Zum Inhalt springen

Rotenburger Werke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Rotenburger Werke der Inneren Mission gGmbH
Rechtsform Gemeinnützige GmbH
Gründung 4. Juni 1880
Sitz Rotenburg (Wümme), Deutschland Deutschland
Leitung
  • Sabine Ulrich (Geschäftsführerin)
  • Thorsten Tillner (Geschäftsführer)
Mitarbeiterzahl 2.160[1]
Umsatz 141,3 Mio. Euro (2024)[1]
Branche Gesundheits- und Sozialwesen
Website www.rotenburger-werke.de
Stand: August 2025

Die Rotenburger Werke der Inneren Mission, bis 1996 Rotenburger Anstalten, sind eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen in Rotenburg (Wümme), Niedersachsen, im Bereich der evangelisch-lutherischen Sozialarbeit.

Sie unterhalten „ambulante, teilstationäre sowie stationäre Einrichtungen und Dienste zum Wohnen, für die Bildung und Ausbildung, für die Arbeit und Beschäftigung, für die Begleitung, Förderung, Betreuung und Pflege, für die Diagnostik, Beratung und Therapie von Menschen mit körperlicher, geistiger und seelischer Behinderung“.[2]

1877 führte der Unfall einer unter Epilepsie leidenden Person zu ersten Überlegungen im Kirchenkreis, Hilfen anzubieten.[3] Ein Jahr später wurde der „Verein zur Pflege Epileptischer“ gegründet und 1880 ein kleines Haus angekauft und durch Superintendent Adolf Kottmeier als Gründer und erster Leiter eingeweiht. 1897 lebten bereits 150 Menschen in der Einrichtung. 1905 kamen sieben Diakonissen und eine Oberin des Mutterhauses Bethesda[4] aus Hamburg nach Rotenburg[5] und übernahmen die Pflege der inzwischen 330 Bewohnenden. Bis 1930 hieß die Einrichtung „Asyl für Epileptische und Idioten“[6] und anlässlich der 50-Jahr-Feier erfolgte die Umbenennung in „Rotenburger Anstalten der Inneren Mission, Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische, Geistesschwache und -kranke“.[7]

Nachdem ab 1930 zunehmend Pflegefälle aufgenommen wurden,[8] änderte sich auch das Anforderungsprofil an die Erzieher. Unter der Leitung des damaligen Pastoren Johannes Buhrfeind[9] wurde ein Ausbildungskonzept für „Irrenpfleger“ entwickelt, das bereits im Jahre 1931 die Elemente „Erblehre und Erbpflege“ (Eugenik), „Körperbau und Charakter“ und „Das Problem der Abkürzung lebensunwerten Lebens“ (NS-Krankenmorde) beinhaltete.[8] Die Anwendung dieser Inhalte in der Zeit vor dem Dritten Reich wurde noch nicht genauer untersucht.

Zeit des Nationalsozialismus

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1934 wurden 97 Mädchen und Frauen und 238 Jungen und Männer im Krankenhaus des Diakonissen-Mutterhauses zwangssterilisiert, ein 13-jähriges Mädchen und eine erwachsene Frau kamen dabei um.

Da sich die Anstaltsleitung geweigert hatte, die Patienten-Fragebogen für die Aktion T4 auszufüllen, traf am 24. April 1941 eine Kommission von vier T4-Gutachtern ein, „um der Anstalt die Arbeit mit den Fragebogen abzunehmen“.[10] Die Rotenburger Anstalten und ihr damaliger Leiter Pastor Buhrfeind leisteten dabei im Kern keinen Widerstand.[6] Nach einem ergreifenden Abschiedsgottesdienst wurden 120 Schwerbehinderte in die Heil- und Pflegeanstalt Weilmünster in Hessen verlegt.[11]

Von den rund 800 deportierten Patienten wurden 562 nachweislich später ermordet.[10]

Mit einer besseren finanziellen Ausstattung durch das nationalsozialistische Regime und dem kostengünstigen Einsatz von Zwangsarbeitern der Organisation Todt wuchs der Gebäudebestand in den späteren Jahren des Dritten Reiches. Dies erfolgte ab 1942 bereits unter der Leitung des Schwiegersohns von Pastor Buhrfeind, dem NSDAP-Mitglied Pastor Wilhelm Unger.[8]

Mit Namen und Datum bekannte Einzelschicksale

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die siebenjährige Marianne Janecke wurde am 10. Dezember 1941 in die Landesheilanstalt Uchtspringe deportiert und dort ermordet.[12]

Der 13-jährige Eckhard Willumeit wurde am 18. Februar 1942 in der „Kinderfachabteilung“ der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg umgebracht. Sein Gehirn wurde anschließend seziert. Die daraus hervorgegangenen Hirnschnitte wurden 2003 in Lüneburg bestattet.[13]

Nachkriegszeit und Misshandlungen

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1949 wurden den Rotenburger Anstalten wieder eine Selbstverwaltung gewährt, nachdem die Gebäude zwischenzeitlich Reservelazarett, Ausweichkrankenhaus und Interniertenlazarett waren.

