Sönke Neitzel

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Sönke Neitzel (* 26. Juni 1968 in Hamburg) ist ein deutscher Historiker mit dem Schwerpunkt Militärgeschichte. 2011/12 war er Professor für Modern History an der University of Glasgow und von 2012 bis 2015 für International History an der London School of Economics. Seit 2015 ist er Lehrstuhlinhaber für Militärgeschichte/Kulturgeschichte der Gewalt am Historischen Institut der Universität Potsdam.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Akademischer Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem Neitzel im Jahre 1987 an der Claus-von-Stauffenberg-Schule in Rodgau-Dudenhofen sein Abitur erlangt hatte, absolvierte er in den Jahren 1987 und 1988 seinen Wehrdienst.[1] Anschließend studierte er an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz im Hauptfach Mittlere und Neuere Geschichte sowie Publizistik und Politikwissenschaft in den Nebenfächern. Er wurde 1994 bei Winfried Baumgart zum Dr. phil. promoviert. Seine Dissertation trägt den Titel Der Einsatz der Luftwaffe über dem Atlantik und der Nordsee 1939–1945 und wurde 1996 mit dem Werner-Hahlweg-Preis für Militärgeschichte und Wehrwissenschaften (3. Preis) ausgezeichnet.

Ab Oktober 1994 war Neitzel als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar tätig. Neitzel habilitierte sich am 18. Dezember 1998 mit der Habilitationsschrift Die Weltreichslehre im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert und lehrte danach als Privatdozent. Ab Juli 1999 war Neitzel Hochschuldozent auf Zeit. In dieser Zeit war er von Oktober bis Dezember 2001 als Visiting Lecturer an der Universität Glasgow am Department of History tätig. Im Sommersemester 2002 vertrat Neitzel eine Professur für Zeitgeschichte sowie in den Wintersemestern 2003/04 und 2004/05 eine Professur für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Obwohl Sönke Neitzel im Oktober 2003 einen Ruf an die Universität Glasgow als Lecturer for British History and History of War erhalten hatte, blieb er in Mainz und wurde dort am 17. März 2005 außerplanmäßiger Professor. Im Wintersemester 2006/07 folgte er einem Lehrauftrag an die Universität Karlsruhe. Seit März 2008 war Neitzel Akademischer Rat auf Zeit an der Universität Mainz.

Im Sommersemester 2008 nahm er einen Lehrauftrag an der Universität Bern an, wo er im Wintersemester desselben Jahres auch eine Vertretung des Lehrstuhls für Neueste Geschichte übernahm (Ordinariat Förster).[2] 2010 war er Senior Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und Lehrstuhlvertreter der Professur für westeuropäische Geschichte an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Zum Wintersemester 2011/12 folgte er einem Ruf an die University of Glasgow auf eine Professur für Modern History.[3] Neitzel hat 2012 einen Ruf an die London School of Economics auf einen Lehrstuhl für International History angenommen.[4] Seit dem Wintersemester 2015/2016 ist Neitzel Nachfolger von Bernhard R. Kroener auf dem Lehrstuhl für Militärgeschichte/Kulturgeschichte der Gewalt am Historischen Institut der Universität Potsdam. Ebendort ist seit dem WS 2016/17 der Masterstudiengang War and Conflict Studies (in der Nachfolge von Military Studies) angesiedelt.

