Rote Khmer

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Schwarz-weiß Fotografie von Pol Pot in einem Lehnsessel (1978)
Pol Pot, Führer der Roten Khmer

Die Roten Khmer (Khmer ខ្មែរក្រហម Khmêr Khrôm [kʰmaːe̯ kʰɽom]; französisch Khmers rouges) waren eine maoistisch-nationalistische Guerillabewegung, die 1975 unter Führung von Pol Pot in Kambodscha an die Macht kam und bis 1979 das Land totalitär als Staatspartei regierte. Ihr Name leitet sich von der mehrheitlichen Ethnie Kambodschas, den Khmer, ab. Die Roten Khmer wollten die Gesellschaft mit Gewalt in einen Agrarkommunismus überführen. Dieser Prozess umfasste auch die fast vollständige Vertreibung der Bevölkerung der Hauptstadt Phnom Penh und mündete im Genozid in Kambodscha, der weltweite Bekanntheit erlangte. Bis zum Ende ihrer Herrschaft 1978 fielen den Roten Khmer nach den verbreitetsten Schätzungen etwa 1,7 bis 2,2 Millionen Kambodschaner (Khmer und Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten) zum Opfer.

Nach ihrem gewaltsamen Sturz und der Zerschlagung ihres Regimes durch vietnamesische Invasionstruppen wurden die Roten Khmer erneut zu einer Untergrundbewegung und wurden bei ihrem Kampf gegen die vietnamesische Besatzungsmacht und das von ihr installierte Marionettenregime zeitweise von verschiedenen, auch westlichen Ländern unterstützt, bis sie sich 1998 endgültig auflösten. Die wirksame juristische Aufarbeitung der Verbrechen während ihrer Herrschaft kam erst Mitte der 2000er Jahre vor dem Rote-Khmer-Tribunal in Gang und dauert bis heute an.

Ursprünge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verwaltungszonen Demokratisches Kampuchea (Quelle: Russell R. Ross (Hrsg.): Cambodia. A Country Study. Federal Research Division 1990)

Der Anteil der Landbevölkerung ohne Grundbesitz war in Kambodscha in den Jahren 1950–1970 von 4 auf 20 % gestiegen und erhöhte sich im Verlauf des Kambodschanischen Bürgerkriegs weiter. Vor allem aus dieser Gruppe, und hier insbesondere den Jugendlichen ohne Bindung an Dorfgemeinschaft oder Landeigentum, rekrutierten sich die Roten Khmer.[1] Andererseits waren durch Grenzverschiebungen unter der Kolonialherrschaft von Französisch-Indochina im bis dahin ethnisch relativ homogenen Kambodscha bedeutende Minderheiten wie zum Beispiel Vietnamesen und muslimische Cham entstanden, die schlecht integriert waren und während des späteren Genozids aus nationalistischen Gründen besonders stark verfolgt wurden.[2]

Die Roten Khmer hatten ihren Ursprung in der Kommunistischen Partei Kambodschas, die 1951 aus der indochinesischen KP entstand und sich anfangs Revolutionäre Volkspartei der Khmer (RVPK) und später Arbeiterpartei von Kampuchea (WPK) nannte. Bis 1954 wurden unter Sơn Ngọc Minh und Tou Samouth über 1.000 Parteimitglieder gewonnen und wurde unter Aufsicht der Việt Minh die Miliz Khmer Issarak auf über 5.000 Mann ausgebaut. Im linken Flügel dieser Miliz, dessen Angehörige Norodom Sihanouk abschätzig als Khmer Viet Minh bezeichnete, fanden sich spätere Führungskader der Roten Khmer wie zum Beispiel Ta Mok und Keo Meas wieder.[3] Prinz Sihanouk, der nach einem manipulierten Wahlsieg im Jahr 1955 zum alleinigen Machthaber wurde, unterdrückte die politische Opposition, so dass ein Drittel der KPRP-Mitglieder und viele „Khmer Viet Minh“ nach Hanoi flohen. Zudem hatte Kambodscha mit der Indochinakonferenz die Unabhängigkeit erreicht, womit viele Kämpfer ihre Ziele als erreicht ansahen und sich die Khmer Issarak nahezu vollständig auflösten.[4] Während die älteren, sich an Vietnam orientierenden und zumeist volksnahen Parteikader durch die Geheimpolizei besonders stark verfolgt wurden, blieb die jüngere Generation, die aus besseren Verhältnissen stammte und oft über akademische Bildung verfügte, von der Repression ausgenommen. Ein Zirkel von ehemaligen Studenten aus Paris um Pol Pot gewann daher zu dieser Zeit in der KPRP an Einfluss und übernahm nach der Ermordung von Samouth, die wahrscheinlich auf sie zurückgeht, Anfang 1963 die Parteiführung. Diese ging bald darauf in den Untergrund, so dass ab 1967 eine kommunistische Guerillabewegung gegen das Regime von Sihanouk auf dem Land entstand.[5]

Im September 1966 benannte sich die WPK in Kommunistische Partei Kampucheas (KPK) um, womit Pol Pot möglicherweise eine Distanzierung von Hanoi und eine Annäherung an die Kommunistische Partei Chinas zu signalisieren beabsichtigte.[6] Am 17. Januar 1968 kam es während des Samlaut-Aufstands zu einem Gefecht mit Regierungskräften, das später von den Roten Khmer als Geburtsstunde ihres militärischen Flügels gefeiert wurde.[7] Zur Zeit der offiziellen Gründung des bewaffneten Flügels im März 1969 zählte dieser knapp 800 Guerillas und wuchs bis 1972 auf 40.000 an.[8]

Bis 1970 hatte Sihanouk Kambodscha aus den die Region erschütternden Krisen (Vietnamkrieg und dessen Ausweitung auf Laos) durch geschickte Diplomatie herausgehalten, und das Land galt als eines der politisch stabileren in Südostasien. Den Vereinigten Staaten war es ein Dorn im Auge, dass die gegen die amerikanischen Truppen in Vietnam kämpfende vietnamesische FNL (Vietcong) den östlichen Teil des kambodschanischen Territoriums als Transportweg (u. a. den Ho-Chi-Minh-Pfad) und Rückzugsgebiet nutzte. Die FNL unterstützte die kommunistische Guerillabewegung in Kambodscha. Die Gruppe hatte sich mehrfach umbenannt, weshalb König Sihanouk gegenüber der Presse den Sammelbegriff „Rote Khmer“ für alle Gruppierungen im linken Lager verwendete, der sich dann im Ausland durchsetzte;[9] selber hatten sich die Roten Khmer nie so bezeichnet. Noch unter Sihanouks Herrschaft eskalierte der Stellvertreterkrieg im Osten Kambodschas insbesondere mit dem Beginn der Operation MENU. Im Grenzgebiet zu Vietnam lagen und bekämpften sich somit nun der Vietcong, die Nordvietnamesische Armee (NVA), die Roten Khmer, die Streitkräfte Kambodschas und die United States Air Force.[10]

