Südtiroler Deutsch

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Typisch zweisprachige Aufschrift in Südtirol mit amtlich verordneter, aber schwer verständlicher deutscher Übersetzung.

Südtiroler Deutsch ist die in Südtirol geschriebene und in förmlichen Situationen gesprochene Varietät des Standarddeutschen. In vielen Bereichen des täglichen Lebens dominiert der südbaierische Dialekt (siehe auch Dialekte in Tirol). Eine Besonderheit der Südtiroler Varietät ist der Sprachkontakt mit dem Italienischen, aus dem sich zahlreiche Interferenzen ergeben.

Sprachliche Faktoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Situation des Deutschen in Südtirol unterscheidet sich von jener der Nachbarländer und ähnelt in gewissem Sinne der Rolle der Mundart und dem Einfluss des Romanischen in der Schweiz:

  • fehlende Verstädterung: Der Großteil der Südtiroler lebt in Dörfern und Kleinstädten, selbst in der einzigen Großstadt Bozen erreicht der Anteil der deutschen Bevölkerung gerade einmal die Ausmaße einer Kleinstadt.
  • Lebendigkeit des Dialekts: In vielen Bereichen des täglichen Lebens dominiert die Mundart. An den Schulen pflegen Lehrer laut Umfragen die Hochsprache allerdings mehr als etwa im österreichischen Bundesland Tirol,[1] so dass von einer Diglossie gesprochen werden kann.
  • Distanz zur Schriftsprache: Die deutsche Standardsprache wird oft als fremd empfunden und Defizite im sprachlichen Ausdruck sogar der Gymnasiasten wurden im Auftrag der Südtiroler Landesregierung u.a. durch die Studie DESI nachgewiesen.[2]
  • Einfluss der italienischen Amtssprache: In weiten Bereichen des Alltags müssen Verwaltungsbedienstete ohne Dolmetsch- oder Übersetzungsausbildung laufend rasch italienische Texte ins Deutsche übertragen, wodurch Interferenzen unvermeidbar sind, zumal für umfangreiche Terminologie-Arbeit kaum Zeit bleibt und v.a. die vergleichbaren, in Österreich, Deutschland oder der Schweiz benutzten Ausdrücke in Südtirol unbekannt sind (vgl. deutschsprachige Texte zum Steuerrecht oder die Ausfüllhilfen zur Steuererklärung, die für Deutschsprachige ohne Kenntnis des italienischen Originals unverständlich bleiben). Viele der in aller Eile und ohne Sorgfalt geschaffenen Neologismen und Ausdrucksweisen werden umstandslos in die Alltagssprache übernommen und gelten dann dank der Autorität der Behörde als richtig oder zumindest unersetzbar. Das Italienische übt also auch im autonomen Südtirol weiterhin die Rolle eines nicht zu unterschätzenden Superstrats aus.

Interferenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als typische Interferenzen aus dem Italienischen können gelten:

