Ronny Kabus

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Ronny Kabus (* 21. April 1947 in Görlitz) ist ein deutscher Historiker und Museumswissenschaftler.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ronny Kabus.jpg

Ronny Kabus wuchs in Görlitz auf und verbrachte hier von 1953 bis 1966 seine Schul- und Ausbildungszeit, die er als Maschinenbauer mit Abitur abschloss. Nach dem Studium der Geschichte und Germanistik an der Pädagogischen Hochschule und heutigen Universität Potsdam begann 1970 seine berufliche Laufbahn als Lehrer in seiner Heimatstadt. 1975 promovierte er mit einer Dissertation über die Entstehung der Görlitzer Industrie und ihrer Fabrikarbeiterschaft im 19. Jahrhundert an der Universität Leipzig zum Dr. phil. Nach Kritik an der Biermann-Ausbürgerung 1976 und der damit verbundenen Kulturpolitik der SED verlor er seine beruflichen und gesellschaftlichen Positionen sowie eine von der Uni Leipzig angebotene Habil-Aspirantur. Bis 1989 wurde er als "operative Kontrollperson" durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR überwacht. Von 1978 bis 1988 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, stellvertretender Direktor und Direktor im reformationsgeschichtlichen Museum Staatliche Lutherhalle (heute Lutherhaus) Wittenberg, wo er insbesondere bei der Lutherehrung 1983, durch Ausstellungstätigkeit, Sammlungsforschung und Publikationstätigkeit wirksam war.[1]

Nachdem er sich 1987 weigerte, in die SED-gesteuerte CDU einzutreten und seine 1988 eröffnete Ausstellung über das Schicksal der Witttenberger Juden unter SED-Kontrolle zu stellen, wurde er auf dem Direktorposten durch einen CDU-Kader ersetzt und in seinen Arbeitsmöglichkeiten erheblich eingeschränkt.[2]

Kurz vor der „Wende“ verließ er 1989 daraufhin die DDR und siedelte mit seiner Familie in die Nähe von Nürnberg über, wo er kurzzeitig als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Germanischen Nationalmuseum tätig war. 1990 gewann er die ausgeschriebene Stelle als Leiter des Kreismuseums (Grenz- und Universitätsmuseum) Helmstedt. 1991 trat er die ausgeschriebene Stelle als Direktor des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg an, die er bis 2004/5 innehatte. In dieser Zeit wirkte er neben der Aufwertung des Museumsbildes in der Öffentlichkeit durch selbst kuratierte Ausstellungen und Publikationen sowie vielfältige Kooperationen mit polnischen, russischen und litauischen Museen und Kulturinstitutionen im ehemaligen Ostpreußen. 2004 von Bundestagsabgeordneten und der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Kultur in Deutschland“ zur Stellungnahme aufgefordert, begründete Kabus die Notwendigkeit der Herauslösung des vollständig von der öffentlichen Hand finanzierten Museums aus der Trägerschaft und dem Diktat der Vertriebenenorganisationen. Zuvor hatte der Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen und gleichzeitige Vorsitzende der Ostpreußischen Kulturstiftung im „Ostpreußenblatt“ 1/2001 antisemitische Positionen verbreitet und sich bemüht, das Museum zur Bühne seiner politischen Auffassungen zu machen. Seit 2017 kann dazu das ehemalige CDU-Mitglied und jetzige Bundestagsmitglied der AfD ein größeres Forum nutzen. Ende 2004 wird Kabus von der Ostpreußischen Kulturstiftung fristlos gekündigt[3].