Nach seinem Sturz durch Lon Nol am 18. März 1970 ging Sihanouk ins Exil nach Peking und verbündete sich mit dem kommunistischen Widerstand in der Front uni national du Kampuchéa (FUNK). Als Gouvernement royal d’union nationale du Kampuchéa (GRUNK) bildeten Sihanoukisten und die KPK eine Exilregierung, der Khieu Samphan, Hu Nim und Hou Yuon angehörten. Als nationale Identifikationsfigur konnte Sihanouk in erheblichem Umfang insbesondere die Landbevölkerung für seine Zwecke mobilisieren. So rief er nur zwei Tage nach seinem Sturz die Kambodschaner dazu auf, in die Wälder zu gehen und sich dem Widerstand anzuschließen, was später viele einfache Soldaten der Roten Khmer als auslösendes Moment ihrer Rekrutierung bezeichneten. Die Verehrung für Sihanouk war so groß, dass selbst viele Mönche für die Sache der GRUNK eintraten. Die revolutionäre Moral dieser Kämpfer ließ allerdings zu wünschen übrig, und kommunistische Ideen wie zum Beispiel Auflehnung gegen in Kambodscha kaum vorhandene Großgrundbesitzer erwiesen sich für die weitere Rekrutierung als eher hinderlich. Bis 1972 führten vor allem die NVA und aus dem vietnamesischen Exil zurückgekehrte „Khmer Viet Minh“ den Kambodschanischen Bürgerkrieg gegen Lon Nol, wobei sie die nordöstlichen Provinzen größtenteils einnahmen.[11]

Während die Führung um Pol Pot, auch bekannt als Bruder Nr. 1, sich an Peking orientierte und Vietnam gegenüber feindlich eingestellt war, arbeiteten viele lokale Parteikader und die Khmer Issarak insbesondere im Osten Kambodschas noch mit dem Vietcong zusammen. Die Machtzentrale der Roten Khmer um Pol Pot und Nuon Chea, auch bekannt als Bruder Nr. 2, begann ab 1971 mit der politischen Säuberung der Bewegung von Sihanoukisten, Khmer Issarak und gemäßigten, provietnamesischen Kommunisten. In den meisten Regionen des Landes war diese Maßnahme bis 1975 abgeschlossen.[12] Die Mordaktionen richteten sich auch gegen ethnische Minderheiten innerhalb der Partei und Milizen, wie zum Beispiel in der Provinz Koh Kong gegen die Angehörigen der Thai[13] oder in der Provinz Ratanakiri gegen die Bergvölker.[14] Das Außenministerium der Vereinigten Staaten, das 1973/1974 anhand von Interviews mit Flüchtlingen eine der ersten Studien zu den Roten Khmer durchführte, konnte diesen Bruch innerhalb der Bewegung zwischen den Hardlinern der Khmer Krahom (deutsch: „Rote Khmer“) und den gemäßigten Kräften der Khmer Rumdos (deutsch: „Khmer Befreiung“) identifizieren.[15] Eine ursprüngliche Faktion der Roten Khmer, die bis Ende 1974 in bewaffneten Konflikt mit der KPK geraten war, stellten die Khmer Saor (deutsch: „Weiße Khmer“) dar, welche aus muslimischen Cham bestanden. Diese waren als autonome Miliz in Reihen der Roten Khmer nur in der östlichen Verwaltungszone toleriert, aber im Jahr 1974 durch die zentrale Parteiführung aufgelöst worden.[16]

Armeegeneral Lon Nol, dessen Putsch durch Amerika unterstützt worden war, erhielt von Washington umfangreiche Wirtschafts- und Militärhilfen. Mit seiner Billigung versuchten Richard Nixon und sein Außenminister Henry Kissinger, Kambodscha von der FNL militärisch zu säubern. Indem sie den Krieg gegen das kommunistische Nordvietnam und den Vietcong auf kambodschanischen Boden ausdehnten, opferten die USA die Integrität des letzten unabhängigen Staates Indochinas. Ihre mit der Operation MENU beginnenden Flächenbombardements forderten mindestens 200.000 Menschenleben, vornehmlich unter Zivilisten, und trugen dazu bei, einen großen Teil der Bevölkerung in die Arme der Roten Khmer zu treiben. Von amerikanischen B-52-Flugzeugen wurden vom 4. Oktober 1965 bis zum 15. August 1973 insgesamt 2.756.941 Tonnen und alleine 1973 doppelt so viele Bomben über Kambodscha abgeworfen wie über Japan während des gesamten Zweiten Weltkrieges (im gesamten Zweiten Weltkrieg – inklusive Hiroshima (15.000 Tonnen) und Nagasaki (20.000 Tonnen) – wurden 2 Millionen Tonnen Bomben abgeworfen). Kambodscha ist halb so groß wie Deutschland.[17] Dass Vietnamesen und Amerikaner ihren Krieg nach Kambodscha trugen, erklärt den nationalistischen und hasserfüllten Kurs der Roten Khmer zu einem gewissen Teil.

Herrschaft der Roten Khmer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 17. April 1975 wurde Phnom Penh von den Roten Khmer eingenommen, das „Demokratische Kampuchea“ ausgerufen und der im Exil lebende Prinz Norodom Sihanouk als Staatsoberhaupt eingesetzt.[18]

Die meisten Einwohner der Stadt freuten sich über das Ende der Kämpfe und begrüßten die einmarschierenden Truppen jubelnd. Ein großer Teil der Kämpfer bestand aus Kindersoldaten, die zu diesem Zeitpunkt nichts Anderes als ein Leben als Soldaten kannten.

Die Stimmungslage kippte schnell, als Pol Pot und die Roten Khmer mit der Errichtung eines Terrorregimes begannen. Am 4. April 1976 wurde Norodom Sihanouk wegen seiner Kritik am Kurs der Roten Khmer als Staatsoberhaupt abgesetzt und unter Hausarrest gestellt, Khieu Samphan zum neuen Staatsoberhaupt und Pol Pot zum Regierungschef ernannt.

Geheimhaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Eigenheit der Herrschaft in Kambodscha, die sie von den anderen Diktaturen unterschied, war die völlige Geheimhaltung von Partei und führenden Funktionären. Sie verbargen sich hinter einer vorgeblichen Organisation mit der Bezeichnung Angka (Kurzform von angka padevat, „revolutionäre Organisation“). Den ersten öffentlichen Auftritt absolvierte Pol Pot erst rund ein Jahr nach der Machtübernahme im März 1976 als „Arbeiter einer Kautschukplantage“. Pol Pot ließ keine Biografie von sich veröffentlichen, es gab keine Textsammlungen und nur wenige Fotos von ihm. Viele Kambodschaner erfuhren erst nach seinem Sturz von der Identität ihres Regierungschefs.

Ideologie und Wirklichkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Uniform der Roten Khmer

Den kommunistischen Ideen hing Pol Pot schon als junger Mann an und trat mit 18 Jahren in die Kommunistische Partei Kambodschas ein und wenig später, als Student in Paris, in die Kommunistische Partei Frankreichs.[19] Die Ursachen für die Armut Kambodschas sah er neben der Korruption des Lon-Nol-Regimes gerade im Unterschied von Stadt und Land. Also glaubte er, das Bauerntum stärken und alles Städtische zerstören zu müssen.

Die Roten Khmer orientierten sich zwar am Maoismus, wiesen aber deutliche Unterschiede in der ideologischen Ausrichtung zur Volksrepublik China auf. Zentrale Elemente des Kommunismus wie industrieller Fortschritt, Technisierung und das Proletariat als Revolutionsträger fehlten, wohingegen das Bauerntum glorifiziert wurde und die Führungsspitze in extremer Verborgenheit agierte, selbst als sie die Staatsmacht innehatte. Aufgrund dieser Charakteristika wurde die Herrschaft der Roten Khmer auch mit dem politischen Schlagwort Steinzeitkommunismus bezeichnet.[20]

Die sofortige Deportation der Stadtbevölkerung auf die Reisfelder des Landes verwandelte das zuvor über zwei Millionen Einwohner zählende Phnom Penh binnen weniger Tage in eine Geisterstadt, ebenso wurden die Provinzhauptstädte entvölkert. Auf diesem „langen Marsch“, der bis zu einem Monat dauerte, starben tausende Menschen (insbesondere Ältere und Kinder) aufgrund der Strapazen.

Bald war jeder Überlebende zum Arbeiter gewandelt und gezwungen, eine schwarze Einheitskleidung zu tragen, die jede Individualität beseitigen sollte. Die Sprecher der Roten Khmer verkündeten den Beginn eines neuen revolutionären Zeitalters, in dem jede Form der Unterdrückung und der Gewaltherrschaft abgeschafft sei.

In den ersten Monaten dieser revolutionären Ära verwandelte sich das Land in ein gigantisches Arbeits- und Gefangenenlager. Tagesarbeitszeiten von zwölf Stunden oder mehr waren keine Seltenheit, und jeder Schritt der Arbeiter wurde so überwacht, dass fast jeder um sein Leben fürchten musste. Wer zu spät zur Arbeit kam, konnte wegen des Verdachts auf Sabotage hingerichtet werden. Sprechen während der Arbeit war verboten.

Geld wurde abgeschafft, Bücher wurden verbrannt, Lehrer, Händler und beinahe die gesamte intellektuelle Elite des Landes wurden ermordet, um den Agrarkommunismus, wie er Pol Pot vorschwebte, zu verwirklichen. Die beabsichtigte Verlagerung der Wirtschaftstätigkeit aufs Land bedingte deren vollständiges Erliegen, da auch Industrie- und Dienstleistungsbetriebe – Banken, Krankenhäuser, Schulen – geschlossen wurden.

Des Weiteren verboten die Roten Khmer jegliche Religionsausübung.[21] Im Zuge seiner Bestrebungen zur Auslöschung der Religion ließ das Pol-Pot-Regime Hunderte von buddhistischen Klöstern, christlichen Kirchen und Moscheen zerstören.

1976 stellte Pol Pot einen Vier-Jahres-Plan auf, der alle Klassenunterschiede beseitigen und das Land in eine „blühende kommunistische Zukunft“ führen sollte. Die landwirtschaftliche Produktivität Kambodschas sollte verdreifacht werden, um durch Nahrungsexporte die benötigten Devisen zu erhalten. Doch dieses Ziel wurde nicht erreicht, da die wirtschaftliche Infrastruktur größtenteils zerstört war und die Landarbeiter zu einem großen Teil ohne Arbeitsgeräte auskommen mussten.

Die Versorgung mit Nahrung brach auch durch Fehlplanung und Misswirtschaft zusammen. Da lokale Führungskräfte Repressalien befürchteten, fälschten sie die Ernteberichte. Der Ertrag wurde dennoch abgeführt. Nahrungsmangel und Zwangsarbeit sowie fehlende medizinische Versorgung führten zum Tod Hunderttausender. Viele der verantwortlichen Führungskräfte wurden wegen Sabotage des Vier-Jahres-Plans inhaftiert und kamen ums Leben.

Massenmord[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schädel von Opfern der Roten Khmer

Gleichzeitig wurden sogenannte Massensäuberungen vorgenommen. Wer im Verdacht stand, mit Ausländern zu kollaborieren, wurde mit Ehegatten und Kindern ermordet. Nicht nur Pol Pot und die Roten Khmer machten Minderheiten, vor allem Vietnamesen und Ausländer, für die Notlage Kambodschas verantwortlich. Die Vietnamesen waren nicht nur unbeliebt, weil sie den Krieg nach Kambodscha getragen hatten, sondern auch weil sie – von den Franzosen zur Zeit der französischen Kolonialherrschaft in Indochina für Verwaltungsaufgaben ins Land geholt – für viele ein Symbol für die Fremdbestimmung des Landes darstellten. Zudem beanspruchten die Roten Khmer das Mekongdelta (Kampuchea Krom) für Kambodscha, das als Cochinchina durch die Kolonialherrschaft der Franzosen Vietnam zugefallen war.

