Rosebery d’Arguto

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Rosebery d’Arguto (Pseudonym für Martin Rozenberg; * 24. Dezember 1890 in Szreńsk; † 1943 Auschwitz-Birkenau) war ein bedeutender Musikpädagoge, Komponist und Dirigent, der vor allem in der Arbeitermusikbewegung aktiv war.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rosebery d’Arguto wurde 1890 als Sohn eines Gutsbesitzers in Schrensk im von Russland okkupierten Teil Polens geboren. Er entwickelte künstlerisches Talent und politisches Interesse. Nachdem er sich 1905 in Warschau der polnischen Unabhängigkeitsbewegung angeschlossen hatte, weshalb er von der russischen Polizei verfolgt wurde, floh er wenig später nach Österreich, um weiterer Verfolgung zu entgehen. In Wien und danach Italien studierte er Musik[1] und wurde schließlich habilitiert.

Anfang der 1920er Jahre ging d’Arguto nach Deutschland. In Berlin-Neukölln übernahm er einen seit 1890 bestehenden gemischten Chor der Arbeitersängerbewegung und gestaltete diesen in einen Gesangsverein mit hohem musikalischen Anspruch um. Die sich bald „Gesangsgemeinschaft Rosebery d'Arguto“ nennende Vereinigung spezialisierte sich in den Folgejahren auf die pädagogische Arbeit und verhalf Arbeiterkindern zu einer musischen Ausbildung.

Mit den Repressionen gegen die Arbeitermusikbewegung nach 1933 geriet auch der Jude d’Arguto immer stärker in Bedrängnis. Es folgten Auftrittsverbote des Chores unter seiner Leitung und schließlich Berufsverbot. 1939, kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen, verließ d’Arguto Deutschland, kehrte aber wenig später wegen wichtiger Erledigungen nach Berlin zurück. Dort wurde er sofort von der Gestapo verhaftet und am 13. September 1939 in das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg deportiert. In Sachsenhausen baute er in Block 37 und 38 einen Chor der jüdischen Gefangenen auf und versuchte seine Arbeit fortzusetzen. Im Zuge eines Befehls Hitlers aus dem Jahr 1942, wonach sämtliche noch im Reich befindliche Juden nach Auschwitz-Birkenau zu deportieren sind, wurde auch d'Arguto in das Vernichtungslager gebracht, wo er 1943 ermordet wurde.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rosebery d’Arguto ist heute fast völlig vergessen. Dies kann als ein Ergebnis der nationalsozialistischen Politik angesehen werden. So wurden sämtliche Dokumente d’Argutos, darunter auch Aufzeichnungen für eine geplante Veröffentlichung zum Thema Musikpädagogik sowie Kompositionen von den Behörden planmäßig vernichtet. In einem Keller versteckte weitere Dokumente fielen einem Bombenangriff zum Opfer. Zeitgenössische Zeitungsartikel und vor allem Äußerungen von Mitgliedern der Gesangsgemeinschaft und anderen Zeitgenossen deuten allerdings auf eine große Bedeutung d'Argutos hin. Insbesondere seine musikpädagogischen Ansätze galten seinerzeit als modern und bahnbrechend.

D’Arguto verfasste auch eine Reihe von Kompositionen, vorwiegend Chorwerke, von großer Qualität. Hier stechen vor allem die Absoluten Sinfonischen Gesänge hervor, in der d’Arguto die menschliche Stimme wie ein Instrument behandelte und auf Worte verzichtete. Überliefert sind zudem einige Kompositionen aus seiner Gefangenschaft in Sachsenhausen. Bekannt wurde vor allem der Jüdische Todessang (1942), den sein überlebender Mithäftling Aleksander Kulisiewicz nach dem Krieg bei Konzerten als Sänger oft aufgeführt hat. Diesen singen heute nur noch wenige Menschen auf der Welt, darunter der Jiddisch-Bühneninterpret Daniel Kempin: „Zwei Menschen auf der Welt singen dieses Lied noch - einer davon bin ich“.[2] Seit 2004 interpretiert auch Kempins Schülerin, die deutsch-tschechische Jiddisch-Sängerin Anna Werliková, den Jiddischn tojtngesang, so dass dieser von einer Generation zur nächsten weitergetragen wird.

Dokumente zu Rosebery d'Arguto und der gleichnamigen Gesangsgemeinschaft finden sich vor allem im Arbeiterliedarchiv der Akademie der Künste (Berlin), wo eine eigene Sammlung für d’Arguto existiert.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Andert: Rosebery d'Arguto: Versuche zur Erneuerung des proletarischen Chorgesangs. In: Berliner Begegnungen. Ausländische Künstler in Berlin 1918 bis 1933. Aufsätze - Bilder - Dokumente. Hrsg. von Klaus Kändler, Helga Karolewski und Ilse Siebert. Dietz, Berlin 1987 (Veröffentlichungen der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der DDR für Deutsche Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts), ISBN 3-320-00836-6.
  • Aleksander Kulisiewicz: Adresse: Sachsenhausen. Literarische Momentaufnahmen aus dem KZ. Hrsg. v. Claudia Westermann. Aus dem Polnischen von Bettina Eberspächer. Bleicher, Gerlingen 1997, ISBN 3-88350-731-8.
  • Jörn Wegner: Die Arbeitermusikbewegung im Nationalsozialismus. In: Kulturation. Online-Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik 2/2008 (Web-Ressource).
  • Juliane Brauer: Musikalische Gewalt und Über-Lebens-Mittel Musik. Jüdische Musiker im Konzentrationslager Sachsenhausen. Teil 2: "Ein Mensch mit großer Würde." Rosebery d'Arguto, in: musica reanimata-Mitteilungen, Nr. 64 (Januar 2008), S. 1–19.
  • Juliane Brauer: Rosebery d'Arguto, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, 2010 (http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002233)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rosebery d’Arguto, lexm.uni-hamburg.de
  2. Jens Höhner: Mit dem moralischen Zeigefinger. Mazl un Shlamazl: Daniel Kempin singt jiddische Lieder vom Glück und Unglück. In: Westdeutsche Zeitung, 11. November 1995