Rudolf Nehmer

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Rudolf Nehmer (* 19. Mai 1912 in Bobersberg; † 12. Juli 1983 in Dresden) war ein deutscher Maler und Grafiker.

Rudolf Nehmer (ganz links) 1953 in seinem Atelier im Gespräch mit Otto Nagel

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haus Rostocker Straße 17 in Dresden-Klotzsche, ab 1964 Wohnhaus Rudolf Nehmers
Grab Nehmers auf dem Heidefriedhof

Nehmer kam 1912 als drittes von vier Kindern eines Küfermeisters in Bobersberg zur Welt. Er besuchte die Volksschule, wo er sein Interesse am Malen entwickelte, und ging 1928 zunächst nach Berlin, wo er sich zum Maler ausbilden lassen wollte. Ihm fehlten jedoch die materiellen Voraussetzungen dafür.

In Dresden fand er 1932 Förderer, darunter Kurt Hängekorb und Hans-Ludwig Sierks,[1] die ihm ein Kunststudium als Werkstudent vermittelten. Nehmer studierte von 1932 bis 1934 an der privaten, von Ernst Oskar Simonson-Castelli (1864–1929) gegründeten, Akademie für Zeichnen und Malen bei Woldemar Winkler und bis 1936 als Privatschüler im Atelier von Willy Kriegel, nachdem er zwischenzeitlich kurz die Kunstakademie Dresden besucht hatte.[2] Bereits 1935 wurden Nehmers Holzschnitte zu religiösen Themen, Sprichwörtern und Volksweisheiten in der Galerie Kühl ausgestellt.

Nach Ende seines Studiums arbeitete Nehmer als freischaffender Künstler in Dresden und verbrachte 1938 ein Jahr in Norddeutschland, vor allem in Worpswede, wo er jedoch künstlerisch nicht Fuß fassen konnte. Zurück in Dresden heiratete er 1939 eine Tochter des Physikers Wilhelm Hallwachs. Während des Zweiten Weltkriegs diente Nehmer ab 1941 als Soldat an der Westfront und in Dänemark, wurde verwundet und kehrte nach kurzer Zeit in britischer Kriegsgefangenschaft im August 1945 nach Dresden zurück.[3]

Schon 1945 wurde im Grünen Haus eine Gesamtausstellung seiner Gemälde und Holzschnitte gezeigt. Nehmer war 1947 Mitbegründer der Künstlergruppe Das Ufer – Gruppe 1947, aus der er 1949 ausschied,[4] und wurde 1951 Gründungs- und Vorstandsmitglied der Künstlergenossenschaft Kunst der Zeit. Ebenfalls 1951 heiratete Nehmer zum zweiten Mal; der Ehe entstammten eine Tochter und ein Sohn.

Nehmer arbeitete vor dem Krieg in seinem Atelier in der Neuländer Straße, das auch zum Treffpunkt Dresdner Künstler wie Willy Wolff und Hans Jüchser wurde.[5] Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Atelier von den sowjetischen Besatzern als Kommandantur genutzt, wobei zahlreiche Frühwerke Nehmers verloren gingen. Nehmer lebte und arbeitete ab 1953 in einer Wohnung in der Lenbachstraße 8; ab 1964 lebte die Familie im Haus Rostocker Straße 17 in Dresden-Klotzsche.

Nehmer hatte 1958 einen Studienaufenthalt in der Maschinen-Traktoren-Station in Lohmen absolviert und gründete im Zusammenhang mit einem Werkvertrag mit dem VEB Fahrzeugelektrik in Pirna-Copitz 1963 einen Mal- und Zeichenzirkel, der die Auszeichnung „Hervorragendes Volkskunstkollektiv“ erhielt.[4] Bis zu seinem Tod waren Nehmers Werke in Einzelausstellungen in der DDR zu sehen, darunter 1972 in der Galerie Neue Meister in einer Retrospektive anlässlich seines 60. Geburtstages.

Nehmer verstarb 1983 nach kurzer, schwerer Krankheit in Dresden und wurde auf dem Heidefriedhof beigesetzt.