Die „Bourgeoisie“ wurde „abgeschafft“, und um ein „Bourgeois“ zu sein, reichte es oft, lesen oder eine Fremdsprache (vor allem Französisch) sprechen zu können. Unter der Diktatur der Roten Khmer wurden massenhaft Oppositionelle wie Monarchisten und Anhänger des Lon-Nol-Regimes und deren Ehegatten und Kinder getötet, aber auch jene Kommunisten, die kurz vor der Machtübernahme aus Vietnam nach Kambodscha zurückgekehrt waren.

Tafel in der Gedenkstätte Tuol Sleng mit den für die Gefangenen des Lagers verbindlichen Regeln

Während der vierjährigen Schreckensherrschaft wurden schätzungsweise 1,7 bis 2,2 Millionen Menschen in Todeslagern umgebracht oder kamen bei der Zwangsarbeit auf den Reisfeldern ums Leben (bei einer Gesamtbevölkerung von etwas mehr als sieben Millionen, was einem Viertel bis über 30 % entspricht). Im berüchtigten „Sicherheitsgefängnis 21“ in Phnom Penh, das unter der Leitung des unter seinem Pseudonym „Duch“ (auch „Dëuch“ oder „Deuch“) bekannten Kaing Guek Eav stand, überlebten sieben von insgesamt 15.000 bis 30.000 Gefangenen. Wer dort nicht an der Folter starb, wurde auf den Killing Fields vor den Toren der Stadt umgebracht.

Die Massensäuberung wird auch als Autogenozid bezeichnet, da die Vernichtungsmaßnahmen der Regierung auf das eigene Staatsvolk zielten.[22] Ebenfalls von Massenmorden betroffen waren Angehörige der vietnamesischen Minderheit, der indigenen muslimischen Cham und der Bergvölker. Die Rechte dieser und anderer Ethnien wurden vom Pol-Pot-Regime grundsätzlich ignoriert und missachtet. Ein 1977 veröffentlichtes Regierungsdokument des Demokratischen Kampuchea stellte fest, dass der Bevölkerungsanteil von Minderheiten nur 1 % betrage, obwohl dieser tatsächlich bei 20 % lag. So wurden die Bergvölker als „Khmer Loeu“ (deutsch: „Obere Khmer“) und die Cham als „islamische Khmer“ bezeichnet. Während David P. Chandler und Michael Vickery in ihren Werken zur jüngeren Geschichte Kambodschas das Pol-Pot-Regime zwar als chauvinistisch einstuften, jedoch nicht von einem Genozid in diesem Zusammenhang sprachen, war Ben Kiernan der erste Historiker, der die Minderheitenpolitik der Roten Khmer ausdrücklich als ethnische Säuberungen bezeichnete.[23] Neben den Cham und Vietnamesen wurde auch die chinesische Minderheit ein Opfer der Roten Khmer, so dass sich die Anzahl der ethnischen Chinesen von 430.000 auf 215.000 dezimierte. In diesem Fall liegt die Ursache für den Genozid weniger im Rassismus der KPK-Führung als in der Sozialstruktur der chinesischen Bevölkerungsgruppe begründet: Da die Chinesen überwiegend in den Städten lebten und oft wohlhabender und gebildeter als der Durchschnitt der Bevölkerung waren, wurden sie besonders oft als Neue Menschen auf das Land deportiert. Da sie anders als viele Khmer unter den Neuen Menschen, die aus Dörfern stammten oder dort Verwandte hatten, an harte Feldarbeit und die Entbehrungen nicht gewöhnt waren, starben sie besonders häufig an Entkräftung oder Krankheiten. Viele Chinesen wurden außerdem als bürgerliche Intellektuelle identifiziert und ermordet.[24] Die Massenmorde an den Vietnamesen und Cham wurden im späteren Strafprozess gegen Angehörige der Roten Khmer ausdrücklich als Völkermord bezeichnet.[25]

Berichte über die Gräueltaten der Roten Khmer sorgten bis zu deren Absetzung für Diskussionen. Die Berichte von John Barron und Anthony Paul sowie Pater François Ponchaud, der als Erster in seinem 1977 erschienenen Buch Cambodge – année zéro über Massenmorde in Kambodscha schrieb, wurden von westlichen Linken wie dem Medienkritiker Noam Chomsky als nicht objektiv dargestellt. Die Aufmerksamkeit, die den berichteten Menschenrechtsverletzungen aus Kambodscha in der Presse zukomme, sei im Vergleich zu den Gräueltaten der Amerikaner in Kambodscha und Vietnam unverhältnismäßig, so Chomsky und Edward S. Herman in The Nation am 6. Juni 1977. Chomsky verwahrte sich gegen die Vorwürfe, seine damalige Kritik komme einer Relativierung der Schreckensherrschaft der Roten Khmer gleich. Zu sehen sei seine Kritik vielmehr als Widerlegung der Darstellung Kambodschas als eines „sanftmütigen Landes“, das 1975 durch die Roten Khmer plötzlich in den Abgrund gestoßen worden sei.[26]

Opferzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis heute wurden etliche Massengräber mit insgesamt ca. 1,39 Millionen Leichnamen im Land entdeckt, ausgegraben und ausgewertet. Diverse Studien differieren in ihrer Einschätzung der Gesamtopferzahlen zwischen 740.000 und 3.000.000. Die meisten bewegen sich zwischen 1,4 Millionen und 2,2 Millionen, wobei als Todesursache zur einen Hälfte Hinrichtungen (so durch Erschießen, Erschlagen, Enthauptung mit Feldhacken und Ersticken mittels Plastiktüten; Kleinkinder wurden an Bäumen zerschmettert) und zur anderen Hälfte Tod durch Nahrungsmangel und Krankheiten angenommen wird.[27]

Entmachtung und Guerillakampf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 25. Dezember 1978 marschierten Truppen des wiedervereinigten Vietnam nach von den Roten Khmer initiierten Grenzzwischenfällen in Kambodscha mit dem Ziel ein, das Pol-Pot-Regime zu stürzen und eine provietnamesische Regierung zu installieren. Dies geschah schon im Januar 1979, indem die Einheitsfront für nationale Rettung das Pol-Pot-Regime stürzte und als neuen Regierungschef Heng Samrin einsetzte. Dieser war ein ehemaliges Mitglied der Roten Khmer, der sich jedoch aus Furcht vor den innerparteilichen Säuberungen im Mai 1978 nach Vietnam abgesetzt hatte. Drei Tage nach dem Einmarsch der Vietnamesen in Phnom Penh rief er die Volksrepublik Kampuchea aus. Pol Pot zog sich in den Untergrund zurück, und Norodom Sihanouk ging neuerlich ins chinesische Exil. Verschiedene westliche Staaten, u. a. die Bundesrepublik Deutschland und die USA sowie das – traditionell mit Vietnam rivalisierende – Nachbarland Thailand protestierten gegen den Einmarsch.

