Sönke Iwersen

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Sönke Iwersen (* 9. April 1971 in Hamburg) ist ein deutscher Journalist und arbeitet für das Handelsblatt. Ab 2012 baute Iwersen dort ein Investigativ-Ressort auf, das sich unter seiner Leitung zu einem wichtigen Korrektiv in der deutschen Medienlandschaft entwickelt hat. Das Team hat mehr als 20 Auszeichnungen erhalten, darunter den Helmut Schmidt Journalistenpreis, den Axel Springer Journalistenpreis und den Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik. Iwersen wurde auch persönlich vielfach für seine Arbeit geehrt, unter anderem mit dem Henri Nannen Preis, zwei Wächterpreisen und dem Georg von Holtzbrinck Preis für Wirtschaftspublizistik. 2014 übernahm er zusätzlich die Chefredaktion der Handelsblatt Live App mit 15 Redakteuren in Deutschland, den USA und Japan. Inzwischen ist Handelsblatt Live in die Gesamtredaktion integriert.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Iwersen wurde am 9. April 1971 in Hamburg geboren. Sein Vater war Maler, seine Mutter eine ehemalige Kinderkrankenschwester. Er hat eine jüngere und eine ältere Schwester. 1984 begann Iwersen, als Zeitungsjunge für das Hamburger Abendblatt zu arbeiten. Mitte 1987 ging er in die USA und verbrachte ein Jahr an einer Highschool im Nordwesten des Bundesstaates Pennsylvania. Nach seiner Rückkehr arbeitete er neben der Schule für den wissenschaftlichen Verlag Dr. Kovač in Hamburg. Iwersen betrieb Judo als Wettkampfsport und ist Träger des schwarzen Gürtels (1. Dan). Iwersen ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Arbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Journalistenkarriere begann Iwersen im Sportressort. Er verfasste für deutsche, britische und US-amerikanische Medien vor allem Artikel über Basketball. Für das Hamburger Abendblatt beschrieb er, wie der Profi-Klub BCJ Hamburg seine Spieler mit Geldumschlägen in der Kabine bezahlte. Der Verein verlor später die Lizenz.

Bevor Iwersen im Jahr 2000 in die Journalistenschule Axel Springer aufgenommen wurde, schrieb er über Sport und Wirtschaftsthemen auch für Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Berliner Zeitung und andere Medien. 2002 wurde er Wirtschaftsredakteur bei der Stuttgarter Zeitung. In Stuttgart war Iwersen für die Konsumgüterbranche zuständig. Mit zahlreichen Exklusivgeschichten beschrieb er den Niedergang des Schuhkonzerns Salamander. Bundesweite Aufmerksamkeit erregte Iwersen auch mit seinen Hintergrundberichten über den Mini-Lok-Hersteller Märklin und die ständigen Vorstandswechsel beim Roboterbauer IWKA.

2006 wechselte Iwersen zum Handelsblatt. Eine seiner ersten Geschichten handelte von der vermeintlichen Erfolgsmanagerin Susanne Birkenstock. Unter der Überschrift „Susanne im Wunderland“ zeigte Iwersen, dass Birkenstocks Firma insolvent war und nie mehr als zwei Mitarbeiter beschäftigte – Birkenstock und ihren Lebensgefährten.[1]

In den folgenden Jahren schrieb Iwersen viel über die Skandale des Ölkonzerns BP, das Gezerre von Investoren um den Apple-Zulieferer Balda und die millionenschweren Aktienoptionen des gescheiterten Daimler-Chrysler Chefs Detlef Schrempp.[2]

2008 enthüllte Iwersen die Spitzel-Affäre bei der Deutschen Bahn. Der Staatskonzern hatte massenhafte Rasterfahndungen in Auftrag gegeben und eine Kölner Detektei für die Ausspähung von Bankdaten bezahlt.[3]

2009 beschrieb Iwersen, wie ein betrügerischer Mitarbeiter von Henkel einen 90 Millionen Euro schweren Konflikt zwischen dem Persil-Hersteller und dem Autobauer Daimler auslöste. Der Mitarbeiter hatte einen Sponsoringvertrag für ein Formel-1-Sponsoring gefälscht. Er kam später in Haft.[4]

Die Aufarbeitung von Wirtschaftskriminalität machte einen immer größeren Teil von Iwersens Artikeln aus. 2010 interviewte er den Mittelständler Eginhard Vietz, der offen zugab, in vielen Ländern nur durch Korruption an Aufträge zu gelangen.[5] Iwersen beschrieb, wie der Finanzinvestor Barclays Private Equity Geschäftspartner beschatten und einschüchtern ließ.[6]

Im Oktober 2010 deckte Iwersen gemeinsam mit seinem Kollegen Jürgen Flauger den Teldafax-Skandal auf. Der Billigstromanbieter war seit langem überschuldet. Das Unternehmen klagte gegen das Handelsblatt und verlor. Die Vorstände wurden später wegen Insolvenzverschleppung verurteilt.[7]

