Rudolf Oebsger-Röder

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Rudolf Oebsger-Röder (* 9. März 1912 in Leipzig; † 21. Juni 1992 in München) war im nationalsozialistischen Deutschen Reich SS-Obersturmbannführer, SD-Führer beim Einsatzkommando 16 Bromberg, 1940 Leiter der Amtsgruppe II A (Grundlagenforschung) im Amt II (SD-Inland) des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), Führer des Einsatzkommandos Cluj in Ungarn 1944 und Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes sowie Zeitungskorrespondent in Djakarta.

Herkunft und Studium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rudolf Oebsger-Röder war der Sohn eines Werkmeisters.[1] Nach dem Abschluss seiner Schullaufbahn studierte er an der Universität Leipzig Geschichte, Soziologie und Zeitungswissenschaft.[2]

Schon Ende 1929 wurde er Mitglied der Hitlerjugend und trat bereits als 19-Jähriger im März 1931 der NSDAP bei[2] (Mitgliedsnummer 475.061[3]). Zudem war er ab 1931 Mitglied der SA.[4] An der Universität Leipzig wurde er 1933 Pressewart des NS-Studentenbundes (NSDStB) und leitete dort die Abteilung „Presse und Propaganda“. Ab 1935 war er in Leipzig NSDStB-Hochschulgruppenführer, örtlicher Studentenschaftsleiter und bekleidete des Weiteren die Ämter „Untersuchungsführer für Ehren- und Disziplinarfragen der Gaustudentenschaft Sachsen“ sowie eine Leitungsfunktion bei der Zeitungswissenschaftlichen Vereinigung.[5] Als Assistent am Leipziger Institut für Zeitungswissenschaft in der Zeit von 1935 bis 1937 promovierte er 1936 mit einer Dissertation über den Bildungsstand der deutschen Journalisten zum Dr. phil.[2]

Beim Sicherheitsdienst der SS[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im April 1935 trat Oebsger-Röder von der SA in die SS (SS-Nr. 267.393[3]) über und wurde ehrenamtlich für den SD tätig, dem er sich schließlich auch als hauptamtlicher Mitarbeiter zur Verfügung stellte. Er war zudem Referent beim SS-Oberabschnitt Mitte.[6] Franz Six bescheinigte dem ihm bereits bekannten Oebsger-Röder in einer Beförderungsbeurteilung vom 18. Oktober 1937 „eine tadellose soldatische Haltung […] sicheres Auftreten in und außer Dienst [und eine] persönlich saubere Haltung.“ Er habe sich „stets mit seiner ganzen Person für den Nationalsozialismus eingesetzt“ und verfüge über eine „tadellose Auffassungsgabe“.[7]

Bei den Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei in Polen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Oebsger-Röder im Zuge des Überfalls auf Polen zum Führer eines aus vier Männern bestehenden SD-Trupps des Einsatzkommandos (EK) 16 in Bromberg bestimmt, das als selbständige Einheit direkt dem Führer des SD-Oberabschnitts Nordost, SS-Brigadeführer Jakob Sporrenberg, unterstand.[8] In einem Bericht an das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) vom 21. Oktober 1939 meldete er, dass in den westpreußischen Städten von der Gestapo und vom Selbstschutz der Volksdeutschen „Aktionen durchgeführt [werden], um die polnischen Lehrer zu verhaften und in das Zuchthaus Krone anzutransportieren. Es ist geplant, die radikalen polnischen Elemente zu liquidieren.“[9]

In einem anderen Bericht beschreibt Oebsger-Röder die Aufgaben seines EK noch drastischer:

„Nach dem Willen des Führers soll in kürzester Zeit aus den polnisch-bestimmten Pommerellen ein deutsches Westpreußen entstehen. Zur Durchführung dieser Aufgaben machen sich nach übereinstimmender Ansicht aller zuständigen Stellen folgende Maßnahmen notwendig: 1.) Physische Liquidierung aller derjenigen polnischen Elemente, die a) in der Vergangenheit auf polnischer Seite irgendwie führend hervorgetreten sind oder b) in Zukunft Träger eines polnischen Widerstandes sein können. […] Die angeführten Maßnahmen sind von Anfang an in Angriff genommen worden. Es erscheinen jedoch folgende Bemerkungen nötig, um die Notwendigkeit des Vorschlags zu erhärten: Zu 1.) Die Liquidierung wird nur noch kurze Zeit durchgeführt werden können. Dann werden die deutsche Verwaltung und andere außerhalb der NSDAP liegende Faktoren direkte Aktionen unmöglich machen. Auf jeden Fall wird am Ende trotz aller Härte nur ein Bruchteil der Polen in Westpreußen vernichtet sein (schätzungsweise 20 000).“

Rudolf Oebsger-Röder im Herbst 1939 in einem Lagebericht für das Reichsproppagandaministerium.[10]

Im Anschluss an seinen SD-Einsatz kam Oebsger-Röder über die Einwandererzentralstelle in Gotenhafen, bei der er als stellvertretender Leiter eingesetzt wurde, Mitte November 1939 nach Łódź (ab 1940 Litzmannstadt genannt), wo er bis Ende März 1940 die dortige Zweigstelle der Einwandererzentrale leitete.[11]

Im Reichssicherheitshauptamt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nur für zwei Monate fungierte er als Leiter der Amtsgruppe II A (Grundlagenforschung) in dem von Franz Six geleiteten Amt II (Gegnererforschung – SD-Inland) des RSHA, bevor er im Juni 1940 als SD-Führer nach Danzig versetzt wurde. 1941/42 wurde Oebsger-Röder in dem von SS-Obersturmbannführer und Oberregierungsrat Heinz Gräfe konzipierten „Unternehmen Zeppelin“ eingesetzt und übernahm schließlich im Juli 1942 die Leitung des Sonderreferates VI C/Z im Amt VI des RSHA bis Februar 1943.[2]

