Rudin (Turgenew)

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Iwan Turgenew im Jahr 1859

Rudin (russisch Рудин) ist der Romanerstling des russischen Schriftstellers Iwan Turgenew, der 1855 vollendet und 1856 im Sankt Petersburger Sowremennik veröffentlicht wurde. Die Übertragung ins Deutsche brachte E. Behre 1870 im Bd. 3 der zwölfbändigen Turgenew-Ausgabe in Mitau heraus.[1]

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Handlung wird im Roman zur Nebensache. Es wird vielmehr philosophiert. Geschehnisse werden zumeist lediglich berichtet.

Der fast allwissende Erzähler generalisiert: „Der ist nicht auf den Kopf gefallen, dachte ein jeder“[2] und lässt auch Nebenfiguren denken – zum Beispiel Pandalewski[3].

Protagonisten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sämtliche Protagonisten stehen durch mindestens eine Relation miteinander in Beziehung. Zum Beispiel sind die Titelfigur, der kluge, scharfsinnige Dmitri Nikolajewitsch Rudin und der Gutsbesitzer Michailo Michailytsch Leshnjow als ehemalige Kommilitonen befreundet. Leshnjow nennt sich einen Phlegmatiker und Rudin einen Enthusiasten, der auf fremde Kosten lebe und in Elend sterben werde.

Eine unglückliche Liebe verbindet und trennt den 35-jährigen Rudin mit der 17-jährigen Natalja Alexejewna. Natalja, die Tochter der vornehmen, begüterten Darja Michailowna Lassunskaja, findet ihr Glück in der Ehe mit dem Gutsverwalter Stabsrittmeister a. D. Sergej Pawlytsch Wolynzew. Wolynzews Schwester Alexandra Pawlowna Lipina, eine kinderlose reiche Witwe, heiratet Leshnjow. Wolynzew und Leshnjow sind befreundet.

Nebenfiguren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jede unten knapp skizzierte Nebenfigur erfüllt im Romangefüge mindestens eine ganz bestimmte Funktion.

Der erbitterte Weiberfeind Afrikan Semjonytsch Pigassow nennt Rudin in galliger Rede einen Speichellecker und Klugredner. Mit dem verleumderischen Anwurf fordert er Leshnjow zu einer Lobrede auf Rudin heraus. Pigassow, als ehemals bestechlicher Beamter verschrien, ist der Bösewicht im Roman.

Der 22-jährige Bassistow ist der Lehrer der beiden minderjährigen Söhne Darja Lassunskajas. Bassistow ist als der gute Kerl im Roman ein Bewunderer des Philosophen Rudin.

Leshnjow erzählt Alexandra Lipina über Pokorski. Das ist sein und Rudins bereits verstorbener gemeinsamer Studienfreund. Die Bude des verarmten Studenten Pokorski war zu seinen Lebzeiten für Leshnjow, Rudin und andere russische Studenten im Ausland Anlaufpunkt und zweite Heimat.

Der liebenswürdige, gefällige, gefühlvolle, rührselige, ja insgeheim sinnliche Pandalewski wird von reichen verwitweten Gutsbesitzerinnen mittleren Alters gern als Kostgänger und Pflegesohn beherbergt. Pandalewski ist Darja Lassunskajas Spion. Er belauscht das Liebespaar Natalja Alexejewna und Rudin. Der Widerling Pandalewski trägt die Liebesschwüre brühwarm Nataljas Mutter zu.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Rudin, „ein armer Mann ohne Rang“[4], auf dem Lande im Hause der Gutsbesitzerin Darja Lassunskaja erscheint, werden seine klugen Reden von manchem Mitglied des versammelten russischen Landadels mit offenem Munde verfolgt. Geradezu verzückt wird der Ankömmling, der in Heidelberg und Berlin studiert hat, als wortgewandter Philosoph gefeiert. Die Hausherrin beklatscht Rudins Sieg im Wortgefecht über den verkrachten Beamten Pigassow. Leshnjow erzählt Darja Lassunskaja aus Rudins Leben. Rudins Vater, ein armer Gutsbesitzer, war früh verstorben. Rudins Mutter darbte fortan und starb vereinsamt. Leshnjow hat in dem Gespräch keine hohe Meinung von dem alten Studienfreund. Auch gegenüber Alexandra Lipina schildert er Rudin als einen Menschen kalt wie Eis, der den Feurigen spiele.