2011 erregte Iwersen internationales Aufsehen mit seiner Geschichte über Mitarbeitermotivation bei der Hamburg-Mannheimer. Die Versicherung, die zum Ergo-Konzern gehört, hatte ihre besten freien Vertreter zu einer Freiluftorgie nach Budapest eingeladen. (ERGO Group#Sex-Party-Affären). Die engagierten Prostituierten waren durch farbige Armbändchen gekennzeichnet und wurden nach jedem Liebesdienst am Unterarm abgestempelt. Der Bericht stieß eine große Debatte um Moral in der Wirtschaft an und führte zur kompletten Neuordnung des Vertriebs bei der Ergo. Nachdem der Konzern Details seines Untersuchungsberichts verweigerte, veröffentlichte ihn Iwersen selbst. Nach einer weiteren juristischen Auseinandersetzung machte Ergo das Papier auf seiner eigenen Internetseite zugänglich.[8] Die Budapest-Reise wurde 2014 in die Ausstellung „Schamlos? Sexualmoral im Wandel“ im Haus der Geschichte aufgenommen.[9] In der Folge der Budapest-Berichterstattung schrieb Iwersen auch über fehlerhafte Riester-Renten-Verträge bei der Ergo Versicherung und die Praxis sogenannter Umdeckungen. Damit wurden Kunden von hochverzinsten in niedriger verzinste Verträge gelockt. Versicherungsvertreter wurden für solche Umdeckungen besonders honoriert.

2012 begann Iwersen mit einer Berichterstattung über Steuerhinterziehung. In zahlreichen Artikeln beschrieb er die Methoden von Banken und Steuerberatern, Gelder in der Schweiz, Liechtenstein und anderer Steueroasen zu verstecken.[10]

Ende 2012 erschienen Iwersens erste Artikel über den Billigstromanbieter Flexstrom. Iwersen und sein Kollege Jürgen Flauger zeigten Parallelen zwischen den Geschäftsmodellen von Flexstrom und dem untergegangenen Konkurrenten Teldafax auf. Sechs Monate später meldete auch Flexstrom Insolvenz an.

2013 beschrieb Iwersen einen groß angelegten Insider-Skandal mit Fördergeldern für die deutsche Solar-Industrie. In dem Artikel „Zwei Freunde in Bitterfeld“ berichtete Iwersen, wie der Chef einer staatlichen Gesellschaft den Solarzellen-Hersteller Q-Cells förderte und dabei als stiller Teilhaber viele Millionen Euro verdiente. Die Berichterstattung führte zu einem Untersuchungsausschuss und mehreren personellen Konsequenzen für die Beteiligten.[11]

2013 begann Iwersen eine neue Artikelserie über die Versicherungsbranche. Unter der Überschrift „Bestechend erfolgreich“ schilderte er, wie die Debeka Versicherung über Jahrzehnte hinweg Geld an Beamte gab, um an Daten von potenziellen Kunden zu kommen. Der Artikel löste eine Untersuchung des Datenschutzbeauftragten Rheinland-Pfalz aus. Sie führte zur höchsten Strafe einer deutschen Aufsichtsbehörde in Sachen Datenschutz. Debeka zahlte ein Bußgeld von 1,3 Millionen Euro. Außerdem verpflichtet sich das Unternehmen, 600.000 Euro für eine Stiftungsprofessur an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bereitzustellen – zur Förderung der Grundlagenforschung für einen effektiven Datenschutz.[12]

2014 deckte Iwersen gemeinsam mit seinem Kollegen Jan Keuchel eine Justizaffäre in Bayern auf. Kriminalbeamte, die gegen den Laborunternehmer Bernd Schottdorf ermittelt hatten, wurden bei ihrer Arbeit behindert und mit Disziplinarverfahren überzogen, die sich später als haltlos herausstellten. Durch die jahrelange Verzögerung der Ermittlungen konnte der CSU-Spender Schottdorf nicht mehr belangt werden. Auch diese Artikel führten zu einem Untersuchungsausschuss.[13]

Iwersens Artikel über Insiderhandel des Finanzinvestor Peter Löw lösten eine strafrechtliche Auseinandersetzung aus. Löw, laut Manager Magazin einer der 500 reichsten Deutschen[14] und zeitweilig Mitinhaber der Nachrichtenagentur dapd, strengte insgesamt sechs Verfahren an drei verschiedenen Gerichtsstandorten an. Dann betrieb er gegen Iwersen und seinen Investigativ-Kollegen Jan Keuchel ein strafrechtliches Privatklageverfahren. Sein Anwalt schrieb dem Gericht, wegen der „besonderen Schwere der Tat“ sei in diesem Falle eine „doppelte Strafschärfung“ gegeben – und deshalb fünf Jahre Gefängnis für die Handelsblatt-Redakteure möglich.[15] Löw konnte sich in keinem der Verfahren durchsetzen, das Gericht sah an der Berichterstattung des Handelsblattes nichts zu beanstanden.[16]

