Sabine Kunst

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Sabine Kunst, 2014

Sabine Eike Kunst (* 30. Dezember 1954 in Wesselburen, Kreis Dithmarschen) ist eine deutsche Ingenieurwissenschaftlerin, Hochschullehrerin und Politikerin (SPD). Von 1991 bis 2007 hatte sie einen Lehrstuhl für Biologische Verfahrenstechnik an der Universität Hannover inne. Sie war ab 2007 vier Jahre lang Präsidentin der Universität Potsdam und von 2010 bis 2011 Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Vom 23. Februar 2011 bis 8. März 2016 war Kunst Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg. Seit dem 11. Mai 2016 ist sie Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin.

Leben und Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Studium und wissenschaftliche Karriere, Universität Hannover, ZEW Berlin und TU Hamburg-Harburg (1972–2007)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In ihrem Studium 1972–1982 unter anderem in Hannover belegte sie neben Wasserbauingenieurswesen und Politologie die Fächer Chemie, Biologie und Philosophie. 1982 wurde sie zum Dr.-Ing. im Fach Umweltbiotechnologie, Bauingenieur- u. Vermessungswesen promoviert. Acht Jahre später legte sie eine weitere Promotion zum Dr. phil. in Politikwissenschaft, Bereich Technikbewertung und Interdisziplinarität ab.[1] Ihre Habilitation erfolgte ebenfalls 1990 am Fachbereich Bauingenieur- und Vermessungswesen der Universität Hannover mit einer venia legendi für Wasser- und Abwasserbiologie.

1979–1984 arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin am Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Universität Hannover. 1984–1985 war Kunst wissenschaftliche Mitarbeiterin der Zentralen Einrichtung für Weiterbildung (ZEW) in Berlin. Lehraufträge für Umweltbiotechnologie und Abwasserbiologie an der TH Darmstadt übernahm sie 1985 bis 1987. Hauptamtlich war sie 1986–1990 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Abfallwirtschaft beim Umweltbundesamt Berlin. Eine Vertretungsprofessur besetzte Kunst von 1991 bis 1994 in den Studiengängen Bauingenieurwesen und Verfahrenstechnik an der TU Hamburg-Harburg.[1]

Kunst wurde 1991 als Universitätsprofessorin auf den Lehrstuhl für Biologische Verfahrenstechnik am Fachbereich Bauingenieur- und Vermessungswesen an der Universität Hannover berufen. Diesen hatte sie bis 2007 inne. Von 1998 bis 2000 war sie zudem Dekanin der Internationalen Frauenuniversität (ifu) für den Projektbereich Wasser. Diese veranstaltete im Rahmen der EXPO 2000 ein interdisziplinäres und internationales Lehr- und Forschungsangebot für 700 Studierende aus 130 Ländern. In der universitären Selbstverwaltung übernahm Kunst 2003–2005 die Aufgaben eines Director of International Affairs der Universität Hannover. Geschäftsführende Leiterin der Weiterbildung WBBau der Universität Hannover war sie 2004–2007. Als gewählte Vizepräsidentin für Lehre, Studium, Weiterbildung und Internationales der Universität Hannover amtierte sie 2005–2007.[1]

Präsidentin der Universität Potsdam und Präsidentin des DAAD (2006–2011)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der elfköpfige Senat der Universität Potsdam wählte am 20. Juli 2006 Sabine Kunst einstimmig zur neuen Präsidentin der Universität.[2] Das Amt trat sie ab 1. Januar 2007 für eine sechsjährige Amtszeit bis 31. Dezember 2012 an. Harte Kritik wurde in ihrer Amtszeit von geübt, nachdem die Universitätsleitung mit einem Polizeieinsatz gegen Studierende vorging, die gegen den Auftritt der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach an der Universität protestierten. Das Studierendenparlament der HU Berlin beschloss eine Stellungnahme gegen das Vorgehen.[3]

Die damals 55-Jährige wurde am 30. Juni 2010 in Bonn von der Mitgliederversammlung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) mit großer Mehrheit gewählt und trat dieses Ehrenamt tags darauf am 1. Juli an. Kunst war die erste Frau an der Spitze des DAAD.[4]

Auslandserfahrungen sammelte Kunst unter anderem 1985 bei einem Forschungsaufenthalt in Guangzhou, China, über die Inbetriebnahme von Biogasanlagen. 1986–1989 kooperierte sie mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Bolivien und Peru. In La Paz, dem Regierungssitz Boliviens, kümmerte sich die Ingenieurin um den Bau von Teichanlagen in Slumgebieten.[4] Bis 2007 verfolgte sie vielfältige Projekte in der internationalen Forschung in Südafrika, Mexiko, Costa Rica, Brasilien und Sibirien zur Ressource Wasser.[1]

2010 bewarb sich Kunst um das Amt der Präsidentin der Universität Leipzig, fiel allerdings bereits im ersten Wahlgang durch. Zur selben Zeit wurde sie vom Centrum für Hochschulentwicklung und der Financial Times Deutschland mit dem Preis „Hochschulmanagerin des Jahres“ ausgezeichnet.

