Rohingya

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Flagge der Rohingya
Lage des Rakhaing-Staates in Myanmar

Die Rohingya sind eine muslimische Volksgruppe in Myanmar (Birma). Sie leben dort hauptsächlich im nördlichen Teil des an Bangladesch grenzenden Rakhaing-Staates (ehemals Arakan). In Myanmar leben heute etwa eine Million Rohingya.

Gemäß dem Staatsbürgerschaftsgesetz von 1982 gelten die Rohingya nicht als eine der 135 einheimischen Bevölkerungsgruppen und haben damit keinen Anspruch auf die myanmarische Staatsbürgerschaft.[1] Aufgrund von Repressionen und Verfolgungen leben mindestens eine Million Rohingya als Flüchtlinge in Bangladesch und weiteren Ländern Asiens.[2]

Etymologie, Verwendung der Bezeichnung[Bearbeiten]

Nach Jacques Leider ist der Name Rohingya historisch nur einmal belegt, in einer Quelle aus dem späten 18. Jahrhundert. Der Name scheint eine der Phonologie der von den Rohingy gesprochenen indoarischen Sprache angepasste Variante des birmanischen Namens der Provinz Rakhine zu sein.[3]

Etwa seit den 1950er Jahren wird der Begriff von den in Myanmar lebenden Muslimen verwendet, um ihre Identität als legitime und eigenständige Volksgruppe zu bekräftigen. Staatliche Stellen in Myanmar lehnen die Bezeichnung ab und sprechen stattdessen von Bengalis, um ihre Position zu verdeutlichen, dass es sich um (illegale) Einwanderer aus Bengalen (Bangladesch) handle.[4]

Kultur und Sprache[Bearbeiten]

Münzen von den Königen von Arakan

Die Sprache der Rohingya steht dem Bengali nahe und gehört zu den indoarischen Sprachen innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie. Die Sprache der Rohingya gehört damit einer anderen Sprachfamilie an als die birmanische Sprache, die Staatssprache Myanmars, welche zur Sinotibetischen Sprachfamilie gehört.

Rohingyasprecher können sich mit Sprechern des Chittagongdialekts des Bengali verständigen, der im nahen Südosten Bangladeschs gesprochen wird. Die Sprache hat viele Lehn- und Fremdwörter aus Urdu, Hindi, Bengali und Arabisch, aber auch einige Wörter aus Birmanisch und Englisch sind eingegliedert. Die Sprache wurde ursprünglich in arabischer Schrift geschrieben, jedoch gibt es seit kurzem Bemühungen, die Sprache in lateinischer Schrift zu schreiben. Das Ergebnis daraus nennt man Rohingyalisch.

Ihre Religion – mehrheitlich der Islam – ist für die Rohingya von großer Bedeutung. Es gibt Moscheen und religiöse Schulen in jedem Stadtviertel und Dorf.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Herkunft der Rohingya ist heftig umstritten. Die Rohingya sehen sich als lange in Rakhaing ansässige Volksgruppe, die vor 1000 Jahren zum Islam konvertierte. Die myanmarische Regierung stellt sich hingegen auf den Standpunkt, dass die Rohingya erst in jüngerer Zeit aus Bengalen eingewandert seien und damit illegale Einwanderer aus Bangladesch oder deren Nachfahren seien. Fachleute scheinen sich weitgehend einig zu sein, dass die Vorfahren der Rohingya aus der Chittagongregion im Süden von Bangladesch stammen.[5]

Die Rohingya bildeten während der britischen Kolonialzeit die Bevölkerungsmehrheit im Rakhaing-Staat. In den 1940er Jahren und vor allem nach der Unabhängigkeit Birmas kam es aber zu Spannungen zwischen den buddhistischen Arakanesen (Rakhaing) und den muslimischen Rohingya.

Seit der Unabhängigkeit Birmas am 4. Januar 1948 führte die Regierung gegen die Rohingya 19 groß angelegten Militäroperationen. Folge der massiven Militäroperationen war der Tod vieler Rohingya, die Verwüstung ihrer Siedlungsgebiete und Heiligtümer sowie die systematische Zerstörung ihrer Infrastrukturen.

Die 19 großen Militäroperationen waren:[6]

  1. Militäroperation (5. Birmanische Regierung), November 1948
  2. Operation der Birmanischen Regionalkräfte (BTF), 1949–1950
  3. Militäroperation (2. Chinesische Regierung), März 1951–1952
  4. Mayu-Operation, Oktober 1952–1953
  5. Mone-Thone-Operation, Oktober 1954
  6. Gemeinsame Operation des Militärs und der Vereinten Siedler, Januar 1955
  7. Operation der Vereinigten Militärpolizei (UMP), 1955–1958
  8. Kapitän Htin-Kway-Operation, 1959
  9. Shwe-Kyi-Operation, Oktober 1966
  10. KyiGan-Operation, Oktober – Dezember 1966
  11. Ngazinka-Operation, 1967–1969
  12. Myat-Mon-Operation, Februar 1969–1971
  13. Major-Aung-Than-Operation, 1973
  14. Sabe-Operation, Februar 1974–1978
  15. Nagamin-Operation, Februar 1978–1979
  16. Shwe-Hintha-Operation, August 1978–1979
  17. Galone-Operation, 1979
  18. Pyi-Thaya-Operation, 1991–1992
  19. Na-Sa-Ka-Operationen, seit 1992

Situation in Myanmar[Bearbeiten]

Die Rohingya werden offiziell nicht als eigenständige Bevölkerungsgruppe anerkannt. Von den Vereinten Nationen werden sie als die „am stärksten verfolgte Minderheit der Welt“ eingestuft.[7] Als Staatenlose verfügen sie über keinerlei Rechte. Sie dürfen nicht wählen, haben keinen Zugang zu höherer Bildung und eine offizielle Ausreise wird ihnen nicht gestattet.[8] Auch innerhalb des Landes sind sie Reisebeschränkungen unterworfen. Ein Gesetz von 1982 verweigert den Rohingya die Staatsbürgerschaft und entsprechende Dokumente. Grundbesitz von Rohingyas wird beschlagnahmt und Privatbesitz zerstört oder gestohlen.[6][9] Laut Rohingya-Aktivisten sei beschlagnahmtes Rohingyaland von der Regierung an Arakanesen innerhalb und außerhalb des Rakhaing-Staats zur Besiedlung verteilt worden. Mehr als ein Viertel des gesamten Ackerlandes überließ man nach diesen Berichten dem Dschungel. Ziel der Regierung sei es, den Rakhaing-Staat in eine rein buddhistische Region und die Muslime zu eine bedeutungslosen oder überschaubaren Minderheit umzuwandeln. Auch seien Pagoden und buddhistische Klöster an Stellen errichtet werden, wo zuvor muslimische Stätten standen. Sondersteuern, Zwangsarbeit, Heiratsbeschränkungen und Manipulationen bei der Registrierung von Geburten und Todesfällen schränken das alltägliche Leben ein. Dazu kommen illegale Inhaftierungen, Folter, Vergewaltigungen und Morde. Schätzungsweise 1,5 Millionen Rohingya leben staatenlos im Exil, doch auch hier sind sie Repressalien ausgesetzt. Auf Betreiben Myanmars kommt es in verschiedenen Staaten zur illegalen Inhaftierung von Exil-Rohingya, so in Bangladesch, Indien, Pakistan, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate, Thailand und Malaysia.[6]

Situation der Flüchtlinge[Bearbeiten]

Besonders große Flüchtlingsströme gab es 1942, 1962, 1978 und 1991. 1978 suchten etwa 200.000 Rohingya-Flüchtlinge Schutz im benachbarten Bangladesch, 1991 weitere 250.000.

