Romila Thapar

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Romila Thapar, ca. 2004

Romila Thapar (* 30. November 1931 in Lucknow) ist eine indische Historikerin.

Romila Thapar 2016

Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thapar studierte an der Panjab University und wurde 1958 bei A. L. Basham an der School of Oriental and African Studies (SOAS) der Universität London promoviert. Sie war Reader für antike indische Geschichte an der Kurukshetra University (1961/62)[1] und 1963 bis 1970 an der Delhi University.[2] 1970 bis 1991 war sie Professorin für antike indische Geschichte an der Jawaharlal Nehru University in New Delhi, an der sie seit 1993 Professor Emerita ist.

Sie war Gastprofessorin an der Cornell University (Distinguished Visiting Professor 1979), der University of Pennsylvania und dem Collège de France in Paris. 1983 war sie Präsidentin des Indian History Congress.

Ehrungen und Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie ist mehrfache Ehrendoktorin (Oxford, Chicago, University of London, Edinburgh, Kalkutta, Hyderabad, Peradeniya University in Sri Lanka, Brown University) und Mitglied der American Academy of Arts and Sciences (2009) und der American Philosophical Society. Sie ist Ehren-Fellow von Lady Margaret Hall an der University of Oxford. 1997 wurde sie Corresponding Fellow der British Academy. 2009 hielt sie eine Keynote Address auf dem 14. Welt-Sanskrit-Kongress in Kyoto. 1976/77 war sie in New Delhi Jawarhalal Nehru Fellow.

2008 erhielt sie den Kluge-Preis. 2003 wurde sie Kluge-Professor der Library of Congress.

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie befasst sich mit antiker indischer Geschichte und speziell Sozialgeschichte im frühen Indien zum Beispiel in der Ära von Ashoka und das Maurya-Reich, dessen Untergang sie auf die stark zentralistische Verwaltung zurückführte. Dem breiteren Publikum ist sie vor allem bekannt durch ihren 1966 bei Penguin Books erschienenen ersten Band der History of India das einen Überblick über die Anfänge indischer Geschichte bis 1300 gibt. Schwerpunkt war ihrem Schwerpunktgebiet entsprechend die antike indische Geschichte, sie behandelte aber auch die Zeit bis ins 16. Jahrhundert, da der zweite Band von Percival Spear mit dem Mogulreich im 16. Jahrhundert einsetzte. Die aktualisierte und bearbeitete Neuauflage von Early India from the Origins to A.D. 1300 von 2002 war Teil einer dreibändigen Geschichte (mit der Zeit von 1300 bis 1800 als eigenem Band).[3]

2002 protestierte sie mit anderen indischen Historikern gegen Änderungen in indischen Schulbüchern (an deren Ausarbeitung in Bezug auf indische Frühgeschichte sie vorher beteiligt war), um Rücksichten auf hinduistische religiöse Befindlichkeiten zu nehmen (Formulierungen zur Entstehung des Kastensystems, Hinweise auf Rindfleischverzehr im alten Indien). Auch 2006 nahm sie in ähnlicher Weise in Kalifornien Stellung gegen Versuche hinduistischer Gruppen, Änderungen in Schulbüchern durchzusetzen.

Aufgrund ihrer Thesen wurde sie von radikalen Hinduisten kritisiert. Die Jawaharlal Nehru University, an der sie lehrte, wird von Anhängern der nationalistischen Hindutva-Ideologie als eine „Bastion des Marxismus“ bezeichnet. Thapar und ihr nahe stehende Forscher seien eine „Kabale“, welche die Geschichte Indiens umschreiben wolle.[4]

Romila Thapar kritisiert die von der indischen Regierungspartei BJP propagierte Hindutva-Geschichtsschreibung. Hindutva definiere den Hinduismus als alleinige Grundlage indischer Kultur und Zivilisation. Die Marginalisierung von Minderheiten wie Christen, Parsen, Sikhs und Muslimen würde somit historisch legitimiert. In On nationalism stellt Thapar ihre Jugendzeit dem gegenwärtigen Indien gegenüber: „Wir verstanden unter Nationalismus indisch zu sein und nicht hinduistisch oder muslimisch oder irgendeine andere Form von Religion oder Nationalismus.“[5] Hindu-Nationalisten werfen Thapar vor, eine marxistische Agenda zu verfolgen und unsauber mit Quellen umzugehen.[6] Kalavai Venkat beschuldigt Thapar, in ihrem Buch Perceptions of the Past „Lügen“ und „Hassrede“ zu verwenden, um ihr politisches Ziel zu erreichen. Thapar vertritt in Perceptions die Arische-Invasions-Theorie (AIT), wonach die Arier aus dem Nordwesten nach Indien eingewandert seien. Kalavai Venkat weist darauf hin, dass AIT inzwischen durch archäologische Funde widerlegt sei. Stattdessen würden „marxistische Historiker wie Thapar weiterhin den Mythos von der AIT propagieren“. Demgegenüber vertritt Kalavai Venkat die Out-of-India-Theorie (OIT). Die OIT besagt, dass die Arier ursprünglich in Indien beheimatet waren und die Urväter der Inder und des Hinduismus gewesen seien.[4] Im Gegensatz zu Venkats Behauptung vertritt die Mehrheit der Indologen weiterhin die AIT.[7]

