Rudolf Nissen

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Rud. Nissen (Unterschrift).jpg

Rudolf Nissen (* 9. September 1896 in Neisse, Oberschlesien; † 22. Januar 1981 in Riehen) war ein deutscher Chirurg jüdischer Abstammung in Berlin, Istanbul, New York und Basel. Ihm und seinem Freund Werner Wachsmuth sind bedeutende Chirurgenbiografien des 20. Jahrhunderts zu verdanken.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rudolf Nissen war der Sohn des Chirurgen Franz Nissen und seiner Ehefrau Margarethe geb. Borchert. Sein Vater war ihm zeitlebens Vorbild. Rudolf Nissen heiratete Ruth Becherer, Tochter von Walter Becherer. Nach dem Abitur am humanistischen Carolinum (Nysa) studierte er ab 1913 an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität Medizin; er wechselte aber schon bald an die Ludwig-Maximilians-Universität München. Im ganzen Ersten Weltkrieg diente er in einem Sanitätsbataillon. Als Feldhilfsarzt erlitt er einen Lungensteckschuss, dessen Folgen ihn zeitlebens belasteten. Nach dem Krieg setzte er sein Medizinstudium an der Philipps-Universität Marburg und der Universität Breslau fort. Nach dem Staatsexamen wurde Nissen 1920 in Breslau zum Dr. med. promoviert.[1] Er war Assistenzarzt bei dem Internisten Oskar Minkowski in Breslau (1920) und bei dem Pathologen Ludwig Aschoff an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (1921).

Seine chirurgische Ausbildung begann Nissen 1921 bei Ferdinand Sauerbruch an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach der Facharztanerkennung habilitierte er sich 1927 für Chirurgie. Als Sauerbruch 1927 dem Ruf der Charité folgte, ging Nissen als Oberarzt mit nach Berlin. 1930 zum nichtbeamteten a.o. Professor ernannt, war er Sauerbruchs Stellvertreter. Als erster Chirurg der Welt führte er 1931 eine Pneumonektomie bei einem an Bronchiektasien erkrankten Kind mit Erfolg durch.[2] Die Fundoplikatio ist noch heute eine (inzwischen endoskopisch mögliche) Standardoperation im Übergang der Speiseröhre zum Magen.[3]

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wollte er das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums nicht gegen Mitarbeiter anwenden. Ihm war klar, dass er früher oder später selbst betroffen sein würde, auch wenn er durch das Frontkämpferprivileg vorerst ausgenommen war. Bereits in den ersten Monaten der Zeit des Nationalsozialismus emigrierte er in die Türkei. Mit Unterstützung der „Notgemeinschaft“ von Philipp Schwartz und nach Beratung mit Sauerbruch kam er 1933 auf den chirurgischen Lehrstuhl der Universität Istanbul.

„Er hatte seine glücklichste Zeit in der Türkei erlebt, wie er sagte. ... Er hat mein Manuskript durchgesehen und anschließend gesagt: »Unter einer Bedingung können Sie es mir widmen. Sie müssen unten auf der Widmung die Symbole der Berliner Chirurgen anbringen«.“

Arslan Terzioǧlu über Nissen (2006)

Obwohl ihm die türkische Regierung bei der Vertragsverlängerung entgegengekommen war, ging Nissen nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wegen gesundheitlicher Probleme in die Vereinigten Staaten; denn sein Lungenleiden hatte sich durch das Exil und die anstrengende Arbeit verschlimmert. In New York musste er alle Studien- und Ausbildungsprüfungen wiederholen. Von 1939 bis 1941 war er Research Fellow of Surgery am Massachusetts General Hospital in Boston und von 1941 bis 1952 Chief of Division der Chirurgie am Jewish Hospital of Brooklyn sowie Director of Surgery am Maimonides Medical Center in New York City. Ab 1944 war er außerdem Assistant Professor of Surgery am Long Island College Hospital in Brooklyn.

1952 folgte er dem Ruf der Universität Basel auf den Lehrstuhl für Chirurgie. Seine Antrittsvorlesung am 18. Dezember 1952 stand unter dem Thema Zeitloses und Zeitgebundenes in der Chirurgie.[4] Die Rufe der Universität Hamburg (1948) und der Universität Wien (1954) lehnte er ab. Nach der Emeritierung 1967 führte er bis 1970 eine Arztpraxis in Basel. Mit Werner Wachsmuth war er zeitlebens eng befreundet.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rudolf-Nissen-Preis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Rudolf Nissen-Preis (seit 2011 Rudolf-Nissen-Medaille) zeichnet die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie alle zwei Jahre hervorragende Vertreter der Viszeralchirurgie aus. Seit 2011 wird die Rudolf-Nissen-Medaille an chirurgische Nachwuchsforscher vergeben. Dieser Preis ist mit 5.000 € dotiert.[5]

