicher Fotograf an der Berliner Charité. Im Rahmen eines nicht realisierten Buchprojekts über das geteilte Deutschland entstanden 1962 erste Porträts von Dichtern und Künstlern in Ost und West, ab 1966 erste Reportagen für die Zeitschrift »Merian« und ab 1968 erste Modefotografien für die Zeitschrift »Sibylle«. Seit 1968 lebte und arbeitete er zusammen mit der Modejournalistin Dorothea Bertram, die er 1970 heiratete. 1968 wurde er Mitglied im Verband Bildender Künstler (VBK) und erhielt die Zulassung zur freiberuflichen Arbeit. 1969 gründete er zusammen mit Arno Fischer, Sibylle Bergemann u. a. die Fotogruppe »Direkt«. Er war Mitinitiator und seit 1981 Vorsitzender der Zentralen Arbeitsgruppe Fotografie im VBK und unterrichtete von 1978 bis 1990 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

Bekannt wurde Melis durch seine Arbeit als Modefotograf für die Zeitschrift »Sibylle« und durch seine Reportagefotografien für die »Neue Berliner Illustrierte«, »Wochenpost«, »Die Zeit«, »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, »Süddeutsche Zeitung« und »Geo«, vor allem aber durch seine eindringlichen, von Anfang an in Ost und West Anerkennung findenden Porträts von Schriftstellern und Künstlern wie Anna Seghers, Christa Wolf, Thomas Brasch, Wolf Biermann, Franz Fühmann, Heiner Müller oder Sarah Kirsch. Wegen eines gemeinsamen Beitrags mit Erich Loest für die Zeitschrift »Geo« durfte er ab 1981 nicht mehr für die DDR-Presse arbeiten und konzentrierte sich auf Buch- und Ausstellungsprojekte. Sein Band »Paris zu Fuß« wurde mit einer Gesamtauflage von 40.000 Exemplaren zu einem der erfolgreichsten Fotobücher der DDR.

Ab 1989 wandte er sich wieder der Reportage- und Porträtfotografie zu (u. a. für die »Wochenpost«, »Die Zeit« und die »Süddeutsche Zeitung«). Von 1993 bis 2006 war er Lehrer für Fotografie beim Berliner Lette-Verein.

Seit 2007 erschien im Lehmstedt Verlag Leipzig eine auf vier Bände angelegte Werkausgabe. Mit dem Band »In einem stillen Land« legte Melis als einer der ersten Fotografen aus dem Osten ein umfassendes Porträt der DDR und ihrer Bewohner vor und fand damit in zahlreichen Rezensionen große Anerkennung als »Meister des ostdeutschen Fotorealismus« (Die ZEIT). 2008 folgte eine umfassende Sammlung seiner »Künstlerporträts« aus 40 Jahren, 2010 der Band »Am Rande der Zeit« mit Fotografien vom dörflichen Leben in der DDR.

Mit 68 Jahren starb Roger Melis nach langer, schwerer Krankheit. [1]

Grab Roger Melis’ auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof Berlin

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Melis verbindet die registrierende Strenge eines August Sander, des frühen Porträtisten der deutschen sozialen Stände, mit der graziösen, artistischen Aufmerksamkeit eines Henri Cartier-Bresson für die Sensationen des Alltags.“

„Die Arbeiten von Roger Melis, schwarz-weiße Fotografien, die in ihrer Klarheit und ihrem Bildaufbau an die durchdachte, sorgfältige Komposition alter Gemälde erinnern, zeigen eine andere Welt und andere Menschen als die in der staatlich gelenkten Presse veröffentlichten Fotos. Melis verstand zu warten, bis der Blick ins Offene ging, der Mensch sichtbar wurde, er bei sich war und sich zeigte.“

„Was seine annähernd gleichaltrige Kollegin Barbara Klemm für den Westen, war Melis – unter deutlich schwierigeren Bedingungen – für den Osten: die herausragende Figur unter den Fotografen der Kriegsgeneration. Beide haben bemerkenswerterweise keine der einschlägigen Hochschulen besucht, sondern bald nach der Lehrzeit ihre Berufsarbeit aufgenommen. Beide sind der klassischen Schwarzweiß-Fotografie treu geblieben, beide zeichnen sich durch ein verblüffend breites Spektrum von Themen und Motiven aus und beide sind relativ spät in ihrer künstlerischen Qualität anerkannt worden. Bei Melis hat der eigentliche Ruhm sogar erst in jüngster Zeit eingesetzt.“