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nehmers Gesamtwerk gliedert sich hauptsächlich in Stillleben und Porträts in Öl sowie Grafiken, darunter vor allem Holzschnitte. Er schuf auch Landschafts- und religiöse Bilder, zudem sind Zeichnungen in Aquarell, mit Feder und Bleistift überliefert. Nehmer war auch als Illustrator, Glasmaler, Bildhauer und Kunsthandwerker tätig.[6]

Porträts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nehmer neben seinem Werk Der Schmiedemeister aus dem Jahr 1948

Zentral in Nehmers Gesamtwerk sind Porträts, wobei Nehmer neben dem Kopf auch die Darstellung der Hände wichtig war – „Gesicht und Hände eines zu malenden Gegenübers können wie großartige Bücher zu lesen sein“, schrieb Nehmer Ende der 1950er-Jahre.[7] Es entstanden mit den Bildern auch immer Psychogramme der Abgebildeten, da Nehmer das Porträtieren als „Wesensdeutung des Menschen“ ansah.[2] Mehrfach schuf Nehmer Selbstporträts, zuletzt 1973 das Werk Der Maler.

Nehmer schuf seine Porträts teilweise aus eigenem Interesse und teilweise im privaten oder öffentlichen Auftrag. Er porträtierte unter anderem die Rektoren der Technischen Universität Dresden, darunter 1971 Arthur Simon.[8] Neben Einzel- entstanden auch Gruppen- und Familienporträts. Öffentliche Aufträge umfassten zudem Arbeiten für Kirchen, darunter 1956 das Altarbild Unterm Kreutz für die Dorfkirche Meichow und 1958 das dreiteilige Altarbild Letztes Abendmahl für die Dorfkirche Grabow.

Stillleben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nehmer malte eine Vielzahl an Stillleben, darunter häufig Kompositionen mit Blumen, Obst, Gemüse sowie weiteren Nahrungsmitteln (unter anderem Brot und Räucherfisch), aber auch Masken. Seine Kompositionen bilden dabei nie bloß die Wirklichkeit ab. Vielmehr nutzte Nehmer in seinen Stillleben die Möglichkeit der vieldeutigen Anspielung und metaphorischen Komposition.[9] Überlieferte Stillleben Nehmers reichen bis in die frühen 1930er-Jahre zurück.

Grafik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nehmer schuf ab den 1930er-Jahren Druckgrafiken, wobei er sich das Wissen um die Technik autodidaktisch aneignete. Grafiken entstanden in der Regel mit Holzstöcken, selten durch Metallschnitt. Für seine Folge Graphische Denkmale, in der Nehmer Persönlichkeiten wie Mahatma Gandhi und Max Planck porträtierte, verwendete er erstmals Linolschnitte.[10]

Zahlreiche Grafiken entstanden im Rahmen von Zyklen, darunter für die Folgen Bauern, Alte Sprüchworte und Freund Hein. Bereits 1951 waren Holzschnitte zur Bergpredigt, einer 1948 entstandenen Holzschnittfolge, als Buch bei der Evangelischen Verlagsanstalt herausgekommen. Mit Holzschnitten zum Evangelium hatte sich Nehmer bereits ab 1935 beschäftigt.[11]

Zu den Druckgrafiken, die Nehmer im Auftrag schuf, zählten Exlibris. Nehmer betrachtete die Grafik als „geeignetste Gestaltungsmöglichkeit für den Künstler, der mit ihren Mitteln und seinen Möglichkeiten viele Mitmenschen ansprechen möchte“.[7]

Stil und Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nehmers Malweise wies zu Beginn spätimpressionistische Züge auf;[12] in Porträts, die während der Studienzeit entstanden, probierte sich Nehmer zudem in expressionistischen Ausdrucksformen.[13] Nehmer arbeitete zu Beginn in Öl auf Leinwand, später jedoch nahezu ausschließlich in Öl auf Holz.

