Rosa Liste München

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Thomas Niederbühl (2007)

Die Rosa Liste München (genaue Bezeichnung: WählerInneninitiative Rosa Liste München e. V.) ist eine politische Gruppierung in München, die die Interessen von Schwulen und Lesben – und auch der Bisexuellen, Transsexuellen und Intersexuellen[1] – auf kommunaler Ebene vertritt. Die Bezeichnung wurde gewählt, weil „unter diesem Namen […] die Polizei in München bis 1987 bekannte Homosexuelle registriert“[2] hatte. „Der junge Verein übernahm den Begriff […] und verkehrte ihn ins Positive.“[2]

Den Anstoß zur Gründung gab der grüne Stadtrat und VSG-Mitglied Gerd Wolter mit der Absicht, bei den Stadtratswahlen 1990 mit einer eigenen Liste teilzunehmen. Die Gründungsveranstaltung der Rosa Liste München fand am 2. September und die erste Wahlversammlung am 8. Oktober 1989 im Münchner Zunfthaus[3] statt. Als Spitzenkandidat wurde der Student Thomas Niederbühl nominiert; Gerd Wolter wurde auf Platz 2 gewählt.

Nachdem die Rosa Liste bei den Stadtratswahlen 1990[4] und 1994[5] mit 1,0 %[6] bzw. 1,1 % knapp den Einzug in den Stadtrat verpasst hatte, erreichte sie bei der Kommunalwahl 1996[7] 1,8 % der Stimmen und einen Sitz im Stadtrat. Auch lokale Prominenz wie Petra Perle oder Peter Ambacher[8] (bekannt als Miss Piggy), der stadtweiter Häufelkönig wurde, hatten sich 1996 auf der Rosa Liste zur Wahl stellen lassen. Mit dem Einzug in den Stadtrat war sie europaweit die erste schwul-lesbische Wählergruppe, die in ein Kommunalparlament einzog. Bei den Stadtratswahlen 2002, 2008, 2014 und 2020 gewann die Rosa Liste mit einem Stimmenanteil von 2,0 %, 1,9 %, 1,9 %[9] und 1,0 %[10] jeweils ein Mandat im Stadtrat, wobei die lesbischen Spitzenkandidatinnen Marion Hölczl (2002) und Rita Braaz (2008 und 2014) jeweils sehr knapp den zweiten Sitz verfehlten.

Im Stadtrat für die Rosa Liste ist seit 1996 Thomas Niederbühl vertreten. Er bildet dort eine Fraktionsgemeinschaft mit den Grünen. SPD, Grüne und Rosa Liste stellten von 1996 bis 2014 und wieder ab 2020 die Regierungs-Koalition im Münchener Rathaus.

In den Bezirksausschuss (BA) Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt zieht die Rosa Liste 2020 mit 7,6 %[11] der Stimmen ein (−6,5 % i.Vgl. 2014). Die gewählten Mitglieder Andreas Klose und Hannelore Rohrbach haben die Fraktionsgemeinschaft mit den Grünen bestätigt und verfügen gemeinsam über 13 der 25 Sitze im BA2. Von 2002 bis 2020 stellte die Rosa Liste mit Alexander Miklosy[12] bis zu seinem Tod im Dezember 2018 und danach mit Andreas Klose den Bezirksausschussvorsitzenden. Frühere Wahlergebnisse: 2014: 14,1 %[13] (3 Sitze: Alexander Miklosy, Andreas Klose, Carlos Lopez – nach Miklosys Tod rückte Harald Gescher im Januar 2019 nach), 2008: 12,9 % (3 Sitze: Alexander Miklosy, Klaus Neumann, Franz Schiermeier), 2002: 11 % (3 Sitze: Alexander Miklosy, Klaus Neumann, Michael Tappe).

Bis zum Jahr 2002 stellte die Rosa Liste Abgeordnete in mehreren Bezirksausschüssen. 1996: Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, 7,5 % (2 Sitze: Jens Uwe Lückemeier, Alexander Miklosy) und in Au-Haidhausen, 4,1 % (Thomas Knuth).[14] 1994 gab es Mandate in der Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt (Thomas Niederbühl) und Au-Haidhausen (Thomas Knuth). Im September 1992 wurden die Bezirksausschüsse auf die noch heute bestehende Größe zugeschnitten und die Abgeordneten neu verteilt. Von 1992 bis 1994 hatte die Rosa Liste deshalb folgende vier Mandatsträger[15]: BA 1 Altstadt-Lehel (Marion Hölczl)[16], BA 2 Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt (Thomas Niederbühl)[17], BA 3 Maxvorstadt (Peter Zimmermann)[18] und BA 5 Au-Haidhausen (Thomas Knuth)[19].

