Rosi Braidotti

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Rosi Braidotti

Rosi Braidotti (* 28. September 1954 in Latisana, Italien) ist eine zeitgenössische Philosophin und Theoretikerin des Feminismus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Braidotti, die ab dem 16. Lebensjahr in Australien aufwuchs,[1] hat sowohl die italienische als auch die australische Staatsbürgerschaft. Sie studierte an der Australian National University in Canberra bis 1977 und wurde mit der Universitäts-Medaille in Philosophie und dem Tillyard-Preis der Universität ausgezeichnet. Für ihre Dissertation ging Braidotti an die Sorbonne zu Luce Irigaray (Promotion in Philosophie 1981 über „Feminismus und Philosophie: Die Kritik der Macht und das zeitgenössische feministische Denken“).

Seit 1988 lehrt sie als Professorin an der Universität Utrecht in den Niederlanden, wo sie den Ausbildungsgang Gender Studies gründete.[2] 1995 wurde sie Gründungsdirektorin des von 9 niederländischen Universitäten getragenen Forschungszentrums Frauen- und Geschlechterforschung (Netherlands Research School of Gender Studies NL, NOG), dem sie bis 2005 vorstand.

Sie war Leverhulme Trust-Gast-Professorin am Birkbeck College in den Jahren 2005–2006; zudem war sie 2002–2003 Jean Monnet-Professorin am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und 1994 Fellow am Institute for Advanced Study in Princeton. 2014 wurde sie zum ordentlichen Mitglied der Academia Europaea gewählt.[3]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Braidotti ist Pionierin der Europäischen Frauen- und Geschlechterforschung: Sie gründete das inter-universitäre SOCRATES-Netzwerk NOISE und das Thematic Network zu Frauenrechten, Gleichberechtigung und Diversität ATHENA, das sie seit 2005 leitet und das 2010 mit dem ERASMUS-Preis „Lebenslanges Lernen“ ausgezeichnet wurde.[4]

Sie ist Expertin für die posthumanistische Wende der zeitgenössischen feministischen Theorie und poststrukturalistische Ansätze. Ferner hat sie das Konzept der „nomadischen Subjektivität“ geprägt. Diese Konzeption geht auf die Nomadologie von Gilles Deleuze und Félix Guattari zurück, die in ihrem Buch Tausend Plateaus den Nomaden als Figur vorstellen, die subversive Mobilität denk- und beschreibbar macht. Sie entwickeln und beschreiben den Nomaden als Denkfigur anhand ethnologischer Studien. Die nomadische Mobilität entgeht für Deleuze und Guattari Lokalisierungen und Festsetzungen, sie bleibt in der Bewegung begriffen. Dem wird die sesshafte Logik der Staatsmacht entgegengesetzt. An diese Punkte knüpft Braidotti an, entwickelt diese Figur jedoch zur sexuell differenzierten Nomadin weiter. In dieser Kernfigur von Braidottis Denken zeigt sich deutlich ihr theoretischer Bezugsrahmen, für den Deleuze und Guattari mit ihrer Nomadologie sowie Luce Irigaray mit ihrer Konzeption der sexuellen Differenz von zentraler Bedeutung sind. Mit dem Konzept der nomadischen Subjektivität richtet sie sich gegen einheitliche Subjektauffassungen und skizziert das Modell einer dynamischen nicht einheitlichen Subjektivität.

"Ich möchte die Aktivität des Denkens an die Mobilität und die Fluktuationen eines verkörperten Geistes rückbinden, der ununterbrochen Verknüpfungen herstellt, sich verändert und dennoch stabil bleibt, der eine Zugehörigkeit hat und gleichzeitig fließend ist."[5]

Insgesamt sind Figurationen und politische Fiktionen in Braidottis Denken zentral. Sie sieht darin eine Möglichkeit, das logozentrische Denken zu überwinden. Ihr Schreibstil lässt sich, im Gegensatz zur klassischen philosophischen Tradition, als assoziativ und essayistisch beschreiben. Braidottis Anspruch ist es, sowohl Register der Diagnostik zu entwickeln als auch solche der Projektion in mögliche Zukünfte. Das heißt, sie arbeitet sowohl an Vokabular und Perspektiven, um die gegenwärtige politische Situation zu verstehen, als auch an solchen, um über diese hinaus politische Visionen zu skizzieren.

