Rudolf Stampfuß

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Rudolf Stampfuß (* 3. November 1904 in Hamborn; † 18. Dezember 1978 in Dinslaken) war ein deutscher Prähistoriker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stampfuß legte 1923 das Abitur ab und studierte in Berlin Prähistorische Archäologie bei Gustaf Kossinna. Ferner belegte er Klassische Archäologie, Geologie und Geographie. Am 14. Juli 1927 wurde Stampfuß an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen mit der Arbeit „Die jungneolithischen Kulturen in Westdeutschland“ promoviert.

1920 wurde Stampfuß Mitglied der Kölner Anthropologischen Gesellschaft und baute einen engen Kontakt zu deren Vorsitzer Carl Rademacher auf, der auch das Museum für Vor- und Frühgeschichte (Köln) leitete.

Noch als 17-jähriger Schüler gründete Stampfuß im November 1921 gemeinsam mit Mitschülern und Lehrern die Gesellschaft für Niederrheinische Vorgeschichtsforschung in Hamborn. Die Gesellschaft schenkte der damals eigenständigen Stadt Hamborn 1928 ihre umfangreiche Sammlung vorgeschichtlicher Objekte, welche größtenteils aus Grabungen der Gesellschaft stammten, u.a. mit der Bedingung, dass das 1925 eingerichtete städtische Heimatmuseum von einem Fachprähistoriker geleitet würde. Noch im selben Jahr wurde Stampfuß Direktor des städtischen Heimatmuseums, zunächst mit einem befristeten Anstellungsvertrag. Er war der erste Fachprähistoriker des Rheinlands, mit dem die Stelle eines Museumsleiters besetzt wurde. Das Fach war damals noch sehr jung und Stampfuß wurde, beginnend mit Schikanen im Hochschulbereich, von Anfang an mit Anfeindungen von Berufskollegen aus dem etablierten klassischen Fach konfrontiert. Wissenschaftlich beschäftigte sich Stampfuß zeit seines Lebens mit der Archäologie und Landeskunde des Niederrheins.

Stampfuß forderte schon vor 1933 zusammen mit dem damaligen Kölner Hochschullehrer Herberg Kühn vom Provinzialmuseum, dem seit dem preußischen Ausgrabungsgesetz von 1914 eine Monopolstellung zukam, seine Forschungsarbeit vermehrt den nichtrömischen Epochen zuzuwenden und hierfür Prähistoriker einzustellen, während das Bonner Provinzialmuseum noch fest in der Hand von klassischen Archäologen war, die dem neuen Berufsbild des Prähistorikers noch kein Existenzrecht zubilligen wollten und für die die Überreste der Römerzeit noch ganz im Zentrum des Interesses standen.

Er wird als einer der jüngsten Schüler von Kossinna nach dessen Tod 1931 Erbe seines Nachlasses und würdigt in einer Veröffentlichung 1935 dessen Leben und Werk.

1930 wurde die von ihm mitgegründete Archäologische Gesellschaft umbenannt in Gesellschaft für Niederrheinische Heimatforschung, um sie auf eine breitere Basis zu stellen. Die Städte Duisburg und Hamborn hatten sich 1929 zur neuen Großstadt Duisburg-Hamborn vereinigt. Stampfuß übernahm 1931 auch die Leitung des Duisburger Averdunk-Museums. Die archäologischen Sammlungen der Gesamtstadt wurden unter seiner Leitung in Hamborn zusammengeführt und die Gesellschaft übertrug ihre Schenkung 1931 auf die Stadt Duisburg-Hamborn. Die drei Duisburg-Hamborner Heimatvereine Averdunkgesellschaft, Verein für Heimatkunde und „seine“ archäologische Gesellschaft bilden 1929 in der neuen Stadt eine Arbeitsgemeinschaft, deren Geschäftsführer Stampfuß wurde. Deren Arbeit blieb weitgehend erfolglos und auch seine Bemühungen seit Anfang der 1930er Jahre, das Hamborner Museum zu einer zentralen Stelle für Vorgeschichtsforschung am unteren Niederrhein zu machen, waren nicht von durchschlagendem Erfolg gekrönt. Der Anspruch kam auch im Namen des Museums (zunächst Niederrheinisches Heimatmuseum, dann Niederrheinisches Museum) zum Ausdruck. Auch wenn der institutionell abgesicherte Ausbau auf dieses Ziel hin nicht gelang, brachte das Museum doch beachtliche Bestände, die vor allem auch im Schwerpunktbereich der vorgeschichtlichen Sammlungen sehr bedeutend waren, zusammen und hat Überragendes für die Vor- und Frühgeschichtsforschung in der Region geleistet. Vieles davon war der persönlichen Initiative und Aktivität von Stampfuß zu verdanken, der noch nach seiner Pensionierung im Duisburger Museum ein Arbeitszimmer besaß.