Schon 1959 wurde festgestellt, dass Nehmer im Gesamtwerk „durch technische Vollkommenheit und absolute Sauberkeit seiner Arbeiten [erfreut]“.[14] Bildnisse Nehmers sind gekennzeichnet durch eine klare, ernste Sachlichkeit, auch wenn die Zuordnung seiner Werke zur Neuen Sachlichkeit als unzutreffend bezeichnet wurde.[15] Nehmer „erwuchs […] in seinem Schaffen aus den altmeisterlichen Techniken der Neuen Sachlichkeit“, pflegte jedoch die „künstlerische Sprache des ‚neuen Naturalismus‘“.[16] Die scheinbar leichte Verständlichkeit der Bilder sei nur oberflächlich, differenziere sich jedoch bei genauerer Betrachtung. Stillleben Nehmers seien bedeutungsschwer und „von ungewöhnlich hoher Farbkultur“.[15] In seinen Grafiken zeige Nehmer Humor und tiefe Menschlichkeit.[15]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1946: Drei Fliegenpilze – Stillleben, Öl auf Holz, Privatbesitz
  • 1945: Freund Hein – Holzschnittfolge
  • 1945: Alte Sprüchworte – Holzschnittfolge
  • 1946: Selbstbildnis „46“ – Selbstporträt, Öl auf Holz, Städtische Museen Junge Kunst und Viadrina, Frankfurt an der Oder
  • 1946: Bauern – Holzschnittfolge
  • 1947: Selbstbildnis mit Holzschnittwerkzeugen – Porträt, Öl auf Holz, Nachlass
  • 1947: Natur und Menschenwerk – Stillleben, Öl auf Holz, Evangelisch-Reformierte Gemeinde Dresden
  • 1948: Der Schmiedemeister – Porträt, Öl auf Holz, Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden
  • 1948: Die Bergpredigt – Holzschnittfolge
  • 1950: Bildnis Heinrich Kühl – Porträt, Öl auf Holz, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • 1952: Doppelbildnis Willy Wolff, Annemarie Wolff-Balden – Porträt, Öl auf Holz, Stadtmuseum Dresden
  • 1954: Bildnis Heinrich Klein – Porträt, Öl auf Holz, Stadtmuseum Dresden
  • 1956: Der weiße Krug – Stillleben, Öl auf Holz, Stadtmuseum Dresden
  • 1956: Gelbe Iris – Stillleben, Öl auf Holz, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • 1957: Der Maler Fritz Tröger – Porträt, Öl auf Holz, Lindenau-Museum Altenberg
  • 1957: Scherzo – Stillleben, Öl auf Holz, Lindenau-Museum Altenberg
  • 1957: Heiterer Herbst – Stillleben, Öl auf Holz, Staatliche Galerie Moritzburg in Halle an der Saale
  • 1958: Bildnis Hans Grundig – Porträt, Öl auf Holz, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • 1958–1959: Graphische Denkmale – Linolschnittfolge
  • 1964: Nachbars Gelber Kater – Stillleben, Öl auf Holz, Städtische Galerie Eisenhüttenstadt
  • 1967: Gundula im Winter – Porträt, Öl auf Holz, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • 1970: Staatsschauspieler Rolf Hoppe – Porträt, Öl auf Holz, Städtische Galerie Eisenhüttenstadt
  • 1971: Orbis pictus – Stillleben, Öl auf Holz, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • 1973: Der Junge und die Alten – Stillleben, Öl auf Holz, Privatbesitz
  • 1973: Natur und Kunst – Stillleben, Öl auf Holz, Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
  • 1975: Masken – Stillleben, Öl auf Holz, Nachlass
  • 1981: Der Verlorene – Stillleben, Öl auf Holz, Privatbesitz
  • 1981: Appell der Flaschenbirnen – Stillleben, Öl auf Holz, Städtische Galerie Eisenhüttenstadt
  • 1983: Letzte Ernte – Stillleben, Öl auf Holz, Nachlass