Nach zwei Monaten Anwesenheit auf Darja Lassunskajas Gut leiht sich Rudin von der Hausherrin und von Wolynzew Geld. Er schreibt an einer „Abhandlung über das Tragische im Leben und in der Kunst“.[5]

Vernünftig, wie sich Rudin gern gibt, wünscht er der blutjungen Natalja Alexejewna unter vier Augen Glück mit Wolynzew. Wenig später gestehen sich Rudin und Natalja ihre Liebe. Wolynzew, der Natalja heiraten möchte, ist erbost, als Rudin bei ihm vorspricht und aus seinem Glück kein Hehl macht. Wolynzew will den Klugschwätzer Rudin fordern. Wolynzews Freund Leshnjow mahnt, einen Philosophen töte man nicht.

Darja Lassunskaja ist heilfroh, als Rudin ihren Widerstand gegen die Verbindung der Tochter begreift und sich fügt, weil er arm ist. Er verlässt von sich aus ihr Anwesen. Anders Natalja. Das Mädchen ist von Rudins kleinmütigem Verzicht tief enttäuscht.

Rudin, gebeugt, setzt traurig-ergeben sein Umherirren durch Russland fort; wird zwischen Pensa und Tambow gesehen. Jahre später trifft er zufällig Leshnjow. Rudin berichtet dem Freunde von drei seiner letzten Experimente. Da wollte er erstens zusammen mit einem reichen Sonderling einen sandigen Landstrich im Gouvernement Smolensk kultivieren.

Dmitri Kardowski: Paris, 26. Juni 1848: Rudin auf der Barrikade

Das Projekt scheiterte, denn dem wissenschaftlichen Herangehen, gestützt auf Buchwissen, folgten keine Taten. Rudin verließ leichtsinnig den begüterten Arbeitgeber. Zweitens wollte Rudin mit einem gewissen Kurbejew einen Fluss im Gouvernement K. schiffbar machen. Auch dieses Projekt ließ sich nicht verwirklichen. Die Mühlenbesitzer stemmten sich gegen die Baupläne und Kurbejew sei noch ärmer als Rudin gewesen. Drittens habe sich Rudin als Lehrer an einem Gymnasium versucht, sei aber über die Fallstricke intriganter Kollegen gestolpert. Leshnjow bietet dem Freunde für den Rest seines Lebens Obdach auf seinem Landgut an. Rudin lehnt ab, denn er verdiene das nicht; habe sein Leben verpfuscht, habe stets in die falsche Richtung gedacht. Leshnjow widerspricht: „Schweig still! … Ein jeder bleibt das, wozu die Natur ihn gemacht hat … vielleicht ist das gerade deine Aufgabe, ewig zu wandern.“[6]

Rudin, „als Windwirbel geboren“, findet auf seinem Landgut „mit zweieinhalb Leibeigenen“ keine Ruhe. Er beteiligt sich in Paris während des Juniaufstandes an der Seite Pariser Arbeiter aus den Nationalwerkstätten im Kampf gegen die Soldaten General Cavaignacs und fällt am 26. Juni 1848 auf der Barrikade.

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1856: Zeitgenössische russische Leser wollen sowohl Bakunin als auch Granowski als Vorbild für die Figur des Rudin gesehen haben. Nach Herzen sei Rudin ein zweiter Turgenew, dem die philosophischen Parolen Bakunins zu Kopf gestiegen wären.[11]
  • 1969: Dornacher[12]: Während der Regentschaft Nikolaus I. scheitert der lebensfremde adlige Intelligenzler Rudin mit allen seinen Vorhaben, weil er phrasenhaft redet, Pläne schmiedet, aber nicht wirksam handelt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verwendete Ausgabe:

  • Rudin. Aus dem Russischen übersetzt von Herbert Wotte, S. 5–148 in: Iwan Turgenjew: Rudin. Ein Adelsnest. Nachwort von Klaus Dornacher. 360 Seiten. Aufbau-Verlag, Berlin 1976 (3. Aufl.).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Iwan Sergejewitsch Turgenew: Rudin, Ausgabe 1870
  2. Verwendete Ausgabe, S. 33, 19. Z.v.o.
  3. Verwendete Ausgabe, S. 111, 1. Z.v.o.
  4. Verwendete Ausgabe, S. 110, 5. Z.v.o.
  5. Verwendete Ausgabe, S. 63, 8. Z.v.u.
  6. Verwendete Ausgabe, S. 147, 16. Z.v.o.
  7. russ. Rudin (Film)
  8. russ. Воинов, Константин Наумович
  9. russ. Переладова, Светлана Семёновна
  10. Rudin Eintrag in der IMDb
  11. russ. Rudin (Roman)
  12. Dornacher im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 337, 13. Z.v.u. - S. 343, 17. Z.v.o.