Im Folgejahr kam die Berichterstattung von Iwersen über den niederländischen Baukonzern Imtech zum Höhepunkt. Hatte er schon zuvor mit seinen Kollegen Jürgen Flauger und Massimo Bognanni über Untreue, Kartellverfahren und andere Delikte berichtet, kam nun auch noch Bestechung von Imtech beim Bau des Berliner Hautstadtflughafens BER hinzu. Das Geld wurde dabei in einem Umschlag an einer Autobahnraststätte übergeben. Der verantwortliche deutsche Imtech-Manager wurde später zu 47 Monaten Haft verurteilt.[17]

2016 begann eine Serie von Artikeln über Geschäfte auf Kosten der Steuerzahler. Unter der Überschrift „Der Bank-Überfall“ berichteten Iwersen und sein Kollege Volker Votsmeier über sogenannte Cum-Ex-Geschäfte, mit denen Banken und Investoren sich eine nur einmal abgeführte Kapitalertragsteuer mehrfach erstatten ließen. Der Schaden solcher Geschäfte soll zwölf Milliarden Euro betragen. Nach zahlreichen Berichten wurde ein Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages eingesetzt.[18]

Ebenfalls 2016 enthüllte Iwersen zuvor unbekannte Details über den Fluchtweg von Edward Snowden. Sein am 7. September 2016 veröffentlichter Artikel stellte drei Flüchtlingsfamilien vor, die den Whistleblower nach seinen Enthüllungen über die Spitzeleien der US-Geheimdienste versteckten.[19] Die Artikel führten zu mehreren Spendenaktionen für Snowdens Helfer.[20][21]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die große Strom-Abzocke. Der Teldafax-Skandal und was Verbraucher daraus lernen können. ISBN 978-3-8442-8519-2.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sönke Iwersen: Frau Birkenstock und ihre Firma: Susanne im Wunderland. In: handelsblatt.com. 7. August 2006, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  2. Sönke Iwersen: Daimler-Chrysler: Später Geldsegen für Jürgen Schrempp. In: handelsblatt.com. 4. Juni 2007, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  3. Sönke Iwersen: Spitzelaffäre: Die Deutsche Bahn und die Spione. In: handelsblatt.com. 4. Mai 2009, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  4. Sönke Iwersen: Betrugsskandal: Henkel und Daimler streiten um Formel 1. In: handelsblatt.com. 14. Dezember 2009, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  5. Sönke Iwersen: Eginhard Vietz: „Der Kampf gegen Schmiergeld ist reine Heuchelei“. In: handelsblatt.com. 10. August 2010, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  6. Sönke Iwersen: Strafanzeige: Finanzinvestor Barclays späht Geschäftspartner aus. In: handelsblatt.com. 17. November 2010, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  7. Teldafax-Affäre In: handelsblatt.com, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  8. Sönke Iwersen: Lustreisen-Skandal: Interner Bericht enthüllt Details der Ergo-Affäre. In: handelsblatt.com. 14. August 2012, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  9. Sönke Iwersen: Ergo und Sexualmoral: Budapester Lustreisen landen im Museum. In: handelsblatt.com. 11. Dezember 2014, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  10. Sönke Iwersen: Neuer Steuerskandal: Credit-Suisse-Kunden tappen in die Bermuda-Falle. In: handelsblatt.com. 11. Juli 2012, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  11. Sönke Iwersen: Solarzellen-Hersteller: Insider-Skandal bei Q-Cells. In: handelsblatt.com. 15. Juli 2013, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  12. Ozan Demircan, Sönke Iwersen: Versicherungsvertrieb: Die Chronik der Debeka-Affäre – und die Belege. In: handelsblatt.com. 4. Dezember 2013, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  13. Sönke Iwersen, Jan Keuchel: Bayerische Laboraffäre: Der großzügige Herr Schottdorf. In: handelsblatt.com. 13. Juli 2015, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  14. Die Reichsten Deutschen. In: Manager Magazin Reichstenheft. Oktober 2016, S. 32.
  15. Ex-dapd-Chef Peter Löw will Handelsblatt-Redakteure ins Gefängnis bringen. In: meedia.de. 5. Mai 2015, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  16. Presse-Freiheit: Finanz-Investor Peter Löw verliert gegen Handelsblatt-Redakteure In: titelschutzanzeiger.de, 9. November 2016, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  17. Sönke Iwersen, Massimo Bognanni: Imtech-Insolvenz: Chronik eines beispiellosen Absturzes. In: handelsblatt.com. 17. August 2015, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  18. Cum-Ex-Geschäfte und die Folgen In: handelsblatt.com, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  19. Sönke Iwersen: Edward Snowdens Flucht – Handelsblatt exklusiv: Schutzengel – ganz unten. In: handelsblatt.com. 7. September 2016, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  20. Snowdens Schutzengel: Die Helfer brauchen Hilfe In: Deutschlandfunk Nova, abgerufen am 4. Oktober 2017.
  21. Flüchtlinge in Hongkong – Edward Snowdens Helfer in Not In: auslandsjournal vom 19. April 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017. (ZDFmediathek, Video verfügbar bis 19. April 2018)
  22. Kurt Tucholsky-Preis für literarische Publizistik 2017 an Sönke Iwersen In: Kurt Tucholsky-Gesellschaft, 18. September 2017, abgerufen am 4. Oktober 2017.