Nach Schätzung des Bundessozialministeriums wurden in der Nachkriegszeit deutschlandweit rund 100.000 Heimkinder misshandelt und haben Gewalt und Medikamentenmissbrauch erlebt, die nach 1949 als Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie in Obhut untergebracht waren. Welche Menschenrechtsverletzungen es mancherorts gab, zeigt eine 2018 veröffentlichte Studie über die Rotenburger Werke.[14] Es gibt Belege für sogenannte „stereotaktische Hirnoperationen“ und Medikamenten-Versuchsreihen.[15]

1966 bis 1970 wurden südlich der Lindenstraße neue Häuser errichtet und 1972 eine Fachschule für Heilerziehungspflege/Berufsfachschule für Heilerziehungshilfe eingerichtet. 1974 wird eine neue Wäscherei östlich des heutigen Kottmeier-Hauses eingeweiht und 1976 wird das Haus Göttingen für Erwachsene in Nachbarschaft zum Diakoniekrankenhaus fertiggestellt. Außerdem werden die letzten vom Krankenhaus genutzten Häuser auf dem Kalandshof an die Anstalten zurückgegeben.

1979 befanden sich in den Rotenburger Anstalten 1273 Patienten und rund 900 Mitarbeitende.

1985 wird das Lutherhaus zu einer Begegnungsstätte neu gestaltet und ein neues Schulgebäude wird als „Lindenschule“ südlich der Lindenstraße fertiggestellt. 1993 wird ein neues Förderzentrum auf dem Kalandshof eingeweiht.

1995 wurde eine Werkstatt für Behinderte (WfbM) mit angeschlossenem Wohnheim eingerichtet und am 17. April 1996 beschloss die Mitgliederversammlung des Vereins eine neue Satzung sowie den neuen Namen „Rotenburger Werke der Inneren Mission e. V.“.

2011 wurde ein Kinder- und Jugendhaus in Falkenburg (Ganderkesee) im Landkreis Oldenburg eröffnet und 2012 wurde ein Wohnhaus auf dem „Hartmannshof“ fünf Kilometer von Rotenburg entfernt – mit Hofcafé, Kleintiergehegen und einem „Mitmach- und Erlebnisgarten“ eingeweiht.

2016 wird ein neues Wohnangebot mit angeschlossener Tagesförderstätte wird in der Visselhöveder Worthstraße fertiggestellt und in Harsefeld entsteht ein neues Wohnangebot mit eigener Tagesförderstätte an der dortigen Schulstraße. Im April 2018 wird aus dem eingetragenen Verein unter dem neuen Namen „Rotenburger Werke der Inneren Mission gGmbH“ eine Gemeinnützige GmbH.

2022 setzen die Werke einen neuen Wohntrend mit der Errichtung erster Tiny Houses in Unterstedt, auf dem Hartmannshof und am Königskamp. Außerdem erweiterten die Werke ihr Wohnangebot auch für Menschen mit seelischer Beeinträchtigung und mieten Wohnungen in der Rotenburger Goethestraße und in Bothel ein ganzes Haus für Menschen mit seelischer Beeinträchtigung.

Zum 30. Juni 2024 wird die sogenannte Anstaltsgemeinde von 1967 aufgelöst. Daraus resultiert die Gründung der neuen Diakoniegemeinde „Zum Guten Hirten“ für die Rotenburger Werke und das Mutterhaus.[16]

Chronik der Leitung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Leitung der Einrichtung folgten aufeinander:[17]

  1. Adolf Kottmeier (1880–1897)
  2. Pastor Niebuhr (1897–1903)
  3. Johann Buhrfeind (1903–1942)
  4. Wilhelm Unger (1942–1971)
  5. Hermann Isermeyer (1971–1983)
  6. Wolfhermann Sprick (1983–1993)
  7. Manfred Schwetje (1993–2005)
  8. Jutta Wendland-Park (2005–2022)
  9. Sabine Ulrich (seit 2022)

Unter dem Dach der Rotenburger Werke finden sich verschiedene Betriebe, die eine Selbstversorgung in ihren Einrichtungen gewährleisten:[18]

  • Küche und Bäckerei
  • Hauswirtschaft
  • Wäscherei
  • Tischlerei
  • Industriearbeit
  • Gärtnerei
  • Fahrradwerkstatt
  • Produkte der Tagesförderstätte
  • Textilzentrum
  • Fahrdienst

Die Einrichtungen der Rotenburger Werke bieten stationäre Plätze und ambulante Hilfen in mehreren Orten in Nordniedersachsen:[19]

Der Hauptsitz der Verwaltung befindet sich in der Lindenstraße 14 in Rotenburg.

  • Vorstand der Rotenburger Anstalten (Hrsg.): Zuflucht unter dem Schatten deiner Flügel? Die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission in den Jahren 1933–1945. Rotenburger Werke der Inneren Mission, Rotenburg (Wümme) 1992.
  • Ewald Albers, Adalbert Droßbach, Karlheinz Kraus: Adolf Wilhelm August Kottmeier (1822–1905). Ein Lehrer und Pastor nimmt sich der Behinderten an. In: Heimatliches Buxtehude. Band 5, 1997, S. 63–90.
  • Burkhard Stahl (Hrsg.): Gewaltsysteme und Systemgewalten. Über die Gewalt in der Arbeit mit geistig behinderten Menschen. Dokumentation einer Fachtagung, Rotenburg (Wümme): Rotenburger Werke der Inneren Mission 2014.
  • Uwe Kaminsky: Über Leben in der christlichen Kolonie. Das Diakonissen-Mutterhaus Rotenburg, die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission und die Rolle ihrer Vorsteher 1905–1955. Edition Falkenberg, Bremen 2016.
  • Karsten Wilke, Hans-Walter Schmuhl, Sylvia Wagner, Ulrike Winkler: Hinter dem Grünen Tor. Die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission, 1945–1975. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2018.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. 1 2 Jahresbericht 2025 Zahlen & Tabellen Stand 8/25. Rotenburger Werke, abgerufen am 30. August 2026. PDF; 8,47 MB.
  2. ↑ Paragraf 2, Absatz 1 der Satzung des Vereins „Rotenburger Werke der Inneren Mission“ (Memento vom 6. November 2015 im Internet Archive)
  3. ↑ Geschichte der Rotenburger Werke auf der Internetseite der Werke
  4. ↑ siehe Elise Averdieck
  5. ↑ Das Diakonie-Mutterhaus in Rotenburg
  6. 1 2 Michael Krüger: Rotenburger Diakonieklinikum: Patriarch als Anstaltsleiter. In: Rotenburger Kreiszeitung. 14. November 2016, abgerufen am 30. August 2026.
  7. ↑ Die Jahre im Überblick - 1930. Rotenburger Werke, abgerufen am 30. August 2026.
  8. 1 2 3 Uwe Kaminsky: Über Leben in der christlichen Kolonie. Edition Falkenberg, Rotenburg Wümme 2016, ISBN 978-3-95494-111-7, S. 46 (lesejury.de [PDF]).
  9. ↑ Historische Aufarbeitung der Rolle von Johannes Buhrfeind (Memento vom 6. Februar 2017 im Internet Archive)
  10. 1 2 Geschichte erfahrbar machen – Rotenburger Werke. In: www.rotenburger-werke.de. Abgerufen am 27. November 2016.
  11. ↑ Raimond Reiter, Burkhard Stahl, Jutta Wendland-Park: Geschichte und Geschichten.
  12. ↑ https://www.rotenburger-rundschau.de/rrarchiv/lokales/rotenburg-wuemme/veranstaltung-zum-holocaust-gedenktag-am-montag-103952.html
  13. ↑ „Bis dahin leb’ wohl, mein Karlchen“. In: www.rotenburger-rundschau.de. Abgerufen am 27. November 2016.
  14. ↑ Karsten Wilke, Hans-Walter Schmuhl, Sylvia Wagner und Ulrike Winkler: Hinter dem Grünen Tor – Die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission, 1945-1975. Verlag für Regionalgeschichte, 2018, ISBN 978-3-7395-1142-9.
  15. ↑ Simone Schnase: Buch über „Rotenburger Anstalten“: Vom Horror der totalen Institution. In: Die Tageszeitung, kurz taz. 20. August 2018, abgerufen am 30. August 2026.
  16. ↑ Die Jahre im Überblick. Rotenburger Werke, abgerufen am 30. August 2026. PDF; 63 KB.
  17. ↑ Historischer Überblick zur Geschichte der Rotenburger Werke. auf: abw-verlag.de
  18. ↑ Betriebe der Rotenburger Werke
  19. ↑ Startseite der Internetpräsentation