Er ist seit September 2006 mit Gundula Bavendamm, der Direktorin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung und Tochter des Historikers Dirk Bavendamm, verheiratet.[5]

Autor, Gutachter, Fachberater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neitzel ist Autor und Herausgeber zahlreicher wissenschaftlicher Beiträge über Deutsche Geschichte, insbesondere die Militärgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[6] Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Hochimperialismus und das Zeitalter der Weltkriege.[7]

Internationale Aufmerksamkeit erreichte Sönke Neitzels Buch Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942–1945 (2005, englische Ausgabe 2007: Tapping Hitler's generals: transcripts of secret conversations, 1942–45), in dem er Mitschnitte von Gesprächen hochrangiger deutscher Soldaten veröffentlichte, die als Kriegsgefangene in Trent Park bei London inhaftiert waren. Die Abhörbänder ermöglichen Einblicke in die Gedankenwelt der Wehrmachts-Offiziere. In Deutschland noch stärkere Beachtung erlangte das 2011 erschienene Nachfolgeprojekt Soldaten, das Auswertungen der in amerikanischen Kriegsgefangenenlagern belauschten Gespräche von Wehrmachtssoldaten sämtlicher, auch niederer Rangebenen enthält, die sich u. a. über den „Spaß am Töten“ unterhielten und ihre Beteiligung an Kriegsverbrechen offenbarten.[8] Neitzel und sein Mitautor Harald Welzer ziehen zur Bewertung auch Erlebnisse von Soldaten im Vietnamkrieg und im Irakkrieg und den Völkermord in Ruanda vergleichend heran, um das Phänomen der Verrohung und Bereitschaft zu Grausamkeiten unter Kriegsteilnehmern zu zeigen und zugleich die Besonderheiten des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges herauszuarbeiten.[9] Beide Arbeiten werden allgemein als endgültige Widerlegung des Mythos der „sauberen Wehrmacht“ bewertet, da sie breites Mitwissen und Beteiligung deutscher Soldaten des Zweiten Weltkriegs an Kriegsverbrechen und Holocaust vor allem an den Kriegsschauplätzen der Ostfront durch authentische Selbstzeugnisse belegen.[8]

Im Zuge der Debatten im Vorfeld der zweiten Änderung des 1998 beschlossenen Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege, das bereits seit seiner ersten Änderung im Jahr 2002 grundsätzlich auch für wegen Fahnenflucht verurteilte Deserteure der Wehrmacht gilt, nahm Neitzel als Gutachter der CDU/CSU- und FDP-Bundestagsfraktionen zusammen mit Rolf-Dieter Müller, dem damaligen Wissenschaftlichen Direktor am Militärgeschichtlichen Forschungsamt, an der Anhörung vor dem Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages vom 5. Mai 2008 teil und sprach sich wie Müller gegen eine pauschale Rehabilitierung der im Zweiten Weltkrieg wegen „Kriegsverrats“ nach § 57 Militärstrafgesetzbuch abgeurteilten Deserteure und Überläufer ohne Einzelfallprüfung aus, wie sie die Linksfraktion 2006 beantragt hatte.[10] Die Gutachter waren der Meinung, es sei nicht auszuschließen, dass noch unentdeckte Urteile wegen dieses Tatbestands existieren, die möglicherweise nicht als Unrechtsurteile zu bewerten seien. Im Jahr darauf wurde das Gesetz dennoch geändert, diesmal jedoch auf Antrag der Regierungskoalition. Seitdem ist zur Aufhebung von Urteilen der NS-Militärjustiz wegen „Kriegsverrats“ keine Einzelfallprüfung mehr erforderlich.

Als Fachberater ist Neitzel seit 1996 auch regelmäßig für Redaktionen von historischen Fernsehdokumentationen tätig, vorwiegend für Guido Knopps ZDF-Redaktion Zeitgeschichte bzw. die Sendungsreihe ZDF-History, aber auch für ARD und n-tv, sowie für die Hessische und Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.[11] Er war als historischer Berater u. a. für die Filmproduktionen Stauffenberg – Die wahre Geschichte (2009), Rommel (2012) und Unsere Mütter, unsere Väter (2013) tätig. Er ist außerdem Mitglied im Advisory Editorial Board der militärhistorischen Fachzeitschrift War in History.