Die darauf folgende Guerillataktik der Roten Khmer sowie die ständige Lebensmittelknappheit führten zur Massenflucht von Kambodschanern nach Thailand. Die thailändische Regierung war zugleich – trotz aller ideologischen Gegensätze – eine der wichtigsten Unterstützerinnen der Roten Khmer, da diese als wichtigste Gegenspieler der vietnamesischen Besatzungsmacht und des von ihnen eingesetzten provietnamesischen und prosowjetischen Regimes in Phnom Penh gesehen wurden. Die thailändische Regierung von Kriangsak Chomanan erklärte, das Pol-Pot-Regime weiterhin als einzige legitime Regierung Kambodschas anzuerkennen, und bot den Führern der Roten Khmer freies Geleit über thailändisches Territorium.[28] Thailand ließ es zu, dass die Roten Khmer von Basen auf seinem Staatsgebiet aus agierten und überließ ihnen zum Teil die Organisation der Flüchtlingslager im thailändisch-kambodschanischen Grenzgebiet. Thailändische Regierungsvertreter ermutigten die Volksrepublik China, die Roten Khmer zu unterstützen und mit Waffen zu beliefern.[29] Sie ermöglichten den Transport der Waffen zu den Roten Khmer[30] und ihre Finanzierung durch Abzweigen von eigentlich für die zivilen Flüchtlinge bestimmten Hilfsgeldern sowie den Verkauf von Edelsteinen.[31] Federführend war dabei das thailändische Außenministerium unter Siddhi Savetsila.[32] Dieser bezeichnete den Militärchef der Roten Khmer, Son Sen, als „einen sehr guten Menschen“.[31]

Thailand drängte auch darauf, dass die Roten Khmer und zwei nichtkommunistische Oppositionsgruppen – die FUNCINPEC („Nationale Front für ein unabhängiges, neutrales, friedliches und kooperatives Kambodscha“) von Norodom Sihanouk sowie die antikommunistische Khmer People’s National Liberation Front (KPNLF) des früheren Premierministers Son Sann – eine gemeinsame Exilregierung bilden sollten. Der thailändische Außenminister Siddhi Savetsila reiste nach Peking zu Prinz Sihanouk und drohte mit einer Einstellung der Finanzhilfen, sollte das Bündnis nicht zustande kommen. Daraufhin bildeten die drei Gruppen im Juni 1982 die Koalitionsregierung des Demokratischen Kampuchea mit Sitz im malaysischen Kuala Lumpur, mit Sihanouk als Präsidenten und Khieu Samphan als Außenminister. Diese wurde von den Vereinten Nationen als legitime Vertretung Kambodschas anerkannt und nahm den kambodschanischen Sitz in der UNO-Generalversammlung ein. Die Unterstützung Thailands, Chinas und der westlichen Länder für die Roten Khmer erhielt so einen legitimen Anstrich.[32] Die Staaten des Ostblocks, Indien und verschiedene Länder der Dritten Welt hingegen erkannten die neue Regierung unter Heng Samrin an.

Gebiete mit Guerillaaktionen der Roten Khmer 1989/1990

Im September 1989 zogen sich die vietnamesischen Truppen aus Kambodscha zurück, Heng Samrin blieb weiter an der Macht. Die Verfassung Kambodschas wurde geändert, der Staat neuerlich umbenannt, diesmal in „Staat Kambodscha“, der Buddhismus wurde zur Staatsreligion erklärt.

Norodom Sihanouk kehrte 1990 nach Phnom Penh zurück, die Regierung Samrin wurde durch die Aktionen der Widerstandsgruppen weiter geschwächt. Am 24. Juni 1991 unterzeichneten schließlich alle kambodschanischen Bürgerkriegsparteien einschließlich der Roten Khmer in Paris einen unter UN-Vermittlung ausgehandelten Waffenstillstand. Vorsitzender der Übergangsregierung, des „Obersten Nationalrats“, wurde Norodom Sihanouk.

1992 weigerten sich die Roten Khmer, sich diesem Pariser Friedensabkommen entsprechend unter UN-Aufsicht entwaffnen zu lassen. Der Bürgerkrieg flammte wieder auf. Wirtschaftssanktionen gegen die von den Roten Khmer kontrollierten Gebiete wurden verhängt, und Thailand schloss die Grenzen zu diesen Regionen.

Im September 1993 wurden unter Aufsicht der Vereinten Nationen die ersten freien Wahlen seit 20 Jahren abgehalten; diese wurden von den Roten Khmer boykottiert. Die Roten Khmer zählten zu diesem Zeitpunkt noch an die 10.000 Kämpfer und bildeten nach ihrem offiziellen Verbot im Juli 1994 eine Gegenregierung in der Provinz Preah Vihear, auch verschleppten sie bis 1995 Tausende von Zivilisten in ihre Konzentrationslager im unwegsamen Dschungel an der Grenze zu Thailand. Die Stadt Pailin an der thailändisch-kambodschanischen Grenze stand noch bis 1997 unter der Kontrolle der Roten Khmer. Dort lebten unbehelligt ihre Führungspersonen Nuon Chea („Bruder Nr. 2“) und Ieng Sary („Bruder Nr. 3“).

Gleichzeitig kam es aber auch zu einem inneren Zerfall der Roten Khmer. Großzügige Angebote der Regierung ermöglichten es vielen Angehörigen und Führern der Roten Khmer, sich der Regierung unterzuordnen und sich großteils unbehelligt ein neues Leben aufzubauen. 1997 wurde Pol Pot von den Roten Khmer, jetzt unter der Führung von Oung Choeun alias Ta Mok, dem wegen seiner Brutalität berüchtigten „Schlächter“ bzw. vormaligen Chef der Südwestlichen Zone des Demokratischen Kampuchea, aus seiner Führungsposition als „Bruder Nr. 1“ verdrängt und als Verräter zu lebenslanger Haft verurteilt. Anfang März 1998 ging Ta Mok in Begleitung von vier seiner Getreuen über die Grenze nach Thailand, um sich dort den Behörden zu stellen. Seine Parteisäuberungen hatten Zehntausende das Leben gekostet.