"Definieren wir Denken als relationale und kollaborierende Beteiligung an den Konstruktionen nachhaltiger Wege der Beständigkeit unserer Existenz, dann könnten wir die Aufgabe des Denkens festmachen als die Produktion angemessener Weisen des Verstehens, was uns geschieht, damit wir daraufhin anderen produktiv begegnen können. Wie es sich anfühlt, am Leben zu sein, bildet somit den Kern dieser Definition von Denken."[6]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monographien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herausgeber-Bände[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (Hg. mit Patrick Hanafin and Bolette Blaagaard) After Cosmopolitanism, New York: Routledge, 2012. 188 Seiten.
  • (Hg. mit Patricia Pisters) Revisiting Normativity with Deleuze, London and New York: Continuum, 2012. 238 Seiten.
  • The History of Continental Philosophy Volume 7, Durham: Acumen, 2010. 398 Seiten.
  • (Hg. mit Claire Colebrook and Patrick Hanafin) Deleuze and Law. Forensic Futures, London: Palgrave Macmillan, 2009. 212 Seiten.
  • (Hg. mit Claire Colebrook) Special edition of Australian Feminist Studies, on: “Feminist Timelines”, Routledge Volume 24 Issue 59, 2009. 142 Seiten.
  • (Hg. mit Charles Esche und Maria Hlavajova) Citizens and Subjects: The Netherlands, for example, Critical Reader/Catalogue for the Dutch Pavilion at the Biennale in Venice, 2007, Utrecht: BAK and Zurich: JRP. 334 Seiten. ISBN 978-3-905770-73-5.
  • (Hg. mit Judith Butler) New Feminism: Worlds of Feminism, Queer and Networking Conditions. Wien: Löcker. 400 Seiten.
  • (Hg. mit Gabriele Griffin) Thinking Differently: a Reader in European Women’s Studies, London / New York: Zed Books, 2002. 405 Seiten. ISBN 978-3-85409-472-2.
  • (Hg. mit Nina Lykke) Between Monsters, Goddesses and Cyborgs. Feminist Confrontations With Science, Medicine and Cyberspace.London: Zed Books, 1996. 260 Seiten.
  • (Hg. mit Gloria Wekker) Praten in het donker. Multiculturalisme en anti-racisme in feministisch perspectief. Kampen: Kok Agora, 1996. 170 Seiten.
  • Poste restante. Feministische berichten aan het postmoderne. Kampen: Kok Agora, 1994, pp. 157.
  • (Hg. mit Suzette Haaksma), Ik denk dus zij is; De vrouwelijke intellectueel in literair en historisch perspectief, Kampen: Kok Agora, 1994. 199 Seiten.
  • Een beeld van een vrouw. De visualisering van het vrouwelijke in een postmoderne cultuur, Kampen: Kok Agora, 1993. 188 Seiten.
  • Gastherausgeberin des Themenbandes der Zeitschrift Women's Studies International Forum. Themenband: Women's Studies at the University of Utrecht, New York: Pergamon Press, 1993, Bd. 16, Nr. 4.
  • Gastherausgeberin des Themenbandes der Zeitschrift Les Cahiers du Grif. De la parenté à l'eugénisme Paris: Editions Tierce, 1987, Nr. 36.

Übersetzungen ihres Werkes „Nomadic Subjects“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Italienische Übersetzung: Soggetto Nomade, Rome: Donzelli, 1995.
  • Spanische Übersetzung: Sujetos Nómades Corporización y Diferencia Sexual en la Teoria Feminista Contemporánea, Buenos Aires, Barcelona, Mexico: Paidos, 2000.
  • Übersetzung ins Russische von einzelnen Kapiteln aus Nomadic Subjects: Embodiment and Sexual Difference in Contemporary Feminist Theory. Im Einzelnen: “Introduction: By Way of Nomadism” (S. 13–22) und Kapitel 11: ‘Women’s Studies and the politics of Difference’ (S. 136–163). In: Sergei Zherebkin (Hg.): Anthology on Western Gender Studies Theory, II Volume of the textbook Introduction to Gender Studies, St. Petersburg: Aleteia and Kharcov Center for Gender Studies, 2001. Übersetzt durch Zaven Babloyan.
  • Portugiesische Übersetzung des Kapitels 8: “A diferenca sexual como um projecto politico nomada” in: Genero, Identitade e Desejo. Antologia Critica do Femminismo Contemporaneo, Lisboa: Edicoes Cotovia, 2002.
  • Koreanische Übersetzung, ISBN 89-951903-8-8, 2005.
  • Russische Übersetzung von Kapitel 8: “Sexual Difference as a Nomadic Political Project” in: Feminism, Art and Theory. 1970–2000, Moscow: RosPen, 2005.
  • Polnische Übersetzung: Podmioty Nomadyczne. Ucieleśnienie I różnica seksualna w feminizmie współczesnym, Warszawa: Wydawnictwa Naukowe I Profesjonalne, 2009.

Video-Dokumente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2009 Feature-langer Dokumentarfilm über Braidottis Leben und Arbeit von Andrea Petõ und der ungarischen Produzentin Ilona Hernádi, der als DVD herauskam

Literatur zu Rosi Braidotti[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Villa, Paul-Irene: Mobilität, Heterotopie, Dezentrierung. Rosi Braidotti: "Nomadic Subjects" S.143-152 in J. Reuter, A. Karentzos (Hrsg.) Schlüsselwerke der Postcolonial Studies, Wiesbaden, 2012.
  • Schmidbauer, Marianne: Rosi Braidotti S.11-27 in, M. Schmidbauer, H.Lutz und U. Wischermann (Hrsg.): Klassikerinnen feministischer Theorie, Sulzbach am Taunus, 2013

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. "Eine Stimme, die mir ähnelt." Rosi Braidotti im Gespräch mit Sara Fortuna. In: Die Philosophin, Heft 29 (2004): 89-97
  2. Lebenslauf (Universität Utrecht)@1@2Vorlage:Toter Link/www.let.uu.nl (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  3. Mitgliederverzeichnis: Rosi Braidotti. Academia Europaea, abgerufen am 19. Oktober 2017 (englisch).
  4. Akademische Netzwerke des ERASMUS-Programms (EU-Kommission)
  5. Rosi Braidotti: Politik der Affirmation. Merve, Berlin 2018, ISBN 978-3-96273-001-7, S. 11.
  6. Rosi Braidotti: Politik der Affirmation. Merve, Berlin 2018, ISBN 978-3-96273-001-7, S. 15.