Ruth Lapide

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Ruth Lapide geb. Rosenblatt (* Schawuot 1929 in Burghaslach, Mittelfranken) ist eine bedeutende jüdische Religionswissenschaftlerin und Historikerin. Als langjährige Ehefrau von Pinchas Lapide wurde sie vor allem ab 1997 durch ihre zahlreichen Interviews beim Bayerischen Rundfunk (BR-alpha) und bei Bibel TV („Die Bibel aus jüdischer Sicht“) bekannt für ihre großen Verdienste um den jüdisch-christlichen Dialog, um die Entdeckung grober Fehlübersetzungen in der Heiligen Schrift sowie um die Verständigung der Bundesrepublik Deutschland mit dem Staat Israel und die Annäherung der drei großen Buchreligionen. Ruth Lapide ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande.

Ruth Lapide erhielt eine Privataudienz bei fünf verschiedenen Päpsten und wird bei Bischofskonferenzen regelmäßig als Beraterin hinzugezogen. Seit 2007 ist sie auch als Professorin honoris causa an die Evangelische Fachhochschule Nürnberg und seit 2008 als Doktorin an die evangelische Augustana-Hochschule Neuendettelsau berufen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ruth Lapide wurde im mittelfränkischen Burghaslach als Tochter der jüdischen Rabbinerfamilie Rosenblatt geboren und kam dort im Juni 1929 beim jüdischen Wochenfest Schawuot zur Welt, das 50 Tage nach dem Pessachfest gefeiert wird (in der jüdischen Tradition auch Ruths und König Davids Geburtstag sowie des Dekalog-Geschenks am Berg Sinai). Ihre mütterliche Linie lässt sich in Unterfranken und ihre väterliche Linie in Mittelfranken bis zum 12. Jahrhundert zurück verfolgen. Hier wirkten Lapides Vorfahren bis zum 19. Jahrhundert mit wechselndem Geschick. Auf Zeiten relativer Ruhe folgten - bis ins 20. Jahrhundert hinein - immer wieder blutige Unruhen, die oft Ausweisungen zur Folge hatten und nicht selten in der physischen Auslöschung ganzer Gemeinden kulminierten. Der Familienname Rosenblatt wurde, so Lapide, von ihrem Ururgroßvater bei den bayerischen Behörden gekauft, nachdem Napoleon Bonaparte im 19. Jahrhundert den Juden das Recht auf einen eigenen Familiennamen einräumte. Bis dahin hießen ihre Vorfahren nach dem Namen des Vaters oder der Mutter. Die traditionelle Ausbildung ihrer Familienväter zum Rabbiner erfolgte in der Regel im Rahmen einer Jeschiwa, einer Talmudhochschule in Würzburg. Lapides Vater war nicht praktizierender Rabbiner, dafür aktiv in der jüdischen Gemeinde, teilweise als Bürgermeister. Ihre ganze Familie war in Würzburg und Bamberg aktiv beim Aufbau internationaler Weinhandelsbeziehungen für den mittelfränkischen Wein, unter anderem nach Frankreich.

Ab 1933 begann die systematische Zerstörung der jüdischen Kultur und die erst allmähliche, dann immer stärker werdende Eliminierung der Juden aus allen Lebensbereichen in Bayern. So war Ruth Lapide der Kindergarten- und Schulbesuch verboten, ihr Vater erhielt zusammen mit Martin Buber sofort nach Hitlers Machtergreifung Berufsverbot. Wegen der Verfolgung durch das NS-Regime musste die Familie zeitweise im Wald versteckt leben. Um der grausamen Ermordung in den deutschen Konzentrationslagern zu entkommen, floh die Familie 1938 im letzten Augenblick aus Deutschland getrennt durch ein Nadelöhr ins Heilige Land, durch das zu fliehen eigentlich nicht möglich war. Ruth Lapide kam als 9-jähriges Mädchen mit der Jugendalija nach Palästina und in Haifa in ein Kinderheim.

Den Kindern der Jugendalija wurde in der nächstgelegenen Dorfschule von Haifa die Grundschule ermöglicht. So wurde Ruth mit neun Jahren eingeschult, lernte die Hebräische Sprache, Rechnen, Lesen und Schreiben. Ihre Schulmaterialien musste sie sich mit Nachhilfestunden in Rechnen bei wohlhabenden Palästinensern finanzieren. Nach dem Schulabschluss erhielt Lapide eine Ausbildung zur Bankkauffrau und lernte sprachbegeistert Englisch, Aramäisch, Griechisch und Lateinisch. Sie kümmerte sich während dieser Zeit auch um die vielen, sehr kranken Juden, die von der Shoa verschont geblieben und nach Palästina ausgewandert waren.

