Rudolf Kirchschläger

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rudolf Kirchschläger

Rudolf Kirchschläger (* 20. März 1915 in Niederkappel; † 30. März 2000 in Wien) war ein österreichischer Richter, Diplomat, Außenminister und von 1974 bis 1986 österreichischer Bundespräsident.

Ausbildung und Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchschläger wurde mit elf Jahren Waise (sein Vater Johann Kirchschläger [1865–1926], früher Stiftsorganist in Wilhering, später Organist in Losenstein, Pottendorf, Leoben und Kronstorf, arbeitete als Waagmeister in der Papierfabrik Obermühl [an der Donau], ab 1917 in der Papierfabrik Steyrermühl), ging von 1927 bis 1939 zuerst in die Volksschule Promenade, dann in die Knabenhauptschule Promenade in Steyr[1], die nach ihm benannt wurde[2] und absolvierte schließlich das Bundesaufbaugymnasium Horn (Matura mit Auszeichnung; sehr gut in allen Fächern), wo er der Mittelschul-Verbindung K.Ö.St.V. Waldmark Horn im MKV angehörte. Er wurde im Herbst 1939 zur Wehrmacht eingezogen und war in der Frühphase des Zweiten Weltkrieges als Soldat an der Front.

Legendär ist die Art, in der er das Studium der Rechtswissenschaften mit der Promotion zum Dr. iur. Ende 1939 abschloss. Bereits nach der Matura 1935 hatte Kirchschläger in Wien mit dem Studium begonnen, das er nur mit Hilfe eines Stipendiums und diverser Nebenjobs finanzieren konnte. Kirchschläger war Mitglied der Vaterländischen Front. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland lehnte er es ab, der NSDAP beizutreten. Er musste das Studium deshalb abbrechen und wurde Bankangestellter. Dennoch erhielt er einen zweimonatigen Fronturlaub Ende 1939, um sich auf das Assessorexamen vorzubereiten. Ein Examen war gemäß österreichischer Studienordnung nur noch bis Ende 1939 möglich. Nach eigenen Aussagen schlief er in dieser Zeit nur zwei Stunden täglich, ernährte sich von leichter Kost und tauchte seine Füße in Essigwasser, um wach zu bleiben.[3]

Gegen Kriegsende und nach zwei schweren Verwundungen war Kirchschläger als Hauptmann Lehroffizier für Taktik an der damaligen Kriegsschule (heute wieder: Theresianische Militärakademie) in Wiener Neustadt. Als Kommandant führte er am 1. April 1945 bei Erlach eine gegen die heranrückende sowjetischen Truppen eingesetzte Fahnenjunker-Einheit, versprengte SS-Soldaten sowie Angehörige der Hitlerjugend und des Volkssturmes. Die Zeitschrift Profil berichtete in ihrer Ausgabe vom 21. April 2005, dass dabei innerhalb weniger Stunden 200 Kadetten und Soldaten getötet und mehrere hundert verwundet wurden; er selbst erlitt dabei eine schwere Beinverletzung.

Kirchschläger heiratete 1940. Mit seiner Frau Herma (* 1916; † 2009) hatte er zwei Kinder: Tochter Christa (* 1944) sowie Sohn Walter Kirchschläger (* 1947), Gründungsrektor der Universität Luzern.

1947 bis 1954 war er Richter an den Bezirksgerichten Horn und Langenlois sowie in Wien. Ab 1954 war er als Rechtsexperte im Außenministerium wesentlich an den Vorarbeiten und dem Zustandekommen von Staatsvertrag und Neutralitätsgesetz beteiligt.