Ab April/Mai 1944 war er wiederum als Führer eines Einsatzkommandos in Ungarn eingesetzt (EK Cluj) sowie bis August 1944 beim SD in Budapest.[12] Danach verblieb er bis Kriegsende im Amt VI bei der Gruppe E des RSHA.[13] Oebsger-Röder wurde noch 1945 zum SS-Obersturmbannführer befördert.[12]

Nach dem Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Kriegsende tauchte Oebsger-Röder mit dem Falschnamen Richard Rupp als Landarbeiter in Schleswig-Holstein unter, wurde Anfang 1946 jedoch gemeinsam mit Horst Mahnke in Hannover verhaftet und für kurze Zeit im Internierungslager Bad Nenndorf interniert. Nach einem im November 1948 durchgeführten Spruchkammerverfahren in Bielefeld wurde er zu 18 Monaten Haft verurteilt, die durch seine Internierung in Bad Nenndorf jedoch abgegolten waren.[13] Danach wurde er noch 1948 für die Organisation Gehlen angeworben, den späteren Bundesnachrichtendienst (BND), für den er in den 1950er Jahren hauptberuflich tätig war. Unter anderem führte er den Waffenhändler und ehemaligen SS-Führer Wilhelm Beisner 1957 dem BND zu. Wegen Kriegsverbrechen wurde in der Bundesrepublik mehrfach gegen Oebsger-Röder ermittelt. Die Ermittlungsverfahren wurden jedoch sämtlich eingestellt, da ihm über die Kenntnis von Verbrechen hinaus keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden konnte. Oebsger-Röder, der auch als Journalist für die Deutsche Soldaten-Zeitung tätig war, setzte sich Ende Dezember 1959 aus München nach Indonesien ab.[14] Dort gelang es ihm, Zugang zum Staatschef und Diktator Hadji Mohamed Suharto zu finden und als dessen Berater und Biograph zu wirken. Gleichzeitig war er jedoch auch unter dem Namen „O. G. Roeder“ Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes in Djakarta sowie als Korrespondent für die Süddeutsche Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung tätig.[13] Von Dezember 1962 bis Juli 1964 lebte er in Bangkok und danach wieder in Indonesien. Aufgrund seiner NS-Vergangenheit wurde Oebsger-Röder im Sommer 1964 von seinen Tätigkeiten für den BND entbunden, wurde aber noch bis März 1966 als Quelle in Indonesien verwendet. Anschließend sollte er bis 1979 mehrmals als „bestinformierter Journalist“ in Indonesien reaktiviert werden, lehnte dieses Ansinnen jedoch konsequent ab. Oebsger-Röder hatte wahrscheinlich ab 1980 seinen Wohnsitz wieder in München, wo er sich überwiegend aufgehalten haben soll.[14]

Am 21. Juni 1992 ist Oebsger-Röder in München an Herzversagen gestorben.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ulrich von Hehl (Hrsg.): Sachsens Landesuniversität in Monarchie, Republik und Diktatur (= Beiträge zur Geschichte der Universität Leipzig vom Kaiserreich bis zur Auflösung des Landes Sachsen 1952). In: Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte. Reihe A, Band 3. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2005, ISBN 978-3-374-02282-3, S. 278
  2. a b c d Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition HIS, Hamburg 2002, S. 939
  3. a b Rudolf Oebsger-Röder. In: Dws-xip.pl
  4. Klaus-Michael Mallmann, Jochen Böhler, Jürgen Matthäus: Einsatzgruppen in Polen: Darstellung und Dokumentation. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-534-21353-5, S. 42
  5. Lutz Hachmeister: Presseforschung und Vernichtungskrieg. Zum Verhältnis von SS, Propaganda-Apparat und Publizistik. In: Wolfgang Duchkowitsch et al. (Hrsg.): Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft. Lit, Münster 2004, S. 75 f.
  6. Lutz Hachmeister: Presseforschung und Vernichtungskrieg. Zum Verhältnis von SS, Propaganda-Apparat und Publizistik. In: Wolfgang Duchkowitsch et al. (Hrsg.): Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft. Lit, Münster 2004, S. 76 f.
  7. Zitiert bei: Lutz Hachmeister: Presseforschung und Vernichtungskrieg. Zum Verhältnis von SS, Propaganda-Apparat und Publizistik. In: Wolfgang Duchkowitsch et al. (Hrsg.): Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft. Lit, Münster 2004, S. 77.
  8. Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition HIS, Hamburg 2002, S. 478
  9. Zitiert bei: Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition HIS, Hamburg 2002, S. 477
  10. Zitiert bei: Michael Wildt: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes. Hamburger Edition HIS, Hamburg 2002, S. 477 f.
  11. Lutz Hachmeister: Presseforschung und Vernichtungskrieg. Zum Verhältnis von SS, Propaganda-Apparat und Publizistik. In: Wolfgang Duchkowitsch et al. (Hrsg.): Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft. Lit, Münster 2004, S. 77
  12. a b Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt am Main 2007, S. 442
  13. a b c d Lutz Hachmeister: Presseforschung und Vernichtungskrieg. Zum Verhältnis von SS, Propaganda-Apparat und Publizistik. In: Wolfgang Duchkowitsch et al. (Hrsg.): Die Spirale des Schweigens. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeitungswissenschaft. Lit, Münster 2004, S. 78
  14. a b Bodo Hechelhammer: Walther Rauff und der Bundesnachrichtendienst. In: Mitteilungen der Forschungs- und Arbeitsgruppe „Geschichte des BND“ (MFGBND). Nr. 2, 23. September 2011