Michael Davidis, 2008 [4]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien

  • Roger Melis: Paris zu Fuß. Mit einem Vorwort von Stephan Hermlin. Volk und Welt, Berlin 1986
  • Roger Melis: Berlin – Berlin. Schriftstellerporträts aus 30 Jahren. Herausgegeben von Michael Davidis. Mit einem Vorwort von Klaus Völker. Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar 1992
  • Roger Melis mit Oliver Schwarzkopf, Beate Rusch (Hrsg.): Wolf Biermann: ausgebürgert. Mit abschweifenden Anmerkungen und wichtigen Nichtigkeiten von Wolf Biermann, eingeleitet durch ein Interview von Renate Oschlies und Michael Maier. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1996, ISBN 3-89602-060-9.
  • Roger Melis: London zu Fuß. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999 ISBN 3-89602-313-6
  • Roger Melis: In einem stillen Land. Fotografien 1964–1989. Lehmstedt, Leipzig 2007, 3. Auflage 2009, ISBN 978-3-937146-52-2.
  • Roger Melis: Künstlerporträts. Fotografien 1962–2002. Lehmstedt, Leipzig 2008, ISBN 978-3-937146-54-6.
  • Roger Melis: Am Rande der Zeit. Fotografien 1973–1989. Herausgegeben von Mathias Bertram. Lehmstedt, Leipzig 2010, ISBN 978-3-937146-70-6.

Weitere Buchpublikationen

  • Gerhard Wolf: Beschreibung eines Zimmers, Berlin: Union Verlag, 1971 (Bildautor)
  • Kurt Bartsch: Kaderakte. Reinbek: Rowohlt, 1979 (Bildautor)
  • Dichter im Frieden. Herausgegeben von Günter Drommer. Berlin: Aufbau-Verlag, 1985 (Bildautor)
  • Mecklenburg. Ein Reiseverführer. Rudolstadt: Greifenverlag, 1986 (Bildautor)
  • Schau ins Land. Herausgegeben von Günter Drommer und Roger Melis. Berlin: Aufbau-Verlag, 1989, und Neuwied: Luchterhand, 1989 (Bildautor)
  • Ausgeblendete Realität. Modefotos aus der DDR. Wien: Hochschule für angewandte Kunst, 1989 (Bildserie)
  • Ost sieht West – West sieht Ost. Deutschland im Frühjahr 1990. Eine Fotodokumentation. Herausgegeben von Kurt Weidemann. Stuttgart: Cantz, 1990 (Bildserie)
  • Albrecht Börner: Seltenes Handwerk. Berlin: Verlag der Nation, 1990 (Bildautor)
  • Ernst-Michael Brandt: Die unsichtbare Grenze. Hamburg: Luchterhand, 1991 (Bildautor)
  • Heinrich Heine: Die Harzreise. Berlin: Aufbau Taschenbuchverlag, 1992 (Bildautor)
  • Michael Gromm: Horno – ein Dorf will leben. Berlin: Dietz Verlag, 1995 (Bildautor)
  • Heiner Müller – Bilder eines Lebens. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 1996 (Bildserie)
  • Sibylle. Modefotografien. Herausgegeben von Dorothea Melis. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 1998 (Bildserie)
  • Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Ein Querschnitt durch Geschichte und Ausbildungspraxis. Herausgegeben von Klaus Völker. Berlin: 1994, 5. veränderte Auflage, 2005 (Bildautor)
  • Marlies Menge: Spaziergänge. Die Serie aus der Wochenzeitung »Die Zeit«. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2000 (Bildautor)
  • Die Berlinerin. Herausgegeben von Dorothea Melis. Berlin: Schwarzkopf und Schwarzkopf, 2000 (Bildserie)
  • Utopie und Wirklichkeit. Ostdeutsche Fotografie 1956–1989. Herausgegeben von Norbert Moos. Bönen: Druckverlag Kettler, 2005 (Bildserie)
  • Sibylle. Modefotografien 1962-1994. Herausgegeben von Dorothea Melis. Leipzig: Lehmstedt, 2010 (Bildserie)