Nach dem Ausscheiden aus dem Ostpreußischen Landesmuseum 2005 betätigt sich Kabus freischaffend als Buchautor, Publizist und Ausstellungsmacher, zuletzt 2014 mit der Autobiographie „Lenin-Luther-Lorbass. Erbarmung!“, 2016 mit der Forschungsarbeit „In der Gewalt Stalins und der SED“, in der er die Nachkriegsjahre seiner Heimatstadt unter dem sowjetischen Besatzungssystem beleuchtet[4], 2017 mit der Sagengeschichte von Görlitz sowie der überarbeiteten Ausstellung „Juden der Lutherstadt Wittenberg im Dritten Reich“ im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde zu Dresden[5]. Im Mittelpunkt des breit gefächerten Wirkens von Kabus stehen vor allem die Opfer historischer Prozesse.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Giese, Eberhard Wolfgang/Nitsche, Herbert: Der Türmer erzählt Görlitzer Sagen. 3. erweit. u. bearb. Neuherausgabe der Erstauflage von 1954. Zittau 2017. ISBN 978-3-929744-94-1
  • „... weine ich täglich um meinen Vater“ – In der Gewalt Stalins und der SED. 2. neu bearb. und erweit. Aufl. Norderstedt 2016. ISBN 978-3-7392-4237-8
  • Juden der Lutherstadt Wittenberg im Dritten Reich. 4. neu bearb. und erweit. Aufl. Norderstedt 2015. ISBN 978-3-7347-7450-8
  • Jews of the Luthertown Wittenberg in the Third Reich. Lutherstadt Wittenberg 2005. ISBN 3-933028-91-4
  • Radok, Rainer: Von Königsberg nach Melbourne. Vertreibung aus Ostpreußen im Dritten Reich. Bearb. u. hg. von Ronny Kabus. Lüneburg 1998. ISBN 3-932267-15-X
  • Ostpreußen. Landschaft - Geschichte - Kultur im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg. (Hg. und Mitautor). Husum 1997. ISBN 3-88042-812-3
  • Barfod, Jörn/Kabus, Ronny: Hans Preuß 1904 Königsberg – 1984 Kemerowo. Ein Maler zwischen Kunst und Klassenkampf. Husum 1996. 3-88042-763-1
  • Kabus, Ronny/Zühlke, Anke: Von Ostpreußen in die Lüneburger Heide. Lüneburg 1995.
  • Ruinen von Königsberg. Bilder eines Kaliningrader Architekten. 1. und 2. Auflage. Husum 1992. ISBN 3-88042-610-4
  • Schriftenreihe der Staatlichen Lutherhalle Wittenberg (Hg. und Mitautor). Wittenberg 1984–1989.
  • Staatliche Lutherhalle Wittenberg – 100 Jahre reformationsgeschichtliches Museum. Rostock (BT Putbus auf Rügen) 1984.
  • Beeskow, Hans-Joachim/Kabus, Ronny (Hg. und Mitautor): Martin Luther 1483 bis 1546. Katalog der Ausstellung in der Staatlichen Lutherhalle Wittenberg. Rostock (BT Putbus auf Rügen) 1984.
  • Böhmer, Wolfgang/Kabus, Ronny: Zur Geschichte des Wittenberger Gesundheits- und Sozialwesens. Teil I: Von der Stadtfrühzeit bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Lutherstadt Wittenberg 1981. Teil 2: Das 18. Jahrhundert. Lutherstadt Wittenberg 1983. Erweitert und überarbeitet erschienen in: Das heilkundige Wittenberg. Wittenberg 2009. ISBN 978-3-942005-10-4
  • Zur Konstituierung des Görlitzer Proletariats im Verlauf der industriellen Revolution. Görlitz 1975.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • https://gegenstromer.jimdo.com:/ Autoren-Website von Ronny Kabus
  • https://vimeo.com/113287219: Interview mit Alexander Baumbach nach der Vorstellung der Autobiographie im Lutherhaus Wittenberg am 16.10.2014.
  • https://youtu.be/kx4-lTT_3XE: Deutschlandfunk-Interview in der Staatlichen Lutherhalle mit Hans-Jürgen Fink im Rahmen der Sendung Wochenendjounal am 16.12.1983
  • https://youtu.be/7dm6eAMhuL0: Ausstellungseröffnung "Juden der Lutherstadt Wittenberg im Dritten Reich" am 8. Mai 2015 in den Städtischen Sammlungen. Aus: rbw-aktuell vom 11.08.2015.
  • https://youtu.be/O2VIVsVKiK0: Interview und Ausstellung im Görlitzer Rathaus anlässlich des Kommunalen Gedenktages der friedlichen Revolution am 6. Oktober 2016. Video von WalkoMedia.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Silvia Dammer: Das Buch zum Fest. Luthers Hochzeit. Über den Ursprung eines der beliebtesten Volksfeste Deutschlands im damaligen reformationsgeschtlichen Museum Lutherhalle. Kropstädt 2008, S. 20 f.
  2. Friedrich Schorlemmer: Worte öffnen Fäuste. München 1992, S. 78.
  3. Der Fall geht deutschlandweit durch die Presse und Medien von Köln über Frankfurt, Hannover, Lüneburg, Hamburg und Berlin, so bspw. die TAZ vom 16.9.2005 „Von den Vertriebenen vertrieben“: „Solidaritätsadressen hat Ronny Kabus seither viele erhalten. Nur vor Taten schreckt man in Wahlkampfzeiten zurück.“
  4. Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv für Sozialgeschichte 54/2014: „Ein Beitrag zur Aufarbeitung, der sich zwischen wissenschaftlicher Analyse und historischem Gedenken bewegt … Kabus ist dabei der Erste, der sich der vielen Facetten des Themas in einer Mikrostudie annimmt. ... Der Autor liefert eine beeindruckende Rechercheleistung ab … Auch Querverweise auf bisher untererforschte Themen, wie die ,Speziallager’ östlich der Oder, sind nicht zuletzt ein Verdienst des Buches.“
  5. Stummeyer, Detlef/Stummeyer, Ute: Paul Bosse. Seine Klinik in Wittenberg. Unerwünschte Wahrheitssuche. Eisleben und Halle 2014, S. 218 u. Anm. 511: „Man wird gewahr, wie weit Kabus seiner Zeit voraus war … Kabus hat als Erster an Hand seiner Ausstellung 1988/89 der Verwicklung Wittenbergs in den Nationalsozialismus ein anschauliches Gesicht gegeben. Er hat ,lokale Vollstrecker des Terrors’ … und Opfer mit Namen genannt und ihnen ein Bild zugeordnet …“