S-300W

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S-300W

SA-12.jpg

Allgemeine Angaben
Typ: Boden-Luft-Lenkwaffensystem
Heimische Bezeichnung: S-300W, 9K81
NATO-Bezeichnung: SA-12A Gladiator, SA-12B Giant
Herkunftsland: Sowjetunion 1955Sowjetunion Sowjetunion / RusslandRussland Russland
Hersteller: NPO Antei / Almas-Antei
Entwicklung: 1970er
Indienststellung: 1982
Einsatzzeit: im Dienst
Technische Daten
Länge: 9M82: 9,91 m[1]
9M83: 7,90 m[1]
Durchmesser: 9M82: 1.125 mm
9M83: 915 mm
Gefechtsgewicht: 9M82: 4.685 kg[2]
9M83: 2.290 kg[2]
Spannweite: 9M82: 1.150 mm
9M83: 850 mm
Antrieb:
Erste Stufe:
Zweite Stufe:

Feststoffbooster
Feststoffraketentriebwerk
Geschwindigkeit: 9M82: 2.400 m/s[3][4]
9M83: 1.200–1.600 m/s[3][5]
Reichweite: 9M82: 100 km[5]
9M83: 75 km[6]
Ausstattung
Lenkung: INS, Datenlink
Zielortung: halbaktive Radarzielsuche (SARH)
Gefechtskopf: 150-kg-Splittersprengkopf
Zünder: Aufschlag- und Näherungszünder
Waffenplattformen: MT-TM-Kettenfahrzeug
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Die S-300W Antei-300 (russisch С-300В 9К81 С-300В Антей (Antaios)-300, NATO-Codename SA-12A Gladiator und SA-12B Giant) ist ein in der Sowjetunion entwickeltes mobiles, allwetterfähiges Langstrecken-Boden-Luft-Lenkwaffensystem zur Bekämpfung von Kampfflugzeugen, Marschflugkörpern sowie ballistischen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Der GRAU-Index ist 9K81. Es handelt sich um eine Variante des S-300-Flugabwehrraketensystems.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dezember 1966 wurden die ersten Studien zur Entwicklung eines Nachfolgesystems für das Flugabwehrsystem SA-4 Ganef (2K11 Krug) begonnen.[7] Das neue System sollte die Bedrohung durch die zunehmend verbreiteten Mittelstreckenraketen der USA und der NATO, niedrigfliegende und massiert eingesetzte luft- und seegestützte Marschflugkörper und überschallschnelle, tief fliegende Bomber und Kampfflugzeuge abwehren können sowie in einem Umfeld von starken elektronischen Störmaßnahmen (ECM) möglichst uneingeschränkt einsatzfähig sein. Dazu wurde ein System mit einem hohen Automatisierungsgrad gefordert, das gleichzeitig sechs Ziele auf eine Distanz von 100 km bekämpfen können sollte.[8]

Von Anfang an verfolgten die Entwickler zwei unterschiedliche Ausführungen. Die kleineren 9M83-Lenkwaffen wurden für die Bekämpfung von Flugzeugen und Marschflugkörpern entwickelt, während die größeren 9M82-Lenkwaffen für den Einsatz gegen ballistische Raketen konzipiert waren.[7] Die beiden unterschiedlich aussehenden Transport- und Startfahrzeuge (TELAR) des S-300W-Systems veranlassten die NATO, dem 9A83 TELAR die Bezeichnung SA-12A GLADIATOR zu geben; der größere 9A82 TELAR erhielt die Bezeichnung SA-12B GIANT.[9]

Die Vorserienversion S-300W-1 wurde in den Jahren 1982 und 1983 für Truppenversuche an die Landstreitkräfte der Sowjetarmee ausgeliefert. Die Grundversion S-300W wurde ab Mitte der 1980er-Jahre eingeführt.[3] Alle Systeme der Vorserienversion wurden auf diesen Standard nachgerüstet.[8]

Das S-300W-System war bei der Indienststellung das weltweit erste einsatzfähige mobile Raketenabwehrsystem.[3][9]

Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • S-300W-1/W-2: Vorserienversion, eingeführt 1982
  • S-300W1/W2: 1. Serienversion
  • S-300WM/Antey-2500 (NATO: SA-23): auf Export ausgerichtete 2. Serienversion, eingeführt 1997
  • S-300WMD/Antey-2500 (NATO: SA-23): Weiterentwicklung des S-300WM von 2003
  • S-300W3 und S-300W4: Modernisierte Versionen für die Streitkräfte Russlands