1956 trat er in den höheren Auswärtigen Dienst ein und wurde Leiter der Völkerrechtsabteilung im Außenministerium. Unter den Ministern Bruno Kreisky und Lujo Tončić-Sorinj war er von 1962 bis 1968 stellvertretender Generalsekretär im Aussenministerium.[4] Von 1967 bis 1970 war er Leiter der österreichischen Botschaft in Prag. In der Nacht vom 20. auf den 21. August marschierten etwa eine halbe Million Soldaten in die Tschechoslowakei ein, besetzten alle strategisch wichtigen Positionen des Landes und beendeten damit den „Prager Frühling“. Bundespräsident Franz Jonas, Verteidigungsminister Georg Prader und Kanzler Josef Klaus waren in Urlaub und telefonisch nicht erreichbar.[5] Außenminister Kurt Waldheim gab die Anweisung, tschechoslowakische Staatsbürger, die im Gebäude Schutz suchten, sollten keine Visa erhalten und „durch gütliches Zureden zum Verlassen desselben bewogen werden“. Kirchschläger ignorierte die Anweisung und stellte Fluchtwilligen etwa 50.000 Visa aus.

1970 wurde er als Parteiloser zum Außenminister des SPÖ-Minderheitskabinetts unter Bundeskanzler Bruno Kreisky ernannt. Auch im zweiten Kabinett Kreisky (die SPÖ hatte erstmals eine absolute Mehrheit der Mandate im Nationalrat) war er Außenminister. Beim Militärputsch in Chile am 11. September 1973 wies er die österreichische Botschaft in Santiago an, chilenischen Flüchtlingen Zuflucht zu gewähren.[4]

Am 23. Juni 1974 wurde er zum Bundespräsidenten gewählt.

Bundespräsidentschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wahl 1974[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bundespräsident Kirchschläger in Begleitung hochrangiger Offiziere und des Salzburger Landeshauptmanns Wilfried Haslauer sen. (rechts) beim Abschreiten einer Ehrenkompanie. Residenzplatz, Salzburg.

1974 mehrten sich nach dem Tod von Bundespräsident Franz Jonas bei der SPÖ zunächst die Stimmen, der populäre Bundeskanzler Bruno Kreisky solle selbst für dieses Amt kandidieren. Kreisky lehnte jedoch ab, weil ihm die Kompetenzen des Bundespräsidenten nicht ausgedehnt genug erschienen. Da die SPÖ bei früheren Bundespräsidentenwahlen immer mit dem Argument des Machtausgleichs mit der ÖVP argumentiert hatte (unter dem Stichwort „roter Präsident – schwarzer Kanzler“), kam diesmal bei der nunmehr ja selbst den Kanzler stellenden SPÖ schon aus wahltaktischen Gründen nur ein Nicht-SPÖ-Parteimitglied in Frage. Der parteilose, praktizierende Katholik Kirchschläger wurde als idealer Kandidat angesehen.

Dass Kirchschläger in der Wahl gegen den von der ÖVP unterstützten Innsbrucker Bürgermeister Alois Lugger mit 51,7 % obsiegte, hatte seinen Grund allerdings nicht nur in der allseits anerkannten Persönlichkeit des Außenministers, sondern auch in der Uneinigkeit der ÖVP: Lugger selbst war in der ÖVP erst nach einem parteiinternen Putsch in letzter Minute gegen den von der Parteiführung bereits als Kandidat aufgestellten ehemaligen Generalsekretär Hermann Withalm installiert worden.

Wahl 1980[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund seiner Popularität gestaltete sich seine Wiederwahl 1980 zum Triumph: Kirchschläger wurde als gemeinsamer Kandidat von SPÖ und ÖVP mit dem Rekordergebnis von 79,9 % der abgegebenen gültigen Stimmen (Wahlbeteiligung: 91,6 %, davon gültige Stimmen: 92,7 %) – und damit mehr als zwei Drittel aller Wahlberechtigten (exakt: 67,8 %) – gegen den von der FPÖ unterstützten Diplomaten Willfried Gredler sowie den Rechtsextremisten Norbert Burger wiedergewählt.

Amtsausübung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchschläger war, vor allem wegen seines bescheidenen Auftretens und der Volksnähe, der österreichische Bundespräsident mit bislang unangetasteter Autorität. Zum geflügelten Wort wurde sein Ausspruch über das „Trockenlegen der Sümpfe und sauren Wiesen“ (bei der Eröffnung der Welser Messe im August 1980 anlässlich des aktuellen AKH-Skandals geäußert). Vor der Popularisierung des Naturschutzes wurde dieses Bild durchwegs positiv empfunden.

