Rolf Peter Sieferle

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Rolf Peter Sieferle (* 5. August 1949 in Stuttgart; † 17. September 2016 in Heidelberg) war ein deutscher Historiker.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie an den Universitäten Heidelberg und Konstanz wurde Sieferle 1977 ebendort promoviert. 1984 habilitierte er sich für das Fach Neuere Geschichte. Ab 1991 war er außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte an der Universität Mannheim. Seit 2000 lehrte er an der Universität St. Gallen, seit 2005 als ordentlicher Professor für Allgemeine Geschichte.

Sieferles Arbeitsschwerpunkte waren Umweltgeschichte, Universalgeschichte, Sozial-, Kultur- und Ideengeschichte der Industrialisierung.[1] Sein 1982 erschienenes Werk Der unterirdische Wald gilt als Standardwerk in Bezug auf die Durchsetzung des Energieträgers Steinkohle.[2] Nach Dirk Kretschmer und Siegfried Jäger versuchte der „Nolte-Schüler“ 1995 in seinen biographischen Skizzen zur Konservativen Revolution „den Nazi-Schatten, der auf den geschätzten präfaschistischen Autoren lastet, zu verwischen.“[3]

Zur Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 sagte Sieferle in der Zeitschrift Tumult : „Zurzeit überschwemmt eine Migrationswelle von präzedenzlosem Umfang Europa. [...] Die Europäer müssten angesichts dieser Entwicklung erstarrt sein vor Schrecken.[4] Bei diesem Prozess hätten wir es „offenbar mit einer gezielten Selbstzerstörung der deutschen, europäischen, westlichen Kultur zu tun“. Er halte es „für fast ausgeschlossen, dass dieser Prozess aufgehalten oder gar umgekehrt werden kann.[5]

In Das Migrationsproblem gibt Sieferle auch umfangreiche Einblicke in seine kulturellen Standpunkte. So seien beispielsweise das Tragen von T-Shirts oder Jeans, eine Populärkultur mit Comics, Krimis und Rockmusik, aber auch Mannschaftssport wie Fußball das Anzeichen des von Paul Fussell diagnostizierten „prole drifts“.[6] Weiteres wichtiges Kennzeichen dessen sei die Wertschätzung des Lärms in künstlicher Form („Musik“) oder natürlicher Form wie dem Geschrei von Kindern, welches sogar unter besonderem Schutz des Staates stünde. Dies seien Merkmale des „Pöbels“. Die Kultur möchte hiermit laut Sieferle „explizit krumm sein, schief, falsch, verdreht, also ‚links‘“.[7] Zur Haltung Deutschlands in der Flüchtlingskrise ab 2015 schrieb er dabei:[8]

„Wie konnte ein ganzes Land (nicht zum ersten Mal in seiner Geschichte) jede politische Vernunft, jeden Pragmatismus und jeden Common Sense über Bord werfen? Wie konnte dieses Volk von Geisterfahrern zugleich meinen, es vertrete die einzig legitime Position, während der Rest der westlichen Staaten im Irrtum oder in der Unmoral befangen bleibt?“

Am 17. September 2016 verübte er Suizid.[9] Gustav Seibt schrieb in einem Nachruf in der Süddeutschen Zeitung, Sieferle sei ein „unerschrockener, immer rationaler Denker, der sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen ließ, wenn er apokalyptische Möglichkeiten erwog“.[10] Auch Jan Grossarth würdigt Sieferle in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „poetische[n] Freigeist und große[n] Wirtschaftshistoriker“, merkt zugleich jedoch kritisch an, dass er nach einem „Rechtsruck“ 2014 „giftige, rechtsradikale Bücher“ geschrieben habe.[11]

Auseinandersetzung um Finis Germania auf Bestenliste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Sieferles Tod veröffentlichte der Verlag Antaios den Titel Finis Germania, in dem 30 Miszellen Sieferles versammelt wurden. Das Buch wurde auf der Juni-Liste der „Sachbücher des Monats“ von NDR und der Süddeutschen Zeitung aufgeführt. Dies löste einen Skandal und eine öffentliche Auseinandersetzung über den Inhalt aus, da das Buch stark rechte Positionen vertritt.[12][13]

Das Buch gelangte dadurch auf die Liste, dass der Spiegel-Redakteur Johannes Saltzwedel seine zwanzig Stimmpunkte auf dieses eine Buch kumuliert hatte.[12][14]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Thiel: Naturanwalt. Zum Tode des Historikers Rolf Peter Sieferle. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Oktober 2016, S. 12.
  2. Vgl. Dirk Neuber: Energie und Umweltgeschichte des Niedersächsischen Steinkohlebergbaus. Von der Frühen Neuzeit bis zum Ersten Weltkrieg. Dissertation. Hannover 2002, S. 15.
  3. Dirk Kretschmer, Siegfried Jäger: Mehr Autorität im Inneren. Ein kurzer Blick auf neu-rechte Argumentationen im Diskurs der politischen Wissenschaften. In: Siegfried Jäger, Dirk Kretschmer, Gabriele Cleve, Birgit Griese, Margarete Jäger, Helmut Kellershohn, Coerw Krüger, Frank Wichert: Der Spuk ist nicht vorbei. Völkisch-nationalistische Ideologeme im öffentlichen Diskurs der Gegenwart. Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, Duisburg 1998, ISBN 3-927388-63-7, S. 32–53, hier: S. 38.
  4. Rolf Peter Sieferle: Deutschland, Schlaraffenland. In: Tumult, Heft Winter 2015/16, S. 23-28.
  5. Rolf Peter Sieferle am 14. September 2016 [E-mail], abgedruckt in: Tumult, Heft Winter 2016/17, S. 1.
  6. Paul Fussell: Class, A Guide Through the American Status System. New York: Ballantine.
  7. Sieferle, Rolf Peter: Das Migrationsproblem: Über die Unvereinbarkeit von Sozialstaat und Masseneinwanderung: 1 (Die Werkreihe von Tumult) (German Edition) (Kindle Locations 897-898). Manuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG. Kindle Edition.
  8. Alexander Meschnig: Willkommenskultur: „Die Eitelkeit des Guten“, Achse des Guten, 11. April 2017.
  9. [Editorial]. In: Tumult, Heft Winter 2016/17, S. 1.
  10. Gustav Seibt: Nachruf: Der Unerschrockene, Süddeutsche Zeitung, 9. Oktober 2016.
  11. Jan Grossarth: Am Ende rechts, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Mai 2017.
  12. a b Jan Grossarth: Wer gab die rechtsextreme Leseempfehlung?, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Juni 2017.
  13. Lothar Müller: Empfehlung nach Punkten. In: sueddeutsche.de. 11. Juni 2017, abgerufen am 23. Juni 2017.
  14. Kritik an der Jury der "Sachbücher des Monats" – NDR Kultur geht auf Distanz, boersenblatt.net, 12. Juni 2017, abgerufen am 12. Juni 2017