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelausstellungen

  • Pressefotografien. Galerie Berlin, Berlin 1978.
  • Kunsthochschule Weißensee, Berlin 1979.
  • Galerie Sophienstraße, Berlin 1984.
  • Fotogalerie am Helsingsforser Platz, Berlin 1987. (Katalog)
  • Prenzlauer Berg und anderswo – Künstlerporträts. Galerie M, Berlin 1989. (Katalog)
  • Dichter in Berlin, Kulturbrauerei, Berlin 1993.
  • In einem stillen Land. Willy-Brandt-Haus, Berlin 2007; Zeitgeschichtliches Forum, Leipzig 2008; Kunsthaus Meyenburg, Nordhausen 2009; BStU, Rostock 2009; Stadtbibliothek, Chemnitz 2009
  • Künstlerporträts. Galerie Argus Fotokunst, Berlin 2008; Lehmannsche Buchhandlung, Leipzig 2008; Jagdschloß Granitz, Rügen 2008; Gleimhaus, Halberstadt 2009; EineArtGalerie, Rangsdorf 2012.
  • Fotografien 1965–1989. Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen 2009/10
  • Chronist und Flaneur. Retrospektive. C/O Berlin, Berlin 2010.
  • Die Sibylle-Jahre. Modefotografien. Galerie für Moderne Fotografie, Berlin 2012.

Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)

  • Gruppe »Direkt«, Potsdam 1969
  • Schmuck – Glas – Fotografie. Galerie im Turm, Berlin 1978 (Gemeinschaftsausstellung mit Rainer Grabowitz und Klaus Musinowski)
  • Zweite Porträtfotoschau der DDR, Dresden 1981. (Grand Prix und Preis des Kulturbunds der DDR)
  • IX. Kunstausstellung, Dresden 1982
  • Daß es sich bewegt …. Fotosymposion und Ausstellung in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), 1985. (Limitierte Bildmappe)
  • X. Kunstausstellung, Dresden 1987
  • Der eigene Blick. Kritikerausstellung im Ephraim-Palais, Berlin 1988
  • Modefotografie aus drei Jahrzehnten. Galerie am Helsingforser Platz, Berlin 1988
  • Ausgeblendete Realität. Modefotos aus der DDR. Hochschule für angewandte Kunst, Wien 1989
  • Ost sieht West – West sieht Ost. Deutsches Historisches Museum, Berlin 1990. (Katalog)
  • Photographie de l’Est. Musée de l’Elysee, Lausanne, Schweiz, 1990
  • Übergänge – DDR-Fotografie. Eisenwerk, Frauenfeld, Schweiz, 1991
  • Berliner Ansichten: 13. August 1990. Goethe-Institut Berlin, 1991
  • Deutschlandbilder II. Willy-Brandt-Haus, Berlin 1999
  • Die Berlinerin. Willy Brandt-Haus, Berlin 2000 und Stadtbibliothek Potsdam 2001.
  • Zwiesprache. Fotografische Porträts 1900–1993. Kunstforum der Grundkreditbank, Berlin 2002, und Museum, Bad Aarolsen 2003.
  • Utopie und Wirklichkeit. Ostdeutsche Bilder 1956–1989. Willy-Brandt-Haus, Berlin 2005, und Forum für Fotografie, Köln 2005
  • Übergangsgesellschaft. Porträts und Szenen. 1970–1990. Akademie der Künste Berlin, 2009
  • In Grenzen frei. Mode Fotografie Underground. DDR 1979–1989. Kunstgewerbemuseum Berlin, 2009
  • Sibylle. Modefotografie und Frauenbilder in der DDR. Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte Potsdam, 2010
  • Eros und Stasi. Ostdeutsche Fotografie Sammlung Gabriele Koenig. Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, 2010
  • Geschlossene Gesellschaft. Künstlerische Fotografie in der DDR 1949–1989. Berlinische Galerie, 2012

