Rudolf Stadelmann (Historiker)

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Rudolf Stadelmann (* 23. April 1902 in Adelmannsfelden; † 17. August 1949 in Tübingen) war ein deutscher Historiker und Professor für Neuere Geschichte.

Leben[Bearbeiten]

Nach einem Geschichtsstudium in Tübingen, Heidelberg, München und Berlin promovierte Stadelmann 1924 an der Universität Tübingen als Schüler von Gerhard Ritter mit der Dissertation Der historische Sinn bei Herder. Er absolvierte danach eine Lehrerausbildung und wirkte 1926–1928 als Lehrer in Kirchheim/Teck. Nach Auslandsaufenthalten, unter anderem als Lektor in Bologna, habilitierte er sich 1929 an der Universität Freiburg über den Geist des ausgehenden Mittelalters und wirkte dort anschließend als Privatdozent.[1] Unter dem Einfluss Martin Heideggers entwickelte er, gegen den Widerstand Ritters, eine zunehmende Nähe zum Nationalsozialismus und trat 1936 der Reiterstandarte der SA bei.[2]

1936 erhielt Stadelmann eine ordentliche Professur an der Universität Gießen, 1938 wechselte er nach Tübingen.[3] Stadelmann trat 1933 anfänglich mit Begeisterung für ein nationalsozialistisches Deutschland ein, jedoch kühlte sich sein Verhältnis zur NSDAP bald ab, so dass die Berufungen nach Gießen und Tübingen manche Kämpfe mit den Parteistellen kosteten. Die Differenzen lagen aber weniger im politischen als im persönlichen Bereich.[4]

Im NS-Staat war Stadelmann öffentlich präsent, er agierte vor Militärs, der SA, der studentischen Jugend und französischen Gefangenen.[5] Er musste nicht zur Wehrmacht einrücken, sondern leistete kriegswichtige Forschungsarbeiten, beispielsweise bei der Auswertung der Beuteakten des Quai d’Orsay.[6] Dort tat er Dienst in der „Aktenkommission“ die in den Archiven Urkunden zur deutschen Geschichte zusammenstellte und teilweise nach Deutschland überführte.[7]

Stadelmann ging es bei seinen Forschungen politisch um eine Stärkung des nationalen Selbstbewusstseins. Seine Darstellungen von Luther, Bismarck und Friedrich dem Großen sollten dies erreichen, Perioden der Schwäche blendete er aus.[8] Er setzte sich fast bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges engagiert für die Erhaltung der Kampfmoral der Wehrmacht ein. Dennoch blieb er nach dem Krieg Ordinarius in Tübingen. Nach 1945 wandelte er sich zum moderaten Konservativen.[5]

Manche Historiker stufen Stadelmann nicht als „Nationalsozialisten“, sondern als „Mitläufer“ ein. Jörg-Peter Jatho kommt zu dem Schluss, Stadelmann sei wegen seines ambivalenten Verhaltens mit den Kategorien „Nationalsozialist“ oder „Mitläufer“ nicht zu fassen.[9]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Vom Geist des ausgehenden Mittelalters. Niemeyer, Halle 1929.
  • Deutsche Geschichte vom Zeitalter der Reformation bis zum Tode Friedrichs des Großen (= Handbuch der deutschen Geschichte. Band 2). Athenaion, Potsdam 1936.
  • Vom Erbe der Neuzeit. Koehler und Amelang, Leipzig 1942.
  • Das Jahr 1865 und das Problem von Bismarcks deutscher Politik. Oldenbourg, München 1933.
  • (Hrsg., mit Gerhard Ritter) Otto von Bismarck: Erinnerung und Gedanke.' Kritische Neuausgabe auf Grund des gesamten schriftlichen Nachlasses. Deutsche Verlagsgesellschaft, Berlin 1932.
  • Deutschland und Westeuropa. Drei Aufsätze. Steiner, Laupheim 1948.
  • Soziale und politische Geschichte der Revolution von 1848. Bruckmann, München 1948.
  • (Hrsg.) Jacob Burckhardt. Weltgeschichtliche Betrachtungen. Reichl, Tübingen 1949.
  • Moltke und der Staat. Scherpe, Krefeld 1950.
  • Scharnhorst: Schicksal und geistige Welt. Ein Fragment. Mit einem Geleitwort von Hans Rothfels. Limes, Wiesbaden 1952.

Literatur[Bearbeiten]

  • Eduard Spranger: Rudolf Stadelmann zum Gedächtnis. Akademische Trauerfeier am 21. Januar 1950 im Festsaal der Universität Tübingen. (= Tübinger Universitätsreden Band 2.) Mohr, Tübingen 1950.
  • Hermann Heimpel: Rudolf Stadelmann und die deutsche Geschichtswissenschaft. In: Historische Zeitschrift 172, 1951, Heft 2, S. 285–307.
  • Jörg-Peter Jatho, Gerd Simon: Gießener Historiker im Dritten Reich. Focus Verlag, Gießen 2008, ISBN 978-3-88349-522-4.[9]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hermann Heimpel: Rudolf Stadelmann und die deutsche Geschichtswissenschaft. In: Historische Zeitschrift 172 (1951). Neuabdruck: Sabine Krüger (Hrsg.): Hermann Heimpel: Aspekte. Alte und neue Texte. Wallstein Verlag, Göttingen 1995, ISBN 3892440956, S. 202–223, hier: S. 204f.
  2. Laurenz Müller: Diktatur und Revolution. Reformation und Bauernkrieg in der Geschichtsschreibung des „Dritten Reiches“ und der DDR. Verlag Lucius und Lucius, Stuttgart 2004, ISBN 3-82820-289-6, S. 88 und 142.
  3. Peter Stadler: Historiker und Geschichtswissenschaft in Gießen. In: Dieter Hein, Klaus Hildebrand, Andreas Schulz (Hrsg): Historie und Leben. Der Historiker als Wissenschaftler und Zeitgenosse. Festschrift für Lothar Gall zum 70. Geburtstag. Verlag Oldenbourg, München 2006, ISBN 3-48658-041-8, S. 103–114, hier. S. 108.
  4. Wolfram Fischer: Exodus von Wissenschaften aus Berlin. (= Akademie der Wissenschaften Berlin, Forschungsbericht Band 7.) Verlag de Gruyter, Berlin 1994, ISBN 3-11013-945-6, S. 182.
  5. a b Ankündigung zum Vortrag von Jörg-Peter Jatho: Rudolf Stadelmann und Kurt Borries, zwei Tübinger Historiker in der NS-Zeit (PDF; 42 kB).
  6. Uwe Dietrich Adam: Hochschule und Nationalsozialismus. (= Contubernium: Beiträge zur Geschichte der Eberhard-Karls Universität Tübingen Band 23.) Verlag Steiner, Stuttgart 1977, ISBN 3-16939-602-1, S. 189.
  7. Frank-Rutger Hausmann: „Auch im Krieg schweigen die Musen nicht.“ Die Deutschen Wissenschaftlichen Institute im Zweiten Weltkrieg. (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte Band 169.) Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-52535-181-X, S. 116.
  8. Ursula Wolf: Litteris et patriae. Verlag Steiner, Stuttgart 1996, ISBN 3-51506-875-9, S. 199.
  9. a b Karel Hruza: Rezension zu: Jatho, Jörg-Peter; Simon, Gerd: Gießener Historiker im Dritten Reich. Gießen 2008. In: H-Soz-u-Kult, 28. Juli 2009, abgerufen am 15. Januar 2011.