Lapides verlorene Kindheit und Jugend ließ sie suchen: nach Antworten und den Ursprung des Übels. Sie studierte nach der Gründung des Staates Israels 1948 an der Hebräischen Universität Jerusalem Politikwissenschaft, die Geschichte des Zweiten Tempels, die Geschichte Europas und Judaistik. Die Entstehung des Christentums innerhalb des Judentums bildete dabei einen speziellen Studienschwerpunkt. Ruth Lapide wurde zunehmend zur Kennerin des Ersten und Zweiten Testamentes und insofern außergewöhnlich, als dass die meisten Religionswissenschaftler sich entweder auf das eine oder das andere beschränken, ergo entweder jüdisch oder christlich argumentieren.

Anfang der 1950er Jahre lernte Ruth den Diplomaten und Leiter des Presseamtes der israelischen Regierung Pinchas Lapide kennen und fand mit ihm ihre große Liebe. Sie heiratete ihn und gebar seinen Sohn Yuval Lapide. Nachdem Pinchas und Ruth Lapide als jüdische Religionswissenschaftler weltweit mehrere Lehraufträge erhielten, insbesondere in den USA und Deutschland, entschieden sich beide 1974 für die endgültige Rückkehr nach Deutschland und wählten Frankfurt am Main als neue Wahlheimat. Lapides Aussagen zufolge reifte der Entschluss damals mit dem Gefühl "Wenn nicht wir, wer dann, um die Menschen dort aufzuklären, wo die Wurzel des Übels war und eine Versöhnung zwischen Christen und Juden dringender denn je gebraucht wird, damit sich solch ein Übel niemals wiederhole". [1] Ruth Lapide verfasste zusammen mit ihrem Mann mehr als 35 Bücher, die in zwölf Sprachen übersetzt und unter dem Namen ihres Mannes veröffentlicht wurden. An der Seite von Pinchas Lapide engagierte sie sich wegbereitend für den jüdisch-christlichen Dialog und die Einsicht einer dringend notwendigen Korrektur grober Fehlübersetzungen in der Bibel, die Verständigung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel sowie für die Annäherung der drei großen Buchreligionen.

Nach dem Tod von Pinchas Lapide (+1997) setzen seine Witwe Ruth Lapide und sein Sohn Yuval Lapide die Arbeit für sein Anliegen fort. So begann Ruth Lapide eine Karriere als Autorin, hält regelmäßig Vorträge im In- und Ausland und gibt zahlreiche Interviews beim Bayerischen Rundfunk (BR-alpha) und bei Bibel TV („Die Bibel aus jüdischer Sicht“). Ruth Lapide erhielt eine Privataudienz bei fünf verschiedenen Päpsten und wird bei Bischofskonferenzen regelmäßig als Beraterin hinzugezogen. Seit 2007 ist sie als Professorin honoris causa an die Evangelische Fachhochschule Nürnberg und seit 2008 als Doktorin an die evangelische Augustana-Hochschule Neuendettelsau berufen.

Ehrungen und Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ruth Lapide ist Träger vieler Auszeichnungen, darunter seit

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die meisten Publikationen Ruth Lapides erschienen unter dem Namen ihres Ehemannes Pinchas Lapide. Folgende Werke sind unter ihrem Namen veröffentlicht:

  • Kennen Sie Adam, den Schwächling?, Kreuz Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 3-7831-2224-4
  • Kennen Sie Jakob, den Starkoch?, Kreuz Verlag, Stuttgart 2003, ISBN 3-7831-2320-8
  • mit Henning Röhl: Was glaubte Jesus? / Komm, Herr Messias!, Kreuz Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-7831-2589-4
  • mit Walter Flemmer: Liebe, Lust und Leidenschaft Familiendramen in der Bibel, 200 S., Kreuz Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-451-61076-9

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Ruth Lapide im Interview mit Henning Röhl für Bibel TV "Lauf des Lebens"
  2. Bundespräsidialamt
  3. Bekanntmachung 822. In: Hessischer Staatsanzeiger. Vom 1. September 2003, Nr. 35, S. 3478. Abgerufen am 14. April 2015. (PDF; 477 kB)
  4. Bezirk verlieh Wolfram-von-Eschenbach-Preis. In: Nürnberger Zeitung. 27. Oktober 2012, abgerufen am 14. April 2015.