Sabine Hossenfelder

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Sabine Hossenfelder (2017)

Sabine Hossenfelder (* 18. September 1976) ist eine deutsche theoretische Physikerin, die sich mit Gravitation und Quantengravitation sowie Physik jenseits des Standardmodells befasst.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hossenfelder studierte zunächst bis zum Vordiplom Mathematik und danach Physik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main mit dem Diplom „mit Auszeichnung“ 2000 bei Walter Greiner (Particle Production in Time Dependent Gravitational Fields) und der Promotion bei Horst Stöcker 2003 (Schwarze Löcher in Extra-Dimensionen). Als Post-Doktorandin war sie am GSI Darmstadt, 2004/05 an der University of Arizona, 2005/06 an der University of California, Santa Barbara und 2006 bis 2009 am Perimeter Institute. Danach legte sie eine Kinderpause ein. 2009 bis 2015 war sie Assistant Professor an der Nordita in Stockholm. Sie ist Research Fellow am Frankfurt Institute for Advanced Studies.

Arbeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie forscht unter anderem über experimentell oder in Beobachtungen überprüfbare Aussagen von Theorien der Quantengravitation (wie Verletzung der Lorentzinvarianz und Lokalität) und phänomenologische Modelle der Quantengravitation. 2018 gab sie darüber einen Sammelband heraus.

Außerdem schreibt sie als Freelancerin über Naturwissenschaften, auch mit dem Pseudonym Bee nach ihrem Spitznamen in einem eigenen Blog Backreaction und für die Kolumne „Starts with a Bang“ des Forbes Magazine.

Ihrer Ansicht nach ist freier Wille eine Illusion. Er sei durch keine Naturgesetze begründbar, da diese entweder deterministisch sind (auch in der Chaostheorie) mit Ausnahme der Quantenmechanik, die aber nur unsteuerbaren Zufall kennt.[1]

Lost in Math: How Beauty Leads Physics Astray[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2018 veröffentlichte sie ein Buch unter dem Titel Lost in Math: How Beauty Leads Physics Astray (deutscher Titel: Das hässliche Universum),[2] in dem sie verschiedene Fehlentwicklungen kritisiert. Ihrer Meinung nach ist die Suche nach mathematischer Schönheit fundamentaler Theorien in der Physik eine solche Fehlentwicklung. Die Bewertung einer Theorie als vom mathematischen Standpunkt oder im Sinn des Reduktionismus „hässlich“ sei weitgehend eine Frage der Konvention, nicht weit von theologischen Überzeugungen entfernt.[3] Da oft jegliche Daten fehlen, um Schönheitskriterien wie Natürlichkeit (im Sinne von Harmonie) experimentell zu belegen, greife man zu nicht-empirischen Argumenten, was aber nach Hossenfelder nie objektiv sein kann und Tür und Tor für Wunschdenken und mehr oder weniger unbewusste kognitive Vorurteile öffnet. Gegenstand ihrer Kritik ist besonders die Stringtheorie (nach Hossenfelder sind ihre Vertreter für die Universitäten billig und für die Kollegen unterhaltsam) und Supersymmetrie, die noch immer den Mainstream der Forschung darstellen, auch nachdem seit Jahrzehnten Bestätigungen ausstehen (Superpartner, Extradimensionen). Sie kritisiert auch die Erklärungsversuche mit prinzipiell unbeobachtbaren Phänomenen wie Multiversen. Sie habe zwar kein Problem mit Forschung auf diesem Gebiet, nur bewege man sich in eine Richtung, die irgendwann nicht mehr als Physik bezeichnet werden würde. In der experimentellen Hochenergiephysik macht sie einen Stillstand aus, trotz der Entdeckung des Higgs-Bosons im LHC, insbesondere was die Suche nach dunkler Materie betrifft. Hossenfelder selbst bevorzugt alternative Erklärungen wie Modifikationen der Gravitationstheorie. Viele der theoretischen Arbeiten sind ihr zufolge nutzlose Spekulationen: Die meisten theoretischen Physiker, die ich kenne, studieren inzwischen Dinge, die noch niemand je gesehen oder gemessen hat.[4] Typisch sind ihrer Überzeugung nach die zahlreichen Postulate neuer Teilchen. Darin macht sie ein karriereförderndes Schema aus: Man identifiziere ein bekanntes offenes Problem, das auf natürliche Weise durch Einführung eines neuen Teilchens gelöst werde, wobei es von Vorteil sei, diese mit Eigenschaften auszustatten, die erklärten, warum sie bisher nicht entdeckt worden seien und warum das in nicht allzu ferner Zukunft doch möglich sein werde. Durch Modifikation der Eigenschaften könne dieser Zeitpunkt immer weiter in die Zukunft hinausgeschoben werden. Sie befürchtet einen Verlust des Vertrauens der Öffentlichkeit in die Grundlagenforschung durch die vielen ohne zureichende Daten in die Presse getragenen Spekulationen.