  • lexikalische Interferenzen: z. B. Identitätskarte (nach it. carta d'identità, vgl. Identitätskarte/carte d'identité in der Schweiz) statt Personalausweis, Schulführungskraft (nach it. dirigente scolastico) statt Schulleiter (offizielle Bezeichnung z. B. in Österreich und Bayern) oder Direktor (Alltagswort für Schulleiter in Österreich und in einigen deutschen Bundesländern), Neologismen wie Stammrollenlehrer (nach it. insegnante di ruolo = verbeamteter - in Österreich: pragmatisierter - Lehrer, zumindest mit unbefristetem Dienstvertrag), wobei hier auch von einem Sachspezifikum gesprochen werden kann. Als typisch für das Südtiroler Deutsch können jene amtssprachlichen Neologismen gelten, die durch (im Amtsblatt von der Südtiroler Landesregierung veröffentlichte) Terminologische Verzeichnisse vorgeschrieben werden, sich als wörtliche Übersetzung verraten und nicht als Sachspezifikum gerechtfertigt erscheinen. Beispiel: In Italien fällt der Strafvollzug (Hafterleichterung, vorzeitige Entlassung usw.) in den Bereich eigener Gerichte, der Tribunali di sorveglianza. Läge ein echtes Sachspezifikum vor, also gäbe es keine vergleichbaren Einrichtungen in deutschsprachigen Ländern, ließe sich die wörtliche Übertragung Überwachungsgericht vertreten. In Deutschland existieren jedoch durchaus äquivalente Institutionen: die Strafvollzugskammern. Terminologisch richtig wäre also die Übersetzung des italienischen Ausdrucks mit Strafvollstreckungs- oder -vollzugskammer, zumal der Begriff Überwachungsgericht nicht nur nicht existiert und auch für Südtiroler Nicht-Juristen schlicht unverständlich ist, sondern bei Deutschsprachigen allgemein falsche Vorstellungen weckt, als entscheide ein Überwachungsgericht über Überwachungsmaßnahmen wie Abhörmaßnahmen. In Südtirol wurden Hunderte Verwaltungsausdrücke amtlich geregelt; der Ausdruck Terminologisches Verzeichnis für it. Elenco terminologico ist selbst eine Interferenz.
  • semantische Interferenzen (Bedeutungsverschiebungen): didaktische Tätigkeit(en) (nach it. attività didattiche) neben dem deutschen Wort Unterricht in Wendungen wie: die Wiederholungsprüfungen müssen vor dem Beginn der didaktischen Tätigkeit abgeschlossen sein, die didaktische Tätigkeit endet Mitte Juni – die Interferenz liegt darin, dass didaktisch sich im Standarddeutschen immer auf die Didaktik, also die Wissenschaft vom Unterrichten, bezieht und nicht synonym mit Unterricht verwendet werden kann; Literat auch im Sinne von Latein-Deutschlehrer (nach it. materie letterarie); Gesuch anstelle des im Standarddeutschen allein möglichen Wortes Antrag: Gesuch impliziert im heutigen Standarddeutsch eine freie Ermessensentscheidung der Behörde oder einen Gnadenakt, wird daher nur noch in Wendungen wie Gnadengesuch benutzt – in Südtirol hingegen wird ausschließlich Gesuch benutzt, auch dann, wenn der Antragsteller einen Rechtsanspruch auf das Beantragte genießt und kein Ermessen oder Gnadenakt vorliegt: Versetzungsgesuch (ähnliche Verwendung dieses Wortes auch in manchen Teilen Deutschlands[3]) usw.
  • syntaktische Interferenzen: häufig begegnen Genitivattribute oder auch lange Genitivattribut-Reihen anstelle von Komposita oder Präpositionalausdrücken nach dem Vorbild der italienischen di/della/...-Ausdrücke: z. B. die Vergabe der Stellen der Zweitsprachlehrer der Grundschule statt: die Stellenvergabe für Zweitsprachenlehrer (= Deutschlehrer an italienischsprachigen Schulen) an Grundschulen. Auch die Wortbildung ist im öffentlichen Bereich von Italianismen durchsetzt: mit der faschistischen Italianisierung wurden besonders in Bozen unzählige Straßen und Plätze nach italienischen Städten benannt (via Trieste, via Venezia usw.), die nach dem Inkrafttreten der Autonomie als Trieststraße usw. wiedergegeben wurden, was der deutschen Wortbildung und dem Sprachgefühl krass widerspricht. In manchen deutschen Regionen wäre eine Adjektivableitung nötig (Beispiel: Badische Straße), im Allgemeinen wäre eine Ableitung auf -er die einzig übliche Bildung - von der Altonaer Chaussee in Hamburg bis zu den Umbenennungen in Innsbruck aus politischen Gründen (zum Gedächtnis an die verlorenen Südtiroler Gebiete): Bozner Platz, Meraner Straße. In den letzten Jahren wurden jedoch in Bozen zahlreiche falsch gebildete Straßennamen nach dem -er-Muster amtlich korrigiert.
  • phraseologische/idiomatische Interferenzen: typisch Südtirolerisch ist die Verwendung der Präposition innerhalb auch mit Zeitpunkten, obwohl im Standarddeutschen innerhalb nur mit Zeitstrecken kombiniert werden kann (innerhalb zweier Tage, innerhalb von fünf Tagen), also z. B: das Gesuch (= der Antrag) muss innerhalb 31. Oktober eingereicht werden,[4] wobei die italienische Konstruktion: entro il 31 ottobre falsch übertragen wurde.
  • phonetische Interferenzen: z. B. die Aussprache des Digraphs <<qu>> als ku̯ wie im Italienischen statt kv wie im Standarddeutschen; Lanthaler vermutet, diese erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingetretene Entwicklung gehe auf Volksschullehrerinnen zurück, die den Schülern im Schreibunterricht einschärften, qu dürfe nicht kw geschrieben werden, wobei das Italienische nur indirekt diese Ausspracheveränderung bewirkt hätte.