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Axel Bertram: Fotografieren ohne Eitelkeit. Wochenpost 4/1982.
  • Peter Voigt: Der ausgesucht banale Moment. Sonntag 31/1987, S. 5.
  • Ulrich Greiner: Die Photographien von Roger Melis. Die Zeit Nr. 23 vom 4. Juni 1993.
  • Marlies Menge: Eine Gelassenheit, die ansteckend ist. In: Roger Melis: London zu Fuß. Berlin 1999.
  • Hans-Dieter Schütt: Beihilfe zur Erfindung der Welt. In: Roger Melis: London zu Fuß. Berlin 1999.
  • Hans-Dieter Schütt: Nicht staunen, wie man etwas sieht. Staunen, was man gesehen hat. Ein biographisches Gespräch mit Roger Melis. In Roger Melis: London zu Fuß, Berlin 1999, S. 8–19.
  • Gunnar Decker: Waldarbeiter – entrückt. Neues Deutschland, 9. November 2004
  • Kerstin Decker: Stille Tage in Stegelitz. - Tagesspiegel vom 16. November 2004.
  • Birk Meinhardt: Im Zwischenreich des puren Leben. Süddeutsche Zeitung, 16. April 2007
  • Peter von Becker: Die Stille hinter der Mauer - Der Tagesspiegel, 3. Juni 2007.
  • Christoph Dieckmann: Hinter der Zeitmauer. Die Zeit, 14. Juni 2007.
  • Christoph Hein: Erzählungen aus einer versunkenen Welt. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. August 2007.
  • Fritz Rudolf Fries: In einem anderen Land. Neues Deutschland, 6. Oktober 2007
  • Marika Bent: Bilderreiches Leben. Märkische Allgemeine Zeitung, Potsdam, 10. November 2007.
  • Michael Davidis: Ein Klassiker der Porträtfotografie. Literaturblatt Baden-Württemberg, Heft 2, März/April 2008
  • Matthias Dell: Die Ordnung der Bilder. Freitag, 26. Dezember 2008
  • Hans-Eberhard Hess: Wo die Kunst zuhause ist. Photo International, Heft 5/2008.
  • Gunnar Decker: Gesicht zeigen. Neues Deutschland, 19./20. April 2008
  • Marika Bent: Die Macht der müden Blicke. Licht und Schatten der DDR in den Künstlerporträts des Fotografen Roger Melis. (Memento vom 14. September 2009 im Internet Archive) - Märkische Allgemeine Zeitung, 27./28. September 2008.
  • Jürgen Verdofsky: Der Fotograf des Ostens. - Badische Zeitung, 29. November 2008.
  • Lisa Stocker: Roger und Dorothea Melis. Ein Beziehungsporträt. Brigitte woman, Heft 7/2009
  • Peter von Becker: Das Auge eines Landes. C/O Berlin zeigt das grandiose Werk des DDR-Weltfotografen Roger Melis in einer Retrospektive, Tagesspiegel, 7. März 2010
  • Kerstin Decker: Wir? Rückkehr des Menschen zum Ich [Rede zur Eröffnung der Retrospektive in der Galerie c/o berlin], Neues Deutschland, 8. März 2010.
  • Gabriela Walde: Der preußische Ikarus. Vom Alltag in der DDR, Berliner Morgenpost, Berlin, 7. März 2010; Die Welt, 8. März 2010
  • Angela Hohmann: Hineinfinden ins Bekannte, TAZ Berlin, 24. März 2010
  • Lothar Müller: Häuptling hinter Glas. Die Kunst, den Augenblick seiner Gegenwart zu entführen, Süddeutsche Zeitung, 29. März 2010
  • Gustav Seibt: Ein Telefon klingelt ganz allein. Der Fotoband „Am Rande der Zeit“, Süddeutsche Zeitung, 7. Dezember 2010
  • Ingeborg Ruthe: Einer, der mit der Kamera innehielt, Berliner Zeitung, 5. Juli 2012
  • Kurzbiografie zu: Melis, Roger. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 2, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/102660
  2. Peter von Becker: „Rezension. Die Stille hinter der Mauer“, Der Tagesspiegel, 3. Juni 2007
  3. Christoph Hein: „Erzählungen aus einer versunkenen Welt“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. August 2007
  4. Michael Davidis: „Ein Klassiker der Porträtfotografie. Michael Davidis präsentiert Roger Melis“, Literaturblatt für Baden und Württemberg, 2008, Heft 2, 16-17.