Pol Pot starb am 15. April 1998 unter ungeklärten Umständen in Anlong Veng im Norden Kambodschas. Farbfotos zum Beweis für seinen Tod wurden vorgelegt.[33]

Am 25. Dezember 1998, genau 20 Jahre nach dem Einmarsch der Vietnamesen, stellten sich mit Ex-Staatschef Khieu Samphan und Chefideologe Nuon Chea zwei der letzten hochrangigen Führer der Roten Khmer, nach Pol Pot bzw. dessen Nachfolger Ta Mok die „Brüder Nr. 2 und 3“, den kambodschanischen Behörden und entschuldigten sich für die von ihnen begangenen Verbrechen. Am 6. Dezember 1998 kapitulierten nach offizieller Lesart die letzten Kampfverbände. Dabei wurde auf dem Gelände des Tempels von Preah Vihear eine Übereinkunft zwischen Regierung und Roten Khmer ausgehandelt, ein Kontingent von 500 Khmer-Kämpfern samt Offizieren in die Nationalarmee zu übernehmen.

Rolle westlicher Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Roten Khmer wurden auch nach ihrer Entmachtung infolge der vietnamesischen Okkupation von den Vereinten Nationen als legitime politische Vertretung Kambodschas anerkannt, da einige westliche Staaten, insbesondere die Vereinigten Staaten, eine Legitimierung der vietnamesischen Besetzung ablehnten.[34] In diesem Zusammenhang standen auch Aussagen wie von Margaret Thatcher:

“So, you’ll find that the more reasonable ones of the Khmer Rouge will have to play some part in the future government, but only a minority part. I share your utter horror that these terrible things went on in Kampuchea.”

„Sie werden also feststellen, dass die Vernünftigeren unter den Roten Khmer eine gewisse Rolle in der zukünftigen Regierung spielen werden müssen, jedoch nur eine mindere Rolle. Ich teile Ihr äußerstes Entsetzen, dass diese furchtbaren Dinge in Kambodscha vor sich gegangen sind.“

Schweden dagegen distanzierte sich von den Roten Khmer, nachdem dies von vielen schwedischen Bürgern gefordert worden war.[35]

Es ist davon auszugehen, dass die Rote-Khmer-Guerilla in ihrem Kampf gegen die vietnamesische Besatzungsmacht und gegen die von dieser unterstützte, von den kambodschanischen Bürgern gewählte Regierung auch durch verdeckte Waffenlieferungen von westlicher Seite unterstützt wurde. So setzten sie beispielsweise Panzerabwehrwaffen der westdeutschen Firma MBB im Kampf gegen die Regierungstruppen ein.[36][37] Darüber hinaus ist bekannt, dass die Roten Khmer und ihre Verbündeten vom britischen Special Air Service im Umgang mit Landminen und anderen Waffen geschult wurden.[38] Die von den Guerillas verlegten Minen stellen noch Jahrzehnte später ein beträchtliches Problem für die Bevölkerung dar. Bis zum Jahr 2007 waren etwa 15 % der Kambodschaner durch Unfälle mit Landminen betroffen.[39]

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Roten Khmer sind nach Angaben von Beobachtern immer noch im Untergrund von Kambodscha aktiv, stellen aber für den bestehenden Staat keine unmittelbare Gefahr mehr dar.

Das Rote-Khmer-Tribunal, ein Ad-hoc-Strafgerichtshof, ursprünglich nach dem Vorbild des ICTY in Den Haag und des ICTR in Arusha geplant, nun aber nicht unter UN-Recht, nahm am 31. Juli 2007 seine Arbeit auf – nachdem bereits im August 1979 in Phnom Penh ein Volkstribunal der provietnamesischen Regierung unter Berufung auf das Londoner Statut von 1945 Pol Pot und seinen Vizepremier und Außenminister Ieng Sary aufgrund ihrer Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt hatte. Hier reagierte die westliche Welt unter der Führung der USA noch anders: Mit diesem „Schauprozess“ und „Propaganda-Theater“ hätten die kambodschanischen Kommunisten von der militärischen Intervention Vietnams ablenken wollen.

Das Tribunal wurde nur für Angehörige der obersten Führungsriege angestrebt, da zu viele Politiker des heutigen Kambodscha, wie z. B. der derzeitige Ministerpräsident Hun Sen, auf eine rote Vergangenheit blicken. Auch ist die Zeitspanne, die Gegenstand der Verhandlungen ist, auf die Eroberung und den Fall der Hauptstadt begrenzt, da sonst eventuell auch die USA, China, Vietnam und vielleicht sogar die Vereinten Nationen auf der Anklagebank sitzen müssten.

Einige ehemalige Rote Khmer sind zum Christentum übergetreten, da sie sich hier mehr Vergebung erhoffen, so auch der vormalige Kommandant des Sicherheitsgefängnisses 21 in Phnom Penh, Duch. Aus dem Gefängnis stammt ein Großteil der die Roten Khmer belastenden Dokumente.

Einige noch lebende Führungskader der Roten Khmer wie Nuon Chea, Khieu Samphan und Ieng Sary führten zunächst ein zurückgezogenes Leben in Pailin und gaben vor, von nichts gewusst zu haben. Khieu Samphan hatte seine Memoiren mit der Absicht veröffentlicht, das kambodschanische Volk davon zu überzeugen, dass er an den Massakern nicht beteiligt gewesen sei, das Land als Staatspräsident nur nach außen hin vertreten und erst vor kurzem die Wahrheit über die Gräueltaten während des Regimes seiner Mitstreiter erfahren habe. Im Falle einer Anklage wollte er sich von dem französischen Anwalt Jacques Vergès vertreten lassen, den er aus seiner Studentenzeit in Paris noch kenne und der auch die Verteidigung u. a. von Klaus Barbie und Carlos übernommen hatte. Ieng Sary hatte sich schon 1996 offiziell zum Demokraten gewandelt und war für den Fall, dass man ihm Straffreiheit zusichert, auch bereit, vor einer Historikerkommission auszusagen. Hier wurde wohl von einer Kommission ähnlich der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika ausgegangen. Dies entsprach nicht dem Plan für das Verfahren, bei denen die Hauptschuldigen verurteilt werden sollen. Alle drei wurden schließlich verhaftet und dem Rote-Khmer-Tribunal überstellt. Die Festnahme von Nuon Chea erfolgte am 19. September 2007 im kambodschanischen Dschungel.[40] Am 12. November 2007 folgte auch die Festnahme von Ieng Sary zusammen mit seiner Frau Ieng Thirith und wenige Tage später, am 18. November 2007, die Festnahme von Khieu Samphan.[41]

