Rudlos

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Koordinaten: 50° 35′ 49″ N, 9° 25′ 4″ O

Rudlos
Höhe: 429 (413–452) m ü. NN
Einwohner: 66 (31. Dez. 2014)[1]
Eingemeindung: 1. April 1939
Postleitzahl: 36341
Vorwahl: 06641

Rudlos ist der kleinste Stadtteil der Kreisstadt Lauterbach im Vogelsbergkreis in Hessen. Der kleine Ort wurde mit Wirkung vom 1. April 1939 zusammen mit Blitzenrod in die Stadt Lauterbach eingemeindet.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das ehemalige Herrenhaus der Freiherren Riedesel zu Eisenbach

Die erste urkundliche Erwähnung des Orts “Rudolfs” erfolgte im Jahre 1341.[3] Im Jahre 1365 verkaufte Heinrich von Eisenbach Besitz in Rudolfs an einen Heinrich von der Au für 30 Pfund Heller Lauterbacher Währung.[4]

Als die Herren von Eisenbach 1428 im Mannesstamm ausstarben, wurde Herrmann II. Riedesel (1407–1463) neuer Amtmann der fuldischen Besitzungen im Raum Lauterbach. Seine Ehe mit einer Eisenbacher Erbtochter und seine umsichtige und zielstrebige Politik, zu der auch die Abfindung der anderen Eisenbacher Töchter und deren Ehemänner gehörte, sicherte ihm und seinem Geschlecht im Laufe der Zeit die gesamte Gegend um Lauterbach. Dazu gehörte auch Rudlos, das allerdings bald darauf zerstört und verlassen wurde: im Jahre 1435 wird Ruôdolfs in den Besitzurkunden der Abtei Fulda als Wüstenung bezeichnet.[3] Der Ort wurde wohl im Zuge der Fehden heimgesucht, die nach dem Aussterben der Eisenbacher um deren an verschiedene Lehnsherren heimgefallene und von diesen wieder vergebene Lehen ausgefochten wurden. Am längsten und blutigsten war die Fehde zwischen Abt Reinhard von Meilnau und den Brüdern Hermann III. und Georg I. Riedesel während der Jahre 1465–1471, in der die meisten Dörfer zwischen Lauterbach und Fulda verwüstet wurden.[5]

Bis zur Verkündung des Ewigen Landfriedens im Heiligen Römischen Reich durch König Maximilian I. im Jahre 1495, mit dem das Fehdewesen verboten wurde, lagen die Riedesel nahezu ununterbrochen mit einem oder mehreren kirchlichen oder weltlichen Herren in Fehde. Erst danach kamen sie dazu, Rudlos wieder zu besiedeln und aufzubauen.

Riedeselsches Hofgut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine zentrale Rolle im Dorf spielt seit jeher das riedeselsche Hofgut. Ab 1928 war das Gut an Heinrich Wicke verpachtet, der es zu einem modernen und innovativen Betrieb im Bereich der Tierhaltung machte und damit die Grundlage für die spätere Nutzung als Versuchsgut legte. Im Jahre 1942 verkaufte die Familie Riedesel das gesamte Gut mitsamt dem Herrenhaus an die Behringwerke, von denen es über die I.G. Farben nach dem Zweiten Weltkrieg an die Bayer AG kam. Es wurde als "Versuchs- und Mustergut" betrieben. In den Jahren 1954 bis 1957 wurde der gesamte Gebäudekomplex, ausgenommen das alte Herrenhaus und die Kirche, abgerissen nach den damals neuesten betriebsorganisatorischen Erkenntnissen neu errichtet. Der Betrieb wurde nun ein Versuchsgut für Tiermedizin und Tier-Arzneimittel.

Im Jahre 1966 verkaufte die Bayer AG das Gut an den Nassauischen Zentralstudienfonds, der es umgehend an die Justus-Liebig-Universität Gießen verpachtete. Das Gut mit seinen etwa 450 Hektar Betriebsfläche wurde dem Institut für Tierzucht und Haustiergenetik als Lehr- und Versuchsbetrieb in der Tierproduktion zur Verfügung gestellt. Anfangs wurden viele verschiedene Nutztierarten gehalten: Legehennen, Milchschafe, Mutterschafe, Zucht- und Mastschweine, Milch- und Fleischrinder sowie Arbeitspferde. Im Laufe der Zeit verlagerten sich die Forschungsschwerpunkte, und die Zahl der gehaltenen Tierarten nahm entsprechend ab. Zuerst wurden die Arbeitspferde durch Traktoren ersetzt, später die Legehennen abgeschafft. Es folgten in den 1980er Jahren Zuchtschweine und Milchschafe, und 1993 wurden die Mutterschafhaltung und 1997 die Milchviehhaltung eingestellt. Ab 1987 lag der Schwerpunkt auf der Fleischrinderhaltung mit Zucht- und Futterversuchen mit bis zu 300 Kühen und Färsen und auf Fütterungsversuchen mit etwa 700 Mastschweinen.[6] Darüber hinaus wurden Erfordernisse der Landschaftspflege durch Tiere, der umweltgerechten Entsorgung großer Tierbestände und Energiefragen in die Untersuchungen einbezogen.