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Andenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Nehmer wurde die Rudolf-Nehmer-Straße im Dresdner Stadtteil Klotzsche benannt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg / Sachsen. Museum für Kunst und Bergbau: Rudolf Nehmer. Gemälde und Grafik. 3. Juli – 2. August 1959. Katalog [1959].
  • Karlheinz Ulrich: Rudolf Nehmer. Bildnis eines Künstlers. Union, Berlin 1960.
  • Rudolf Nehmer. Ausstellungskatalog der Gemäldegalerie Neue Meister, Dresden 1972.
  • Irma Emmrich: Rudolf Nehmer. Poesie und Gleichnis. Union Verlag, Berlin 1977.
  • Gundula Voigt und Paul Voigt (Hrsg.): Rudolf Nehmer zum 100. Geburtstag. Voigt & Voigt, Dresden 2012, ISBN 978-3-00-039375-4.
  • Gerd-Helge Vogel: Rudolf Nehmer. Zum 100. Geburtstag des Künstlers. Lukas Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-86732-148-8 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Rudolf Nehmer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gundula Voigt: Rudolf Nehmer – persönlich. In: Rudolf Nehmer zum 100. Geburtstag. Voigt & Voigt, Dresden 2012, S. 97.
  2. a b Rudolf Nehmer 1956. Vgl. Rudolf Nehmer zum 100. Geburtstag. Voigt & Voigt, Dresden 2012, S. 85.
  3. Helmut Heinze: Erinnerungen an meine frühen Begegnungen mit Rudolf Nehmer. In: Rudolf Nehmer zum 100. Geburtstag. Voigt & Voigt, Dresden 2012, S. 5.
  4. a b Biographie in Daten. In: Rudolf Nehmer zum 100. Geburtstag. Voigt & Voigt, Dresden 2012, S. 105.
  5. Helmut Heinze: Erinnerungen an meine frühen Begegnungen mit Rudolf Nehmer. In: Rudolf Nehmer zum 100. Geburtstag. Voigt & Voigt, Dresden 2012, S. 6.
  6. Vgl. Gliederung in: Gerd-Helge Vogel: Rudolf Nehmer. Zum 100. Geburtstag des Künstlers. Lukas Verlag, Berlin 2013.
  7. a b Nehmer in einem Zeitungsausschnitt 1958/59. Zit. nach Rudolf Nehmer zum 100. Geburtstag. Voigt & Voigt, Dresden 2012, S. 81.
  8. Sammlungen und Kunstbesitz der Technischen Universität Dresden. UniMedia, Dresden 1996, S. 105.
  9. Gerd-Helge Vogel: „Pictor doctus“ et Orbis pictus oder Rudolf Nehmer und die Dresdner Bildtradition: Kunst zwischen Klassik, Romantik und Realismus. In: Gerd-Helge Vogel: Rudolf Nehmer. Zum 100. Geburtstag des Künstlers. Lukas Verlag, Berlin 2013, S. 6.
  10. Die Grafik. In: Rudolf Nehmer zum 100. Geburtstag. Voigt & Voigt, Dresden 2012, S. 13.
  11. Karlheinz Ulrich: Rudolf Nehmer. Bildnis eines Künstlers. Union, Berlin 1960, S. 9.
  12. Joachim Uhlitzsch: Der Maler Rudolf Nehmer. In: Rudolf Nehmer. Ausstellungskatalog der Gemäldegalerie Neue Meister, Dresden 1972, S. 4.
  13. Rudolf Nehmer zum 100. Geburtstag. Voigt & Voigt, Dresden 2012, S. 13.
  14. Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg / Sachsen. Museum für Kunst und Bergbau: Rudolf Nehmer. Gemälde und Grafik. 3. Juli – 2. August 1959. Katalog [1959], S. 4.
  15. a b c Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg / Sachsen. Museum für Kunst und Bergbau: Rudolf Nehmer. Gemälde und Grafik. 3. Juli – 2. August 1959. Katalog [1959], S. 5.
  16. Gerd-Helge Vogel: „Pictor doctus“ et Orbis pictus oder Rudolf Nehmer und die Dresdner Bildtradition: Kunst zwischen Klassik, Romantik und Realismus. In: Gerd-Helge Vogel: Rudolf Nehmer. Zum 100. Geburtstag des Künstlers. Lukas Verlag, Berlin 2013, S. 5.