Russische Befreiungsarmee

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Russische Befreiungsarmee (Wlassow-Armee)
ROA chevron.svg
Abzeichen der Russischen Befreiungsarmee (blaues Andreaskreuz auf weißem Grund).
Aktiv 10. November 1944 bis 12. Mai 1945
Land Flag of German Reich (1935–1945).svg Deutsches Reich
Streitkräfte Wehrmacht
Teilstreitkraft Heer / Luftwaffe
Stärke 125.000
Aufstellungsort Münsingen (Württemberg)
Marsch Мы идём широкими полями (Wir gehen weite Felder)
Luftfahrzeuge
Schlachtflugzeug 5 Heinkel He 111
Bomber 12 Junkers Ju 88
Kampfflugzeug/
-hubschrauber
16 Messerschmitt Bf 109 G

Die Russische Befreiungsarmee (russisch Русская освободительная армия – РОА, Russkaja oswoboditel'naja armija – ROA), nach ihrem ersten Kommandeur auch Wlassow-Armee genannt, war ein russischer Freiwilligenverband, der auf der deutschen Seite im Zweiten Weltkrieg kämpfte. Die Aufstellung wurde Ende 1944 von Adolf Hitler ermöglicht, während Freiwillige nichtrussischer Völker der Sowjetunion schon drei Jahre früher in den Ostlegionen organisiert wurden.

Die ROA wurde von dem früheren Generalleutnant der Roten Armee Andrei Wlassow organisiert, der alle Russen im Kampf gegen die Sowjetunion vereinen wollte. Unter den Freiwilligen waren Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und russische Emigranten. Die ROA erhielt den Status der Armee eines verbündeten Staates und war der Wehrmacht in operativen Fragen unterstellt.

Geschichte[Bearbeiten]

General Wlassow mit Soldaten der ROA
Angehörige der ROA in Nordfrankreich 1944

Im Frühjahr 1944 stellte die Waffen-SS verschiedene russische Einheiten auf. Dazu zählte das am 28. April gegründete XV. Kosaken-Kavallerie-Korps. Der Reichsführer-SS und Oberbefehlshaber des Ersatzheeres, Heinrich Himmler, überzeugte den zunächst zögerlichen Adolf Hitler davon, einen russischen Freiwilligenverband mit zehn Grenadier-Divisionen, einem Panzer-Verband und eigenen Luftstreitkräften zu gründen.

Die Rekrutierung begann im Herbst 1944. Es wurden sowjetische Kriegsgefangene und „Hilfswillige“ (HiWi) verschiedener deutscher Militäreinheiten angesprochen. Dabei kamen den Werbern die lebensbedrohlichen Bedingungen in den deutschen Kriegsgefangenenlagern entgegen. Viele russische Gefangene wählten lieber die ROA als das Risiko, in den Lagern an Hunger oder Krankheit zu sterben.

Im September 1944 traf sich Himmler mit General Wlassow, und dieses Treffen resultierte in der Schaffung des Komitet Oswoboschdenija Narodow Rossii (KONR) (Komitee zur Befreiung der Völker Russlands). Himmler versprach bei der Bildung einer KONR-Armee zu helfen. Da die Mehrheit der ROA-Truppen an unterschiedlichen Fronten eingesetzt war, sollte ihre Unterstellung unter die KONR-Armee nur allmählich erfolgen.

Ab dem 10. November 1944 wurde als erste KONR/ROA-Division die 600. Infanterie-Division (Russ.) auf dem Truppenübungsplatz Münsingen auf der Schwäbischen Alb aufgestellt. Sie stand unter dem Kommando von General Sergej Kusmitsch Bunjatschenko. Ihr Kern bestand aus Resten der 30. Russischen SS-Infanterie-Division und Resten der Kaminski-Brigade. Die 600. Infanterie-Division erreichte die Front an der Oder im März 1945.

Am 19. Dezember 1944 befahl Göring die Aufstellung von ROA-Luftstreitkräften. Sie umfassten eine Jagdstaffel (16 Messerschmitt Bf 109 G), eine Nachtschlachtstaffel (zwölf Junkers Ju 88), eine Bomberstaffel (fünf Heinkel He 111), eine Verbindungsstaffel sowie eine Luftnachrichten-Abteilung, ein Fallschirmjäger-Bataillon sowie eine Ausbildungsstaffel und ein Flak-Regiment.[1]

Am 17. Januar 1945 folgte die Aufstellung einer zweiten Division, der 650. Infanterie-Division (Russ.) auf dem Truppenübungsplatz Heuberg. Außerdem wurden eine Reservebrigade und eine Panzerjäger-Brigade aufgestellt. Im April 1945 wurde die Russische Brigade 599 aufgestellt und im dänischen Viborg stationiert.