Von ihr stammt auch ein Kinderbuch (Indian Tales).

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Asoka and the Decline of the Mauryas, Oxford University Press, 1961, Neuauflage 2012
  • A History of India, Band 1, Penguin 1966 (überarbeitete Neuauflage 2002 als Early India: From Origins to AD 1300)
  • (mit Thomas George Spencer Spear) Indien. Von den Anfängen bis zum Kolonialismus, Kindlers Kulturgeschichte 1966
  • Ancient India, Medieval India, NCERT Textbooks, Delhi, 1966, 1968
  • The Past and Prejudice (Sardar Patel Memorial Lectures), NBT Delhi, 1975, 2010
  • Ancient Indian Social History: Some Interpretations, OL Delhi 1978, 2010
  • The Mauryas Revisited, Centre for Studies in Social Sciences, K. P. Babchi 1987
  • (Herausgeber) Indian Tales, Puffin 1991
  • Early India: From Origins to AD 1300, Penguin Books (London, Delhi)/University of California Press 2002
  • Exile and the Kingdom: Some Thoughts on the Rāmāyana (Rao Bahadur R. Narasimhachar endowment lecture), Mythic Society, 1978
  • From Lineage to State: Social Formations of the Mid-First Millennium B.C. in the Ganges Valley, Oxford University Press 1984, 2006
  • History and Beyond, Oxford University Press, Delhi 2000
  • Interpreting Early India, Oxford University Press 1993, 1999
  • Sakuntala: Texts, Readings, Histories, Kali for Women, Delhi/Anthem London 1999
  • Cultural Pasts: Essays in Early Indian History, Oxford University Press, Delhi 2000 (Sammlung ihrer Aufsätze)
  • als Herausgeberin: India: Another Millennium? Viking 2000
  • als Herausgeberin: India: Historical Beginnings and the Concept of the Aryan, National Book Trust 2006
  • Somanatha: The Many Voices of History, Penguin Delhi, Verso London 2004, 2008
  • The Aryan: Recasting Constructs. Three Essays, New Delhi 2008
  • The Past Before Us: Historical Traditions of Early North India, Permanent Black, Ranikhet/Harvard UP 2013

Einige Aufsätze:

  • Interpretations of Ancient Indian History, History and Theory, Band 7, 1968, Heft 3
  • Imagined Religious Communities? Ancient History and the Modern Search for a Hindu Identity, Modern Asian Studies, Band 23, 1989, Heft 2
  • Epic and History. Tradition, Dissent and Politics in India, Past & Present, Nr. 125, November 1989, S. 3–26

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Curriculum Vitae von Thapar an der Jawarhalal Nehru University und Leftword
  2. Kurzbiografie bei Penguin
  3. Ludo Rocher, Rezension von Early India from the Origins to A.D. 1300, Journal of the American Oriental Society, Band 125, Nr. 4, 2005, S. 557–560
  4. a b Kalavai Venkat: A Critical Review of Romila Thapar’’s “Early India – From The Origins to AD 1300”. In: Hindu Review. 21. Juli 2003, archiviert vom Original; abgerufen am 22. August 2019 (englisch).
  5. Romila Thapar: On nationalism. Aleph Book Company, Neu-Delhi 2016, ISBN 978-93-8406775-5, S. 12.
  6. Kaveree Bamzai: Why Right-wingers and lapsed liberals hate Romila Thapar, the mother of history in India. In: The Print. 22. Mai 2019, abgerufen am 23. August 2019 (englisch).
  7. Koenraad Elst: The Indo-Aryan controversy is a real debate. A reply to Nicholas Kazanas. Hrsg.: Quadri di Semantica. Bologna Juni 2012 (academia.edu).