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

9A83-Startfahrzeug mit den vier Startbehältern in Marschposition

Im Westen gibt es kein mit der S-300W vergleichbares System. Am ehesten entspräche das israelische Arrow-Raketenabwehrsystem der S-300W, ohne aber die nahezu uneingeschränkte Mobilität und Störfestigkeit der SA-12 zu erreichen. Vielfach wird auch das US-amerikanische MIM-104-Patriot-Flugabwehrraketensystem als westliches Gegenstück beschrieben.[10] Doch auch dieses System besitzt weder dieselbe Mobilität noch die gleiche Kapazität zur Bekämpfung ballistischer Raketen.[4]

Die SA-12 nutzt verschiedene Phased-Array-Radarsysteme zur Luftraumüberwachung und Feuerleitung: Das 9S15 Ozbor-3 (NATO: Bill Board-A) Suchradar mit einer Reichweite von bis zu 320 km, das 9S19-Imbir-Sektorüberwachungsradar (NATO: High Screen) mit einer Reichweite von über 250 km sowie das 9S32-Feuerleitradar (NATO: Grill Pan) mit einer Reichweite von bis zu 250 km.[4] Die Feuerkampfführung erfolgt in der 9S457–Kommandostation. Als Startfahrzeuge kommt das 9A83–TELAR (NATO: Gladiator) für vier 9M83-Lenkwaffen und das 9A82–TELAR (NATO: Giant) für zwei 9M82-Lenkwaffen zum Einsatz. Sämtliche Komponenten basieren auf MT-TM-Kettenfahrzeugen. Das Erstellen der Feuerbereitschaft dauert 5-10 Minuten. Die Fahrzeuge benutzen zur Datenübertragung untereinander ausfahrbare Antennen. Die Kommandostation verwendet redundante Echtzeit-Computersysteme und kann zeitgleich 12 Flugziele verfolgen sowie diesen 48 Lenkwaffen zur Bekämpfung zuweisen.[4] Eine einzelne Batterie kann zeitgleich 12 Lenkwaffen gegen 6 Luftziele einsetzen.[8]

9S19M2 Imbir acquisition radar.jpg
9S32 engagement radar -2.jpg


Phased-Array-Radarantennen: 9S19 (links) und 9S32 (rechts)

Die Lenkwaffen werden senkrecht aus ihren Start- und Transportbehältern gestartet. Dabei werden die Lenkwaffen durch eine Gasladung nach oben aus dem Container ausgestoßen. Erst in rund 20 m Höhe wird der Raketenbooster gezündet. Nach dem Ausbrennen des Boosters wird dieser abgesprengt und das Raketentriebwerk der rund 1.200 kg schweren Rakete zündet. Die kleineren 9M83-Lenkwaffen werden primär zur Bekämpfung von beweglichen Flugzielen eingesetzt und haben eine maximale Reichweite von 75 km. Die größeren 9M82-Lenkwaffen kommen bei der Bekämpfung von ballistischen Kurz- und Mittelstreckenraketen zum Einsatz und haben eine maximale Reichweite von 100 km.[8] Die Lenkwaffen werden nach dem Prinzip der Proportionalnavigation an den vorausberechneten Kollisionspunkt des Zieles und der Lenkwaffe abgefeuert. Die Lenkwaffe hält sich mit dem Trägheitsnavigationssystem auf dem vorgegeben Kurs. Eventuelle Kurskorrekturen werden vom Feuerleitradar mittels Datenlink an die Lenkwaffe gesendet.[6] Für den Zielanflug wird der raketeneigene halbaktive Radarsuchkopf aktiviert. Kommt das Flugziel in den Ansprechradius des Näherungszünders, wird der Splittergefechtskopf gezündet. Bei einem Direkttreffer wird der Sprengkopf durch den Aufschlagzünder ausgelöst.[9]

Mit dem S-300W-System können ballistische Raketen mit einer Maximalreichweite von 1.100 km abgefangen werden. Diese können bis zu einer maximalen Fluggeschwindigkeit von 3.000 m/s auf eine Distanz von 40 km bekämpft werden.[4][8]