1990 entsandte die Rosa Liste in vier der alten Bezirksausschüsse je einen Abgeordneten, nämlich in: Isarvorstadt/Schlachthof-Viertel (Thomas Niederbühl), Isarvorstadt/Glockenbachviertel (Manfred Schmid), Haidhausen (Thomas Knuth) und Schwabing-Nord/Milbertshofen/Am Hart (Florian Althoff).[20]

Thomas Niederbühls Wahl zeigte bald Wirkung über die Stadtgrenzen hinaus und international. Er wurde 1997 von den Berliner Schwulengruppen eingeladen, denn diese dachten "ernsthaft darüber nach, eine ROSA LISTE aus Protest gegen die geplanten Sparmaßnahmen von CDU und SPD zu gründen"[21], wozu es wegen der bald folgenden Bürgermeisterwahl von Klaus Wowereit als erstem offen schwulen Spitzenpolitiker und Chef einer neuen, queerfreundlichen Koalition nicht kam. Kölner Queers jedoch gründeten – die Rosa Liste als "vorbildliches Modell"[22] im Blick – die Regenbogenliste für die Kommunalwahl 1999. Diese war auch insofern erfolgreich, als sie im Bezirk "Innenstadt" mit seinem queeren Viertel 1 Sitz (Maria Rohlinger) errang, aber 2004 nicht mehr antrat.[23] Auch in Hamburg kandidierte 2004 eine queere Einzelliste.[24] 2001 initiierte die Rosa Liste die Einladung von zwei internationalen, queeren Kongressen nach München, der International Gay and Lesbian Travel Association (IGLTA) und des Weltkongresses der LGBT-Juden (WCGLBTJ, aktueller Name: Keshet Ga’avah[25])[26]

Zum 10-jährigen Bestehen zieht Thomas Nieberbühl in einem Interview im Herbst 1999 eine Zwischenbilanz.[27] 1999 forderte die Rosa Liste erfolgreich einen in Deutschland erstmaligen Antidiskriminierungszusatz bei städtischen Stellenausschreibungen[28]. Seit 2003 wird auf ihren Vorschlag hin im Münchner Rathaus die Abschlussparty des CSD (Rathaus-Clubbing) gefeiert.[29] Außerdem ist die Rosa Liste Mitbegründerin von Pink Christmas, des ältesten schwul-lesbischen Weihnachtsmarktes weltweit, der seit 2005 besteht.[30] 2010 wurde mit ihrer Hilfe die Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen gegründet.[31] Außerdem unterstützt die Rosa Liste die seit 2013 bestehende Szenepartnerschaft München-Kiew.[32]

Am 13. November 2009 feierte die Rosa Liste in einem Festakt im Münchner Oberangertheater ihr 20-jähriges Bestehen. Am 15. November 2019 wurde wiederum in einem Festakt mit historischem Rückblick des 30. Gründungstages gedacht.

Am 2. Mai 2016 wurde im Café Regenbogen (Aids-Hilfe) mit einem Festakt der 20. Jahrestag des Eintritts von Thomas Niederbühl in den Münchner Stadtrat (s. o.) begangen: „Dass vieles, was er aus dem schwulen München der 1990er Jahre erzählt, heute nur noch schwer vorstellbar ist, das hat viel mit seinem Einsatz im Rathaus zu tun.“[33]

Ein aktuelles Projekt im Jahr 2016 benennt Niederbühl: „homosexuelle Flüchtlinge […] unterstützen […]. Auf der anderen Seite gebe es die Sorge vor schwulenfeindlichen Übergriffen durch Migranten, die aus Gesellschaften kommen, in denen Schwulsein als kriminell gilt.“[33]

Auf die Frage nach den Aufgaben der näheren Zukunft zählt Niederbühl auf: „Wohnformen, Jung und Alt, Trans- und Intersexualität.“[34]

Niederbühl benennt seine Perspektive über die nächste Kommunalwahl hinaus: „2020 will er noch einmal antreten. Dann […] könnte endlich auch eine Frau einen zweiten Sitz ergattern.“[33]

Literatur, Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Südwind – die schwule Zeitschrift in München (6 Ausgaben pro Jahr), 1/90 - 5/93 (Nach Parteigründung berichtete Südwind in jeder Ausgabe ausführlich über die Rosa Liste[35], ab 6/92 bis 5/93 mit einer eigenen "Seite der Rosa Liste".)
  • Zeitung rosa liste muenchen, Nr. 1 (April 1994) – Nr. 32 (Mai 2005)[36]
  • Film (DVD): Der Freiheit eine Gasse brechen. Münchens schwule Geschichte (hrsg. vom forum homosexualität und geschichte muenchen), 2005, Kapitel 9: Rosa Liste
  • Festschrift 20 jahre rosa liste münchen. 1989–2009
  • Wahlprogramm 1990, in: Südwind 1/90, S. 9 - 14
  • Wahlprogramm 2002 Lesben und Schwule bewegen München
  • Wahlprogramm 2014 rosa liste Sichtbar, engagiert, authentisch
  • Wahlprogramm 2020 - 2026