Wissenschaftsministerin im Land Brandenburg (2011–2015)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 23. Februar 2011 trat Kunst die Nachfolge von Martina Münch (SPD) als brandenburgische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur im Kabinett Platzeck III / Kabinett Woidke I an. Zuvor hatte sie ihr Amt als Präsidentin der Universität Potsdam aufgegeben, ebenso wie das Ehrenamt als DAAD-Präsidentin.[5][6]

Auf harte Kritik stieß Kunsts Vorhaben einer Zwangsfusion der BTU Cottbus und der Hochschule Lausitz. In der Folge forderten unter anderem die Jusos Brandenburg und der Studierendenrat Cottbus den Rücktritt von ihrem Amt als Wissenschaftsministerin.[7][8]

In der Neuauflage der rot-roten Koalition ab 5. November 2014 als Kabinett Woidke II behielt Kunst ihren Ministerposten. Im Dezember 2014 trat sie der SPD bei.[9]

Präsidentin der HU Berlin (ab 2015)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Dezember 2015 wurde Kunst als einzige Kandidatin vom Kuratorium der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) für das Amt der Universitätspräsidentin vorgeschlagen[10] und am 19. Januar 2016 vom Konzil der HU mit 49 Ja- gegen 6 Nein-Stimmen (bei 2 ungültigen) gewählt.[11] Unter Kunsts Leitung entließ das HU-Präsidium Anfang 2017 den Stadtsoziologen Andrej Holm wegen arglistiger Täuschung über seine frühere Tätigkeit für die DDR-Staatssicherheit. Aus Protest gegen Holms Entlassung besetzten Studenten das Institut für Sozialwissenschaften.[12] Nachdem Holm die Falschangabe eingeräumt und bedauert hatte, nahm Kunst die Kündigung zurück und sprach stattdessen nur eine Abmahnung aus. Dies kritisierten wiederum Politiker der CDU und AfD sowie der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe.[13]

Im Streit um den Geschichtsprofessor Jörg Baberowski erklärte das Präsidium unter Kunst, dass seine „wissenschaftlichen Äußerungen (…) nicht rechtsradikal“ seien. Damit widersprach es Studentenvertretern, die Baberowski ebendies vorwarfen.[14] Im Juli 2018 klagte das Präsidium gegen die eigene Studierendenvertretung der Humboldt-Universität auf Veröffentlichung der Namen von Mitgliedern des Referent_innenrats (AStA der HU). Die Studentenvertreter befürchteten im Fall der Veröffentlichung Anfeindungen der AfD und rechten Gruppen.[15]

Wegen des Vorgehens der Unileitung gegen die Proteste gegen die Entlassung Holms 2017, der Klage gegen den Referent_innenRat auf Veröffentlichung der Namen der Referent_innen, der Missachtung eines studentischen Statusgruppenvetos im Akademischen Senat, der Aufhebung der quotierten Redeliste, der Rückgängigmachung der Wahlordnung und der rechtswidrigen Eingruppierung von studentischen Beschäftigten forderte das Studierendenparlament 2019 mit einer großen Mehrheit von 29 Ja-Stimmen gegen 3 Nein-Stimmen bei zwei Enthaltungen den Rücktritt von Sabine Kunst.[16] Der Referent_innenRat schloss sich der Rücktrittsforderung an.[17] Nachdem Kunst der Rücktrittsforderung nicht nachkam, beantragten die studentischen Mitglieder des Akademischen Senates ihre Abwahl.[18]

Der Referent_innenrat sprach sich gegen eine Wiederwahl Kunsts als HU-Präsidentin aus und forderte eine Gegenkandidatur.[19] Das Konzil der Universität wählte sie jedoch im November 2020 mit 30 Ja-Stimmen bei 18 Nein-Stimmen und 5 ungültigen Stimmen für eine zweite Amtszeit, die im Mai 2021 beginnt.[20]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kunst ist verheiratet, wohnt seit 2007 in Werder (Havel) und hat drei erwachsene Kinder.[1] Kunst hat sechs Geschwister.[21] Kirsten Fehrs, die Bischöfin der Nordkirche im Sprengel Hamburg und Lübeck, ist ihre Schwester.[22]

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Biologie der Abwasserreinigung (mit Klaus Mudrack) Spektrum Akad. Verlag, Heidelberg 2009, 5., vollst. überarb. und erw. Auflage (Erstauflage 1985)
  • Abwasserreinigung in verstädterten Orten Shaker, Aachen 2004
  • Sustainable water and soil management Springer, Berlin 2002
  • Betriebsprobleme auf Kläranlagen durch Blähschlamm, Schwimmschlamm, Schaum Springer, Berlin 2000