1932 schloss Stampfuß sich dem Kampfbund für deutsche Kultur an. Im Mai 1933 trat er der NSDAP bei.[1]

Sehr wahrscheinlich wurde Stampfuß erst etwa 1935 beamteter Museumsleiter in Duisburg-Hamborn (in diesem Jahr änderte die Gesamtstadt ihren Namen in Duisburg). Im gleichen Jahr erhielt Stampfuß einen Lehrauftrag an der Hochschule für Lehrerbildung Dortmund und leitete das Duisburger Museum noch ehrenamtlich weiter, bis er 1938 zum Professor ernannt wurde. Im selben Jahr trat er aus dem von Hans Reinerth geleiteten Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte aus und legte seine Ämter in dieser Vereinigung nieder. Als Hintergrund dieses Schrittes wird genannt, dass er der bestehenden Konfliktlage zwischen Prähistorikern des Amts Rosenberg und der SS-Organisation Ahnenerbe ausweichen wollte.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Stampfuß 1940 für den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, ERR, tätig.[2] In dieser Funktion war er von September 1940 bis November 1941 zur „Materialaufnahme“ in Frankreich und Belgien sowie zu Ausgrabungen in Griechenland. 1941 habilitierte Stampfuß sich an bei Hans Reinerth in Berlin im Fach Ur- und Frühgeschichte mit der Schrift „Das Hügelgräberfeld Kalbeck, Kreis Kleve. Von Dezember 1941 bis Oktober 1943 wurde er vom Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, zur sogenannten Sicherung, d.h. mit dem Raub von vor- und frühgeschichtlichen Funden in den besetzten Ostgebieten eingesetzt. In der Arbeitsanweisung des Beauftragten für Vor- und Frühgeschichte (Reichsamtsleiter Hans Reinerth) im Reichsministerium vom 6. Dezember 1941 wird er als Beauftragter für Vor- und Frühgeschichte im Reichskommissariat Ukraine bezeichnet. Andere Quellen nennen ihn „Leiter des Sonderstabes Vorgeschichte (des ERR) in der Ukraine“.[3]

Anschließend sichtete Stampfuß die nach Schloß Höchstädt verbrachten archäologischen Raubgüter in einem sog. „Institut für Ostforschung“, bis zur Ankunft der US-Truppen. Möglicherweise war er noch zu dieser Zeit Reinerth unterstellt. Reinerth war Leiter des Reichsamts für Vorgeschichte im Amt Rosenberg, bis dieses am 26. Januar 1943 als nicht kriegswichtiges Amt aufgelöst wurde. Eine Ausweichstelle in Salem wurde genehmigt.

Stampfuß war wegen einer alten gesundheitlichen Schädigung höchstwahrscheinlich nicht wehrdienstfähig. Seine Einsätze in den besetzten Gebieten hätte er demnach nicht als Soldat abgeleistet. Über seine fachliche Arbeit im Osten konnte er nur noch wenig publizieren. An dem Raub von Museumsgut und der Evakuierung ukrainischer Mitarbeiter beim deutschen Rückzug war er beteiligt.[4][5]

Nach Kriegsende wurde Stampfuß am 13. Juni 1945 in Hahnenklee von der britischen Besatzungsmacht verhaftet und interniert. Seine Entlassung aus dem Internierungslager Neuengamme erfolgte am 13. Oktober 1947.

Stampfuß verlor in der Folge der Internierung die Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Akademie Dortmund, blieb bis 1962 Beamter zur Wiederverwendung und musste sich Erwerbstätigkeiten außerhalb des öffentlichen Dienstes suchen, u.a. arbeitete er im Hamborner Bergbau unter Tage und in der Personalverwaltung der Bergwerksgesellschaft Walsum.

Ab 1962 bis zu seiner Pensionierung 1969 war er als rheinischer Museumspfleger und Leiter des rheinischen Museumsamts tätig, wo er sich Ansehen erwarb und Schulungen für Museumsleiter ins Leben rief, die sogar von der UNESCO in ihr Programm aufgenommen wurden.

Die von ihm 1921 gegründete Gesellschaft hatte sich 1938 durch eigenen Beschluss selbst aufgelöst, nachdem ihre Tätigkeit bereits 1935 praktisch ganz zum Erliegen gekommen war. Am 8. November 1955 wurde sie als Niederrheinische Gesellschaft für Heimatpflege in Duisburg-Hamborn wiedergegründet und später in Niederrheinische Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichtsforschung Duisburg e.V. umbenannt. Unter diesem Namen besteht sie bis heute.

In Dinslaken leitete Stampfuß ab 1955 das „Haus der Heimat“[1], das er im Auftrag der Bergwerksgesellschaft Walsum im nach Kriegszerstörungen wiederhergestellten, an der alten Stadtmauer gelegenen Rittersitz Voswinckelshof aufbaute.[6][7] Hier richtete Stampfuß die erste Museumsschule ein, unterrichtete dort Lehrkräfte auf heimatkundlichem und heimatpflegerischem Gebiet und nahm seine archäologische Arbeit am unteren Niederrhein wieder auf, die er auch nach seiner Pensionierung noch lange Zeit mit unvermindertem persönlichen Engagement ehrenamtlich fortsetzte.