Daneben treten im Südtiroler Deutsch Sprachformen auf, die nicht als Interferenz erklärbar sind, sich aber dennoch aus der besonderen Situation des Südtirolerischen erklären. So wird ähnlich wie in der Schweiz schriftlich als Relativpronomen meist das in Deutschland veraltete, im Mittelalter nach lateinischem Vorbild (qui/quae/quod) eingeführte und vom Duden als papierenes Deutsch bezeichnete welcher/welche/welches benutzt, das aber im gesprochenen Deutsch in Südtirol kaum verwendet wird, also keineswegs der natürlichen Ausdrucksweise entspricht. Auch werden bestimmte, aus sprachpolitischen Gründen erfundene Wörter wie das in der Schweiz gängige Lehrperson (statt Lehrkraft/Lehrkörper) benutzt. Oft ist eine für Mundartsprecher bezeichnende Unsicherheit der Grund für nicht-standardsprachliche Ausdrücke wie z. B. Einreichefrist mit unüblichem Fugen-e statt Abgabetermin. Andere Erscheinungen des Südtiroler Deutschen werden von Südtirolern selbst als mundartlich empfunden und sind in der Schriftsprache nicht anzutreffen, etwa das von vielen Nordtirolern als das Südtiroler Kennwort empfundene Pronomen sell/semm oder verhaucht hell (vermutlich aus der Amtssprache: < selbiger, selbigem) statt demonstrativem der/die/das, Beispiel: sell woas i nit für: «das weiß ich nicht».