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Rosa Liste München – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wahlprogramm 2020 - 2026 (=Programm), Seite 4 und geänderte Satzung von 2015
  2. a b Scherf, Martina: Einzelkämpfer. Seit 20 Jahren sitzt Thomas Niederbühl für die Rosa Liste im Münchner Stadtrat. Bis heute ist er der einzige Vertreter einer schwul-lesbischen Liste in einem deutschen Parlament, Süddeutsche Zeitung vom 8. Juni 2016, Seite R6.
  3. Zunfthaus, Thalkirchner Str. 76
  4. Hier sind die meisten der 28 Stadtrats-KandidatInnen der Rosa Liste aufgelistet: Südwind 1/90, S. 6f
  5. Die 35 "KandidatInnen der ROSA LISTE zur Wahl '94" in: Zeitung rosa liste, Nr 3 (Juni '94), S. 2
  6. Die Ergebnisse der Rosa Liste, differenziert nach den alten Stadtbezirken findet sich in: Südwind 3/90, S. 6
  7. "Die 80 StadtratskandidatInnen" in: Zeitung rosa liste, Nr. 12 (März '96), S. 6
  8. Steckbrief zu Peter Ambacher (Miss Piggy). Forum Queeres Archiv München, abgerufen am 23. Oktober 2020.
  9. Einzelergebnisse 2014 der Kandidaten*innen der Rosa Liste, Stadtrat
  10. Einzelergebnisse 2020 der Kandidaten*innen der Rosa Liste, Stadtrat
  11. Einzelergebnisse 2020 der Kandidaten*innen der Rosa Liste, BA 2
  12. Artikel "Rosa Liste stellt erstmals den Vorsitzenden in 'unserem' Stadtbezirk. Rosa Chef im rosa Viertel", in: Zeitung rosa liste, Nr. 28 (Juli '02), S. 1f;
    Artikel "Was in den ersten 100 Tagen unter dem neuen rosa Stadtteilbürgermeister so alles geschah", in: Zeitung rosa liste, Nr. 29 (Februar '03), S. 1f
  13. Einzelergebnisse 2014 der Kandidaten*innen der Rosa Liste, BA 2
  14. Alle 9 KandidatInnen für die BAs 2 und 5 finden sich hier: Zeitung rosa liste, Nr. 12 (März '97), S. 10
  15. Zeitung rosa liste, Nr 2 (Mai '94), S. 2
  16. Porträt in Südwind 5/92, S. 19
  17. Porträt in Südwind 6/92, S. 19
  18. Porträt in Südwind 1/93, S. 21
  19. Porträt in Südwind 2/93, S. 21
  20. Südwind, 3/90, S. 5
  21. Zeitung rosa liste, Nr. 16 (Feb/März '97), S. 5
  22. "Schwul-lesbischer Aufschwung in München durch Rosa Liste", in: Zeitung rosa liste, Nr. 26 (Aug/Sept '99), S. 7
  23. Schminke, Clemes: Die Wunschwelt eines Politikers, Kölner Stadtanzeiger, 18. September 2004
  24. Die queere Aktivistin Olivia Jones erreichte mit der Einzelliste "OLIVIA-JONES.DE" 0,5%, verfehlte aber wegen der 5%-Hürde ein Mandat.
  25. Our History,auf glbtjews.org
  26. Festschrift, Seite 24–27 (Memento des Originals vom 24. Dezember 2015 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/worldcongressglbtjews.net
  27. "Schwul-lesbischer Aufschwung in München durch Rosa Liste", in: Zeitung rosa liste, Nr. 26 (Aug/Sept '99), S. 7-9 u. 12
  28. Festschrift „20 jahre rosa liste münchen“ (= Festschrift), Seite 23
  29. Festschrift, Seite 31
  30. Festschrift, Seite 34
  31. Münchner Regenbogen-Stiftung, Programm, Seite 8 und 12
  32. Programm, Seite 9
  33. a b c Müller, Felix: 20 Jahre Rosa Liste im Stadtrat. Der Mann, der München Toleranz lehrte, Münchner Merkur vom 24. Mai 2016, Abschnitt München, S. 31 (= Müller, Merkur)
  34. Bernd Müller: 5 Fragen an Stadtrat Thomas Niederbühl, Zeitschrift "Leo" vom Juni 2016, S. 5.
  35. "Der Südwind unterstützt die ROSA LISTE." (Editorial, in Südwind 1/90, S. 3)
  36. Südwind und Zeitung rosa liste muenchen können eingesehen werden im Forum Queeres Archiv München e.V., Bayerstr.77a Rg 3, 80335 München.