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Sabine Kunst – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Universität Potsdam: Die Präsidentin Prof. Dr.-Ing. habil. Dr. phil. Sabine Kunst Amtszeit: 01.01.2007 – 31.12.2012 (Memento vom 13. Februar 2010 im Internet Archive)
  2. uni-hannover.de (Memento vom 13. April 2010 im Internet Archive)
  3. Protokoll der 3. Sitzung des 16. Studierendenparlaments, 16. Juni 2008. (PDF) Humboldt-Universität zu Berlin: Studierendenparlament, 16. Juni 2008, S. 3–5, abgerufen am 9. März 2021.
  4. a b Potsdams Präsidentin leitet DAAD. In: Der Tagesspiegel. 30. Juni 2010 (tagesspiegel.de), abgerufen am 30. Juni 2010.
  5. Präsidentin der Uni Potsdam übernimmt Wissenschaftsministerium.
  6. Platzeck ernennt Martina Münch und Sabine Kunst zu Ministerinnen. Pressemitteilung vom 23. Februar 2011.
  7. Jan Kixmüller: „Kunst muss Vertrauen wiederherstellen“. Interview mit Maja Wallstein. In: Potsdamer Neueste Nachrichten. 31. August 2012, abgerufen am 9. März 2021.
  8. CDU: Ministerin hat beim BTU-Chaos versagt. In: Märkische Allgemeine. 1. April 2014, abgerufen am 9. März 2021.
  9. Ministerin Kunst gehört jetzt zu SPD-Unterbezirk. In: Märkische Oderzeitung. 15. Dezember 2014 (moz.de).
  10. Anja Kühne: Sabine Kunst empfiehlt sich der Humboldt-Uni. In: Der Tagesspiegel. 12. Januar 2016 (tagesspiegel.de).
  11. Sabine Kunst wird neue HU-Präsidentin. In: Der Tagesspiegel. 19. Januar 2016 (tagesspiegel.de)
  12. Philip Kuhn: Streit um Kündigung – HU-Präsidentin attackiert Studenten im Fall Holm. In: Welt, 17. Februar 2017.
  13. Tilmann Warnecke, Amory Burchard: Ex-Staatssekretär mit Stasi-Vergangenheit − HU zieht Kündigung von Andrej Holm zurück. In: Der Tagesspiegel, 12. Februar 2017.
  14. Andreas Fischer-Lescano: Die Selbstinszenierung eines Rechten. In: Frankfurter Rundschau. 11. Juni 2017 (fr.de).
  15. Sophie Schmalz: Hu! AfD!. In: Die Tageszeitung. 31. Juli 2018 (taz.de).
  16. 7. Sitzung des 26. Studierendenparlamentes am 16.01.2019. (PDF) Humboldt-Universität zu Berlin: Studierendenparlament, 16. Januar 2019, S. 11–14, abgerufen am 9. März 2021. Wortlaut des Beschlusses. (PDF) Abgerufen am 9. März 2021.
  17. RefRat fordert Rücktritt von Präsidentin Kunst und Vizepräsident Kronthaler. Humboldt-Universität zu Berlin: Referent_innenRat (gesetzlich AStA), 25. Januar 2019, abgerufen am 9. März 2021.
  18. Pressemitteilung: Offener Brief gegen die Ausschreibung für das Amt der HU-Präsidentin. Humboldt-Universität zu Berlin: Referent_innenRat (gesetzlich AStA), 5. März 2020, abgerufen am 9. März 2021. Wortlaut des Antrages. (PDF) Abgerufen am 9. März 2021.
  19. Tilmann Warnecke: HU-Studierende fordern Alternative zu Präsidentin Kunst. In: Der Tagesspiegel. 6. März 2020 (tagesspiegel.de).
  20. Sabine Kunst im Amt als Präsidentin der Humboldt-Universität bestätigt. Humboldt-Universität zu Berlin, 17. November 2020.
  21. Berliner Staatssekretär mit Stasi-Vergangenheit: Das Dilemma der HU-Präsidentin im Fall Holm. In: Der Tagesspiegel. 12. Januar 2017 (tagesspiegel.de).
  22. Kulturministerin Ministerin Kunst im Gespräch mit ihrer Schwester Bischöfin Fehrs. In: BlickPunkt Brandenburg. BlickPunkt Verlag, abgerufen am 6. April 2016.
  23. Prof. Dr. Sabine Kunst von der Universität Potsdam ist „Hochschulmanagerin des Jahres 2010“. In: Informationsdienst Wissenschaft. 17. November 2010, (idw-online.de) abgerufen am 22. November 2010.
  24. Kathrin Anna Kirstein: Sabine Kunst erhält Special Award — Presseportal. Humbold-Universität, 2. Dezember 2020, abgerufen am 18. Januar 2021.