Kapazität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

System S-300W (SA-12A Gladiator / SA-12B Giant)
Lenkwaffen 9M83 + 9M82
Einführungsjahr Mitte 1980er-Jahre
Einsatzdistanz bei Flugzeugbekämpfung 8–100 km[3]
Einsatzdistanz bei Raketenbekämpfung 13–40 km[3]
Einsatzhöhe bei Flugzeugbekämpfung 250–30.000 m[3]
Einsatzhöhe bei Raketenbekämpfung 1.000–25.000 m[3]
Max. Zielgeschwindigkeit 3.000 m/s[3]
gleichzeitig bekämpfbare Ziele 12[3]
gleichzeitig einsetzbare SAMs 48[3]
Treffererwartung Einzelschuss auf ein Kampfflugzeug 70–90 %[10]
Treffererwartung Einzelschuss auf eine ballistische Rakete 40–90 %[10]
Zeit zum Erstellen der Feuerbereitschaft 5 Minuten
Min. Reaktionszeit 15 Sekunden
Minimal erfassbarer RCS[3] 0,05-0,1 m²

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ukrainisches Start- und Transportfahrzeug auf Basis des Chassis MT-TM, das auch beim T-80 Verwendung findet
RusslandRussland Russland
UkraineUkraine Ukraine
Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden eine unbekannte Anzahl SA-12A Gladiator von der ukrainischen Armee übernommen.
WeissrusslandWeißrussland Weißrussland
Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden eine unbekannte Anzahl SA-12A Gladiator von der weißrussischen Armee übernommen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Antey Industrial Complex: Mobiles Mehrkanal-Fla-Raketen-System 9K81 „S-300W“ der Truppenflugabwehr für die Kommandoebene Fronten und Armeen. Offizielle Informationsbroschüre von Antey. Antey Industrial Complex, Moskau 121471, Russland, 1995
  • Dan Katz: S-300 Surface-To-Air Missile System. Aerospace Daly & Defense Report, Aviation Week, August 2015.
  • Duncan Lennox: Jane’s Strategic Weapon Systems. Edition 2001, 34th edition Edition, Jane’s Information Group, 2001, ISBN 0-7106-0880-2.
  • Steven J. Zaloga: Tactical Ballistic Missile Defence: The Antey S-300V. Jane's Inelligence Review, Februar 1993, Jane's Information Group, London, 1993

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: S-300W – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Said Aminov: ЗЕНИТНАЯ РАКЕТНАЯ СИСТЕМА 9К81 С-300В (SA-12 Giant/Gladiator). In: pvo.su. Вестник ПВО, abgerufen am 19. Juli 2017 (russisch).
  2. a b С.Н. Ельцин "Зенитная ракетная система С-300В. Ракета 9М83, устройство и функционирование". Учебное пособие, БГТУ Военмех, 2008г.
  3. a b c d e f g h i j k l Antey Industrial Complex: Mobiles Mehrkanal- Fla-Raketen System 9K81 "S-300V" der Truppenflugabwehr für die Kommandoebene Fronten und Armeen. 1995.
  4. a b c d e Dr. Carlo Kopp: NIEMI/Antey S-300V 9K81/9K81-1/9K81M/MK Self Propelled Air Defence System / SA-12/SA-23 Giant/Gladiator. In: ausairpower.net. Air Power Australia, abgerufen am 19. Juli 2017 (englisch).
  5. a b Dan Katz: S-300 Surface-To-Air Missile System. 2015. S. 9.
  6. a b Зенитные управляемые ракеты 9М82 (9М82М) и 9М83 (9М83М). In: rbase.new-factoria.ru. Abgerufen am 19. Juli 2017 (russisch).
  7. a b Steven J. Zaloga: Tactical Ballistic Missile Defence: The Antey S-300V. 1993, S. 52–58
  8. a b c d e Adrian Ochsenbein: Das Boden-Luft-Lenkwaffensystem SA-12 / 23 GALDIATOR / GIANT. In: scribd.com. Defense Threat Informations Group, abgerufen am 19. Juli 2017.
  9. a b c Duncan Lenox: Jane’s Strategic Weapon Systems, Edition 2001. 2001, S. 309–312.
  10. a b c Зенитно-ракетная система С-300В / С-300ВМ Антей-2500. In: rbase.new-factoria.ru. Abgerufen am 19. Juli 2017 (russisch).
  11. The International Institute for Strategic Studies (IISS): The Military Balance 2018. 1. Auflage. Routledge, London 2018, ISBN 978-1-85743-955-7, S. 194 (englisch, Stand: Januar 2018).
  12. The International Institute for Strategic Studies (IISS): The Military Balance 2018. 1. Auflage. Routledge, London 2018, ISBN 978-1-85743-955-7, S. 199 (englisch, Stand: Januar 2018).