Am 31. Dezember 2009 schloss die Universität aus Kostengründen ihren Lehr- und Versuchsbetrieb für Tierzucht und Haustiergenetik in Rudlos. Neuer Pächter des Hofguts Rudlos wurde der bisherige Administrator des Versuchsgutes, der es als Landwirtschaftsbetrieb weiterführt. Die Schweinemasthaltung wurde unverändert übernommen und fortgeführt, aber die Mutterkuhhaltung wurde auf nur noch 16 Mutterkühe mit ihren Kälbern reduziert.[7][8]

Territorialgeschichte und Verwaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende Liste zeigt die Territorien bzw. Verwaltungseinheiten denen Rudlos unterstand im Überblick:[3][9]

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belegte Einwohnerzahlen sind:[3]

  • 2010: 97 Einwohner[10]
  • 2014: 66 Einwohner[10]
Rudlos: Einwohnerzahlen von 1834 bis 1925
Jahr     Einwohner
1834
  
104
1840
  
107
1846
  
103
1852
  
99
1858
  
104
1864
  
85
1871
  
88
1875
  
94
1885
  
110
1895
  
109
1905
  
105
1910
  
112
1925
  
153
Datenquelle: Histo­risches Ge­mein­de­ver­zeich­nis für Hessen: Die Be­völ­ke­rung der Ge­mei­nden 1834 bis 1967. Wies­baden: Hes­sisches Statis­tisches Lan­des­amt, 1968.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ortsvorsteherin ist Andrea Gießler (Stand: November 2016).[11]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche in Rudlos
Das Backhaus

Baudenkmäler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf ihrem Gutshof ließen sie im Jahre 1620 das heute denkmalgeschützte Herrenhaus errichten. Reste früherer Bauten aus der Gründungszeit des Hofguts sind nicht mehr vorhanden. Das Gut war bis 1942 im Besitz der Familie Riedesel, und die meisten arbeitsfähigen Einwohner des kleinen Orts arbeiteten auf dem Gut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche Heimatvertriebene aus dem Sudetenland in Rudlos ansässig und fanden auf dem Gut Arbeit.

Im Jahre 1691[12] wurde etwa 60 m östlich des Herrenhauses, im Ortszentrum, als Nachfolgerin einer 1457 erwähnten Kapelle die heute ebenfalls denkmalgeschützte kleine Fachwerkkirche erbaut, die kleinste Fachwerkkirche Oberhessens. Es handelt sich um eine schlichte Ständerkonstruktion, die heute zu einem Teil verschindelt ist. Das Kirchenschiff ist von einem Krüppelwalmdach bedeckt, auf dem sich ein kleiner sechsseitiger Haubendachreiter befindet. Die Glocke wurde im 16. Jahrhundert gegossen und stammt aus der ehemaligen Lauterbacher Wendelskapelle.[13] Im Kirchenschiff befinden sich drei mit acht Apostelbildern verzierte Emporen, und ein spitzer Chorbogen trennt den Altarraum optisch von der Gemeinde.

Ein weiteres denkmalgeschütztes Kleinod ist das kleine Backhaus; es wird heute noch immer von Rudloser Einwohnern genutzt, um Brote und Kuchen zu backen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Walter Krug: Stadt Lauterbach (Hessen). Reihe »Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Kulturdenkmäler in Hessen«, herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart, 2007, ISBN 978-3-8062-2021-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rudlos – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Einwohnerstatistik Stadt Lauterbach mit Ortsteilen, abgerufen im November 2016 (PDF)
  2. Erlass des Reichsstatthalters in Hessen über die Eingliederung der Gemeinden Blitzenrod und Rudlos in die Stadt Lauterbach vom 22. Februar 1939. (Hess. Reg.Bl. (PDF; 11,4 MB) S. 26)
  3. a b c d Rudlos, Vogelsbergkreis. Historisches Ortslexikon für Hessen. In: Landesgeschichtliches Informationssystem Hessen (LAGIS). Hessisches Landesamt für geschichtliche Landeskunde (HLGL), Stand: 22. Juli 2015, abgerufen am 8. August 2015.
  4. Schlitzer Bote, 13. Februar 2010
  5. Die Fehde wurde ab 1469 sogar Teil des Hessischen Bruderkriegs, da Ludwig II. die Riedesel, sein Bruder Heinrich III. aber die Abtei unterstützte.
  6. Lehr- und Versuchsbetrieb Rudlos
  7. Schlitzer Bote, 13. Februar 2010
  8. Gießener Allgemeine Zeitung: Universität gibt Versuchsgut in Rudlos 2009 auf
  9. Verwaltungsgeschichte Land Hessen bei M. Rademacher, Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990
  10. a b Stadt Lauterbach
  11. Ortsvorsteher in den Stadtteilen bei der Stadt Lauterbach, abgerufen im November 2016
  12. Dieses Datum wird in der hessischen Denkmalliste geführt; an anderen Stellen wird 1770 als Entstehungsdatum genannt.
  13. Die ehemalige Lauterbacher Sankt Wendelskapelle