Preisträger
2001: Sir Alfred Cuschieri, Dundee
2003: Hiroshi Akiyama, Tokio
2005: Henri Bismuth, Villejuif
2007: Christian Herfarth, Heidelberg
2009: Wolfgang Teichmann, Hamburg
2011: Andrew Louis Warshaw, Boston
2013: Heinz Becker, Göttingen
2015: Rüdiger Siewert, Freiburg[6]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helle Blätter, dunkle Blätter. Erinnerungen eines Chirurgen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1969, Wiederaufl. ebd. 1984 ISBN 3-421-01499-X; Herder-Buchgemeinde, Freiburg o. J. (1969); Reprint: Ecomed, Landsberg 2001 ISBN 3-609-16029-2. Alle Ausgaben enthalten ein genaues Personenregister, was insbesondere in Bezug auf die türkischen Jahre 1933–1939 und die dortige deutsche Exilantengruppe sehr aufschlussreich ist. Das Buch ist Nissens Vater und Sauerbruch gewidmet.
    • Kurze Erstfassung des Kapitels über Sauerbruch (S. 143ff. in "Blätter") in: Hans Schwerte & Wilhelm Spengler Hgg.: Forscher und Wissenschaftler im heutigen Europa. 2. Erforscher des Lebens. Mediziner, Biologen, Anthropologen Stalling, Oldenburg 1955 Reihe: Gestalter unserer Zeit Band 4. Wieder in ders.: Fünfzig Jahre erlebter Chirurgie. Ausgewählte Vorträge und Schriften. Schattauer, Stuttgart und New York 1978, ISBN 3-7945-0615-4 S. 344–348.
      • Zur deutlichen Kritik Nissens an der fälschlich so genannten Sauerbruch-Autobiographie Das war mein Leben bei Kindler siehe die Art. Sauerbruch und Hans Rudolf Berndorff
    • Rezension (Blätter...): Archiv für orthopädische und Unfallchirurgie 68 (1970), S. 378–380, von A. N. Witt. (auch online buchbar [1] deutsch)
    • Rezension: David Vanderpool, Bright leaves, dark leaves. Journal of the American College of Surgeons 196 (2003), p. 313–318. Online
  • R. N. (Hg. mit Fritz Hartmann, Johannes Linzbach und Hans Schäfer): Das Fischer-Lexikon. Bd. 16–18: Medizin 1–3; als Autor: Art. "Chirurgie" in Teilband 3 (= Band 18), Fischer Bücherei TB, Frankfurt 1959 u.ö., zuletzt 1970, S. 10–47 (auch: histor. Abriss)
  • R. N. (Hg. mit Georg Brandt und Hubert Kunz): Intra- und postoperative Zwischenfälle. Ihre Verhütung und Behandlung, Sammelwerk in 4 Bänden. Georg Thieme, Stuttgart 1964ff. (zuletzt Neuaufl. Bd. 2: Abdomen. 1985)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erwin Rotermund: Helle Blätter, dunkle Blätter. Rudolf Nissen: Bewährung im Exil. In: 100 Jahre Rudolf Nissen. Hg. Felix Harder & Mario Rossetti. Schwabe, Basel 1997, S. 199 - 210. Reihe: Basler Beiträge zur Chirurgie 9 ISBN 3-7965-1032-9
  • Faruk Şen, Dirk Halm: Exil unter Halbmond und Stern - Herbert Scurlas Bericht über die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer in der Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus. 2007 ISBN 3-89861-768-8
  • Daniel Webster Fults, Philipp Taussky: The Life of Rudolf Nissen: Advancing Surgery Through Science and Principle. In: World Journal of Surgery. 2011. doi:10.1007/s00268-011-1047-1.
  • A. Vicdani Doyum: Alfred Kantorowicz unter besonderer Berücksichtigung seines Wirkens in İstanbul (Ein Beitrag zur Geschichte der modernen Zahnheilkunde). Medizinische Dissertation, Würzburg 1985, S. 61–63
  • Huldrych M. KoelbingNissen, Rudolf. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 289 (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dissertation: Untersuchungen über die diagnostische Bedeutung des Katalase-Index der roten Blutkörperchen bei menschlichen und experimentellen Blutkrankheiten.
  2. a b c d e f 100 Jahre – Vereinigung der Bayerischen Chirurgen
  3. Rudolf Nissen & Mario Rossetti: Die Behandlung der Hiatushernien und Reflux-Oesophagitis mit Gastropexie und Fundoplicatio. Indikation, Technik und Ergebnisse Georg Thieme, Stuttgart 1959; 2. neubearb. Aufl. ebd. 1981; italienische Fassung bei Cappelli, Bologna 1964
  4. Veröffentlicht bei Thieme, Stuttgart 1953
  5. Kai Lehmann: Über die DGAV , Preise - Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie e.V. (DGAV). In: dgav.de. Abgerufen am 1. Mai 2015.
  6. Benjamin Waschow: Hohe Auszeichnung für Leitenden Ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums Freiburg. Universitätsklinikum Freiburg, Pressemitteilung vom 29. April 2015 beim Informationsdienst Wissenschaft (idw-online.de), abgerufen am 1. Mai 2015.