Ferner kritisiert Hossenfelder den akademischen Publikationsdruck und argumentiert, es gebe ein verbreitetes Herdenverhalten (Schwarmdenken), einen Hang zu voreiligen Veröffentlichungen und den Wunsch, möglichst oft zitiert zu werden. Der Publikationszwang erlaube weder den Publizierenden, neue Erkenntnisse abzuwarten, noch ermögliche er den Rezipienten die fokussierte Lektüre einzelner Beiträge (Informationsflut). Hossenfelder befürwortet Übergangsstipendien, die wissenschaftlich Tätigen die interdisziplinäre wissenschaftliche Mobilität gestatten.[5]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • mit Dominik Schwarz, Walter Greiner: Particle production in time-dependent gravitational fields: the expanding mass shell. In: Classical and Quantum Gravity, Band 20, 2003, S. 2337–2354, arxiv:gr-qc/0210110
  • Experimental Search for Quantum Gravity. In: V. R. Frignanni: Classical and Quantum Gravity: Theory, Analysis and Applications. 5. Nova Publishers 2011, arxiv:1010.3420
  • What black holes can teach us. In: Focus on Black Hole Research. Nova Science Publ. 2005, arxiv:hep-ph/0412265
  • Science needs reason to be trusted. In: Nature Physics, Band 13, April 2017, S. 316–317
  • S. Hossenfelder, C. Marletto, V. Verdol: Quantum gravity: Quantum effects in the gravitational field. In: Nature, Band 549, September 2017, S. 31, doi:10.1038/549031a
  • Lost in Math: How Beauty Leads Physics Astray, Basic Books 2018
    • Deutsche Ausgabe: Das hässliche Universum: Warum unsere Suche nach Schönheit die Physik in die Sackgasse führt. Übersetzerinnen Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher. S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-397246-7
  • als Herausgeberin: Experimental Search for Quantum Gravity. Springer 2018

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Sabine Hossenfelder – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sabine Hossenfelder: Free will is dead, let’s bury it. In: /backreaction.blogspot.com. 10. Januar 2016, abgerufen am 23. Februar 2019 (englisch).
  2. Warum gerade die, und warum 25? Interview mit Hossenfelder. In: Der Spiegel, Nr. 24, 2018, S. 103–105.
  3. Sie ist nach eigenen Worten (Interview mit Horgan, Scientific American 2016) Atheistin und sieht Religion als eine Zuflucht von Leuten, die nicht zugeben wollen, dass sie keine Erklärungen haben.
  4. Hossenfelder, Der Spiegel, Nr. 24, 2018, S. 104
  5. Wissenschaft auf Abwegen? Theoriebildung unter sozialem Druck. (Vortrag und Podiumsdiskussion). In: YouTube. Was ist Wirklich?, 23. Juni 2016, abgerufen am 24. November 2018.