Obwohl später einige zurückkehrten, blieben doch viele in den Flüchtlingscamps im Distrikt Cox’s Bazar. Es wird geschätzt, dass seit der Unabhängigkeit Birmas etwa eine bis anderthalb Millionen Rohingya ins Exil gingen. Diese leben hauptsächlich in Bangladesch (insbesondere Chittagong), Pakistan und Saudi-Arabien, eine kleinere Anzahl in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Thailand und Malaysia. Seit 2005 hilft das UNHCR bei der Rückführung von Rohingya aus Bangladesch, doch Berichte von Menschenrechtsverletzungen in den Flüchtlingslagern bedrohen diese Bemühungen.[10]

Anfang des Jahres 2009 kamen Rohingya als Bootsflüchtlinge in die Schlagzeilen, nachdem Thailand ihnen eine Aufenthaltserlaubnis verweigert und etwa eintausend in einfachen motorlosen Booten auf die offene See abgeschoben hatte.[11][12] Rund 250 von ihnen wurden später vor den zu Indien gehörenden Andamanen gerettet und etwa 200 vor der Küste Acehs in Indonesien.[13] Etwa 500 ertranken vermutlich.[11] Der myanmarische Generalkonsul in Hongkong äußerte sich dazu in einem Brief an die „lieben Kollegen“ (des Diplomatischen Corps), in dem er den Rohingya mit Verweis auf deren dunkle Hautfarbe die Zugehörigkeit zu Myanmar absprach. Er bezeichnete sie als „hässlich wie Kobolde“ im Gegensatz zu den hellerhäutigen Birmanen.[14]

Nachdem es ab Juni 2012 im Rakhaing-Staat zu ethnischen Unruhen gekommen war, äußerte der myanmarische Präsident Thein Sein gegenüber dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen den Vorschlag, dass die Rohingya sich entweder in UNHCR-Camps begeben oder das Land verlassen sollten. Weiterhin erklärte er, dass die Rohingya „illegale Einwanderer“ seien und man bereit sei, sie in jedes Land zu deportieren, das sie aufnehmen würde. [15][16]

Ende Oktober 2012 kam es abermals zu schweren Unruhen.[17]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jonathan Head: BBC News: What drives the Rohingya to sea? In: BBC News. 5. Februar 2009
  2. Fischerei-Sklaven in Südostasien, ARD Online, vom 29. März 2015
  3. Leider, Jacques (2013). Rohingya: the name, the movement and the quest for identity. Myanmar Egress and the Myanmar Peace Center, http://www.networkmyanmar.org/images/stories/PDF17/Leider-2014.pdf, S.4; S.8.
  4. Leider, Jacques (2013). Rohingya: the name, the movement and the quest for identity. Myanmar Egress and the Myanmar Peace Center, http://www.networkmyanmar.org/images/stories/PDF17/Leider-2014.pdf, S.4.
  5. Leider, Jacques (2013). Rohingya: the name, the movement and the quest for identity. Myanmar Egress and the Myanmar Peace Center, http://www.networkmyanmar.org/images/stories/PDF17/Leider-2014.pdf, S.6 f.
  6. a b c Siehe Myanmar Travel Information: Myanmar People undBurmese consular says Rohingya do not belong to Burma. In: Mizzima. 13. Februar 2009
  7. Kim Son Hoang: Die am meisten verfolgte Minderheit der Welt. In: Der Standard. 30. Juli 2012 (Interview mit Ulrich Delius)
  8. Staatenlose ohne jede Lobby, ein Interview von Katja Dombrowski mit Johannes Kaltenbach (Malteser International), In E+Z, Jg.56.2015:5
  9. Zensus in Birma: Das Volk zählen, die Ethnien spalten. In: taz. 31. März 2014
  10. BDNews: News from Bangladesh: UNHCR threatens to wind up Bangladesh operations. In: Burmanet. 23. Mai 2005
  11. a b Bernd Musch-Borowska: In den Tod geschickt. In: Deutschlandfunk. 7. Februar 2009
  12. Videobeweise: Thailands Militär überlässt Bootsflüchtlinge sich selbst. In: Der Tagesspiegel. 27. Januar 2009
  13. Boat people rescued off Indonesia. In: BBC News. 3. Februar 2009
  14. Myanmar’s Outrageous Racism Excused. In: Asia Sentinel. 12. Februar 2009
  15. Rohingya in Myanmar: Präsident Sein droht 800.000 mit Ausweisung. In: zenith – Zeitschrift für den Orient. 12. Juli 2012
  16. Myanmar moots camps or deportation for Rohingyas. In: AFP. 12. Juli 2012
  17. Ethnische Unruhen: Tausende Menschen in Burma auf der Flucht. In: Spiegel Online. 27. Oktober 2012