Am 10. Februar 1945 übergab der General der Freiwilligenverbände im OKH, General der Kavallerie Ernst-August Köstring, Generalleutnant Wlassow die erste ROA-Division auf dem Truppenübungsplatz Münsingen. Insgesamt kämpften 71 ROA-Bataillone an der Ostfront und 42 Bataillone dienten in Belgien, Frankreich, Italien und in Finnland.

Zum Zeitpunkt der offiziellen Gründung der ROA hatte sie eine Truppenstärke von rund 50.000 Mann. Bis zum Ende des Krieges wurde sie verdoppelt. Dabei wurden Wlassow weitere nationale Formationen unterstellt, die mit den Deutschen kollaborierten. Darunter waren Kosakentruppen und das Kalmückische Kavalleriekorps. Als letzter Verband kam das XV. Freiwilligen-Kosaken-Kavallerie-Korps unter dem Kommando des deutschen Generalleutnants Helmuth von Pannwitz in den Bestand der ROA.

Am Ende des Krieges bestand nur noch die 600. Infanterie-Division unter dem Kommando des Generalmajors Sergei Kusmitsch Bunjatschenko. Am 11. April, unmittelbar vor der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, schossen die bei Buchenwald stationierten Wlassow-Einheiten noch ins Lager.[2] Die Division focht daraufhin am 13. April 1945 erfolgreich gegen einen sowjetischen Brückenkopf an der Oder-Front. Dabei fielen über 150 Soldaten.

Massengrab der Wlassow-Armee auf dem Prager Friedhof Olšany (Olšanské hřbitovy) mit zwei Generälen und 187 unbekannten ROA-Soldaten

Angesichts der Lage ließ Bunjatschenko seine ROA-Infanteriedivision die Seiten wechseln und kämpfte ab dem 6. Mai 1945 beim Prager Aufstand gegen die Reste der deutschen Besatzungstruppen bzw. gegen durchziehende deutsche Einheiten, die lieber im Westen in Gefangenschaft geraten wollten. Sowohl Bunjatschenkos Hoffnung, sich dadurch nach dem Krieg eine militärische und staatliche Heimat in einem neuen tschechischen Staat verdienen zu können, als auch die der Deutschen erfüllte sich nicht. Es stand zu dem Zeitpunkt nach Absprache unter den Alliierten fest, dass diese Truppen an die Sowjetunion ausgeliefert werden würden.

Nach Kriegsende wurden die Angehörigen der ROA wie auch andere frühere Sowjetbürger von den Vereinigten Staaten – gemäß der in Jalta im Februar 1945 getroffenen Übereinkunft zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion über die befreiten Kriegsgefangenen und Zivilpersonen – an die Sowjetunion übergeben.[3] Bruce Cronin legt dar, dass die Verpflichtung gegenüber dem Prinzip der Staatssouveränität und dem internationalen Recht dies unabdingbar machten.[4]

Teile der ROA sollen vor ihrem Abtransport nach Torgau im ehemaligen KZ Lichtenburg untergebracht worden sein.

In Moskau wurden Wlassow und neun seiner Generäle am 1. August 1946 nach einem kurzen Prozess hingerichtet. Andere Angehörige der ROA, denen man schwerwiegende Taten vorwarf, wurden in Zwangsarbeitslager (Gulag) deportiert. Alle anderen Soldaten wurden für sechs Jahre in die Verbannung geschickt[5], bis Januar 1953 war der größte Teil von ihnen aus der Verbannung zurückgekehrt.[6]

Politische Debatte[Bearbeiten]

Nach Ansicht verschiedener Militärhistoriker war es Andrei Wlassow mit Hilfe deutscher Freunde gelungen, sich an der Spitze einer unabhängigen Russischen Nationalarmee gegen Stalins Regime zu erheben. Die Armeeangehörigen hätten mehrheitlich weniger mit dem nationalsozialistischen Deutschland sympathisiert, sondern ausschließlich gegen Stalin kämpfen wollen, um ihr Land vom Bolschewismus zu befreien. Wie die ROA sich daran anschließend von Hitler-Deutschland zu emanzipieren und Hitlers bekannte Lebensraum- und Vernichtungspläne in Russland zu verhindern gedachte, bleibt allerdings unklar.