In seiner gesamten Laufbahn hat er einen Großteil seines Wirkens für Heimatkunde und Heimatpflege einschließlich seiner archäologischen Arbeit ehrenamtlich geleistet. Ähnlich wie Albert Steeger am linken Niederrhein und Ernst Kahrs in Essen war er in der Lage, Menschen zu begeistern und ehrenamtliche Helfer zu motivieren.

Seine Tätigkeit erstreckte sich auch immer wieder über das rein prähistorische Fachgebiet hinaus auf andere Bereiche, wie seine Publikationen und auch seine Museumsarbeit zeigen.

Das von ihm als Koautor mitverantwortete Buch zur Dinslakener Stadtgeschichte, erschienen zur 700-Jahr-Feier der Stadt 1973, wurde in der zweiten Jahreshälfte 1974 wegen mangelhafter Aufarbeitung der Dinslakener Judenverfolgung während des Dritten Reichs kritisiert.[8]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gustaf Kossinna, ein Leben für die deutsche Vorgeschichte. Kabitzsch, Leipzig, 1935. Wurde in der DDR auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[9]
  • Karten zur Vorgeschichte. Leipzig 1936–1938.
  • Die grossgermanische Zeit. Leipzig 1938.
  • Der spätfränkische Sippenfriedhof von Walsum. Kabitzsch, Leipzig 1939.
  • Das Hügelgräberfeld Rheinberg Kreis Mörs. Kabitzsch, Leipzig 1939.
  • Walsum - Vom Dorf zur Industriegemeinde. Walsum 1955.
  • Siedlungsfunde der jüngeren Bronze- und älteren Eisenzeit im westlichen Ruhrgebiet (= Quellenschriften zur westdeutschen Vor- und Frühgeschichte. Bd. 7). Habelt, Bonn 1959.
  • Geschichte der Stadt Dinslaken. Dinslaken 1973.

Stampfuß war Herausgeber der Quellenschriften zur westdeutschen Vor- und Frühgeschichte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Günter Krause: Vor- und Frühgeschichte des unteren Niederrheins: Rudolf Stampfuß zum Gedächtnis (= Quellenschriften zur westdeutschen Vor- und Frühgeschichte. Bd. 10). Bonn 1982, S. 269–291.
  • Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945? S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-59617153-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt am Main 2007, S. 524f.
  2. Ein Schreiben des Reichsministers Rosenberg vom 28. Oktober 1941 an Stampfuß ist adressiert „Sonderkommando Rosenberg Feldpostnr. 30 619“.
  3. Diss. phil. Universität Gießen, 2013: Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg und seine Tätigkeit in der Ukraine 1941-1944. Von Nazarii Gutsul. Stampfuß passim
  4. Eine Evakuierungsaktion dieser Art ist nicht singulär. So trafen die evakuierten weißrussischen orthodoxen Bischöfe am 15. Juli 1944 in Deutschland ein. Unter ihnen der spätere Erzbischof von Berlin und Deutschland Philotheus mit Sitz in Hamburg. Siehe: Michail Shkarovskij: Die Kirchenpolitik des Dritten Reiches gegenüber den orthodoxen Kirchen in Osteuropa (1939-1945), Münster 2004, S. 227
  5. Zur Beteiligung Stampfuß an den völkerrechtswidrigen Verlagerungen von Museumsgut: Gunter Schöbel: Die Ostinitiativen Hans Reinerths, in: Judith Schachtmann / Michael Strobel / Thomas Widera (Hrsg.): Politik und Wissenschaft in der prähistorischen Archäologie - Perspektiven aus Sachsen, Böhmen und Schlesien, Göttingen 2009, S. 267–283. Das Völkerrecht verpflichtet Besatzungsmächte allerdings auch zum Schutz von Kulturgut. Siehe auch: Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten
  6. Nach Anmietung des Gebäudes durch den Verein „Haus der Heimat“ für den Kreis Dinslaken e.V. 1954 wurde ein Heimatmuseum eingerichtet und 1955 eröffnet. Interessengemeinschaft Altstadt Dinslaken e.V. Voswinckelshof
  7. Das Heimatmuseum wird nach Umbau und Erweiterung seit August 1999 als stadthistorisches Museum Voswinckelshof fortgeführt. Berthold Schön bereitete die Einrichtung eines Heimatmuseums wenige Jahre nach Kriegsende vor und legte den Grundstock für die heute im Museum gezeigte Sammlung. Schriftenreihe Land Dinslaken Autorenportrait B. Schön (PDF; 149 kB) Entscheidende Impulse gab auch Willi Dittgen.
  8. Chronik Verein für Heimatpflege Land Dinslaken e.V.
  9. Ministerium für Volksbildung der Deutschen Demokratischen Republik: Liste der auszusondernden Literatur, Dritter Nachtrag, Berlin: VEB Deutscher Zentralverlag, 1953, Transkript Buchstabe S, Seiten 165–193