Mitgliedschaften und Beiräte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neitzel ist Mitglied des Arbeitskreises Militärgeschichte e.V. und saß seit 2003 im Vorstand des Vereins, als dessen Zweiter Vorsitzender er ab 2006 bis mindestens 2011 amtierte.[12] Er ist oder war ferner Mitglied der Deutschen Kommission für Militärgeschichte, des Deutschen Komitees für die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, der Preußischen Historischen Kommission, der Ranke-Gesellschaft und des Verbandes der Historiker Deutschlands.

Außerdem Mitarbeit in den Beiräten folgender Institutionen: Clausewitz-Gesellschaft, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Gedächtnis der Nation, Deutsche Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte und Werner-Hahlweg-Preis.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die deutschen Ubootbunker und Bunkerwerften. Bau, Verwendung und Bedeutung verbunkerter Ubootstützpunkte in beiden Weltkriegen. Bernard & Graefe, Koblenz 1991, ISBN 3-7637-5823-2.
  • Der Einsatz der deutschen Luftwaffe über dem Atlantik und der Nordsee 1939–1945. Mit einem Geleitwort von Jürgen Rohwer. Bernard & Graefe, Bonn 1995, ISBN 3-7637-5938-7. (= zugl. Dissertation, Universität Mainz, 1995)
  • Weltmacht oder Untergang. die Weltreichslehre im Zeitalter des Imperialismus. Mit einem Geleitwort von Winfried Baumgart. Schöningh, Paderborn u.a. 2000, ISBN 3-506-76102-1. (= zugl. Habilitationsschrift, Universität Mainz, 1999)
  • Kriegsausbruch. Deutschlands Weg in die Katastrophe 1900–1914. Pendo Verlag, München u.a. 2002, ISBN 3-85842-550-8.
  • Blut und Eisen. Deutschland und der Erste Weltkrieg. Pendo Verlag, Zürich 2003, ISBN 3-85842-448-X.
  • Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942–1945. Propyläen, Berlin 2005, ISBN 978-3-549-07261-5.
  • Weltkrieg und Revolution, 1914–1918/19 (= Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Band 3). be.bra verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-89809-403-0.
  • Mit Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-10-089434-2.

Herausgeberschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Stadt Rodgau, Jahressplitter 1999 auf www.rodgau.de, gesehen 22. Juli 2013; Sönke Neitzel: Vita, gesehen 24. April 2010.
  2. Historisches Institut Universität Bern 2008; Sönke Neitzel: Vita, gesehen 24. April 2010.
  3. Universität des Saarlandes: Forschung und Lehre – Habilitationen und Berufungen 09/2011
  4. Homepage der LSE
  5. Arbeitskreis Militärgeschichte e. V.: „Aus dem Arbeitskreis / Editorial“, im Newsletter 11 (2006), No. 2, S. 5.
  6. Sönke Neitzel: Schriftenverzeichnis, gesehen 24. April 2010.
  7. Sönke Neitzel: Prof. Dr. Sönke Neitzel, gesehen 24. April 2010
  8. a b Buch über Wehrmacht erschüttert, Rezension bei n-tv am 13. April 2011, gesehen 14. März 2016.
  9. Rezension von Wolfram Wette: "Das hat Spaß gemacht", in: Die Zeit 16/2011 vom 14. April 2011, gesehen 14. März 2016.
  10. Helmut Kramer: Rückfall in Verdrängung und Schuldabwehr (Stellungnahme zum Stand der Debatte im Dezember 2008), Seite 2; gesehen am 14. März 2016.
  11. Sönke Neitzel: Fachberatungen Prof. Dr. Sönke Neitzel, gesehen 14. Februar 2012.
  12. Vgl. Newsletter 21 (Dezember 2003) (PDF; 1,7 MB), 26 (Mai 2006) (PDF; 428 KB) und 37 (September 2011, letzte ersch. Ausgabe) (PDF; 1,4 MB) sowie Rubrik „Vorstand“ auf www.akmilitaergeschichte.de, alle abgerufen am 13. März 2016.