Oft überschätzt wurde die Übernahme italienischer Wörter (Sachspezifika oder praktische Kurzwörter wie targa für "Kennzeichen/KFZ-Nummerntafel") und Interjektionen (Oschtia < it. ostia; magari usw.) in die Alltagssprache, die keine tiefergehende Beeinflussung des Sprachsystems an sich vermuten lassen und oft kurzlebig sind. In Stellenanzeigen fand sich etwa oft der Ausdruck militärfrei (für it. militesente), durch den der Bewerberkreis auf Männer mit abgeleistetem Militärdienst eingeschränkt wurde, der jedoch mit Abschaffung der Wehrpflicht ebenso schnell wieder verschwunden ist. Für Südtirol, obgleich nicht für das Deutsche in Südtirol typisch ist auch die umgekehrte Beeinflussung. Italienische Aufschriften entsprechen häufig nicht den italienisch-standardsprachlichen, im eigentlichen Italien üblichen (vgl. attendere prego im Sinne des dt. Bitte warten! statt si prega di attendere oder un attimo). Da heute viele Italiener v.a. außerhalb der Großstadt Bozen einer starken Assimilierung an die (Süd-) Tiroler, d. h. deutschsprachige Kultur in Südtirol unterliegen und ihre Kinder vielfach in deutschsprachige Schulen schicken, um ihnen sozialen Anschluss und größere Arbeits-Chancen zu sichern, ist in bestimmten Bereichen mit dem Entstehen einer regelrechten Interlanguage zu rechnen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auswahlbibliographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Antony Alcock: From Tragedy to Triumph: The German Language in South Tyrol 1922–2000. In: Gabrielle Hogan-Brun: National Varieties of German outside Germany. A European Perspective. Peter Lang, Oxford et al. 2000, S. 161–192. ISBN 978-3-035301175.
  • Werner von Aufschnaiter: Sprachkontaktbedingte Besonderheiten der deutschen Gesetzes- und Amtssprache in Südtirol. In: Germanistische Mitteilungen. 16 (1982), S. 83–88.
  • Roland Bauer: Deutsch als Amtssprache in Südtirol. In: W. Osterheld (Hrsg.): Terminologie et tradition. Office des publications officielles des communautés europeénnes, Luxembourg 1994, S. 63–84.
  • Kurt Egger: Die Vielfalt der sprachlichen Ausdrucksmittel in der Umgangssprache von Schülern in Bozen. In: Vielfalt des Deutschen. Festschrift für Werner Besch. Lang, Frankfurt a.M. 1993, ISBN 3-631-45862-2, S. 653–663.
  • Johannes Kramer: Deutsch und Italienisch in Südtirol. Winter, Heidelberg 1981, ISBN 3-533-02985-9.
  • Franz Lanthaler, Annemarie Saxalber: Die deutsche Standardsprache in Südtirol. In: Rudolf Muhr, Richard Schrodt, Peter Wiesinger (Hrsg.): Österreichisches Deutsch. Linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Hölder-Pichler-Tempsky, Wien 1995, S. 287–304.
  • Hans Moser, Oskar Putzer (Hrsg.): Zur Situation des Deutschen in Südtirol. Sprachwissenschaftliche Beiträge zu den Fragen von Sprachnorm und Sprachkontakt. Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft – Germanistische Reihe, Band 13. Innsbruck 1982, ISBN 3-85124-086-3.
  • Karin Pernstich: Der italienische Einfluss auf die deutsche Sprache in Südtirol, dargestellt an der Südtiroler Presse. Schriften zur deutschen Sprache in Österreich. Band 11. Braumüller, Wien 1984, ISBN 3-7003-0549-4.
  • Gerhard Riedmann: Die Besonderheiten der deutschen Schriftsprache in Südtirol. Duden Beiträge 39. Bibliographisches Institut, Mannheim 1972.
  • Gerhard Riedmann: Bemerkungen zur deutschen Gegenwartssprache in Südtirol. In: P. Sture Ureland (Hrsg.): Standardsprache und Dialekte in mehrsprachigen Gebieten Europas. Linguistische Arbeiten, Band 82. Tübingen 1979, ISBN 3-484-10373-6.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nadia Auer und Verena Fauster (Forum Schule heute, ohne Datum, abgerufen am 22. Oktober 2011): Hochsprache und Dialekt im Unterricht
  2. DESI wurde zusammen mit der ersten regionalen Auswertung der PISA-Studie in Südtirol 2003 durchgeführt, allerdings so wie auch PISA irregulär: ein Drittel der (schlechten) Schüler wurden von vornherein von der Teilnahme ausgeschlossen und der gesamte Englisch-Testteil wurde wegen angeblicher Benachteiligung der Südtiroler Schüler, die als erste Fremdsprache Italienisch lernen, nicht durchgeführt. Das DESI-Südtirol-Ergebnis liest sich nüchtern: am Wortfeld Bahnhof scheiterten alle Schüler, kein einziger konnte beispielsweise ein Stellwerk als solches benennen. Die deutschen Testexperten sprachen mit Rücksicht auf ihre offiziellen Auftraggeber wohlwollend von item bias und ignorierten die signifikanten sprachlichen Defizite – Aufgaben, in denen Südtiroler Schüler grundsätzlich schlecht abschnitten, wurden kurzerhand vor der Auswertung ausgeschlossen. Trotz dieser schönenden Faktoren fiel das Ergebnis eindeutig aus: im Wortschatztest erreichten nur 14% der Südtiroler Gymnasiasten die höchste Leistungsgruppe, der in Deutschland fast die Hälfte (!) der Fünfzehnjährigen angehört, umgekehrt lag ein Viertel (!) der Südtiroler Gymnasiasten in der allerschlechtesten Gruppe, die in Deutschland trotz allen Migrationsproblemen nur 7% ausmacht. Siehe den offiziellen Schlussbericht der deutschen DESI-Projektgruppe auf der Homepage des Pädagogischen Instituts für die deutsche Sprachgruppe in Bozen [1]. Ergebnis des Wortschatztests (22,6 gegenüber 7,6% in der schlechtesten Gruppe A, 44,2 vs. 14,2% in bester Gruppe C): S. 36; Ausschluss der Berufsbildung (= 30%!!): S. 7; Item-Bias: «Brötchen» nicht gekannt, S. 12; DIF-Analysen (Differential Item Functioning), bei Wortfeld Bahnhof völlig versagt, S. 17.
  3. http://www.beamten-informationen.de/versetzung_von_beamten
  4. Beispiel in http://www.fachschule-laimburg.it/unsere-schule/formulare.asp