Nach Auffassung der Sowjetunion handelte es sich bei den Angehörigen der ROA um Kollaborateure, die den Naziterror unterstützten. Auch im heutigen Russland halten viele Bürger die Angehörigen der Befreiungsarmee für Verräter. Bis heute wehren sich ROA-Angehörige gegen die Behauptung, ihre Armee sei, wie der ROA-Ziehvater, SS-Chef Heinrich Himmler, antisemitisch gewesen.

Kommandeure[Bearbeiten]

Denkmal für Wlassow und die Russische Befreiungsbewegung auf dem Friedhof in Nanuet/New York

Denkmal im Staat New York[Bearbeiten]

Auf dem Friedhof des „Russisch-Orthodoxen Convents“ in Nanuet/New York wurde für Wlassow und die Teilnehmer der Russischen Befreiungsbewegung ein Denkmal errichtet. Zweimal im Jahr – am Jahrestag von Wlassows Hinrichtung und am Sonntag nach dem orthodoxen Osterfest – wird für Wlassow und die Soldaten der Russischen Befreiungsarmee ein Erinnerungs-Gottesdienst abgehalten.

Literatur[Bearbeiten]

  • K. M. Aleksandrow: Ofizerskij korpus armii general-lejtenanta A. A. Wlasova 1944–1945. Russko-Baltijskij Informazionnyj Zentr Blic, Sankt-Peterburg 2001, ISBN 5-86789-096-1.
  • Wjatscheslaw Pawlowitsch Artem'ew: Perwaja divisija ROA. Antario, London 1974.
  • K. M. Aleksandrow: Protiw Stalina: wlasowzy i wostotschnye dobrowol'zy wo wtoroj mirovoj wojne. Sbornik statej i materialow. Juwenta, Sankt Petersburg 2003
  • S. Drobjazko, Chudoschnik A. Karastschuk: Wtoraja mirovaja wojna, 1939–1945. Russkaja Oswoboditel'naja Armija. Ast, Moskwa 1998, ISBN 5-237-00585-3
  • Joachim Hoffmann: Die Tragödie der Russischen Befreiungsarmee 1944/45. Wlassow gegen Stalin. Herbig, München 2003, ISBN 3-7766-2330-6.
  • Matthias Schröder: Deutschbaltische SS-Führer und Andrej Vlasov 1942–1945. „Russland kann nur von Russen besiegt werden“. Erhard Kroeger, Friedrich Buchardt und die „Russische Befreiungsarmee“. 2. Auflage. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2003, ISBN 3-506-77520-0
  • Jürgen Thorwald: Die Illusion. Rotarmisten gegen Stalin. Die Tragödie der Wlassow-Armee. Knaur TB, 1976, ISBN 3-426-80066-7
  • Materialy po istorii Russkogo Oswoboditel'nogo Dwischenija: 1941–1945 gg. Graal', Moskwa 1997
  • The United States and Forced Repatriation of Soviet Citizens, 1944–1947. by Mark Elliott. Political Science Quarterly, Vol. 88, No. 2 (Jun., 1973), pp. 253-275

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zeitschrift Alte Kameraden Jahrgang 1993, Heft Juli 1993, Seite 8, Ein Fachbericht von General a.D. Meinhard Glanz
  2. ARD: 60 Jahre Kriegsende - Die Befreiung des KZ Buchenwald (Version vom 13. Oktober 2007 im Internet Archive)
  3. Agreement Between the United States and the Soviet Union Concerning Liberated Prisoners of War and Civilians. In: United States Department of State. Foreign relations of the United States. Conferences at Malta and Yalta, 1945. United States Government Printing Office, Washington, D.C. 1945, S. 985-7.
  4. Bruce Cronin: Institutions for the Common Good: International Protection Regimes in International Society. Cambridge University Press, Cambridge 2003, ISBN 052153187X, S. 166.
  5. Terry Martin: Terror gegen Nationen in der Sowjetunion. In: Osteuropa 6/2000, S. 606-616, hier: S. 609.
  6. Terry Martin: Terror gegen Nationen in der Sowjetunion. In: Osteuropa 6/2000, S. 606-616, hier: S. 614.