Gesichert ist das Beweismaterial. Die Akribie der Roten Khmer und die überstürzte Flucht Duchs bei dem Einmarsch der Vietnamesen ermöglichen es, die Verbrechen der Roten Khmer aufgrund von etwa 500.000 Seiten Dokumentationsmaterial nachzuzeichnen. 8.000 Massengräber konnten lokalisiert werden. Von den schätzungsweise 1,5 Millionen Toten, für welche die Protagonisten des Terrorregimes verantwortlich gemacht werden, sind 31 % durch Hinrichtungen oder Folter bedingt, der Rest ergibt sich aus den Folgen von Unterernährung, Zwangsarbeit, fehlender medizinischer Versorgung usw.[42]

Die kambodschanische Nationalversammlung ratifizierte am 4. Oktober 2004 ein Abkommen mit den Vereinten Nationen, welches das Rote-Khmer-Tribunal ermöglicht. Seine Durchführung war anfangs fraglich, unter anderem da sich die USA weigerten, sich an den auf 65 Mio. US-Dollar geschätzten Kosten zu beteiligen. Mittlerweile ist es den UN-Mitgliedstaaten aber gelungen, das Tribunal finanziell zu sichern. Auch der Streitpunkt, woher die Richter kommen sollen, konnte beigelegt werden. Anders als am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien wird die Mehrheit der Richter kambodschanisch sein und kambodschanisches Recht gelten. Um Bestechung und Ähnliches zu verhindern, soll das Urteil nur gültig sein, wenn mindestens ein ausländischer Richter zustimmt.

Am 17. Februar 2009 wurde der erste Prozess vor dem Roten-Khmer-Tribunal eröffnet. Angeklagt waren fünf Anführer der Roten Khmer, u. a. der ehemalige Leiter des Sicherheitsgefängnisses 21, Kaing Guek Eav, alias „Duch“, der von März 1976 bis Anfang 1979 das berüchtigte Gefängnis Tuol Sleng, das auch „Sicherheitsbüro“ S-21 genannt wurde, leitete und dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden.[43] Am 26. Juli 2010 verurteilte das Tribunal Kaing Guek Eav zu 35 Jahren Haft, wobei ein Teil davon schon als verbüßt gilt und der 67-Jährige nur noch 19 Jahre absitzen muss.[44] In der Berufungsverhandlung wurde die Strafe am 3. Februar 2012 auf lebenslange Haft erhöht.[45]

Am 7. August 2014 verkündete das Tribunal das Urteil im Prozess gegen Nuon Chea und Khieu Samphan. Beide wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu lebenslanger Haft verurteilt.[46]

Flagge der Roten Khmer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flagge der Kommunistischen Partei von Kambodscha
Monatio-Flagge

Wenig ist bekannt über die Symbolik der Roten Khmer, als einziges Symbol ihrer Organisation diente wahrscheinlich eine einfache rote Flagge, möglicherweise teilweise mit Hammer und Sichel versehen. Im Westen wurde den Roten Khmer fälschlicherweise eine blau-rote Flagge mit weißem Kruckenkreuz zugeschrieben. Dabei handelte es sich jedoch um die Flagge der Monatio (französisch für Mouvement National, „Nationale Bewegung“), einer kleinen nationalistisch ausgerichteten Studentenbewegung. Deren Anhänger stürmten unmittelbar vor dem Einmarsch der Roten Khmer in Phnom Penh das Informationsministerium und gaben sich als Rote Khmer aus. Aufgrund des Chaos in der Stadt wurden diese Angaben nicht verifiziert und daher auch deren Flagge den Roten Khmer zugeschrieben.[47][48]

Ausstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mediale Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ariane Barth, Tiziano Terzani, Anke Rashatusavan: Holocaust in Kambodscha. Rowohlt, Reinbek 1980, ISBN 3-499-33003-2.
  • Elizabeth Becker: When the War Was Over: Cambodia and the Khmer Rouge Revolution. PublicAffairs, New York (NY) 1998, ISBN 1-891620-00-2.
  • Daniel Bultmann: Die Revolution frisst ihre Kinder. Mangelnde Legitimation, pädagogische Gewalt und organisierter Terror unter den Roten Khmer. Internationales Asienforum Nr. 42, Mai 2011, ISSN 0020-9449 (Text-Link; PDF; 295 kB).
  • Daniel Bultmann: Irrigating a Socialist Utopia. Disciplinary Space and Population Control under the Khmer Rouge, 1975–1979. In: Transcience. Volume 3, Issue 1, 2012, S. 40–52 (Text-Link; PDF; 383 kB).
  • Daniel Bultmann: Kambodscha unter den Roten Khmer. Die Erschaffung des perfekten Sozialisten. Schoeningh, Paderborn 2017, ISBN 978-3-506-78692-0.
  • David P. Chandler: Brother Number One. A Political Biography of Pol Pot. Revised Edition. Silkworm, Chiang Mai 2000, ISBN 978-974-7551-18-1.
  • Susan E. Cook: Genocide in Cambodia and Rwanda. New Perspectives. Transaction Publishers, New Brunswick/London 2006, ISBN 978-1-4128-2447-7.
  • Karl D. Jackson (Hrsg.): Cambodia 1975–1978: Rendezvous with Death. Princeton University Press, Princeton 1989, ISBN 978-0-691-02541-4.
  • Ben Kiernan: The Pol Pot Regime. Race, Power, and Genocide in Cambodia under the Khmer Rouge. 1975–79. 2. Auflage. Yale University Press, New Haven (CT) 2002, ISBN 978-0-300-09649-1.
  • Andreas Margara: Das Khmer-Rouge-Tribunal und die Aufarbeitung des Völkermords in Kambodscha. Thüringisch Kambodschanische Gesellschaft, Heidelberg 2009 (Text-Link; PDF; 4,8 MB).
  • Patrick Raszelenberg: Die Roten Khmer und der Dritte Indochina-Krieg (= Mitteilungen des Instituts für Asienkunde Hamburg. Nr. 249). Hamburg 1995, ISBN 3-88910-150-X.
  • Manfred Rohde: Abschied von den Killing Fields – Kambodschas langer Weg in die Normalität. Bouvier, Bonn 1999, ISBN 3-416-02887-2.
  • Olivier Weber: Les Impunis. Un voyage dans la banalité du mal. Robert Laffont, Paris 2013, ISBN 978-2-221-11663-0.
  • Harry Thürk: Wenn wir Reis haben, können wir alles haben. Durchgesehene Neuauflage. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2017, ISBN 978-3-95462-779-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rote Khmer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kiernan: The Pol Pot Regime. 2002, S. 7.
  2. Kiernan: The Pol Pot Regime. 2002, S. 5, 6.
  3. Bultmann: Kambodscha unter den Roten Khmer. 2017, S. 37, 38.
  4. Bultmann: Kambodscha unter den Roten Khmer. 2017, S. 43.
  5. Kiernan: The Pol Pot Regime. S. 12–14.
  6. Chandler: Brother Number One. 2000, S. 126.
  7. Chandler: Brother Number One. 2000, S. 80.
    Bultmann: Kambodscha unter den Roten Khmer. 2017, S. 53.
  8. Bultmann: Kambodscha unter den Roten Khmer. 2017, S. 54.
  9. Bultmann: Kambodscha unter den Roten Khmer. 2017, S. 10, 11.
  10. Bultmann: Kambodscha unter den Roten Khmer. 2017, S. 55, 56.
  11. Bultmann: Kambodscha unter den Roten Khmer. 2017, S. 59, 60.
  12. Kiernan: The Pol Pot Regime. 2002, S. 14–16.
  13. Kiernan: The Pol Pot Regime. 2002, S. 69–80.
  14. Kiernan: The Pol Pot Regime. 2002, S. 80–86.
  15. Kiernan: The Pol Pot Regime. 2002, S. 65–67.
  16. Kiernan: The Pol Pot Regime. 2002, S. 67, 68.
  17. Taylor Owen, Ben Kiernan: Bombs over Cambodia (Memento vom 15. April 2016 im Internet Archive). In: The Walrus. Canada, Oktober 2006, S. 62–69. (PDF; 836 kB).
  18. Katja Dombrowski: Ein schwarzer Tag für Kambodscha. In: Neue Zürcher Zeitung. 15. April 2005, archiviert vom Original am 18. Dezember 2013; abgerufen am 14. Dezember 2013.
  19. Ben Kiernan: How Pol Pot Came to Power. Colonialism, Nationalism and Communism in Cambodia, 1930–1975. Yale University Press, New Haven (CT) 2004, ISBN 978-0-300-10262-8.
  20. Angelika Königseder: Das Pol-Pot-Regime in Kambodscha. In Wolfgang Benz (Hrsg.): Vorurteil und Genozid: ideologische Prämissen des Völkermords. Böhlau, Wien 2010, ISBN 978-3-205-78554-5, S. 174.
  21. Steven Erlanger: The Endless War. The Return of the Khmer Rouge. In: New York Times. 5. März 1989.
  22. Susanne Mayer: Endlich! Die Prozesse gegen die Khmer Rouge in Kambodscha können beginnen. In: Die Zeit. 21. Juni 2007, abgerufen am 30. Januar 2017.
  23. Kiernan: The Pol Pot Regime. 2002, S. 251–252.
  24. Kiernan: The Pol Pot Regime. 2002, S. 288–296.
  25. Pol Pots Vize verlangt Ende des Prozesses. In: Zeit Online. 27. Juni 2011.
  26. Noam Chomsky, Edward S. Herman: Distortions at Fourth Hand. In: The Nation. 6. Juni 1977.
  27. Bruce Sharp: Counting Hell: The Death Toll of the Khmer Rouge Regime in Cambodia.
  28. Cook: Genocide in Cambodia and Rwanda. 2006, S. 82–83.
  29. Duncan McCargo, Ukrist Pathmanand: The Thaksinization of Thailand. NIAS Press, Kopenhagen 2005, S. 33.
  30. Cook: Genocide in Cambodia and Rwanda. 2006, S. 83.
  31. a b Chanthou Boua: Thailand Bears Guilt for Khmer Rouge. In: The New York Times. 24. März 1993, S. 20.
  32. a b Cook: Genocide in Cambodia and Rwanda. 2006, S. 84.
  33. Cambodia’s Pol Pot confirmed dead (Memento vom 8. März 2008 im Internet Archive). In: CNN. 16. April 1998.
  34. John Pilger: The Long Secret Alliance: Uncle Sam and Pol Pot. 1997.
  35. John Pilger: Tell me no lies. Jonathan Cape, 2004.
  36. Khmer Rouge using Missiles made in West. In: New Straits Times. 12. März 1994.
  37. Michael Sontheimer: Die Mörder kehren zurück. In: Die Zeit. 12. Januar 1990.
  38. John Pilger: How Thatcher gave Pol Pot a hand. (Memento vom 26. Januar 2012 im Internet Archive) In: New Statesman. 17. April 2000.
  39. Craig Guthrie: Trial and error in Cambodia. In: Asia Times Online. 19. Februar 2009.
  40. Ex-Chefideologe der Roten Khmer festgenommen (Memento vom 22. Februar 2009 im Internet Archive). In: AFP. 18. September 2007.
  41. Nicola Glass: Ex-Staatschef der Roten Khmer: Im Krankenbett verhaftet. In: taz. 19. November 2007.
  42. Setareh Khalilian: Lieber einen falschen Frieden als keinen Frieden? (Memento vom 20. Juli 2006 im Internet Archive). In: menschenrechte.de (Internetseiten des Nürnberger Menschenrechtszentrums).
  43. Sophie Mühlmann: Pol Pots brutaler Henker steht jetzt vor Gericht. In: Die Welt. 17. Februar 2009, abgerufen am 30. Januar 2017.
  44. Folterchef der Roten Khmer verurteilt. In: 20minuten.ch. 26. Juli 2010, abgerufen am 30. Januar 2017.
  45. Lebenslang für Folterchef der Roten Khmer. In: orf.at. 3. Februar 2012, abgerufen am 30. Januar 2017.
  46. Lebenslang für greise Schlächter: Völkermordtribunal verurteilt Rote Khmer. In: n-tv.de. 7. August 2014, abgerufen am 30. Januar 2017.
  47. Siegfried Ehrmann: Kampuchea – Flagge mit Vergangenheit. In: Spiegel Online, einestages. 13. April 2008, abgerufen am 30. Januar 2017.
  48. Philip Short: Pol Pot. Anatomy of a Nightmare. Henry Holt, New York 2004, ISBN 0-8050-8006-6, S. 266 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  49. Vom Diskretionsabstand zum Grauen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 5. Februar 2015, S. 12.