Auszeichnungen und Ehrungen (Auszug)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gewidmeter Platz in Wien-Dornbach

Würdigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel am Wohnhaus von Rudolf Kirchschläger

Anlässlich seines 65. Geburtstages im Jahr 1980 legte die österreichische Post eine Sonderbriefmarke auf.[9]

Im Jahr 2008 wurde in Wien-Neuwaldegg nach ihm der Rudolf-Kirchschläger-Platz benannt. An seiner Sommerfrische-Villa in Rosenburg am Kamp erinnert eine Gedenktafel an den Ehrenbürger der Gemeinde Rosenburg-Mold.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Friede beginnt im eigenen Haus. Gedanken über Österreich. Molden, 1980. ISBN 3-217-01070-1.
  • Ethik und Außenpolitik, in: Hans Köchler (Hrsg.), Philosophie und Politik. Dokumentation eines interdisziplinären Seminars. Innsbruck: Arbeitsgemeinschaft für Wissenschaft und Politik, 1973, S. 69–74.
  • Leben und Lesen, Gedanken eines österreichischen Pensionisten. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 1986.
  • Immer den Menschen zugewandt. Reden von Bundespräsident Dr. Rudolf Kirchschläger aus den letzten 25 Jahren. Verlag Österreich, Wien 2000. ISBN 3-7046-1495-5.
  • Meine Schulzeit an der Horner Aufbauschule. In: Erich Rabl, Anton Pontesegger: Erinnerungen an Horn. Horn (Museumsverein in Horn) 2001, S. 147–154. ISBN 3-902168-00-5.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Borys Jaminskyj (Autor), Karl Schleinzer (Herausgeber), Bruno Kreisky (Herausgeber), Hannes Androsch (Herausgeber), Rudolf Sallinger (Herausgeber), Friedrich Peter (Herausgeber), Anton Benya (Herausgeber): Der Weg in die Hofburg – Dr. Rudolf Kirchschläger. Astor, Wien (1975). ISBN 3-900277-00-1
  • Alois Mock, Herbert Schambeck (Hrsg.): Verantwortung in unserer Zeit. Festschrift für Rudolf Kirchschläger. Österreichische Staatsdruckerei, 1990.
  • Erich Rabl: Rudolf Kirchschläger (1915–2000), Jurist, Diplomat, Außenminister und Bundespräsident. In: Harald Hitz, Franz Pötscher, Erich Rabl, Thomas Winkelbauer (Hg.): Waldviertler Biographien, Bd. 3, Horn (Waldviertler Heimatbund) 2010, S. 399–428. ISBN 3-900708-26-6
  • Marco Schenz: Bundespräsident Rudolf Kirchschläger. Böhlau-Verlag, Wien 1984.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schulchronik – NMS-Promenade. In: www.nms-promenade.at. Abgerufen am 14. April 2016.
  2. Neue Mittelschule/Neue Musik-Mittelschule Promenade – schule.at. In: www.schule.at. Abgerufen am 14. April 2016.
  3. Schenz, Bundespräsident Rudolf Kirchschläger, S. 31f.
  4. a b www.wienerzeitung.at
  5. profil.at 28. Juni 2008 (basierend auf Prager Frühling. Das internationale Krisenjahr 1968, Böhlau 2008, ISBN 978-3-412-20207-1)
  6. Jean Schoos: Die Orden und Ehrenzeichen des Großherzogtums Luxemburg und des ehemaligen Herzogtums Nassau in Vergangenheit und Gegenwart. Verlag der Sankt-Paulus Druckerei AG. Luxemburg 1990. ISBN 2-87963-048-7. S. 344.
  7. AAS 82 (1990), Heft 12, S. 1463.
  8. AAS 93 (2001), Heft 8, S. 563.
  9. Eintrag zu Rudolf Kirchschläger im Austria-Forum (als Briefmarkendarstellung)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rudolf Kirchschläger – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien